Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 88 (10.12.1893)
- Date
- 1893-12-10
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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Frei«, Blatt. Nr. 88. Seite 2. durchaus nicht einem starrcnj Doktrinarismus huldigen, man kann gewiß Anhänger einer gesunden Realpolitik sein, um trotzdem das Vorgehen der Antisemiten entschieden zu verurtheilen. Denn in ganz gleichen oder wenigstens analoge» Fällen kann nur derjenige diainctrat entgegengesetzte Ansichten bekunden, der sich nicht von dem Wesen der Sache, sondern von zufälligen Rebenumständen leiten läßt. Wen» aber letztere gänzlich belanglos sind und nichtsdestoweniger in allen Fällen das ausschlaggebende Moment für eine Partei bilden, so muß man diese wirklich auch bedauern. Die geistige Impotenz ihrer Vertreter zwingt sic, bei den Gegnern eine Anleihe zu machen, um mit Hilfe einer billigen Umprägung —- Kapital daraus zu schlagen. Robert Drill. Dcljanow und die Juden. i'Trigiiim-Miitbtilung des »Freien BlatleS".) Petersburg, 2. Tecember. Als der nunmehrige Graf Dcljanow Ende 1S81 jum russische» »Minister der Volksaufklärung", wie in Rußland das Report für Eutins und Unterricht bezeichnet wird, ernannt wurde, widmete das damals in Moskau erschienene liberale Journal »Moskowskij Telegraph" dieser Ernennung folgende denkwürdige Zeilen: »Tie Volksbildung und der allgemeine Unterricht in Rußland sind durch die Ernennung Tcljanow's arg bedroht; die russische Eultur, welche noch i» den Kinderschuhen stecke, erhält dadurch einen tödtlichen Schlag. Wir flehen die Regierung an: Traget nicht diese verweste Leiche rn den Tempel der Wisienschaft, sic wird die Last verpesten." Das muthige und frcibcilsliebende Vlatt, das gewagt hatte, diese Mahnung an die Regierung zu richten, wurde kurze Zeit darauf unterdrückt, und Teljanow übernahm die Leitung des Ministeriums für „Volksaufklärung", die er noch heute in den Händen hat. WaS Teljanow in feiner Eigenschaft als russischer Minister für Cultus und Unterricht für den Rückschritt und für die Verfinsterung der Geister im Czarenreiche geleistet, das wollen wir hier nicht näher untersuchen; wir wolle» hier nur die vcrhängnißvolle Thäligkcit dieses Mannes schildern, iinoe'erne sie auf die Juden in Rußland Bezug hat. Zwei Verordnungen, welche der russische „Minister der Bolksversinsterang", wie die russischen Liberalen, den Grafen Teljanow nennen, soeben erlassen har, geben unS leider actuellcn Anlaß, die judenfcindlichc Thätigkeit dieses Mannes an den Pranger zu stellen Teljanow bedeutet für Bildung und Aufklärungin Rußland dasselbe, was Oberprocuror PobedonoSzcw für die Gewissensfreiheit und religiöse Toleranz bedeutet. Beide, PobedonoSzcw und Teljanow, haben das Rußland Alexander'- II. auf die Principien Jwan'S des Grausamen zurückversevt. Beide haben die Fundamente des Staates — die Volksbildung — untergraben, und Grundsäven Geltung verschafft, die jede Erweircrung von Bildung und Eultur unmöglich machen. Keiner der gegenwärtigen russischen Machthaber hat die Judenverfolgung in Rußland mit solchem Eifer, mit solch fanatischer Wuth gefördert, kciitcr hat diese menschenunwürdige Strömung so begünstigt und großgczogcn, wie Pobedonoszew und Teljanow. Tie Stellung Pobedo- »oszcw'S zu de» Judenverfolgungenin. Rußland haben wir in einem unserer Briefe an das „Freie Blatt" bereits gekennzeichnet; auch die Haltung Tcljanow's gegenüber den Jud^n ist durch den berüchtigten „^ercentiap" schon bekannt geworden. T icscr Mann hat ein ganzes BerfolguNgSsystem geschaffen, das wie ein immer beengenderes Gewebe das Leben und Streben der jüdischen Jugend seil nahezu anderthalb Teccnnien umstrickt. Ter „Vercentsav" für -jüdische Aerzte im russischen Heere, der „Pcrcentsap" ftir die Juden in den höheren Lehranstalten im Reiche, die bekannte Verordnung, welche die Juden bei Verleihung von Preisen und Belobungsdiplomcn beeinträchtigt — dies Alles ist einzig und allein dem Judenhasse des „Ministers der Volksaufklärung" zu danken. Sburar im russischen Unterrichtsministerium zwei Männer, der Adlatus des Minisrers, Fürst Wolkonskij, und der Tirector des Tepartcmenis für fremdländische Eonfessionen, Fürst Kantacuzen, vorhanden sind,'die den judcnfcindlichcn Ansichten^Tcljanow's nicht huldigen, gelang cs dem Minister doch, die oberste Gewalt' für seine Jndciweifolgiingeplänc zu gewinne». Und so kam cs, daß Graf Teljanow der jüdischen Jugend in Rußland fast jede Möglichkeit benahm, durch Bildung und Wissen dem Staate und der Gesellschaft zu nütze». Um nun zu erfahren, von welchen Impulsen Graf Teljanow sich bei seinen Judenverfolgungen leiten läßt, genügt eS, folgende Thatfache zu constatiren, die den rechtlich denkenden Theil der russischen Gesellschaft in großes Mißvergnügen verseht hatte. In Moskau bestehen bekanntlich medicini'ch- Enne für »Frauen. Es ist dies eine vollständige medicinische Facultät, wo die russischen Frauen sich den Doktorgrad erwerben können. Der Schöpfer und Tirector dieser höheren Lehranstalt für Frauen ist der berühmte russische Gelehrte und Naturforscher Professor Gerie. Ta die Anstalt von der Regierung keine Geldsubsidien erhält, ist sie auf die Privatwohlthätigkeit edler russischer BildungSfrcunde angewiesen. Unter diesen befinden sich auch zahlreiche Juden, wie Poljakow, Malkiell, Scherschewskij re., die durch namhafte Geldspenden den Bestand und die Existenz der Lehranstalt sicherten. Diese Thatfache allein sollte doch dem Unterrichtsministcr genügen, seine bekannten Bestrebungen nicht auch auf die medicinische Francn-Lchranstalt zu Moskau auszudehncn. Graf Dcljanow ist jedoch anderer Ansicht: das jüdische Geld heißt er willkommen, die Jüdinnen selbst aber drängt er zurück. Und als Professor Gerie an das Ministerium das Gesuch richtete, man möge den Jüdinnen gestatten, die medicinische Fraucn-Lchranstalt zu Moskau unbehindert zu beziehen, wurde ihm geantwortet: »Zu den Aufgaben des russischen Ministeriums der BolkSaufklärung gehört es nicht, die Bildung der russischen Juden und Jüdinnen zu fördern." Diese Antwort kennzeichnet die Politik Tcljanow's gegenüber den Juden in Rußland auf das Trefflichste. Es wäre deshalb reine Thorhcit, von diesem Manne irgend welche Rücksicht für die bildungsuchcnd'en Juden zu erwarten. Aber die zwei soeben publicirten Verordnungen, die der illustre Leiter des russischen Unterrichtswesens gegen die Juden in Rußland verübt hat, übertrcffen durch ihre Härte alle früheren Befehle und Erlässe auf diesem Gebiete. Bis jetzt pflegen die Juden, welche das Gymnasium oder die Realschule absolvirtcn, persönlich nach einer Universitätsstadt zu reisen und die Gesuche um Aufnahme in eine Facultät selbst einzureichen, um dann die Entscheidung ihres Schicksales auf Grund des famosen „Percentsatzes" abzuwarten. Biele dieser Juden, die ihre Maturitätsprüfungen mit Auszeichnung abgelegt haben, erschienen selbst auch im Ministerium, um Gnade zu erflehen, und so war hie und da der Fall zu verzeichnen, daß ein oder der andere Jude durch persönliche Vorzüge sich die Aufnahme in die Universität trotz des „Percentsatzes" erwirkte. Nunmehr hat Graf Teljanow anbefohlen, daß die Juden nicht nach Petersburg kommen dürfen, um beim Ministerium Fürbitte einzulegen. Die Juden, welche, um diesen Zweck zu erreichen, hieher kommen sollten, werden nunmehr binnen vierundzwanzig Stunden aus Petersburg verwiesen. . . Das Ministerium, das die Gesuche von Jgden um Ausnahme in diese oder jene Universität zurückwies, hatte wqhrlich nicht nöthig, diese neuerliche ziellose Grausamkeit gegenüber den bildungsuchenden Juden zu üben! Die zweite Verfügung des russischen „Ministers der Volksverfinsterung" betrifft die jüdischen Pharmaceuten in den Petersburger Apotheken. Dieser Erlaß ordnet nämlich an, daß die Petersburger Apotheker nur 3 Percent ihres gcsammten Personales den jüdischen Pharmaceuten entnehmen können. Herr Teljanow, der, wie hier bestimmt verlautet, den russischen Minister des Innern zu dieser Verordnung veranlaßt hat, scheint ohne Judenquälerei üicht ruhig schlafen zu können; wenn in seinem Ressort Mangel an Anlässen zu einer neuerlichen Judenverfolgung eintritt, nimmt er seine Zuflucht zu einem anderen Reffort, denn seine Parole lautet: „Ohne Judenquälerci keine Seligkeit." Xrxus. Die Zustände in Sachsen. . Ein hervorragendes national-liberales Organ, das „Leipziger Tageblatt", findet sich bewogen, eine Zuschrift zu veröffentlichen, welche die tonangebenden Persönlichkeiten in Leipzig auffordert, sich endlich zum Widerstande gegen die Tivoli- und anderen Antisemiten aufzuraffen. Der Verfasser dieser Zuschrift bedient sich einer sehr milden Ausdrucksweise, und häufig nennt er die Mißstände nicht beim rechten Namen, sondern er begnügt sich damit, sie anzudeuten. Er spricht davon, daß berufene Personen der antisemitischen Bewegung »nicht rechtzeitig genügenden Widerstand" entgegengesetzt haben. Thatsächlich haben national-liberale Führer in Sachsen und insbesondere in Leipzig dem Antisemitismus geradezu Vorschub geleistet; sie haben nicht bloß, wie cs in der Zuschrift heißt, eine „kleine Schwenkung nach rechts" gemacht, sondern geradezu die Principien des Liberalismus verleugnet. Der Verfasser stellt die Frage, ob man denn vergcffen habe, daß Leipzig eine große Handelsstadt sei. In Wirklichkeit hat die aus Fahrlässigkeit und Mangel an Gesinuungstreue geförderte antisemitische Agitation die commerziellen Jntereffen Leipzigs beeinträchtigt. Dies konnte man auch gelegentlich der letzten Leipziger Messe wahrnehmen. Nicht bloß jüdische, sondern auch viele christliche Geschäftsleute, angewidert durch die ConfcssionS- und Racenhetze, suchen, wo