Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 88 (10.12.1893)
- Date
- 1893-12-10
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 86% known words query
- IRI
…/4886575-5439157-5441475--0974-4887461- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Mil Str (viftnftanst.» Tie „STiriftlubf Familie" mit Männlein mit Weiblein Hane, wie alljährlich vor trin Christfeste, letzte» Sonntag wirdcr einmal bfbiitv Bolicottirung ber jübi'dicn l?ci£bäit*lciitf anläßlich btr Weihnacktseinkäufe eine Reibe von Ver'ammliingen veranstaltet. Eine bitter Vetsamm- Iliiigen sanb in ähring beim „Wilden Mann" stau und stanb unter dem Zeichen des „wilden Manne-.-". Eiiiige Arbeiter, die mit ordiuingsmäßig ansgestatteten Eintrittskarten verfehen waren, .begehrten Einlaß. Tie Anti- >itiiiteiT ichtetieit aber den braven deutelt, vom Gesichte gelesen zu haben, daß sie ihre eigene Mcittuttg haben könnten, und rerwebrlen ihnen den Eintritt. Als ' sieleniin die Arbeiter den Eintritt erzwingen wollten, eilte ein SuccurS handfester Ordner herbei, von denen einer mit einer Eifenftange grimmig um sich fuchtelte und losdieb. Tie daraus eiustebeude regelrechte «eilerci zwang die Polizei einznfckreiicn und einige Verhaftungen vorzunkhmen. Nun erst konnte drin Alois Liechtenstein sich vor der „Christlichen Familie" l-örelt lassen. „Tie Nächstenliebe." >agte der Redner, „sei Pflicht eines jeben Christen", und daran» leitete er selt'aincrweise die Anfsorderung ad, nur bei Glaubensgeno»,n nnb leinen Andersdenkenden zu laufen. Zu leger sprach sobaun von G,-icl ä'tslnific» der jüdistlien Fabrikanten, die junge kräftige Personen >o aus« nützen. daß ne ihre Gesundheit einbüßcii. Bei diei'em AuSsprucke rief ein lunger Manu: „Ta» geschieht hei Christen auch!" Terielbe wurde von den Ordnern, welche ihm fortwährend!, zuriefin: „Tao ist Lüge, da? thut kein Christ!" zur Tbüre hiuans>zeworsen Bon dt außen schrie der Hinausgeworfene in den Saal hinein: Fürst Schwarzenberg;ah!t seinen Arbeitern nur dreißig «rcuzer Taglobn!" Es sprachen noch »ach erprobten Muster» - eine.Frau, der Ti'chler Zedln-ka und zuletzt der Bra»»twcii>schä»kcr Polzboter, worauf die Versammlung geschlossen wurde. Auf der Snaßc kam cs zwischen Social- Temokiaien und den Antisemiten neuerdings zu Reibereien, wobei abermals einige Pr-onen arrctirt wurden. Ansonst verlies die Wählingcr Versammlung - der ..Christlichen Familie" recht friedlich und fromm. i Sd)Oltcrcrfcitr. i Für den N>. Teceiuber, als den Tag. an welchem Schönerer wieder in den Vollbesitz seiner bürgerlichen Rechte tritt, hatten die beide» „llnlledingteii": «ernrenter und Zro eine Polksversammlung in den Sefiensälcii etnberut'cu. Tic Polizeibehörde bat diese Versammlung mit Berufung auf s «I des Versammlungsgesetzes vom lö. November IR>7 unteriagl. Ter bctrcfiendc Paragraph lautet: ..Versammlungen, deren Zweck den Strafgesetzen zuwiderläust und deren Abhaltung die öffentliche. Sicherheit oder das öffentliche Wohl gefährdet, sind von der. Behörde zu untersagen." Tie deutsch nationalen Antisemiten nnbedingtefter 'Unterwürfigkeit wollen nun den gioßen Tag durch Abhaltung kleinerer Zusammenkünfte in den einzelnen Bezirken feiern Angesichts des immer.-mehr schwindenden Ansehen» und Einflusses des einstigen AntisemitenpavsteS bei.seinen ehemaligen Anhängern, will die Piöpaganda der wenigen „Treugebliebenen" und „Unbedingten" nicht recht verfangen, und wie man sich erzählt, sind letztere mit ihrem Ansinnen, Schönerer „anzustrudeln", schon von zahlreichen antisemitischen Bereinen abgeblitzt wordeit. Tie Folge davon ist, daß seit .stürzet» Herr schönerer selbst die einzelnen Lereine aufsucht, um sie für eine «undgebuiig zu gewinnen. So sollen, als unlängst der „Teul'che Turnverein Landstraße" im kleinen Sofienfaal eine Unterhaltung und ein Tänzkiänzchen abbielt, plötzlich um Mitternacht vor dem Sosiensaalgebäudc zwei Wagen vorgefahrcn sein, denen Herr Schönerer nnd acht Couleurstudenten entstiegen. Tie Herren begaben sich in den Saal. wo man über ihr Erscheinen sehr erstaunt war, da sie nicht eingeladen worden waren. TaS Präsidium des Bercins war sogar schon nach Hause gegangen; schönerer genirte aber daS nicht, er nahm ruhig Platz und begann sich mit seine» Nachbarn zu unterhalten. TieS war aber auch Alle», da der anwesende Regierungsvertreter eine Ueberschreitung des angemeldsien Programms, das ein Schauturnen und ein Tanzkräitzchen, nickt aber auch eine Rede des Herrn schönerer enthielt, nicht gestattete. Rede» nach Herzenslust konnte Schönerer erst nachher, als er mit einige» Getreuen ein «affeehauS auffuchte und dort bis zum Morgengrauen „volkliche Arbeit" verrichtete. Es siebt sehr zu befürchten, daß der sreierwählte Ostmarkherzog trotz de» großen Geldiackes feine spontane „Anstrudelung" nicht werde bewerkstellige» können. >Cin .Volksgericht". Ter Wählerverein der Pereinigten Christen ^im XI V. Bezirke ha: zwei antisemitische Bezirksausschüsie, die nicht ganz im Sinne Schneiders ihres Amtes walteten, gemaßregelt. Es wurde ihnen das Mißirauen ausgesprochen und an he die Aufforderung gerichtet, das Mandat zurückzulegen. Lueger nannte diese« Porgehen ein „Volksgericht". Unter den „Christlich.Socialen" im XIV. Bezirke scheint Zwietracht zu herrschen, denn ein Anlisemitenorgan droht unzuverlässigen Lertretern damit, daß im Betretungsfajle eine „Wiederholung des Polksgerichte« mit derselben Eraclheit" stattfinden würde. - ^lus arrtise^nitischen Blättern. iBorscnehrk und Tuellwuth.) Mit jener Breite,- an der antisemitische „Schriftleiter" ibr Behagen finden, wenn es sich um einen Scandal handelt. welchen sie sructificiren zu können glauben, erzählen die „Unverfälschten Deutschen Worte" eine Ohrfeigengeschichte, die sich an der Börse abgespielt . hatte. Plan erfährt da, wer die Ohrfeige versetzt und iver sic erhalten hat, mit wem der Geohrscigte verwandt ist, und welche Personen mit ihm weiter verkehren, trotzdem er sich weder durch einen Wasi'engang, noch durch eine Ehre»- beleidigmigsklage Geiiugthuung verschafft hat. Zm Zargon des Pohrlitzer Patriarchen Schmuel Lerb «oh», schreiben die „Unversälschlcn": „Au der Börse denkt man über eine cmpsangene .Patsch' nicht so strenge, der Bctrofiene sagt vielleicht bloß: sen mer froh, daß 's so ausgegange» iS, 's hätten eppes können noch mehr sein." Ta« Organ der Bubokratie spricht daher von der „Börsenchre" im denkbar geringschätzigste» Tone, denn eine öffentliche Züchtigung sei die „schwerste Schmach, die einem Manne vo» auch nur landläufigem Ehrbegriffe widerfahren kan»". Ru», die Ehrbegriffe sind eben in verschiedenen «reisen sehr verschieden. Zm Geschäfisleben find die Nichterfüllung eingegaiigciier Berpslichtunge», leichtsinniges. Schuldenmache», Saufe» und Excedireu Dinge, die einen Man» weit mehr in der Achtung seiner Umgebung herabsetzen als irgend ei» Borsall, bei welchem ein Raufbold ihn seine physische Ueberlegcnheit fühle» läßt. Tie Bubokratie denkt wieder nicht so strenge in Angelegenheiten, welche auch der scrupelloseste Börseancr verabscheut; Pumpen und Randalireit sind ihr nichts Anstößiges, ja sie thut sich sogar daraus etwa» zugute. Aber auch die Ehre der Bickokraiie, die in einer Tuellivuth ihre» vornehmsten Ausdruck findet, wird nicht bloß in der Börsenwelt, sondern auch in den weitesten «reifen de« deutsche» Volkes sehr gering geschätzt. Im bayrischen Landtage fand vor wenigen Tagen eine interessante MilitärdebaUc statt. - Ter Abgeordnete Dr. Schädler, ein redegewandter Centrumsmann, beschwerte sich über das Tuellunwesen im deutschen Heere, und sagte unter Anderem: Man schließe in Bayern die Angehörigen katholischer Studenicncorvorationcn, welche das Tucll principicll verwerfen, von der Beförderung zum Reservcofficier einfach anS; darin liege eine stagranle Rechtsverletzung. Man richte unter Umständen an. die Aspiranten direct die Frage, welche Stellung sie zum Tucll eiiiuehmen, und mache davon die Omali sicaiion zum Reserveöfsicier abhängig. Seien das Zustände, die in einem geordneten Staatswesen geduldet werden könnten? Einem „alten Herrn" einer katholischen Verbindung, welcher erklärte, seine Ueberzeuguug bezüglich des Duells nicht den Veihältnissen zum Opfer zu bringen, sei seitens des CommandoS mitgeiheilt worden, er werde so lange nicht zur Wahl als Osficier gestellt werden, al» er seine Ansicht-aufrecht halte. ES sei ein trauriges Zeichen deS Culturniveaus in Deutschland, daß zahlreiche Angehörige der „besseren" Stände al« Erinnerung an eine sogenannte geistige Thätigkcit-eit,e Physiognomie gleich einem Beefsteak äla Tatare zur Schau tragen. Wie stelle sich hie Regierung zu dieser ihatsächlicheu Mißachtung der Bestimmungen der Reichsstrafgesetzbnche»? Welches Beispiel gebe man damit auch noch anderwärts? «önne man sich noch wundern, wenn gewiffe Elemente einfach erklären, bestimmte Paragraphen auch für sich nicht mehr gelten lasien zu wollen? Vorgänge, wie die in Hannover enthüllten, mahnten doch zum Nachdenken, wie die Zmegrilät des Osficierscorps erhalten werde» solle. Die Entschließungen der Militärbehörde bezüglich deS Tuellwescns seien zugleich ein Eingriff in die Gewiffensfrciheit; für den Katholiken sei auch hier die Vorschrift seiner Kirche maßgebend, die das Duell unter die «irchenstrase der Excommunioation stelle. Man sage vielleicht, der Aspirant brauche nicht Lfsicicr zu werden; aber er habe das Recht dazu, und wer ihm dieses Recht entziehe, stelle sich ans den Standpunkt der Brutalität. Gerechtigkeit sei die Parole, der endlich auch aus dem Gebiete des Militärwesens Berechtigung verschafft werden müffe; endlich solle man diesen Blutcodex aus der Welt schaffen.... Ta» Unheil de» Tr. Schädler über Zene, die „eine Physiognomie gleich einem Beefsteak ä la Talare zur Schpu tragen", ist für dieselben wahrlich beschämender als für Börseaner die Thatsache, daß man mit einem Bankbeamten, der thätlich im'ultirt wurde, den geschäftlichen Verkehr fortsetzt, ohne sich darum zu kümmern, ob und welche Latisfactio» er verlangt und erhalten hat. (Rauft nur bei Christen!) Man schreibt uns: Dieses beliebte Schlagwort der antisemitischen Zeitungen ist eigentlich nichts weiter al» der «öder für jene christlichen Geschgstssiule, die nichts GescheidtereS zu thun haben, als selbander auch in die antisemitische Lärm- und Hetztrompete zu stoßen. Ter Lcrgani'sche -Lügenmoniteur thut aber noch ein Erkleckliches mehr, denn er fügt seiner Aufforderung noch die viel zum Denken gebende ernste Mahnung hinzu, Wintereinkäufe ja nur bei jenen Firmen zu machen, die im „Deutschen Bolk^blatt" inseriren. Fürwahr — echt antisemitisch! Zst daS nicht eine ganz nette, sagen wir, Pression, begangen au den eigenen Gesinnungsgenossen? Vorwärts Ihr antisemitischen Geschäftsleute, eilt ohne Versäumung in die Administration deS „Detirschen Volksblatte»", gebt Euer Znserat auf, denn sonst köitnie es Euch passiren, gleich den Zndcn in Acht und Bonn erklärt zu werden. Tie Aufforderung „«auft nur bei Christen!" würde eine noch viel bessere Wirkung machen, wenn sie lauten würde: „«auft nur bei Christen und Juden, die im „Teuffchen Bolksblatt" inseriren". Es ist nicht ganz ausgeschlossen, daß Herr Bergani diesen unseren wohlgemeinten Rath befolgt. Doch Scherz bei Seite! Tie Sache ist leider sehr traurig. Betrachtet man die Hetzen gegen die jüdischen Geschäftsleute, so fällt vor Allem der Umstand grell ins Auge,