Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 88 (10.12.1893)
- Date
- 1893-12-10
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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I Nr. 88. Frei«, dies nur möglich ist, andere große HandelSniärkte auf. Leipzig kam bereitum den „Ruf feines Liberalismus", zugleich aber auch um sehr bedeutende GeschäftSvortheile, die eine Quelle des Wohlstandes seiner Bewohner waren. Nichtsdestoweniger begrüßen wir das im „Leipziger Tageblatt" veröffentlichte Schreiben als ein Shmptoin der Reue, das auf einen wünschenSwerthen Umschwung in den dortigen Zuständen hoffen läßt. DaS Schreiben lautet Ist Leipzig noch eine national-liberale Sladt? Wen» die Antwort auf diese Frage auf Grund des Ergebnisses der Beralhungen des Allgemeine» Wahlcomite« für die diesjährigen Sladtverord»ete»n>ahlon> das in der von diesem Eomite veröffentlichten Vorschlagsliste vorliegt, zu geben wäre, mußte sie ent. schieden verneint werden. Denn eS ist (i| offenes Geheimnis, daß diese Liste nur dadurch zustande gekommen ist, daß die Ralional-Liberalcir durch die Eon servativen und die sögenannte Handwerkerpartei, die sich in Leipzig mit de» Antffemiten zu idenlificire» beliebt, überstimmt worden sind. Daß dieser Liste kein Liberaler freiwillig und aus Ucberzeugung seine Zustiinmling geben konnte, bedarf wohl auch keines Beweises. We»n mit Recht bisher der Standpunkt betont worden ist, daß bei Stadtverordnetenwahlen - politische Gesichtspunkte nicht . ausschlaggebend sein dürfen, so ist jetzt dieser Grundsatz zu Guusteu der Conservativen und der sogenannten Handwerkerpartei auf Kosten der nationalliberalen Partei durchbrochen worden. Die nicht national>l>beralen Parteien haben ans Grund ihre» einseitig politische» und wirthschastlichen Standpunktes und wegen desselben zu Ungunstcn der Rational-Liberalen die Mehrheit im Wahlausschuß erlangt! Das ist eine für Leipzig, das mit Stolz immer die Hochburg de« National-Liberalismus genannt worden ist, durchaus betrübende Erscheinung, und wenn diese Erscheinung auch »ür bei einer städtischen Wahl hervortrilt, ist sie wichtig gcnug, ernstlich beachtet zu werden. Denn wen» das so weilergeht, muß im übrigen 'Deutschland die Aussaflung entstehen, daß in Leipzig der extreme, mit den Antisemiten verbündete EonservatiSmuS vollständig die Oberhand gewonnen habe. Das ist aber lhatsächlich nicht der Fall. Tie hervoigehobenc betrübende Erscheinung ist nur" die Folge einer ebenso merkwürdigen wie unglücklichen Constellalion von Bcr-. hältniffen, die nach und nach sich bi« zur jetzigen Stadlverordneten-Borschlagsliste herausgebildet haben, weil ihnen von denjenigen Persönlichkeiten, die dazu berufen gewesen wären, nicht rechtzeitig der genügende Widerstand entgegengesetzt worden ist. DaS muß endlich einmal offen heranSgesagt werde». Sonst geht'« weiter aus der schiefe» Ebene, und Leipzig kommt uni dezr Ruf seine« Liberalismus, obwohl, wie ich behaupte, die weilan« größte Mehrzahl der - Leipziger Bürgerschaft stach wie vor liberal gesinnt ist. Eine sogenannte Handwerkerpartei hat als eine bloß wirthschastliche Interessengemeinschaft überhaupt nicht Anspruch daraus, zu de» eigemlich politische» Parteien gerechnet zu weiden. Und doch scheint diese sogenannte Partei unter dem Schutze der Lonservativeii die Führung in Leipzig gewonnen zn haben. Hat man denn ganz vergessen, daß Leipzig eine große Handelsstadt, eine ausblühe,>de Industriestadt, der Sitz einer der ersten Universitäten des Deutsche» Reiche« und des deutschen Buchhandel« ist? Alle Achtung vor de» Bestrebungen der Handwerker, die jeder Liberale, soweit sie berechtigt sind, in Stadt, und Staat aus da« Freudigste unterstützen wird. Aber sind den» diese Bestrebungen in Leipzig der Augelpunkt geworden, um welchen sich jede politische.Bewegung zu drehen hat? Ist c« denn auch nur wirlich wahr, daß sämmlliche Handwerker der antisemitischen sogenannten Handwerkerpartei angehören, weil einige Obermeister daS große Wort führen? Sollte es nicht in Leipzig eine große Anzahl von Handwerkern gebe», die politisch gut liberal sind, wie es vor Zahrzehnle» gar nicht ander« gewesen ist bei unsere» Handwerker»? Und was die Eonservativc» aulangt, so waren solche vor Jahrzehnten in Leipzig in so verschwindender Minderheit, daß es geradezu für unmöglich gehalten werden i»»ß, es habe sich in Wirklichkeit diese verschwindende Minderheit zur herrschenden Mehrheit einporgeschwungcn! So gewinnt eS aber de» Anschein, wen» man hört, daß die Rational-Liberale» sich de» mit de» antisemitische» Handwerker» verbündete» Couservalive» gesügl hätten, sich hätten fügen müffen! ES ist aber Ihatsächlich nicht der Fall, daß Leipzig eine conservative Stadt geworden sei. Wenn auch ein großer Theil der Äiational-Liberalen eine kleine Schwenkung nach recht« gemacht haben inag, national-liberal ist doch noch die Leipziger Bürgerschaft im Große» uud Ganze», und ich behaupte, daß die Zahl der Conservativen, d. h. derjenige», die auf da« heutige politische conservative Parteiprogramm eingeschworen sind, heute nicht viel größer ist al» vor Jahrzchnten. Und doch scheint e« immer, sobald eine politische Agitation eintritt, als ob in der' Handel«-, Industrie-, Universität«- und Buchhändlcrstadt Leipzig die Eonservativcn im Bereine mit antisemitischen Handwerkern — mit den Handwerkern kann inan nicht einmal sage» — herrschten! Wir halten ein Zusammengehen der staatserhaltenden oder sogenannten Ordnungsparteien auch für sehr zweckentsprechend. So weit darf die Rücksicht auf da« Zusammengehen aber nicht reichen, daß eine früher herrschende Partei von Minderheiten an die Wand gedrückt wird. Leipzig ist »och eine national-liberale Stadt! Deffe» mögen sich doch endlich unsere »ational-liberalen GesinnungSgenoffen wieder bewußt werden; da« möge aber auch denjenigen zu Bewußtsein gebracht werden, die al« Eonservativc oder Handwerkerpartei schon ganz allein da« Heft in Händen zu haben glauben. Die diesmalige Liste de« Blatt. Seite 3. Allgemeinen Wahlausschusses, welche ivohl iu unserer ge-animteu national-- liberale» Bevölkerung Stopsichüttelrr erregt bat. und die daher von Bielen mivinit Widerwillen unterstütz, werde» wird, weil sich ntzl nichts uiebr gegen ne mit Erfolg lhun läßt, möge endlich einmal ein Wulnuiigszeiclien inr »nicre national liberalen Gesinnungsgenosse» sein, das ihnen zaruit, ..Bi« liHeher und nicht weiter!" Sonst kommen wir dahin, daß draußen im Xh,Prf,fit Reiche Pie Frage: „Ist Leipzig noch eine national liberale Sradi>" mit „Rein" beantwortet werden wird. — ' ' Die „Dresdener N achrichtc»", welche die radicaie» Antiscmitcn genau kennen muß, da fic lange Zeit hindurch deren Bestrebungen eifrig gefördert hat, kennzeichnet jetzt da« Gebühren derselben in folgender Weise: Ebenso unverhohlen wie in dem Organ der königlirfie» Slaatsregiernng dem „Dresdener Journal", kommt jetzt in ciucm „Eingciandt" unter dem Re dactionsstrich im „Dresdener Anzeiger" die Ansirfit weiter .Hiciie über das wüste, widerliche. Treiben der hiesigen radicalcu Auiiseyritc» oder Reformer zum Ausdruck. Es dürsten auch diese Aussühruiigen raukei,swerlherwciic dazu beitrage», die Erkenntniß von der schamlosen Agitation und dem Hcuchlerthum der Autoritäten jener Kreise in der Bcrfolgung ihrer wahre» Ziele zu verbreiten. In dem Artikel „Zn den Dresdener Stadtverordnete»- wahlen" in dem „Dresdener Anzeiger" heißt eS: „ES handelt sich bei den - bevorstehenden Stadtverordnetenwahlen niclit nur darnin, .erprobte Männer dem Eollegium zn erhallen, sondern ihm solche neue, geeignete Kräfte zuzusühren, die in ihrer ganzen Persönlichkeit eine Bürgschaft dafür bieten, daß sic das Wohl der Stadt fördern werde», Männer von Einsicht, Thatkrast, Arbeitslust und gutem Wille» und auch Männer, die such i» Dingen der Verwaltung, der Finanzen, der Hygiene, des Parlamentarismus :e. schon erprobt uud Fachkcnut nisse erworben haben. Es ist auch mit hoher Freude zu begrüße», daß c» einer großen Anzahl von Bürgern, die um da« Gedeihen unserer Hauptstadt tief im Herzen besorgt sind, geglückt ist, de» int öffentlichen Lebe» erprobte» und be> . währten'Herrn Hofrath Dr. Mehnert zur Annahme einer Eaudidatur zn bewegen. Des letztere» politischer Standpunkt war sür sie hierbei dnrrfiaus nicht ausschlaggebend, sonder» nur die Rücksicht aus seine Besähigling, feine Kennt- . nisse und Erfahrung, die Selbstständigkeit seines Urtheils und sei» Berlranlsein mit den Interesse» der Stadt und ihrer Einwohnerichasl." Indem der Verfasser »uu auf die Anfeindungen "der radical antisemiliichen Resormer gegen Herrn Tr. Mehilert zu spreche» kommt, sagt er: „Alle häiNii'Ae» Angriffe aus Tr. Mehnert haben gleichwohl ihre» llrheber» keinen Ruhin e»,gebracht, biete - haben vielmehr zu 'ihrem- Schaden oft die allergüustigste» Gelegenheiten znm - Stillschweigen verpaßt und sind »ngezähltcmale von ihn, entlarvt und, aus ihren Schliche» und siniffe» festgenagelt worden. Trotzdem verharren sie bei der.von ihiieü beliebte» Methode, rücken immer mehr nach links. ich »reiche ln de» unausführbare» Wü„srf>c,, der ducch. die Führer erregten Masie, de>c» Hang zur persönlichen Berfolguiigssucht sie lheilen. Dieftr AnliemilismuS hat eben kein geistig-sittliches Organ inr de Erleinimiß und Würdigung gesunder, staatserhältciider, conservälivcr Idee» und. erreichbarer politisch-socialer Ziele, aber desto mehr Gisk, Geifer und Galle gege», alle die, welche die Welt uirfil durch das enge Guckloch der Juden frage ang'chauen. Wie die Reiormer trotz coin'ervaliver Wahlunleestützung bei der letzten Rcichstagsstichwahl die Eowcrvarive» lagräglirf, .airgriffeii, „,'» sie zu vertreibe» und ihrem eigene» Machtbegehrcu das Feld frei zz, machen, dies lieblirfic Srfiailspiel genießt die löniglichc Residenz leider znm lieb, isluß und Ekel. Tic rcformerischc Presse uud Agitarion vertäel>iigt -planmäßig jede anders denkende Partei der Heuchelei, der politischen Lüge und Unsrneliibarkeii, die Führer anderer polilischeu Gruppen werde» von ilruc» der \v.vrfmidit inU> des Slrcbcrlhnurs' beschuldigt, aber geräde bei den radicalcn Geichäsls antiscnriteu prägt sich -nur zu deurlich da« Stigma der Herrichinciik,'des Machlstreberthnins und de« pcrsö»lirf>en Interesses aus, und wer ihnen dahci hinderlirf, ist, der wird — wie der Jude!— verbranin Radical antisemitisch und auticouiervaliv sind gleici>bede»le»dc Begriffe geworden denn die rcsorincrischc Haupnhällgkeit besteht jetzt weniger i» wiekticheu Reform bcstrebungcn nnd Beküinpfniig der verjudele» Social Demokratie, als in An griffe» ans die conservative Partei. Dieselbe Leidenschaftlichkeit und Gehäsiig, feit, dieselbe persönliche Lern»glimpsung, Elassen- und Partei verhctznng, welche vom radicalen Äntisenritisimis bei den Reichstags- >»>d Landtagswahlen geübt wurde, soll vonihm nun aurfi i» die -Wahlbowegnng unserer Siadtgemeinde getragen iverden. Ter gesurrde Kern der Dresdener Bürgerschaft hat deS u»a»ihörlirf>e» polilffchen Gezänkes uud der niedrige» persönliche» Angrisse, wie sie sich alS eine traurige char alter i strich e Be gl citersch ei u ung de« a» ti semitische» Rad i e a l is in u » ansgröilder haben, herzlich satt, er sehnt sich danach, die Geschäfte der Siadt in ciner dem allgcineincn Jnlcrcffc söiderlicheu Weise behänden zu iehen. und wird sirf, dnrrfi die von »ns gekennzeichneten Angriffe^cge» im öiie»llirf>en Lebe» erproblc nnd horfivcrdiente Pcriönlirfikeitcn i» seiner Wahl gewiß uirfil beirre» lassen."