Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 88 (10.12.1893)
- Date
- 1893-12-10
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 88. Freies daß sie immer kurz -or den großen' Feiertage», wo da» Pnblicuin hauptsächlich seine Einkäuft macht, in Scene gesetzt werden; ob mit dein gewünschten Erfolge, da« bleibt wohl in Frage gestellt, den» Einer, der irgend etwa« benöthigt, geht meistens dorthin, wo er desten sicher zu sei» glaubt, daß'er gut und reell bedient werde. Ter Kauflustige, selbst wenn er auch ein ausgesprochener Fanaiikir ist, wird stets seine Geldbörse zu Rathe ziehen und selbstverständlich, wen» seine Mittel gering sind, die billigsten EinkansSqnellen aussnchcn, nnbclümmert darinn, ob der Besitzer eines solchen Geschäftes ein Christ oder Jude ist. Ich selbst kenne eine» Ultra Antisemiten, der seine Kleidereinkäusc stetS bei einer großen jüdischen Firma in der Stadt macht, und, wenn man ihn darüber zur Rede stellt, die Antwort gibt: „Ich krieg', was i brauch', »in a paar Gulden billiger und ebenso gut, wie wo ander-!" Aber Uber die Juden schimpft er doch! Ta« die antisemitischen Blätter lesende Publicni», läßt, davon bin ich scst überzeugt, die Aussorderung „Kauft nur bei Christen!" fast gänzlich unbeachtet, und wenn so ein antiseinitischer GeschäslSman» wirklich aus de» Leim geht und einem der „einzig christlichen" Journale in der Hossnung, ei» große« Geschäft zu »iM/e», sein Inserat gibt, so muß er bald daraus konimcn, daß er sich gewaltig, getäuscht hat, denn statt Nutzen wild er nur Schade» habe», denn auch die Juden mache» ihre Einkäuse zu allen Festtage», und der Jiide wird sich wohl überlegen, ein dcrarligeS Geschäft zu betreten, dessen Eigenihümer ei» ausgesprochener Antisemit ist. Kehren wir »un den Spieß um, und frage» wir, wa« würde geschehe», wenn e« plötzlich heiße» würde: „Inden, kaust nur bei' Juden!" Wenn diesem Mahnrufe Folge geleistet wird, ivelch enormen Schaden möchte» die Kunsttischler, Confeclionäre, Schneider, Schuster, Modewaaren händler rc. erleiden, denn e« ist ja bekannt, daß der reiche Jude den Lnrus liebt. Welch enorme Suinme» verwende» jüdische Millionäre aus Prachlbanten! Ich verweise nur auf de» verstorbenen Baron Kolksch, dessen Billa am Kahlen berg Millionen gekostet hat, die durchweg« christlichen Gcschäs:Sleutc» zugute gekonime» sind. Ter Schlaffer, der die Eisenconstruclionen erzeugt hat, ist durch diese Arbeit allein zum reichen Mann geworden. Ich könnte eine Menge ähnlicher Beispiele ansühre», doch da« eine genügt. . . . Tie WeihnachtSseierlage sind vor der Thüre, alle Welt, ohne Unterschied der Confessio», »sacht E.inläuse.' Ter sreisinnige» Presse-wird es nicht bcisalle», ihre Leser ausznfoldern, nur in jene» Geschäften die Bedürsniffe zu decke», die bei ihr Inserate oder Anempfehlungen ansgcgeben habe». E« wäre dies, zum mindesten gesagt, eine journalistische Unanständigkeit. Wa« aber bei der liberalen Presse unanständig wäre, ist bei dem „Tentschen Bolksblalt" — Parleiintereffc! - (Für die «llterstc« Schichtcn.s Dienstag Früh begrüßte das Pergani'jche Blatt die Lossagung der Jude» i» Böhmen vom Tcntschthum NachmiliagS aber reproducirtc dasselbe Blatt aus einem Prager Aulisemitenblätichen folgende Daten: Beinahe die Hälfte der Hörer an der deutsche» Hochschule z» Prag sind Jude»; ja uuter den ILO Mediciner» gab eS etwa!>0 Juden. Während an den tschechischen Ghmnasie» in diesem Jahre unter 8717 Schülern nur 300 Juden waren, gab e« an de» deulschen Ghinnasien 531 Tschechen (11-1 Perccm), 1241 Juden (26 7 Percent) und nur 2872 Deutsche (610 Perecutj. Ati den . Realschulen waren 1513 Deutsche (509 Percent), 471 Tscheche» (18 7 Percents und 543 Jude» (21-4 Pcrce»t)i An den acht deutsche» Mittelschulen Prags waren von den 2510. Schülern nur 068 Tentsche (37 8 Percent'», 1028 Inden (41-4 Percent) und 401 Tschechen (20 Percent). — Nach diesen Taten z» schließen, ist wohl die Lossagung der Juden i» Böhmen von» Tenlichlhum nicht so vollständig, als man nach der vorher erwähnten „Begrüßung" vermntheu mußte. Dr. Lueger hatte Recht, als er int Vereine „Christliche Presse" sagte, daß seine Partei „zumeist nur auf die unterste» Schichten de« Volkeangewiesen" sei. Tie Mache de« Vergani'sche» Drgans ist auch nur auf die llrtheilslosigkeit dieser Schichten berechnet, denen man an cinem Tage erzähle» kan», daß die böhmischen Juden jetzt nicht» mehr vom Deiuschthui» wissen wollen, sich auf die Tschechen Hinausspiele», und daß sie — einen hohen Percenlsatz der Besucher deutscher Lehranstalten bilden. (Simadcr hat Angst.) Wir haben Herrn Johann Simadcr, de» Tcmokraten a. D. in Steyr, aufmerksam geinacht, daß die Art, wie er in seinem Blättchen von den Juden spricht, gegen das Gesetz verstößt. Herr Simader -'rechtfertigt nun sein Verhalte», aber fragt nur nicht: >vie? Bor Allem nimmt er wider sein befferes Wissen eine kleine Enlstelluiig vor und lhut so, als ob er Inden zu widerlege» hätte, obwohl wir ihn erst vor Kurzem (sieh' „Jndenfcage" vom 15. November) auf Grund de« PreßgesetzeS zur Aufnahme der Bc- .richtigung gezwungen haben, daß der Herausgeber und der verantwortliche Redacteur de« „Freien Blattes" iveder der Abstaminuug noch der Consession nach al«.„jüdisch" hingestellt werde».können. Herr Simadcr hat vielleicht wirklich vergeffen, daß er einst den „braven Fischhos" verehrt har, aber so gedächtnißschwach ist er sicherlich nicht, »»» sich nicht mehr a» unsere Berichtigung zu erinnern. Nach dieser Verdrehung, deren Sinn wir nicht zu ersoffen^ vermögen, appellir't er an die Behörden und meint, diese wisse» recht gut, daß er nie die .Juden als RcligionSgenoffenschast angegriffen.hätte. Schmähung, Herr Simader, ist Schniähung, gleichviel ob da« Motiv derselbe» conscssionelle Engherzigkeit, nationale Bornirtheit, kleinlicher GejchästSneid oder selbst ein« gute Absicht ist. Sie haben nicht daS Recht, uusere jüdische» Mitbürger sammt und sonders als f» . Ä . Blatt. , Seite 9. „Schmarotzer" hinznslellcn, Männer, die ihren Pflichten gegen Kaiser »urdReich gewiffenhast Nachkomme», für'„Fremde" zu eikläre». Stehen Sie über dem Gesetze? Wenn Einer, der einen Einbruch begeht, etwa sagen wollte: „Ich bin kein Einbrecher, den» inich deivog dazu nicht Gewininncht!" - so würde viel leicht auch die „Jndensrage" einrännien, daß eine solche Argumentation wider sinnig sei. Schiinpsereieii, das Herniniverfc» Jitit Aue drücken, die zn Haß und Verachtung anfreizcir, wie „Palkifilc»" und „Egnplerlneänc", Lpgen und Verdächtigungen habe» keine» „wisienschasilichen" Charallcr, wenn auch dar In dividnnni, welche« sich solcher Waffe» bedient, sie dem Lchimpslerikon de« blind wülhigcn Tühring oder eines anderen gcmnihSiohe» Biichcrschrcibers entlehnt hat und sich dem Wahne hingibt, sein Blättchen werde künftige» GeschichlSschrcibern den „»leisten Stoff" dielen. Allerdings wird 4i» Historiker auch ai>« der „Jndensrage", welche aus der eincn Seile reaclionäre Gelüste bekämpst, ans der anderen aber beivnßt oder unbewußt »nlerstützt, entnehmen können, welche Begriffsverwirrung die antisemitische Seuche angerichlct hat. Mil seiner „Wissenschaft",könnte sich Herr Simadcr nur insoserne reiinvasche», al« ein ge> schictier Beriheidiger an« derselben den 'Nachweis verminderter JurechnnngSl'ähigkeit abznlcite» imstande wäre. Wenn er jedoch in seiner Angst anSrnst: „So lange die Inden nicht ganz und'voll in dem Lande ausgehen,' in welchem sic leben, und eine, eigene in sich abgeschloffcne Qrganisalion bilden, ist »nscr Kamps sogar noch ein vutriolischer. Wir stellten den Inden immer die AOcrnaiivc, eniwedcivoll nnd ganz im Skaatc auszngehen oder einen eigenen Staat zu gründe» ..." so weicht er stark von der Wahrheit ab. Unsere« Wissens — und »nscr Beruf »öthigt un« leider, auch die „Jndensrage"-gcnan zu lesen hat Herr Simadcr die AssimilationSidec bisher nicht - vertreten. Wir wollen sehen, ob sic sürder an ihm (inen warmen Anwalt rinde» werder Auch Angst erzeugt manchmal Gutes oder verhindert wenigstens Böses, -s-hch > t (Fiii neues aiillseiililischeS Tagblatt i» Krakau.) Ein polnischer Roma», schrislstellcr, Namens Josef Rogosz, läßt, ivie von antisemitischer Seile trinmphircnd verkündigt wird, von« 1. Teccmbcr d. I. an in Krakau ein antiseinitische« Tagblatt, betitelt „Otos dlaroclu" („Volksstimme") erscheinen. An jndenseindlichen Auslassungen haben e» auch die älteren Kcakauer Journale nicht fehlen lassen. Tie Spielart des unverschämten Antisemitismus wa.r aller ' ding» in der polnischen KönigSstadl bisher pnblicislisch nicht vertreten. (Xi* „Jiideilfliulen".) Trotz wicderhollcr Erklärungen der preußische» Kriegsvcrwaltnng sahre» die deutsche» Anlisemilcnblällec fort,- Gerüchte anSzustreiu'», ivclche die S-nalität der Loewe'sche» Gewehre als schlecht hinftelle». Chanvinistiche Blätter in Frankreich »illerlasse» es nicht, von diesen AuSl strenuiige» Notiz z>i »ehnicn, nnd so ml) sich den» der KriegSminislcr wieder z» einer Erklärung int „Reichsanzeiger" bcmüffigt. I» dic-cr heißt eS, daß die Aendcrung i» der B'eivaffnuug, wie der „Reichsanzeiger" dies bereits am 17. November gemeldet Hane, sich auf süinmlliche Gewehre und nicht nur ans die Loeive'sche» bezogen habe. Es sei unwahr, daß die llniersuchiing der letzteren durch eine geheime Cominission slattgeftlndcn habe, weil die llnbranchbarkeii durch eine Mililärcominftsion erkannt wordc» wäre. , Tie Gleichberechtigung in Preußen.) AuSKatkowitz bringt die „Krenzzeilung" folgende Millhcilnng: „Ter hiesige Magistrat hatte .unlängst als Leiter der städlffchen höheren Töchterschule eine» Juden, Namens Fischer, bernscn. Ta« war cinem Thcile der christlichc» Bevölkerung, obwohl man in den oberc'chlesischcn Städten mir de» J>rdc» sehr zart umzugehe» pflegt, denn doch zu viel, und es wurde eine Petition an'die Regierung um Versagung der Bestätigung Fischer'» gerichtet. Diese hat auch den gewünschten Erfolg gehabt." So sieht die Gleichberechtigung der Juden in Preußen' aus; in Frankreich ist der Minister «eS.Inner» ei» Jude, woran »»r Tie um Trnmont, ein ver krachte« Hänslci», Anstoß nchme». fi'nülmui. Die Glnpörerin. elkoman nach dem Englischen des Waller Besaut von Marie M a j e r. r (3. .zorlsevung. IV. Am lrächstcii Abend war dic Borstclluiig. Tic Zuhörer zeigten sich dankbar und nicht überkritisch. T-aS Stück appcllirtc stark au dic Bor »rthcile, (YlatibciiSmcilluiigcii, Ueberzeugiingeii, Toctriucn der Anwescnden, dcnii sic waren alle Anhänger, dcr Eniancipatio», in welcher Form immer diese aligenehiuc Toetrin dargcstcllt werden mochte. .Tie lLmaiicipation hat ihre politische, ihre erziehliche, ihre sociale, chre religiöse -Zcite, jede, mit vielen Schattirungcu, und ich glaube, sic waren alle in diesem Gesellschaftszimmer vertrete». Auch waren viele junge