Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 87 (3.12.1893)
- Date
- 1893-12-03
- Page
- [Seite] (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/4886575-5439157-5441473--0963-4887451- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 10. Freies Blatt. Nr. 87. Englands, sondern das Glühen des Südens unter der zarten Haut; sie war in einen Seidenstoff gekleidet, der im Lampenlichte von Goldfäden und kostbaren Steinen funkelte; ihre bloßen Arme waren mit goldenen Armbändern beladen, um ihre Knöchel lagen Spangen und Goldringe, ihre Finger waren mit Ringen bedeckt, goldene Ketten lagen nm ihren Hals, Golddraht glänzte in ihrem Haare. Sie war eitel Gold. Mit einer Geberde der Ungeduld stieg sie vom Ruhebette herab. Ihre Mägde erhoben sich und standen erwartungsvoll da. „C," rief sie, .den ganzen Tag — jeden Tag — Blumen und C'bft, Liebeslieder, Erzählungen von Kobolden, Tanz, feine Kleider; das ist Alles, und weiter gibt es nichts." Melkah lachte. »Was besitzt die Welt mehr? Die Königin möge Geduld haben. Sie besitzt Alles, was man besitzen kann. Wenn - Jugend und Schönheit vergehen, vergehen diese auch. Die Königin möge sich ihrer Jugend und Schönheit erfreuen." ' Bon außen hörte man plötzlich ein mächtiges Jauchzen und Trompetengeschmetter. , „Es ist der König!" sagte Melkah. Alle Prinzen des Königreiches sind bei ihni. Das ist die siebente Rächt des großen Festes. TeS Königs Herz ist froh. Die Prinzen .trinken seine Gesundheit aus goldenen Gefäßen. Möge der König ewig leben! Leben, Jugend, Stärke, Sbst und Wekn, und das Fleisch von Lamm und Antilope und die Sängerinnen und die Tänzerinnen und die Liebe seiner Favoritin — was ist da mehr zu verlangen? Ist der König müde aller jener Sachen, nm welche die Menschen beten, und die nur die Könige ganz genießen können? Sei zufrieden, o Königin, mit dem, was den König befriedigt." DaS Jauchzen dauerte fort. Des Königs Lustbarkeiten waren nie bevor, so laut gewesen. Aber es war die letzte Rächt, und am Morgen sollte jeder Prinz wieder in sein Land zurückkehren. Tie Königin lauschte. „Sie sind voll des Weines," sagte sie. Sie werden noch mehr trinken. Dann werden sie nicht wiffen, was sie thun oder sagen. Aber sie befehlen, und die Wsljmuß gehorchen." Dann hörte man draußen Stimmen und Schritte, der Vorhang wurde beiseite geschoben, und ein dicker, plumper Reger trat ein; er verbeugte sich bis auf die Erde vor der Königin. „Sprich, Harbona," sagte Baschti. „Der König hat gesprochen. Er hat gesagt: .Rufe meine Kämmerer, jene, welche in meinem Palaste dienen, heiße sie, Baschti, die Königin, vorführen. Setzt ihr die goldene Krone aufs Haupt, bringt sie her, damit die Prinzen, meine Freunde, und das Bolk — ja, das ganze Bolk — ihre Schönheit erschauen können, und damit sie erfahren, wie das Weib beschasien ist, das den König entzückt.' So sagte der König." Baschti erglühte heftig und erbleichte ebenso rasch. „Sprich diese —Worte noch einmal," befahl sie. „Es wäre möglich, daß ich schlecht gehört habe." f Der Sclave wiederholte seine Worte und schloß wieder: „So sagte der König." „Ist der König trunken? Ist der König vom Weine toll, daß er so etwas anordnet?" fragte Baschti. „Habe ich den König erzürnt, daß er mir eine solche Schande zufügt? Bin ich ein Weib auS dem Bolke — Eine, die sich nicht schämt, ihren Schleier für jeden Fremden zu lüften? Bin ich ein Weib aus dem Bazar? Bin ich geringer als die Geringste meiner Dienerinnen?" Der Sclave entgegnete wieder: „So und so sagte der König." „Geh'!" rief die Königin. „Sage dem König, daß ich dies nicht thun will! Ich will ihm nicht Gehorsam leisten zu meiner Schande." „Rein," sagte der Sclave. „Ter König hat's befohlen. Meinen Kopf dafür!" „Deinen Kopf, Sclave? Was kümmert mich dein Kopf?" „Bielleicht," sagte Melkah — während alle Mädchen sich angstvoll um die Königin geschaart hatten — „vielleicht scherzt der König. Geh' zurück, Harbona, sage, daß Baschti, die Königin, fragen läßt, ob das in Wahrheit des -Königs Wunsch sei, oder, ob der König scherzt. Geh'!" „Geh'!•" rief Baschti mit blitzenden Augen. „Geh'! Frage nicht, ob der König scherzt — es wäre ein trauriger Scherz — aber . sage, daß Baschti, die Königin, ihm in diesem Falle nicht gehorchen will. Geh!" Der Sclave entfernte sich. Alle lauschten. DaS Jauchzen hatte aufgehört. Die Zecher waren still geworden. „Sie warten auf die Königin," sagte die Alte. „Sie sind hungrig nach der Schönheit der Königin." Alles blieb still. Tann schickte sich Baschti an, ihre Prunksachcu abzulegen. Sie löste den Golddraht los, welcher ihr Haar sestgehaltcfi hatte, so daß es sie nun umgab wie ein Gewand: sie nahm ihre Halsketten, Armbänder, Spangen und Ringe ab, auch ihr prächtiges Kleid, und stand nuy da in einem einfachen Gewaade, wie ihre eigenen Dienerinnen. „Schwestern," sagte sie, „ich bin nicht länger Baschti, die Königin, ich bin Baschti, die Dienerin, Baschti, die Magd, die in Ungnade gefallene, verachtete Baschti. Aber ich habe mein Antlitz nicht gezeigt, o, über die Schande — bei deS Königs Fest vor den Augen jener Männer." Die Mädchen antworteten nicht. Sie waren zu sehr erschreckt, um reden zu können. „Melkah," sagte Baschti, „erzähl^ mir wehr von jenem Weibe, das frei war —" Der Borhang fiel. Der erste Act war zu Ende. Die Schauspielerinnen schlüpften zwischen den Borhängen durch und liefen ins größere Zimmer. „Run, Mutter?" fragte Franziska, ihr langes Haar zurückstreichend. „Wie geht's soweit?" „Sehr gut. Ueberstürzt es nicht. Der Tanz hätte länger sein sollen. Eure Kleiner sind sehr schön, meine Kinder, und der Dialog ist nicht za lang. Ich beglückwünsche dich, Franziska, zum ersten Acte deines ersten Stückes. Zieht nun wieder den Borhang in die Höhe zum zweiten Acte!" Franziska mit einigen Mädchen ging hinter den Vorhang, alle Uebrigen nahmen Platz und vermehrten das Publicum. Als der Vorhang das zweitemal gehoben wurde, sah man in ei» kleines Zimmer, an dessen einer Seite ein langer Divan stand, sonst war wenig Zimmergeräth da, nur -ein Fach mit einer Reihe von Phiolen darauf. Ein irdener-Wafferkrug stand in einem Winkel; der Divan war mit Kiffen bedeckt, vor dem Fenster hing ein großer Vorhang, welcher dem Lichte der Sonne den Eingang verwehrte; ein offener Thorweg, welcher auch zum Theil mit Vorhängen versehen war, mündete in eine niedrige, strohgedeckte Veranda, die auf zwei Pfählen ruhte. Jenseits der Veranda lag der von Menschen erfüllte Bazar. Man hörte, oder glaubte zu hören, das murmelnde Stimmengewirr der Händler, die leisen Stimuien derjenigen, welche anbyten, und die schrillen Töne Derjenigen, welche abschlugen. Das war das Haus Melkah's, der weisen Frau aus Syrien, welche Geschichten erzählte und Zaubermittel verkaufte, krankes Bolk heilte, viele Geheimniffe besaß und in Harems sehr gesucht war. Melkah selbst lag unordentlich gekleidet in einem Winkel des Divans, am Thürpfeiler lehnte die große Gestalt einer jüngeren Frau, welche verschleiert war, obwohl kein Mann anwesend und dies das Zimmer einer Frau war. „Fünf Jahre ist's," sagte diese Figur, und die Zuhörer stutzten, weil sie die nicht zu verkennende Stimme Baschti's hörten — klar, deutlich, wohllautend, „fünf Jahre, Melkah, seit ich a»S dem Palaste floh und hier Zuflucht suchte. Lieber den Tod, wenn ich erhascht werde, Tod in seiner ärgsten Form — als die Dienerin meiner Rachfolgerin zu sein. Ich fand bei dir Dbdach, in dieser Hütte nahe der Wüste, wo uns nur von Löwen und Schlängen Gefahr droht." „Ja, es sind fünf Jahre. Erinnert sich Baschti der Bergangenheit und beklagt sie dieselbe?" „Richt so sehr. Dm hast mich deine ganzen Geheimnisse gelehrt, im Palaste haben sie mein vergeffen; des Königs Kämmerer durchziehen die Stadt, aber sie lüften keines Weibes Schleier. Ich denke, daß mich Niemand, selbst im Palaste, jetzt erkennen würde. Ich bin ganz sicher. Und ich bin frei — frei — frei. Warum hast du um niich gesandt, Melkah?" „Gestern war ich im Harem, und ich sah sie — deine Nachfolgerin, Baschti — Esther, die Königin." „Tu sahst sie. Du sahst Esther, die Königin, welche den König entzückt," sagte Baschti langsam. „Sie sandte nach mir. Sie wollte mich insgeheim sprechen. Sie kannte mich als weise Frau, welche Geheimnisse bewahren kann und Zaubermittel verkauft. .Gib mir,' sagte sie, .das Geheimniß der Liebe, ich möchte daS Herz des Königs sesthalten.' Run, ich wollte nicht verstehen, und fix gestand mir, daß der König ihrer müde werde, und daß sie fürchte, ihre Schönheit verschwinde und ihre Macht nähme täglich mehr ab. Ich sagte ihr, daß ich wirklich eine weise Frau sei, aber nicht so weise als eine Andere, welche ich kenne, daß, was sie wünsche über meine Kräfte gehe; wenn sie aber zu diesem armseligen Hause kommen wolle, ganz allein, dann würde sie die andere weise Frau treffen." „Sie wird Herkommen — mich zu sehen — Esther, die Königin mich zu sehen!" „Baschti, nun ist die Stunde der Rache gekommen. Gib ihr etwas, daß ihre Schönheit plötzlich eintrockne, in einem einzigen Tage, daß sie alt und runzelig werde wie ich, wie Melkah, die Syrierin, die auch einst jung war und schön. Das ist d:ine Stunde, o Baschti!"