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Freies Blatt · 1893-12-10 · 88 (10.12.1893) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
88 (10.12.1893)
Date
1893-12-10
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Rrdaction: I. Seilerstätte 10. Adomtemeatspreis: «Sanijabrig mit Postzukndung.fl. 2.50. Haidiährig fl. 1.25. BierleljSIirig ... fl. —.*15. Einzelne Nummern 4 kr. Unfrankirle Briefe werden nicht angenommen 0rgan zur Abwehr des Antisemitismus. Erscheint an jedem Sonntage.?(bniiniftrntioti: I. «fHtritnttt-ln. Inserate werden mit w kr. uir die viermal >v. waltenc -ionvarciue^ilc tcvettjiM. Planer Uv da>> Wort L kr. ^luntatimc von Inseraten in nni'erer Administration sowie im Annoncenbure.n! M- Tuke?. l. WoUzcile , Nummer 88. Vien, 10. Derenlber 1893. II. Jahrgang. - Antisemitische Mirthschastspolitik. Die national-ökonomischen Anschanungcn haben in, Laufe der Zeit mancherlei Wandlungen erfahren. Bon dem Systeme der excessiven Bevormundung ist man in der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts' zur doctrinäreu FreihandelSpolitik' übergcgangcn. Seit den Sievzigerjahren hat sich eine neue — die socialreformatorifche — Richtung herausgebildet, die das freie Spiel der wirthschaftlichen Kräfte verwirft und der öffentlichen Gewalt, dem Staate und der Gemeinde einen maßvollen Einfluß auf die Gestaltung des WirthschaftSlcbens zuspricht. Im Zusammenhänge damit haben sich auch die Ansichten über die Zweckmäßigkeit der Berstaatlichung von Berkchrsmilteln u. s. w., beziehungsweise der Uebernahme derselben in die Gcmeinderegie, geändert, indem man derartige Actionen heute durchschnittlich häufiger empfiehlt als früher. Es ist nun wohl selbstverständlich, daß auch diese neueste Schule nicht den Anspruch erheben kann, die alleinseligmachende Wahrheit zu verkünden. Jedermann hat das gute Recht, wirthschaftliche-Angelegenheiten selbstständig zu prüfen, um auf diesem Wege zu allgemeinen Priiuapien zu gelangen. Dagegen darf man wohl verlangen, daß diese nicht im Handumdrehen in ihr Gegentheil verkehrt werden, besonders nicht von denjenigen, die als Lehrer oder Politiker gehört werden wollen. Unsere Antisemiten haben diesen Gedankengang, der sich jedem gesunde» Hausverstande zur Annahme empfiehlt, niemals zu dem ihrigen gemacht. Diese Partei, die ihren ganzen Einfluß lediglich dem Umstande verdankt, daß sie sich für eine „Wirthschaftspartei" auSgibt, hat ein keineswegs neues, aber sehr gefährliches Princip alS- Basis ihrer national-ökonomische» Thätigkeit acceptirt. ES lautet: Opposition um jeden Preis und in jedem Falle. Bom Standpunkte der Bequemlichkeit ist diese Art von Socialpolitik entschieden zu empfehlen. Man läßt Andere für sich denke», nimmt eine gefällige Pose ein und behauptet kurzweg das Gegcntheil. Dies und einige wohlangebrachte Schlagworte verfehlen dann selten, dem OppositionSmann in gewissen Bevölkerungökreisen den Ruf eines „Charakters" zu verschaffen. Zur Illustration dieser Thatsache erinnern wir nur an die Haltung der Antisemiten gegenüber der Palutarcgulirung. Gegen Diese haben sich auch Pfänner ausgesprochen, deren ehrlich-liberale Gesinnung über jeden Zweifel erhaben ist. Allein Niemand hat ihnen daraus einen Vorwurf gemacht, da man die von ihnen vorqcbrachten Gründe zu würdigen verstand. Weil aber die große Mehrzahl der liberalen Politiker und die freisinnige Presse für die genannte Action eingetreten sind, hatten die Antisemiten nichts Eiligeres zu thun, als — Bolksversammlungen einzuberufen, um vor einem Publicum, das über diese Frage — ohne demselben im geringsten nahe zu treten — nicht orientirt sein konnte, die Balutaregulirung per inajora verdammen zu lassen. Gevatter Schneider und — Lueger vermieden es natürlich ängstlich, in das Meritorische der Sache einzugehen. Einen weiteren äußerst lehrreichen Beitrag zur Geschichte der antisemitischen Wirthschaftspolitik lieferte die Stadtbahnfrage. Die Antisemiten setzten sich ursprünglich auf das Wärmste dafür ein, daß die Gemeinde die Stadtbahn in eigene Regie übernehme. Man bekam in den GemeinderathSdebatten -die unglaublichste» Dinge zu hören; die Worte: Protection, Eorruption, Paschawirthschaft u. s. w. spielten wie gewöhnlich keine kleine Rolle. Kaum hatten jedoch die Antisemiten zu ihrem nicht geringen Erstaune» erfahren, daß in den liberalen Kreisen die Slinuinuig für Verstadtlichung durchaus keine ungünstige sei ja, daß gerade Mitglieder der Majorität es waren, welche, der Regierung gegenüber das Princip der eigenen Regie vertraten, zogen si sich nnaiigenchm berührt zurück; ihre Begeisterung ist plötzlich geschwunden, und die spärlichen Enunciationeu, mit welche» seither ihre Pirtciprcsse diesbezüglich hervortritt, lassen an Farblosigkeit nichts zu wünsche» übrig. ■- Das neueste derartige Stückchen haben sich die Antisemiten in der GkineinderathSsitzung vom 5. Dccember geleistet. Sladtralh Noske beantragte die Einrichtung der eigenen Regie -in de» städtischen Steinbrüchcn in Maulhausen und Marbach. Die,Opposilion stimmte mit Ausnahme einiger ^weniger Mitglieder — gegen die eigene Regie und konnte garnicht begreife», warum inan den, bisherigen Pächter seinen Verdienst entziehen wolle. Um die Eonsequenj dieser Herren gebührend zu würdigen, müssen wir nochauf zwei Vorkommnisse der letzten Zeit zurückgreife». In der SiadtreinigungSangelegenheit sprachen sich die Antisciniten entschieden dagegen auS, daß der Eoutract mit der Transportgesell, schüft erneuert werde, obzwar letztere ihren Verpflichtungen durchaus nicht schlecht nachgekommen war; allein die Anliscmilcn erklärten sich als die unbedingte» Anhänger des Vcrstadtlichungprincip.s und scheuten sich — natürlich mir aus purer Grundsatzireue' nicht, einen Mann;um Märtyrer;.t stempeln, dessen eia raklerfestigkcit in einem sehr bedenklichen dichte erschien, der sich aber von ihrem „Standpunkte" auS in der V.rstadllichungssrage ein „Verdienst" erworben hatte Als man ihnen dies in der erwähnten Gemeinderathösitzung vorhicst; brachte ein auliiennlischcr Redner zur Rechtfertigung der Opposition eine wimdersam seine Unterscheidung zwischen einer Gesellschaft und einem Geschäfts manne zu Tage: „eine Gesellschaft sauge wie ein Schwamm Alles auf, der Geschäftsmann müsse aber Steuer zahlen!" Man -weiß wahrlich nicht, ob man dieser Talentlosigkcit gegenüber noch Worte verlieren soll. Es dürfte vielleicht dieser Leuchte der anliseinilischen Partei nicht ganz unbekannt sein, daß aüch Gesellschaften Steuern zahlen und gerade in dieser Beziehung vor dem Privaten nur — Nachtheile voraushabe», da sie durch die gesetzliche Verpflichtung zur öffentlichen Rechnungslegung nicht in der rage sind, gleich anderen die gangbare Steuermoral zu übe». Jener dunklen Rede klarer Sinn scheint aber wohl der zu sei», daß die Opposition gestern für, heute gegen die Verstadtlichung sein müsse., weil es sich im ersten Falle um rine „v-'cv verjubele" Gesellschasc. im letz teren um einen — Gesinnungsgenossen handelt. Denn auch gegen Einzelunternehmer ist man auf dieser Seite nicht immer so tolerant, wie man. aus jener berüchtigten Interpellation Stciuer's ersah, in welcher der Majorität, beziehungsweise dem Präsidium gegenüber der furchtbare Verdacht ausgesprochen wurde, daß städtische Stein ' 'brüche an einen Einzelpächter begeben worden seien, und daß dieser Einzelpächter — der leibhaftige Präsident des Abmehrverciucs — dabei ein gutes Geschäft mache. Nachträglich stellte sich allerdings' durch eine gerichtliche Untersuchung heraus,, dag der. Pachter jenes Steinbruches keineswegs der Präsident des erwähnten Vereines iei, pnd damit scheint denn auch die Sache. für die Anlisemilcu ihre national-ökonomrsche Bedeutung verloren zu hgben.' Wir glauben mit diesem inlcressanicn Falle abschließe» zu können. Für den ehrlich und logisch denkenden Menschen ist jede einzelne der angeführten Thatsachen hinreichend, einen Maßslab für die Beurtheilung der antisemitischen Partei abzugcben. Man muß

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