Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 88 (10.12.1893)
- Date
- 1893-12-10
- Page
- [Seite] (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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SfSeite. 10. Freies Blatt. Nr. 88. Leute anwesend, die jener großen Elaffe angehörten, die sich durch eine jugendliche Bewunderung für alles 'Reue, wenn es auch das schon Bersuchke und Bcrworfene ist, und durch ein regeS Berlangcn nach Wechsel aus',eichneu. Die «xieier übertrafeu sich selbst. Bor dem gefüllte» Hause spielten ' sie viel besser als unlängst, wo bloß eine Daine ihnen zuhörte. Sic spielten — und das ist die Hauptsache — als ob sie wirklich an ihre Rollen glaubten: sie umschwebten die Favoritin, als ob sie dieselbe liebten: sie weinten, als dieselbe in Ungnade gerieth..Sang und Tan; wilden wiederholt. Alle Mädchen — der schwarze Kämmerer war der einzige Mann — boten vereint eine Gruppe von benierkenswcrther Schönheit. Endlich war auch das Stück mit großer Sorgfalt und ohne Rücksicht auf Kosten auSgeslattet. Tie Kleider waren reizend, die Scencric yiar gut gemalt, die Theatcrrequisiten waren sehr paffend. Man rief nach der Königin. Ter Borhang wurde hinaufgezogen und ließ die Königin mit ihren' Tieucrinnen sehen. Man rief nach der Dichterin. Aber sie erschien nicht. Madame Elveda erhob sich von ihrem Stuhle. „DaS Stück in zu Ende," sagte-sie, „die Mädchen sind gegangen, sich umzukleiden. Wir sind nun wieder in Eromwell Road. Ich hoffe, es war ein angenchnics Stück." Sic legte ihr Pinccnez an und sah im Zimmer herum. Ja, cS war ein schönes Stück. Jedermanns Gesicht spiegelte das Interesse wider. Aller Mienen zeigten Erstaunen und ein wenig Erregtheit. Sic waren Alle enttäuscht, denn sie - waren in der Erwartung hiehergekommen, etwas Schwaches, Albernes — ein Aniatcurspiel zu sehen, und sie hatten etwas Starkes gesunden. Madame Elveda war befriedigt; Ricniand gähnte, Ricmand seufzte erleichtert auf nach dem Schluffe. Sic senkte ihr GlaS und bereitete sich vor, über die Sache zu sprechen. „Es war wundervoll," so leitete ein wohlbekannter Thcaterkritikcr die Beglückwünschungen ein, „geradezu wundervoll. Es war eine Predigt, wie man sie in dem Hause einer solchen Führerin, wie Sic Madame Elveda, sind, wohl erwarten konnte. ■ Kein anderes Haus in London hätte ein solches Stück aufführen können. Und Ihre Tochter — wundervoll! Ihre Gesten — ihre Stimme — Alles wohl geübt." „Mädchen sind immer wundervoll," erwiderte die Mutter, „so lange sie Amateure bleiben. Gehen sie aber professionsmäßig zur Bühne, dann fangen wir'an, Fehler zu sindcn. Meine Tochter hat ja spielen gelernt; sic hat auch schon viel gespielt, denn ich war immer der Meinung, daß Dhcaterspielen Mädchen, welche natürliche Anlage dazu haben, ebenso gelehrt werden sollte, wie Musik oder Malerei oder Sprachen." „Auf jeden Fall können sich die Lehrer über die Schülerin nicht beklagen." Madame Elveda lächelte. Sie war zur stattlichen Hausfrau geworden, immer aber noch schön trotz ihrer vierzig Sommer, von breiteren Dimensionen, als da sie von ihrcnk Manne sich lossagte, eine Frau mit würdevollem Benehme», welche kalt sein konnte, aber liebenswürdig auch. Sie war fast ebenso gekleidet als bei jener Gelegenheit, wo sic ihr Mann verließ,- in elegantem, hochrochem Samnit, reich mit Gold beladen, war sie ja doch eine Orientalin! Mauren und Araber, Syrer, Egypker, Algerier, Levantiner, Türken, lieben sie nicht alle -^goldenen ZieVat? „Aber die Atmosphäre," fuhr der Kritiker fort, „wie wurde das ausgedacht? Zwischen den Soffitcn hervor kam der ganze Wohlgeruch des Orients — der Trift der umwallten und umfriedeten Gärten des Königs,, die Parfüms deS Harem." „Tiefe Atmosphäre war schon zum Thcilc im Zimmer, bevor das Spiel begann," sagte ein anderer Herr. „Bon diesem Zimmer ist nur . ein Schritt bis zum umfriedeten Garten. deS Königs — wir wurden vorbereitet auf den Palast von "Susa, indem wir hier in einem Eonstantinopel empfangen wurden." TaS Zimmer sah wirklich so orientalisch aus in seiner Einrichtung, als man in einem Londoner Hause nur erwarten kann. Ein breiter Divan lies an zwei Wänden hin, im Hintergründe war eine kleine vergitterte Gallcric, die an Cairo erinnerte; färbige Lampen hingen von der Decke herab, gläserne Gefäße vonseltener Farbe und Form standen herum, Kiffen lagen verstreut auf den Divans, kleine Tischchen für Kaffee waren da, rauhe Teppiche von seltsamen Farben waren auf dem glänzenden Fußboden auegebreitet, Guitarren und Mandolinen lagen umher, Tapeten hingen an Stelle-von Bildern an der Wand mit Wappen, Schwertern und Säbel und Degen, nicht einmal ein Pianoforte stand im Zimmer. Es war ein Zimmer voll Farben — ein Zimmer der Alhambra. „Ja," sagte Madame Elveda. Wir erinnern uuS gern, daß wir Orientalinnen sind. Franziska war eine gute Baschti, weil sie selbst von den Mughrebbin — den West-Arabern, Abkömmlingen des JSmael — stammt „Oder von seinem Halbbruder," murmelte einer. Dann mischten - sich Andere in das Gespräch, die Reden schwirrten durcheinander. Der Tbeatcrkritiker hatte den Ton angegeben — enthusiastische Bewunderung. Die im Alter vorgerückteren Damen zeigtest ihre Beistinimung für das Stück durch wenige Worte, aber das waren gewaltige Worte. Wer behauptete einmal, daß Frauen kein Drama schreiben könnten? Dieses Stückvielleicht dyS beste, welches dieses Jahrhundert hervorgebracht hatte, wäre wirklich zu gut für die Loirdoncr Bühne. Man könnte sich keine passendere Schauspielergesellschaft denken, um es darzustcllen, natürlich auch kein paffenderes Publicum, um es anzuhören. Eine kräftige Sprache in der That. Die Bemerkungen der Männer waren vielleicht weniger enthusiastisch, denn sie schienen, während sic sehr warm von der Darstellung sprachen, die Moral des Stückes ohne Enthusiasmus aufzunehmen. Sie lobten die Costümc und die Schauspielerinnen. Ueber die Toctrin sagten sie nichts, obwohl die Unterwerfung des Geschlechtes kein neuer Gegenstand der Erörterung ist. In wenigen Minuten erschienen die Darstellerinnen, die Augen glänzend, die Wangen glühend über die Aufnahme des Stückes. Kein Erfolg in der Welt ist köstlicher, so versichert man, als der Bühnenerfolg. Franziska hatte die königlichen Gewänder mit einem weißen Kleide vertauscht. Ihr reiches, braunes Haar war wieder hinauf-, . gesteckt, wie sie cs zuvor als Königin getragen hatte, hoch aufgethürmt und festgehalten durch Bänder mit sehr kleinen Goldmünzen. Wie alle ihre Schwestern lies Tages war si« von großer Gestalt, aber nicht schlank, sie besaß vielmehr eine voll und schön geformte Figur. Ihre Stirn war niedrig; das Haar siel ihr fast bis zu den Brauen herein, sie sah außer der Bühne schöner als auf derselben auS: blaue Augen voll Glanz, voll Phantasie, die Gcsichtszügc scharf, klar geschnitten und zart, volle Wangen und eine kurze Oberlippe mit ernstem Munde, ein volles, abgerundetes Kinn, Muth und Entschlossenheit andeutend. Sic trug ihr Kleid hoch, gleich ihrer Mutter veranschaulichte sie ihre orientalische Abstammung durch den Goldreichthum, der sic schmückte; goldene, mit Diamanten besetzte Ohrringe, ein goldenes Halsband mit einer cdelsteinbesetzten Camee, goldene Armbänder um die Arme oberhalb der Ellenbogen, eine» Gürtel von mattem Golde um die Taille geschlungen.. „Sic sicht »och immer aus wie eine Königin," flüsterte ein älterer Herr seinem 'Rachbar zu, „mehr als je einer Königin gleich, einer Königin des Ostens. Ihr Raine ist nicht Baschti, die Affyrcrin, wohl aber Dido, die Phönikerin. Ich verstand das- Gesicht der Dido nicht bis zum heutigen Tage. Wie diese muß jene damals ausgesehen haben, so belebt, mit solchen funkelnden Augen, während Acneas seine Geschichte erzählte." Jedermann drängte sich mit Glückwünschen und Lobspruckien herzu. Franziska euipfiiig dieselben aniniithig, aber mit jener ruhigen Hoheit — man kann nicht die-Königin in einem Augenblick anziehen oder ablcgen — die ihr selbst in dieser modernen Tracht nicht übel anstand. Unter Jenen, welche sich um sie scharten, war ein junger Mann, welcher sich von den jungen' Männern seiner Zeit — sie sind alle ■ einander schrecklich gleich — bedeutend durch einen helleren Blick und ein beseelteres Benehme» unterschied. Er lachte munter als er sprach, munter natürlich und geistreich, und seine Stimme war angenehm. „Darf meine bescheidene Stimme den großen Chor verstärken?" fragte er. „Es ifL'ein Chor der Dankbarkeit und Uebcrraschuug." ' „Ich ziehe letzteres vor," sagst Franziska. „Dankbarkeit ist zu rasch vorbei, und dann flüstert das Gewissen uns zu, daß sic verweilen sollte. 'Run, Uebcrraschuug verweilt manchcsmal wenigstens als . Erinnerung." „Die verweilende Erinnerung an Baschti, die Königin, bedeutet Dankbarkeit. Ich habe nie früher einen Harem gesehen, selbst nicht in Honstantinopel, Es war höchst intereffant. Aber vielleicht habp ich kaum ganz den Geist des Stückes erfaßt, wenn man kritisiren darf —" „Bitte, kritisiren Sie nur," erwiderte Franziska, bei welcher plötzlich etwas von der Kälte des Autors sich regte. „Sagen Sie, daß es schrecklich war — roh — Alles, was abscheulich ist." „In der That werde ich nichts dergleichen sagen. Aber, Franziska, als ob Sie etwas Abscheuliches schreiben könnten! Als ob ich sagen könnte, daß irgend etwas, das Sie schrieben, roh gewesen sei!" „SchmeMeln Sie nicht, Harold." „Ich wollte nur bemerken, daß nach meiner unmaßgeblichen Meinung Baschti hätte weitere Entwicklungen abwartcn sollen. In der Erzählung, welcher Sie folgten, läuft sie nicht weg." „Sic wird nicht weiter angeführt, sic verschwindet. Biclleicht lebte sie in einem Winkel des Harems weiter, in Ungnade und vergeffen; vielleicht wurde sie ermordet; vielleicht lief sie davon. Ich zog vor, sie davonlaufcn zu laffen." „Dramatisch hatten Sie Recht. Im Ernste, Franziska, Sie