Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 88 (10.12.1893)
- Date
- 1893-12-10
- Page
- [Seite] (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 88. Freies haben Ihre Kraft noch nie so stark gezeigt; cs gibt wirklich wenig junge Mädchen, die ein solches Stück schreiben könnten, und noch weniger, die ,auch die Hauptrolle darin spielen könnten. Ich ' beglückwünsche Sie," ,• „Es war mir Ernst, das war der Grund." „Ja, ja." Er lachte. „Ich bemerkte gewisse Einflüsse zwischen den Zeilen. Aber doch können Sie Ihre Unabhängigkeit bewahren, wenn Sic wollen, Franziska," er dämpfte die Stimme, „und Sie können: überdies haben —" „Was, Harold?" Sie hob ihre Augen streng und bedeutungsvoll. „Wenn Sie es nehmen wollen," flüsterte er, „das, wofür andere Mädchen oft selbst ihre Unabhängigkeit opfern würden." Sie wandte sich jählings um und trat zu einer anderen Gruppe. '/ „DaS kleine Stück ist wirklich hübsch, meinen Sic nicht, für ein Mädchen von zwanzig Jahren?" Diese Frage stellte ein älterer Herr. „Es waren ein paar Züge darin, die mir als originell aussiclcn, jedoch etwas keck." Diese Art Kritik stempelt immer den Dummen. „Ans den ersten Blick," erwiderte die angesprochene Person, eine nicht niehr junge und in der Welt wegen ihrer Anstrengungen für die Sache der Frauen sehr bekannte Dame, „mag cS den Eindruck der Originalität mache». Aber wenn wir die Mutter in Betracht ziehen, und wenn wir denken, wie das Mädchen erzogen wurde, dann verstehen wir, daß sie i» dieses Stück nichts mehr hincingelegt hat als ihre angelernten Ideen." „Shakespeare konnte auch nichts Anderes thun," sagte der Dumme, welcher das mehr als einmal sage» gehört hatte. „Ich denke," erwiderte die Dame sarkastisch, „daß noch ein Unterschied ist zwischen Shakespeare n»d Franziska Elveda. Was erzählt sic uns? WaS sie täglich von ihrer Mutter gehört hat. Das sociale System jedes Zeitalters ist eingerichtet für die Unterwerfung der Frau. Die Literatur ist voll davon, die Poesie ist voll dnyon, die Geschichte ist voll davon. Der Frau wird keine andere Bedeutung gegeben als die, welche sich an ihre Schönheit knüpft. - I» keiner Kirche und in keinem Glauben darf sie Priester oder Prediger werden; wo sic einen Platz cinfriedcn und heilig > nennen, darf sic nicht cintretcn, die höhere Erziehung wär ihr bisher verwehrt; persönliche Freiheit ist ihr versagt: sie wird unter Schloß und Riegel gehalten — alle diese Punkte sind für Franziska hausbackene Dinge. Es ist für sic sehr leicht, solche Dinge in ein Stück zu bringen. Außerdem wissen wir nicht, wie viel ihr dabei ihre Mutter geholfen hat oder jener Mr. Harold AUeyne, welchen sie so ermuthigcn, anzuklopfcn. Ich halte das nicht für schön bei einem jungen Manne. Er bekommt vielleicht die Pairswürde, wissen Sie, und das ist der Grund. Mutter und Tochter sind vcr muthlich einig, daß ihnen eine Krone sehr gut pasicn würde." „Hm! Ich höre, sie nennen sich Mauren. Aber sicherlich —" ,^Sie komme» von Gott weiß woher, und der Papa war Gott weiß wer. Sie sind Jude» — schauen Sic nur die Mutter an — da sehen Sie's so klar als auf irgend eine»»-Gesichte geschrieben stehe» kann. Bst!" Sie sah auf, als ihre Wirthin sich näherte. „Liebe Madanie Elveda, das war eine große Uebcrraschnng und ein großer Genuß. Sie sind in der That zu beglückwünschen. Franziska spielte ihre Rolle, als ob sie daran glaubte." „Sic glaubte es auch, Lady Risinge. Mein Kind ist für die Sache von Kindheit ans geweiht — erzogen worden. Ich hätte selbst etwas für die Gleichstellung der Frauen grtha», wenn nicht die Bcrantwortlichkeit für ihre Erziehung gewesen wäre. Franziska wird hoffentlich mein Werk ergänzen." „Sie können nie mehr thun, als Sie schon gethan haben. Ihr großes Werk —" „Mein Buch spricht nur zu Genen, welche cs lesen. Franziska wird hoffentlich in anziehenderer Weise reden — ich spreche zu Hunderten, sie muß zu Tausende» sprechen. Das gedruckte Buch spielt seine Rolle, aber cs kommt eine Zeit, wo die Stimme gehört werden muß; Franziska wird hoffentlich die Hohepricstcrin unserer Sache werden." Sie ging weiter. „Hohepriesterin!" echote die Dame. „Diese Rull von einem Frauen zimmer!" „Gut," sagte der Dumme, „das Stück war gewandt, und cs war originell. Vielleicht hier und da etwas keck, etwas keck." „Aber es wurde dein Mädchen ja Alles cingctroinmelt." - . .„Was thut das? Es scheint ihr doch-Ernst mit den Franc» zu sein, nicht? Etwas keck, zwar etwas keck. Aber Baschti war eine Königin." Damit war dieses kurze Gespräch zu Ende. Alle Leute, die anwesend waren, nahmen zu Zweien oder Dreien Blatt. ' Seite 11. oder in kleinen Gruppen ' das Thema van der Sclavcrci in der Liebe auf. Die jüngeren Männer, zumeist noch unbekannt mit Wciberherzcn und Wciberhaß, machten die ersten praktischen Versuche an diesem Abend und nicht ohne Erfolge. Die reiferen Mädchen sprachen in allgemeinen Ausdrücke», stellten - abstracte Behauptungen auf und erblickten die Zeit für vollkommene Gleichheit in Liebe und in Verstand für gekommen; mehr als Gleichheit verlangten sic vorläufig nicht. Die noch weniger vorgeschrittenen Mädchen horchten nachdenklich und. flüsterten und murmelten einander zu oder schaute» einander bedeutungsvoll an. Geflüster und Blicke bedeuteten das Gleiche: „Ach Gott, nein. Im wirklichen Leben wird daS nicht wirken." Die älteren, verheirateten Frauen konnten auch nicht für einen Augenblick zugcben, daß Liebe Sclaver-ei sei. Im Gcgcntheil, sic hielten selbst gegen den Herr» Pantoffelhelden und Herr» Tyrannen, welche Beide anwesend waren, den Satz aufrecht, daß die Ehe ans vollkommener Gleichheit beruhe. Die ältere» Herren standen meist im äußeren Kreise oder an den Eingängen, lieber die Zeit reiner Spcculation waren sie schon hinauS, für die Wirklichkeit hätten sie sich schon als Berthcidigcr aufgeworfen. Sie lachten daher bloß. „Die Mädchen lieben das," sagten sic und lachten wieder. Ein Philosoph hätte nach Anhörung alle- Gesprochenen und Geflüsterte» sein Urthcil zusamiiicngcfaßt in die Bemerkung : daß junge Männer zu viel von der Liebe erwarten» daß Mädchen zu viel von der Liebe fürchten, daß die Aeltcren meistens über die Liebe enttäuscht sind, wie dies bei alle» menschlichen Dingen der Fall sein soll. „Harold," rief Franziska; alle Leute waren schon im Fortgehen und sic hatte eben eine günstige Gelegenheit gefunden. „Ich möchte mit Ihnen sprechen —- im Ernste." „Wenn Sie wollen, Franziska. Je ernster, desto besser." „ES betrifft nichts Geringeres als unsere zukünftigen Beziehungen." „DaS dachte ich mir." „Es wird von Ihnen abhängc», ob wir ans die alte Weise noch weiter pcrkhren können. Freunde findet man nicht jede» Tag. Harold - - wir sind so lange Freunde gewesen —" „Wenn es nur von mir abhüngt —" „Also, Sic wolle» komme» — sagen wir, morgen Früh? Wir können ernst! miteinander sprechen." Sic sprach, als ob cS ein kalter,- geistiger Gcitnß wäre, mit ihr allein zu sein. „Ich werde komme», und wir werde» darüber spreche». Gute Nacht, Empörerin!" - (storlseduiig folfl,., §iter a tu r. Lichtstrahlen aus de» Reden Tr. Adolf Jclliuck s. Mesammelt und geoiknel vo» Tr. Adolf jtnrrei». Mil Tr. Jellinck's .Porträt und Facsimile. Wie» 1S9I. Verlag von Bermonn s Allmann. Eleg gcb. fl. I SO. Es ist jedenfalls ein dankeusweribes llnterNehnicn, aus den »Nr für eine» engen »reis bestiminle» und nur einem solche» .»reis zugänglichen Xauzelrcdc» eines anerkannte» Predigers alle Stellen von allgemeinem Wertste lind mehr als gelegentlicher Bedenlnug zu sammeln, ui» so das Wort und damit den Meist de« Redners auch weiteren Ureiie» zugänglich zu machen. Ter humane Sinn .und die hohe Denkungsart des Wiener Predigers ü»d zu bekannt, »« dem vorliegenden Buche »ach dieser Richtung erst eine besondere Empsehljtug zu er theilen- Der Raine Jellinek ist an und für sich ein trefflicher Geleitbriek, und wir könne» nur hinzusügcn, daß wir dem Buche mit seiner allgemeiiien menschliche» Tendenz nur recht viele nichtjüdische Leser wünschen. Bei dcr Rcdactio» neu ciligclaiistiit Bücher: — Maurus Hoffman»: Lkilsadk» der Acslhklll für den Schul- und Selbstunterricht. Ihrer Hocl)geboren Fra» Baronin Bertha p-.Sntlner, geb. . lsträfin Ainsk» in achtungsvoller Verehrung gewidmet. Wien lS'.'s- Verlag vo» Bermann & Altinann. Preis geb. ö. W fl. 1. Johannes Rordmackn: («edichte. 2. Ausgabe, mit biographischer Sin lcitung von Ei», st!auzoni. stiebst Rordmann'S Porträt. Wien 1Verlag vo» Bermann & Allmann. Preis eleg. geb. ö. W. fl. 1-60. Briefkasten. A. L-, Leopoldsladt: Tie i» der Leopoldstadt verrheilten „Fahrkarten" nach Jerusalem, welche die Bemerkung enthalleu: „Hin, aber nicht zurück" — sind nicht eine siundgebung zionistischer Schwärmerei, sondern der Ausdruck antisemitischen „Humors". e B. R., Graz: Die gefährliche Sendung w>» Orleans »ach Berlin läßt sich de»» doch nicht den Antisemiten zur Last legen. DaS nnorlhographifche Begleitschreiben ist freilich ein gegen sic sprechendes Verdachtsmoment, aber auf Ärn,,d desselben läßt sich noch keine Beschuldigung erheben. l