Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 88 (10.12.1893)
- Date
- 1893-12-10
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6. Freies Blatt. Nr. 88. wiegende Mehrheit in dcr Stadtverordnetenversammlung aber gehört nach wie vor der liberale» Partei an. Sie wird, unbeirrt von den Angriffen, denen sie von rechts wie von links ausgesetzt ist, ihren Weg gehen und daS Jptcrestc der Gesammthcit, insbesondere dcr minder bemittelten (Nassen Ivahrnchmen, auf daß die Wohlfahrt der Bürgerschaft nach Möglichkeit gefördert, den Anforderungen'der Zeit genügt und dcr Berliner Verwaltung jenes Ansehen erhalten werde, desicn sie sich soweit erfreut, als bcj allein Widerstreit der Meinungen im Einzelnen der unbefangene Blick für daS Ganze nicht verloren gegangen ist." Im Interesse Wiens sehnen wir den Tag herbei, an welchem auch hier die antisemitische Hetze ebenso wie jetzt ihr Berliner Borbild aufhörcn wird, für weitere Wählerkrcisc ein Reizmittel zu bilden. Allerdings müßte für die ..Wicdereroberung Wiens" weit mehr Thatkraft entwickelt werden, als dies bisher geschah. Bon der Berliner antisemitische» Geschäftsstelle.) Arge Zwistigkeiten zwischen den ('eitern der antisemitischen Geschäftsstelle in Berlin kamen in einer Privarbelcidigungsklage zur Sprache, welche vorige Woche v,or dem dortigen Schöffengerichte verhandelt wurde. Kläger war der ehemalige Eriiuiualcommissär v. Schwerin, dcr Beirath Ahlwardt's in Sachen Blcichrödcr's: Beklagter der Redacrcnr des ,.A n t i s e m i r i > ch e n Generalanzeigers", Earl Scdlazeck. Ter Klage lag folgender Sachverbalt zu Grunde: Ter Klüger war' vom Baron v. ('äugen znm Ccilcr der antifemilifchcn (Geschäftsstelle bestellt worden, er schied in llnfrieden aus seiner Stellung. Sei» Nachfolger wurde dcr Beklagte -Scdlazeck, der nach der Angabe v. Schwcrin's ihn '„verdrängt" hat. Mitte August behauptete dcr Beklagte, daß v. Schwerin bei seinem Austritte den Elosctfchlüsicl „gestohlen" habe. Eine (weite Beleidigung des Klägers wurde in einer Postkarte gefunden, die Scdlazeck an den Mager gerichtet hakte, als dieier Geld verlangte, um eine Strafe wegen Preßvergehcns zahlen zu könne::, die er sich in seiner früheren Stellung zugezogen halte, ,1m Sevleml'.r erschien im ..Berliner Tageblatt" eine Notiz, wonach ein t^iänt'iger in der autifemitifchen Geschäftsstelle^ alles PfändungSwerthe versiegelt habe Tarauf bezcichnere dcr Beklagte 'Scdlazeck in einer Brieftastenuoliz im ..Antisemitischen Generalanzeiger" den ans dem „Tenifchen Änkiscnnienvcrband" auSgcstoßcncn v. Schwerin, einen wegen Erpresfnng, Bckvihnug und Beleidigung vorbestraften Menschen, als-den Beifafferdieser ..unwahre» Notiz". Ter Borsitzcnde bezcichnclc diesen Artikel als eine grandiose Schimpferei. Ter Bcrlhcidigcr, Rechts - an.vall T. Schwindt, Val, mit Rücksicht auf die Persönlichkeit des Klägers die Strafe nicht so hoch zu'bemessen, der Gerichtshof erkannte aber tollt auf eine «Nsammlslrafe von 'J'MJ Mark und sprach dem Kläger die Publlluiionebesugniß im „Aniiscmiiischen Generalanzeiger" zu. B" den geladeiren Zeugen gehörte u. A. auch dcr Rector a7 T. Ali.wardk, dcr'elbe >var aber nicht erschienen. Hrrr v. Egidn und DtC MosaisltN.f lieber die von uns in der Notiz „Auch e:ne Trohnng mit dem Äniifemilismus" an das eicht gebrachten, aulisemitophileli Anwandlungen der „Einigen Eliristcu" erläßt \v.i r E g.i. d n nunmehr eine Erklärung, worin er behauptet, mit dem in' der Bolksfchrfft ..Einiges Edristcnthum" enthaltenen Artikel Wilin H.rrül'e n i ch r'ei » v e rsta n de n zu sein und den betreffenden Arlik.U erst im Trucke gelesen zu haben. Nichtsdestoweniger enthält die' Erklärung Egidy's abermals zahlreiche Hindeutnngen, welche beweisen, daß der Messias des „Einigen Ehrittenihums" einen sehr antisemitischen Habitus besitze, und wenn er in Wien lebte, seinen Düngern vielleicht lieber den (Namen „Bereinigte Ehriflen" empfehlen würde. Wir auch lEinc neue Walze. Ein antisemitischer Tfficier aus dem Nachbarreiche hat eine gründliche Erklärung und ebenso gründliche Cösung dcr Frage bezüglich der Soldatcnmißhandlnngcn gefunden, eine Lösung ganz :iir ■ i ■ -li-. Gelegentlich dcr diesjährigen Eontrölvetsammlung hielt, wie der „Bochumer Anzeiger" neulich, berichtet hatte," Major v. See. die übliche Ansprache an die Mannschaften, wobei er sich nach den Berichten von T hrcnzcugen über das traurige Eapirel der Soldaten - mißhandluugen etwa in der folgenden sonderbaren Weise äußerte: „Sic Alle haben jedenfalls in-den Zeitungen Berichte über Soldatenmißhandlungeu gelesen, ich hoffe aber, daß Sie dielen Zeitungsberichten keinerlei Glauben beimeffen. Sic Alle wissen, daß Alles, was in den Zerrungen steht, gelogen iff. Besonders den Berliner Zeitungen darf man nicht über den Weg trauen, denn diese Berliner Zeitungen werden fast durchwegs von .jüdische» R-edacteuren geleitet, na, und wnS Sie von den Juden zu halten haben, werden Sic wohl Alle selbst am besten wissen! Diese Artikel werden nur geschrieben, um mit ihnen Geld zu verdienen, ich erwarte aber, daß Sie durch sie in der Erfüllung Ihrer Pflicht sich nicht beirren lasten werden." Indem man die Soldatenmißhandlungen auf die Juden schiebt, wird diese Trage allerdings rasch gelöst sein. So viel wir wisien, wird daS Berliner Blatt, welches die führende Rolle in jener Angelegenheit spielte, keineswegs von einem Juden, sondern von Herrn Liebknecht, einem sehr guten „Arier", gemacht, und das gravirendste Schriftstück, das in dieser Angelegenheit ins Feld geführt wurde, hatte einen deutschen Armeerommandanten von königlichem Geblütc zum Verfasser. Ter deutsche Reichstag, der sich mit .der Frage sehr ernst beschäftigte, besteht wohl kaum seiner Mehrzahl nach aus Juden, und die militärischen Behörden, welche hierauf zahlreiche Unterofficicre wegen Mißhandlung von Untergebenen maßregelten sowie cindringlichst zur humanen Behandlung der Soldaten aufforderten — diese Behörden wird der schneidige Herr Major v. Seel doch nicht für vcrjudct halten. Nichtsdestoweniger sind wir überzeugt, daß die Entdeckung des Herrn Majors von gewiffen Leuten mit freudigem Entzücken ausgenommen werden wird, und daß das antisemitische Versammlungswerkel damit um eine neue Walze bereichert wurde. (Socialisinus und ZudtNthum.) Im Elub „Freundschaft" zu Homburg v. d. H. hielt vor Kurzem der Provinzialrabbincr Dr. Munck aus Marburg einen von einem zahlreichen Auditorium sehr beifällig ausgenommenen Vortrag über Socialismus und Judciithum, in welchem etwa Folgendes auSgcführt. wurde: Social: Kämpfe sind - so alt wie die Staatenbildung überhaupt; von jeher kämpfte das positive Recht mit dem Raturrcchtc, und selten. ist ein Staat von diesem Kampfe verschont geblieben. Nur in Einem Gemeinwesen kannte man keine socialen Revolutionen, kcipe Bauern- und Sclavcnaufständc, und dies war das palästinensische. Tic Ursache hicfür lag in dcr socialen Gesetzgebung des Judcnthunis, zunächst in der Gleichheit im Rechte. „Ein Recht und ein Gesetz soll Euch sein, dem Einheimischen und Fremden im Lande." Dazu kam die. Agrargesetzgebung des jüdischen Reiches. DaS jüdische Volk beschäftigte sic/) während seiner Selbstständigkeit ausschließlich mit Ackerbau und Handwerk, und cs ist daher zu begreifen, daß seine sociale Gesetzgebung sich hauptsächlich auf die (Negelung dieser BrrufSzwcigc .bezog. Das Land, das. ein Jeder nach dcr Eroberung Palästinas in gleicher Weise zugcthcilt bekam, durfte nicht für ewig verkauft werden, im Iobeljahre mußte es dem ersten Eigcnthümer ohne jedes Entgelt zurückgcgebcn werden; dadurch wurde einerseits einer "allzu großen Verarmung, andererseits einer Latifundicnansammlung vorgcbcugt. Gegen die vollkommene Verarmung wirkte auch die Armcngescvgcbung. Der Besitzer eines Feldes mußte bei dcr Ernte die Ecken den Armen überlassen, vergessene Garben und nicdcrgcfallcnc Achten liegen lassen, die Weinberge und Bäume durften nicht vollkommen abgclcscn werden, sic standen den Armen zur freien Verfügung, welche das Recht hatlcü, unbehindert die Nachlese zu halten, und cs war dem Eigcnthümer nicht gestaltet, den Einen oder Anderen von seinem Felde zu weisen. Einen nicht zu unter schützcndeu Ausgleich zwischen Armuth. und Reichthum bildete auch das Erlaßjahr. Dieses, nach je sechs Jahren cintrctcnd, bestimmte, daß alle Schulden erlassen, die auch ohne Fcldbcarbcitnng wachsenden Früchte Gemeingut Aller und die Sclaven frei sein sollten. Diese Bestimmung, im Verein mit dem Zinsvcrbotc, verhinderte die An sammlung großer Eapitalien; denn nicht diese, sondern nur die Arbeit konnte Nutzen bringen. Während die Griechen und die Römer die Arbeit —' eines freien Mannes unwürdig fanden, stand im Judcnthum dcr Arbeiter im höchsten Ayschcn. Arbeiter waren cs, die nach gethancr Arbeit die Akademien füllten und zu den höchsten Ehrcnstellen berufen wurden. Holzhauer, Schuhmacher, Schmiede und Kohlenbrenner gehören zu den bedeutendsten Gesctzeslchrern Israels. (Namen wie Hillcl der Holzhauer, Jochanan dcr Schuhmacher, Isaak der Schmied :c. stehen im höchsten'Klange. Dementsprechend war auch die Behandlung dcr dienenden und arbeitenden Elaste, glcichgiltig ob sie ans Juden oder Heiden sich zusammcusetzte, eine wohlwollende. Die Gesetze dcr stricte» Sabbathruhe für Alle, die schweren Bestrafungen für Uebcranstrcngung und Mißhandlung der Sclaven, die Pflichten dcr Lohnauszahlung und hauptsächlich die humane Behandlung derer, in denen man, wenn sie auch Diener waren, nie das Ebenbild Gottes und den Bruder verleugnen durfte, bewirkten den Ausgleich dcr socialen Unterschiede. (Graf Hartenau über die jüdischen Soldaten Bulgariens.) Nach der Schlacht bei Pirot im Jahre 188'» richtete dcr damalige Fürst von Bulgarien, dcr später als Graf Hartenau dcr österreichischungarischen Armee angehörte und jüngst in Graz verschied, nachstehende Worte an die jüdischen Soldaten: „Tapfere Israeliten! Ihr habt heute durch euer heldenhaftes Betragen bewiesen, daß ihr die echten Nachkommen der Makkabäer seid. Möge es euch mit Gottes Willen bcschieden sein, euch auch in dtn friedliche» Acmtern auSzuzcichnen zum Heile Bulgariens." (Russische Justiz.) Das Bezirksgericht in Odessa hatte dieser Tage folgenden Fall von Amtsvergehen zu verhandeln: Der Notarius