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Freies Blatt · 1893-12-10 · 88 (10.12.1893) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
88 (10.12.1893)
Date
1893-12-10
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Freie, Blirsttrincisttr St. Prix.) Der Kaiser hat die Wiederwahl dcS S r. :'i. 'briy zuni Bürgermeister von Wien bestätigt, und die Beeidigung desselben findet Samstag statt. Tie als „Bürgcrclub" vercinigten antisemitischen Gcmeindexäthe veröffentlichten nun folgende . Ertlärnug: .. Sa Herr Tr. Johann Nepomuk Prix trotz dcS von ihm am 5, Mai 1*'.U abgelegten Eides während der Zeit seiner Thätigkcit als Bürgermeister der Stadt Wien zu wicdcrholtenmalen das besetz verletzt' bat, haben wir beschlossen, der iLidcSleistrNig fernezubleiben. Ser Bürgcrclub des Wiener GcmeinderathcS." Tje Bürgermcisterfrage schließt-für die genicinderüthlichen Antisemiie», beziehungsweise für deren veriönlich engagirlc Leitung mit einer Riesenblamage ab. Leit Jahr und Tag arbeiteten die antiscmirischen Eominnnalpolitiker darauf loS,x in das bkSherigc Präsidium eine Lücke zu reißen, welche dann mit Hilfe ichwachmüihiger Ausgtrichsmeier ihr Führer ausfüllen könnte, Tie Aufwiegelung der HauSherrenvereinc gegen den „unartigen" Bürgcruicistcr war gelungen, auch hatte man den Antisemitenführer glücklicki i» den Stadtrath gebracht und zuletzt sogar den Tr. Prix zur Be *ichtlcistung auf die Bürgcrmeisterwürde veranlaßt. Nach diesen Borarbcitcu glaubten die Antisemiten schon sicher, ihr oder richtiger ihres Führers Ziel bald zil erreichen. Ta ermannten sich die fortschritil-chen Gemcindcrälhe und wählten das bisherige Stadtoberhaupt wieder, lieber diese unerwartete Wendung verloren die in ihren Hoffuttugcu (Nkäuichkeu alle Besinnung; sie führten nach der Wiederwahl - dcS Sr. Plir einen solchen Scandal auf, daß sic sich nachher selbst . denen setiämken und zur Entschuldigung einen Mißgriff des Borfivenden ausfindig machlcn. Sic -überreichten ferner dem Statthalter ein „Memorandum", worin sic in nichts weniger als würdiger Weise :rm die Nichlbcstärigung der Wiederwahl nachsuchten. Sie haben die 'kaiserliche Bestätigung nicht verhindern könne», und nun wiederholen sie trotzig die unbegründete Beschuldigung von GesctzeSverletzungcn des Sr. Prir und wolle» der Eidesleistung desselben fernblcibcn. Tie . Anliseinircn haben, als sic eine Abstiiienzpolitik im größeren St»le ein- IcitiTcii, eine schmähliche Niederlage erlitten, und sic werden auch mit ihrer steigen Semonstralion nicht den erwünschten Effect erzielen. Ter Gemeiiidcraih erledigte seinerzeit in Abwesenheit der Antisemiten in aller Ruhe seine Geschäfte, und eine Aendcrung des Statuts sorgte daiür, daß die Abstinenzler das Gemeinwohl nicht weiter schädigen. Das Fernbleiben der Herren vom feierlichen Becidigungsacte wird wohl nur dessen — würdigen Bcrlauf sichern. (yin „Erfolg" des liierten östtrreichischcn Agrartages.) Wir haben in der Nummer *>.> des „Freien Blattes" an leitender Stelle die Angriffebeleuchtet, die auf dem A-grartagc gegen den Saatenmarkt und gegen die aufdemselben publicirkcn Erntebcrichte erhoben 'wurden. Sie Berdächiigungen, mit welchen der Saalenmarkl — beziehungsweise die Börse für landwirthschaftliche Producle — beehrt wurde, haben nunmehr acht Börsenrälhe veranlaßt, bei der Börscnkamnier einen Antrag cinzubringen, welcher dahin lautet, daß der Saalenmarti znkünflig nicht mehr abzuhalten sei. Wenn dieser Antrag angenommen werden sollte, dürften unsere Landwirthe bald in die Lage kommen, ihre Anhänglichkeit an die Antisemiten bitter zu bereuen. Ta sic turchschnitilicli,' ganz im Geiste unserer Zeit, gerne bereit sind. Andere für sich denken zu lassen, und sich durchaus nicht bemühen, " auch selbstständig die Lage des Weltmarktes zu überblicken, würden sic -eben dann gänzlich der rienkirnng entbehren, lieber die amtliche Erntesiaiistik, dix nach den Intentionen unserer Agrarier bestimmt wäre, die angegriffenen Erulcderichte zu ersetzen, wollen wir nicht viel Worte verlieren. Man weiß ja, vorausgesetzt, daß man will, welche Erfahrungen man mit derartigen- Bcrstaatlichungen gemacht hat, abgd'clicn davon, daß der -Kaufmann iricmals die amtliche Erntcstatislik, sondern stets seine privaten Jnformationc» als Tirective benützen "wird. Wenn die landwirthschastlichcn Producenten nach Sistirung des Zaaienmarkies rathloS dem Handel gegenüberstehen werden, dann Wunen ne stch für diesen „Erfolg" bei dem reactionären Elan des vierten osteruichischen Agrariagcs bedanken. Wir glauben jedoch nicht, daß es io weit konimen wird, da die Regierung voraussichtlich die Abhaltung des internationalen Saalcnmarkles in gleicher Weise betreiben würde, wie -s vor einigen Jahren geschah, als in Folge der^antisemitischc» Agitation der Saatenmarkt entfallen sollte und die betheiligien Kreise nur an' tiöhercn Wunsch, von dieser Absicht zurücklaineti. Aus der jüngsten Enunciation des „Tcutschen Polksblattes" über bieien ts'egcnstand tann man übrigens entnehme», daß die Herren Anlisemiteu bereits ein wenig ernüchtert sind, indem der Schimpfnnd-Schmäharrikcl jenes Blattes deutlich erkennen läßt, daß man die Ablehnung des oben erwähnten Antrages sicher erwartet. I). Sic Stiitfch-Nalioiialcn unter itc» — Kosaken. Man schreibt uns: Sen v:elcn Jahren cxistirt im X. Gcmeindcbezirkc ein KaffeebauS, das unausgesetzt von Profei'sionssvielern, die sich speciell mit Blatt. _ Nr. 88. J der Ausbeutung der Arbeiter befaffen, frequcntirt wurde... Der Besitzer diese- LocaleS ist dabei rund und reich geworden, und als .er, um doch auch etwas für das Gemeinwohl zu thun, sich den Inden- Hetzern angeschloffen hatte, wählte ihn die Antisemitcnpartei in Würdigung seiner zahlreichen „Verdienste" in den Bezirksausschuß und erkor zugleich sein Kaffeehaus zum Agitationslocal bei jeder Wahl. Am Tage fanden sich dort die antisemitischen Größen, deS Nachts die Kosaken ziffammcir, ja die feinere Qualität dieser Spitzbuben war auch unter Tags dort zu finden, galt cS doch, einen fpiellustigcn Sclchermeister so lange zu rupfen, bis er gänzlich ruinirt war. Das machte selbst unter einem Thcile der Antisemiten böses Blut, und man gab dem Kaffeesieder den Rath, seine Stelle als Bezirksausschuß nicderzulegen, was er auch that. Aber die Deutsch-Nationalen sind noch immer dort zu finden, und ebenso treue Gäste sind die Kosaken geblieben. Similis siraili gaudet! —r. (Wirkt!Ilgen des Antisemitismus.) Aus Salzburg wird uns von hochachtbarer Seite geschrieben: Wo immer der Antisemitismus sich einsetzt, wirkt er auflöscnd und zerstörend. "Nur ein paar Belege. Wie wohlgeordnet und friedlich war noch vor einem Dcccnnium unser Gcmeindewesen. "Nach allen Richtungen wurde rastlos fortgeschritten, so daß selbst die Elericalen zufrieden waren und in der Hauptsache nichts zu bemängeln hatten. Wie ganz anders ist cS jetzt, nachdem der Antisemitismus unter der Fahrung Stainer'S in unsere Gemeindestubc Einzug gehalten. An Allem wird genergelt und gemäkelt, so daß selbst den Bestgesinntcn ihre Stellung gründlich verleidet wird. Bald ist eS der Friedhof, bald die Turncrci, bald die Tramway, die als Anlaß zum Unfrieden benützt werden. Und nebstbei macht sich eine so ekelhafte Heuchelei breit, daß cs jeden gcradsinnigen Menschen anwidarn muß. Nun eine» zweiten Beleg. Tie Innsbrucker Universität war noch vor eiiicm Jahrzehnt eine sehr geachtete und überaus friedliche Hochschule. Wohl rumorten manchmal die italienischen. Studenten; aber das hatte nichts zu sagen, man kennt ja daS irredcntistisch gesinnte Trentino. Seitdem jedoch die Schöncriancr, die sich mit Emphase „Deutsch-Nationale" nennen, sich an der Universität eingenistet, ist cs für einen österreichisch gesinnten Studenten kaum mehr zum Ertragen. Wie allerwürts sind die antisemitisch angehauchten Burschen die allervorlautesten Krakehlcr und Spectakclmacher. In ihren Kneipen hängen an der Stelle unseres LandcSvatcrs die Bildniffe Bisniarck's und Schöyerer's, bei festlichen Gelegenheiten erscheinen sic mit Kornblumen, lassen Schönerer und Bismarck hochlcbcn und reden gar nicht mehr von Lesterreich, sondern höchstens von der „deutschen Ostmark" als einem Appendix des! deutschen Reiches. Tabei machen sie aus ihrer Sehnsucht nach Bcrprcußung kein Hehl und erweisen ihren österreichisch gesinnten Commilitonen offene Perachtung, die sie selbst auf gcwiffe, als gut österreichisch bekannte Profefforcn ausdehncn. Gerade iu den letzten Wochen haben sich an der Universität Ereignisse entwickelt, die jeder Patriot nur kopfschüttelnd betrachten kann. Wohin soll das führen? Dieser trotzige, aufrührerische Geist, waS will er schließlich? Und an dem Allem sind nicht, wie die „Tiroler Stimmen" behaupten, die Liberalen, sondern die Antisemiten Schuld, die einen Jeden, der nicht ihres Sinnes ist, und möge er nocks so hoch gestellt sein, in Gift und Galle tauchen. "Nur ein energisches Einschreiten der Autorität kann die Sache ändern. Pint! I)r. 8elr. (Zur Eillführung des Civilehegcsetzes in Ungarn.) Im ungarischen Abgeordnetenhause hielt Juslizminister v. S z i l a g y i am 2. December bei der Einbringung des Gesetzentwurfes, betreffend die Einführung der obligatorischen Civilehe, eine mit stürmischem Beifall aufgenommene Rede, in welcher er sagte: „D ie Wiege diescr Jnstitution ist die Rechtsgleichheit, die Toleranz, die Religionsfreiheit und das Einbekenntniß des Staates, daß er allen seinen Bürgern die gleiche Rechtsordnung bieten muß. Es konnte diesem Abgeordnetenhause nur eine solche Lösung vorgeschlagen werden, welche auf der Rechtsgleichheit, der Freiheit der Confessioncn und auf den Principicn der Parität zwischen den Confessioncn beruht. Gleichwie das Himmelszelt den Erdkreis bedeckt, so ruhen diese Grundsätze auf diesem Werke, welches berufen ist, die politische Einheit der Nation zu verdichten, die verschiedenen Elemente der politischen "Nation enger aneinander zu schließen, in erster Linie durch das Band der Ehe. In eine Kritik der Lehren und deS Standpunktes 'der verschiedenen Kirchen will ich mich heute nicht einlaffen. Allein eö sei mir gestattet, hervorzuheben, daß das System des confessionellen Rechtes schon in Folge der inneren Natur der Kirchen zwischen den Bürgern dcS Staates Scheidewände erhebt. Diese Scheidungen mögen, das gebe ich zu, ans religiöser Ileberzeugung und ans dem Gesichtspunkte des Gewissens ihre Berechtigung haben, auf dem Gebiete der gemeinrechtlichen Institutionen jedoch können sie keine Berechtigung besitzen. Dagegen sträubt.'sich schon das elementarste Inter-

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