Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 88 (10.12.1893)
- Date
- 1893-12-10
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
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Freie» Statt Seite 7. Zit »s 3cb(cjfi aus dem Städtchen Dubossary bestätigte im Jahre 1^87 einen Eontract, kraft dcsicn einem Juden das Recht crtheilt wurde, im Laufe von;chn Jahren den vierten Thcil der gesannntcn Ernte eines Gutsbesitzers als sein Eigcnthum zu beziehen. Auf Initiative des Ehcrsioncr Gouverneurs wurde gegen den jüdischen Pächter ein Civilproccß cingeleitct. DaS Bezirksgericht . und der Gerichtshof erklärten den Erntcpachtcontract des Juden für - null - und nichtig, da er dein. Gesetz vom I. Mai 1882 znwidcrlaufc, welches allen Per-, sonen jüdischer Herkunft den Landkauf und die Landpacht in Rußland verbietet. Obwohl in dem in Rede stehenden Pachtcoutract nur von einer Pacht der Ernte die Rede sei, so sei aus dem ganzen Wortlaut des ContractcS sehr leicht hcrauSzufindcn, daß cs sich hier nicht um eine Erntcpacht, sondern mn eine Landpacht handle: das Wort Landpacht sei mir dem Worte Erntcpacht vertauscht worden, um das Gesetz zu umgehen. Rach der gerichtlichen Annullirnng des Pacht coutraetcS wurde der Rotarius Scdlczki, der den Pachtcoutract de stätigt hatte, zur Verantwortung vor das Bezirksgericht gezogen, wo er sich eines Amtsvergehens nicht »ür schuldig erklärte, da ihm die Deutung des Gesetzes vom 3. Mai 1882 fremd gewesen sei. Sein Berthcidiger führte an, bis zum Jahre 1888 haben nicht allein die Notare, sondern sogar daö Gericht in der Anwendung des genannte» Gesetzes „gefehlt", bis eine Senats crklärung dieses Gesetzes erfolgt sei. Das Gericht fand den' Rotarius dcsscnungcachlet eines Amtsvergehens für schuldig und enthob ihn in Folge dcsicn seines AintcS mit dem Verbot, i» Zukunft je wieder eip solches Amt zu bekleiden. (Tic Vatcrlmidslicbc der jüdisch - russischen Emigraiitcii) Fürst MeschtsclicrSkij bringt im „Graschdanin" den Brief eines Großrusicn über die Ehieagoer Weltansstcklung zur Vcrösient lichung, in welchem - es heißt: „Ihre Leser werden mißtrauisch den .Kopf schütteln und das Rachfolgendc nur schwer glauben wollen. Ich selbst war erstaunt, als ich die großartige Erscheinung zum ersten Male wahrgcnommcn hatte, und ich verhielt mich lange ebenfalls sehr skeptisch, bis ich mich endlich von der unverfälschten Echtheit überzeugt habe. Die Juden in den Vereinigten Staate» sind — glühende russische Patrioten.! Ich spreche selbstredend nur von de» ans Ruß land eingcwandertcn Juden. Aber das genügt, und das iit lehrreich genug. Aeußcrlich ganz ein Vlaukce geworden, mit glatt rasirkem ('V sicht und kzir; zngrstuptru Haaren, hat der russische Jude i» seiner Seele tiefste» Tiefen die wärmsten und aufrichtigsten Sympathien für die alte Heimat bewahrt. In dichten Schaarc»' wallfahrte» die Juden aus den entlegensten Winkeln der großen Union — Sic glauben wohl »ach der Ehieagoer Weltausstellung'? Rein, so urcigeutlich »ach der russischen Abthcilnng derselben und zu dem ausgesprochenen Zweck, dort den ihnen noch immer liebe» Lauten der russischen Sprache ,;» lauschen! Sfr gab cS Secncn der Rührung ans der Straße. Stehen da unser Zwei und plaudern arglos, nichts ahnend. Aber bereits nach einigen Minute» hatte sich ein kleiner Kreis von sei» gekleideten BankccS um »ns gebildet, die in angcmesicner Fern« sinnend dastclic», mit dem AuSdrüek dcS tiefsten K unnuerS auf den Gesichtern, mit peinlicher Aufmerksamkeit dem Gespräch lauschen und begierig den Hauch unseres Alhems schlürfen? Wir stutzten, wir verwunderte» uns, wir wollten nianchnial grob tvrrden. Wir überzeugten uns aber bald davon, daß nur die brennende Sehnsucht nach der alte» Heimat und das unausrottbare G e f ü h l d e r Zugehörig feit z i, m R n ssc»1 h n m diese. Braven in unsere 'Rühe trieb, und wir fühlte» uns schließlich selbst beglückt, ihnen mit Wärme die Hand zu. schütteln und sic.in unserer Mitte russisch z» begrüßen und zn bcwillkmnmc». In Ehicago gibt cs ein russisches Theater, und fünf Sechstel der Besucher sind aus.Rußland cingcwandcrtc Inden! Sic dürfen aber nicht glauben/ das geschehe anö dem Grunde, weil die russische Sprache diesen Inden die am meisten zugängliche ist. Davon abgesehen, daß die junge Generationein recht anständiges Englisch spricht, versteht ja bekanntlich fast ein jeder Jude das Deutsche, wenn auch nur die wenigsten unserer Juden in der Lage sind, ein ordentliches Deutsch zu sprechen. Die deutsche Sprache "genießt aber in Chicago, wie überall in der Union, fast daö gleiche Bürgerrecht wie die englische. Zudem will die überwiegend große Mehrzahl der Deutschen in den Bereinigten Staaten vom Anti semitiSmus absolut nichts wissen. Die Juden können also die beste Gesellschaft haben, und doch kommen sic immer nur zu uns! In der russischen Abtheilung wirkt auch eine russische Säiigcrgcsell jchaft. Von den Zuhörern sind wiederum drei Viertel aus Rußland eingcwanderte Juden, und sic klatschen Beifall mit einer Begeisterung, die an Sklbstvcrgcsicnhcit grenzt. Besonders wenn klcinrussische Lieder vorgetragen werden. Das letztere erklärt sich auS dem Umstande, daß die große Mehrzahl der aus Rußland cingemanderteiz Juden in der Ukraine geboren und das kleinrussische Volkslied ihnen tief in der Seele verwandt, lieb und thcucr ist." Fürst Meschkscherstij schictl. diesem Briefe folgendes Gcständniß voran: „Jrreli ist menschlich, und ich nehme keinen Anstand öffentlich Hiemil cinzuräume», daß ich mich in der B.elirthcilnng unserer Juden in einem sehr gewichtigen Punkt doch geirrt habe." Wen» der „Graschdanin" in solcher Weise der Wahrheit die Ehre gibt, so wird vielleicht auch Herr Sima der in - Steyr reuig an seine ehemals demokratische Brust schlage», und „Pater peecavi!“ anSrnfen- Ja, . wir geben die Hoffnung nicht auf, daß eines Tages sogar die Herren Zionisten sich dazu berbeilasten werden, -zu gestehen, daß'sic in einem sehr gewichtigen Punkte, i» ihrer An schauung über die Heimatsliebe der Inden, doch geirrt haben. lTie Zlldcil in Cailllda.) Es ist interessant, was neuerdings über die Ansiedlnnqen der Inden in Eanada berichtet wird. Danach, waren die ersten Jude» nicht Händler, sondern Soldaten. 1T(») kam Aron Hart, 1724 in London geboren, als Jnfanterieofficier »ach Eanada. 1807 wurde Herr Ezckicl Hart in den..gesetzgebenden älörpiv gewählt, wobei ihm gestattet wurde, seinem Glaube» gemäß den Eid bedeckten Hauptes zu leisten. Die Majorität dcS Hauses jedoch erkannte die Wahl nicht an, io daß sie für null und 'nichtig erklärt wurde. Dreimal wurde Hart wiedergewählt, aber sein Mandat nicht anerkannt.' Tie Intoleranz gegen die Inden ging so weit, daß l*1*’.1 ein G:sev vor geschlagen wurde: welches die Inden zur Wahl in das Abgeordnetenhaus nicht berechtigt erklären sollte. Der damalige Generalgouvernenr verhinderte cs, daß dieses G.'se» durchging, aber erst 1*>31 Erhielten die Jude» i» aller Form das Recht, in das Abgeordnetenhaus gewählt zu werden. 2lus antisemitischen Oereinen und Oer- , sannnlungen. >Tic Rkclainctrommcl für die „Rciäispost"'.» I» einer Versam-nlnng , des Vereine-; „Christliche Presse" cmv'ahlen d.-e in alt'» p'l.tiich Ittl>, .likchen Easino? als Dichter geschätzis T rad cr.i, .der. F-rnd Tä'»dar'"» V >i t a i und der St. Pöltencr Sociologe Scheicher, Letzteier zur Abw.'ch»lung in eine.-, „deni'ä,-national' angehauchte» Rede, d:e im Emst'he .> heg.ist ne - Toisich' „Reichspost". Sodann sprach Lii eger. Er schilderte den >ch v-een ei ntx der Ebristlich Socialen gegen das Jid-iuhm» seine Videten. D.'.-ieo gestaltesich um >o kchiviencser, alt wir — die Ankiä iger der R dn'r's - z-a nst nur ans die unterste» Schichten des Balles ange:vie-en seien, de een preeire Siinaiion e-s ihnen nicht ge.sta'ie, nur maieriell, zn nn'e.-stt.>?a. U F.e.ii,'-' reerntiren sich nicht aas deii höheren Sbichken, und zählen .z:c denstlbdu ». A. die armen Piarrer, -vor Allem aber die Eooperaloren nizd d e a.in-» S l e-.ie geistlichen, kurz der sogenannte „niedere" ElernsS Von Doinherre» und was darüber hlnansgehl, finden wir tute wenige in unserer Vs tue. A.» F"inV siehe» uns gegenüber dar tzstostcapiial in irder tstestali und die Hobe Vneeankraiie vom Hoiraihe angefange». JLIjire t nainps gilt üb rigcns nicht - o - . icbr den Jude» als den Jndengenos'en uns aiih jen in Regier» i z? tatholieismuS, der übrigen» bald hiniveggeieg: werden därkie, denn o' .■ , not >e » eine s Plencr könn'en nie und »imnier ivthre ei i l h oli! e » s c i n. Ter Redner kam daN» ans die V.este z:i sp.-e lie». und in'inte: B >-> christlichen Blättern haben wir das »,'Reui.zlcil» Wellhiandar „D.'ni'.h' . Botlsblait" — ein dritte» kenne ich nicht, denn da» „B.uerland" gehüel nicht - : mehr zn nn». Lueger empiahl schließlich, die „tlieisirvon"' nach eie, reu zn fördern. Rach dieser Rede, welche auch die c^cisuichleir »i tzl.osteapika'.ist'» ii-id . >tleingeiverbetreibe»de einlheilte, wurde die Bei'aiiinilnng geichloneii. " Ee- ' iväluienswerth in, das; der Auserkorene von tKäigaieihen vor nicht allzu langer - i Jett in einer Anlst.emitenversaminlnng an die Adresse de» Tr. v. Plencr Worte der tieisien Shnipalhie gerichtet ' iiiid an ihn — was freibä, in hohen.i El.ade lächerlich war — die Einladung gerichtet haue. -,>ich »»»anzn chließeg". Da? von Tr. Lueger angerenipelic „Baierland" begleitet den Bericht Üb'r dieie Bkrsammlnng mit folgenden Worten: „stn bemerken ist, das; das Wort .katholisch' von den Übrige» Rednern gar nicht und von De. Laeger »nr im Zu>animc»hange mit .Regicrnngrkalholicisänns' gebraucht wurde. Eal'vrech'nd dem Raine» des BercineS wurde sonst nur der Ansdruck .christlich' angewendet. Das .Baierland' seinerseits will allerdings al» ei» katholisches Blatt änge'eh'n werden und bestrebt sich, ein solches zu sein. Alle Diraden eine» De. Lueger i werden e» von diesem feinem Bestrebe» nicht abbringen. und der katlion-che ' E.harakier eines Blattes hängt auch nicht von dem Botnm einer aus den bunteste» Eleineoten zuraininengekebte» Bersainmlnng ab.- Wir iilid übrig'»» . auch vollkomine» überzeugt, daß dreies Borgehen des Tr. Lueger leineSw'.gs von der ganzen Berkainnilung gebilligt wurde und'daß den belressniden H'rren „nr der- Mulh fehlte, dagegen osten Berwahrnng einznlrgen. Vielleicht auch haben sie sich gedacht, dieses von Dr. Lueger gegen da» .Vaterland' an» gesprochene Verbiet werde ohnehin von k'incr nrtheils'ihigen Seite ernst ge »ommcn werden."