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Freies Blatt · 1893-12-03 · 87 (3.12.1893) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
87 (3.12.1893)
Date
1893-12-03
Page
[Seite] (sequence 9)
Language
German
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Nr. 87. Freies Löwenfell lag übcr dem niedrigeren Iljcil, Mopf und Bordcrfüßc hingen herab. Ei» anderes Löwenfell lag am Boden, und ftitftn von Seide lagen zerstreut umher. In der Ecke lehnte eine Guitarre oder eine Mandoline. Abend war's, und das Mondlicht lag auf den Palmen und Orangenbäumen draußen. Eine Hängelampe warf ihr niattcs, färbigcs Licht über das Gemach, nicht Licht genug spendend zum Lesen . oder.zum Arbeiten, aber im Zimmer der Königin wollte doch Abends Witmanb lesen oder arbeite». Tic Schönheit der Königin zu sehen, war's licht genug, licht genug zum Plaudern—Tanzcn — Singen. Wozu denn mehr Licht? „Der Schirm übcr der Lampe ist zu modern," sagte die Zuhörerin. „Tu mußt eine Lampe haben — doch . . . Ich möchte wissen, was sie in Assyrien für Lampenschirme halten?" „Wir wollen gefärbtes Glaö nehme»," erwiderte Franziska. , Es weiß doch Niemand, wie altes Glas aussicht." „Sehr gut — Und Niemand wird frage», denke ich'. Steht ans, Mädchen, laßt mich eure Kleider sehen! Ja, wirklich, sehr gut, ihr sehet wirklich aus, als ob ihr gerade aus dem britischen Mnscum kämet. Großartig. Nun nehmt wieder eure Stellungen ei»! Könnte nicht die Gruppirung etwas verbessert werden? Denkt, ihr seid der Königin Dienerinnen! Dreht eure Köpfe nicht in dieser-Richtung — ihr dürft für nichts Augen haben, als für die Königin. Während Mclkah ihre Geschichte fortsctzt, müßt ihr den Eindruck hcpvorbringcn, als ob ihr die Königin bewachtet und zugleich auch zuhörtct. Elara, »iciuc Liebe, du wirst singen. Rinn» die Laute und greif ab und zu leise in die Saiten, das sicht aus, alö ob du an deine eigenen Pflichten dächtest, und außerdem wird ab und zu ein Don die Stiinmen hervor heben. Werdet ihr Abends tanzen?" „Ja," sagte Aranziska. „Jetzt ist die leptc Möglichkeit etwas zu verbcffern." „Sehr gut. Bitte, fahret fort!" Auf dem mit Kissen bedeckte» Lager ruhte ein Mädchen, Franziska Elvcda selbst — nicht schlafend, aber traumnmfangcn, mit halbgeöffneten Augen. Sic lag ans einer Seite, den Arm unterm Kopfe. Sic war jung, soviel konnte man bei dem matten Lichte sehen, vielleicht zwanzig Jahre. Ein leichtes Seiden kleid bedeckte sie vom Kopf bis zu den Füßen; das Mondlicht fiel auf das untere Ende des Lagers und ließ die Umrisse ihrer Gestalt deutlich hcrvortrctc». Ihre blaue» Augen glühten und funkelten in dem warmen, rothcn Scheine der Lümpc. Das war die Königin Baschli, deren Schön heit den König entzückte. Nahe ihrem Haupte stand ei» Mädchen mit einem großen Fcderfächcr. Ein halbes Dutzend Mädchen — der Königin Dienerinnen — lagen oder saßen im Zimmer herum in verschiedenen Stellungen — die Härte des Fußbodens war durch die Kissen gemildert. Eine lehnte am Pfeiler, eine saß ans orientalische Art; eine Dritte lag geneigt; eine Bicrtc hatte den Kopf im Schoße der Ersten ruhend, eine nahm die Mandoline und griff nach dem Wunsche der Zuhörenden von Zeit zu Zeit in die Saiten. Ein kleines altes Weib mit zahllosen Runzeln,saß in der Milte und erzählte eine Geschichte, während die Anderen zuhörtcn. Aber sic hörte» achtlos;», entweder, : weil sie schlechte Schauspieler waren, oder weil sic besorgt waren, nicht die geringste Bewegung ihrer Herrin zu übersehen, oder weil sic die Geschichte schon kannten. Die -letzte Mrithmaßnng erklärt ihre Gleich giltigkeit wohl am beste», denn das Repertoire der orientalischen Geschichtenerzähler ist, obwohl cs umfangreich ist, de» orientalischen Zu, Hörern meist wohl bekannt. Tic Alte trug auch ihre beschichte m : jenem schrillen Singsang vor, in welchem der moderne Araber seinen Koran liest. - ' J) >,So," sagte sic, „als der Dämon sah, daß er gefangen sei und auf keine andere Art frei werden könnte, als wen» er den zwei Mädchen, die ihn gefangen hatte», Gehorsam gelobte, willigte er ein. ,Sagt mir,' sagte er, was Ihr haben wollt.' DaS erste Mädchen erwiderte: ,Jch möchte Liebe haben — die Liebe des größten lebenden Königs — ich möchte Königin des Harems sein, Selavcn und Kämmerer und eine goldene Krone ttnd seidene Kleider und Spangen und Ketten und' — ,Genug,' sagte der Dämon, .das kann ich für euch Beide gewähre».' Aber die Andere schüttelte den Kops. ,Jch wünsche,' sagte sic, ,keines ManneS Sclavin zu sein. Laß mich, allein unter' Frauen, frei sei».' ,Das kann auch geschehen,' sagte der Dämon. Er schwor bei dem heiligen Namen, und sie ließen ihn frei. j Und er war ein richtiger Dämon, welcher den heiligen 'Namen fürchtete, I denn er hielt sein Besprechen; - cs geschah den Mädchen, wie er versprochen hatte, so daß beide erhielten, waS sie gewünscht. Die Eine empfing Liebe. Sie wurde begehrt von einem Könige, der ebenso groß wät wie König AhaSverus, dessen Reich von Indien bis Acthiopien sich erstreckt. Ter König war entzückt von ihrer Schönheit, gab ihr Sclaven, sic zu bedienen, und Kämmerer, sic zu bewachen, und Dienerinnen, über ihre Schönheit zu wachen, und Gewänder mit Blatt. 1 Stile ü. I Gold und Perlen geflickt und von Diamanten funkelnd sie'wurde I eine Königin wie nun Baschli selbst sein kann." Hier schüttelte Baschti | den Kopf ungeduldig. „Und die Tage vergingen, und während andere Frauen alt wurden und ihre Schönheit cinbüßtcn, blieb diese Königin jung und wurde von Dag zu Täg noch schöner. So treu war dieser Dämon seinem Worte. Aber das andere Mädchen — scncs, welches die Freiheit begehrte, was für eine Frau eine Tollheit ist — sah auch die Erfüllung ihres Wunsches. Als der Dämon sie ''verließ, kehrte sie heim. Und siche! ihre Schönheit verschwand, darum wurde sic nicht verheiratet, sondern von den Frauen verspottet, von den Männern verachtet. Sic lebte abseits und allein und wurde eine mächtige Zauberin. Sie konnte alle Hebel verursachen und heile», sic wurde von jedem Harem gesucht, die Männer fürchteten sic; sie konnte „ für das durstige Land Rege» herabbcschwörcn oder ihn abhalten; die . Schlangen gehorchten ihr und der Löwe streckte sich vor ihr nieder. Aber sic war allein, und kein Mann liebte sie je." „Aber sie war frei," sagte Baschti. „Sie war frei. Wer war glücklicher, die Sclavin der Liebe oder die freie Frau?" „Nein, nicht diese!" sagte die Alte; „die freie Frau mar dem etstcn Weibe des ersten ManneS gleich, von welcher die Juden erzählen, daß sie ihrem Gemahl nicht gehorchen wollte, wofür sic verstoßen wurde; nun ist sie eine Tcufelin und die Gespielin der bösen Geister, und sic wüthct gegen die Kinder jener Frau, die ihren Platz cinnahm, weil sic ihre Kinder gewesen wären, wen» sie unterwürfig gewesen wäre.". , Die Mädchen setzten sich auf und reckten sich. Die Geschichte interessirtc sic nicht. Sic selbst erlebten keine Abenteuer, nie ereignete sich etwas bei den Dienerinnen des Harems, sic hatten feilte Wahl und keine Erlcbnisic. Der König fand keinen Gefallen an ihnen; sie schmachteten in den weichlichen Lüsten dcS inmitten von Gärten! sichenden HauscS. Sic waren licbeloö und kinderlos, sie waren Selaj Vinnen, lutldjc bie Königin bedienten. Baschti erhob den Kopf wieder.! „Die Frau, welche frei war," sagte sic träumerisch, „die Frau, welche! frei wan Sonderbar! Frei zu sein! Mclkah, Syrerin! hast du keine Geschichten mehr zu erzählen von der Frau, die frei war? Mir ist die Frau zuwider, die sich unterwirft und Sclavin ist. Wir alle sind Sclaven. Ja, ja, ich weiß, cs ist unser LoS — und doch" — „Ich weiß keine Geschichte mehr, Königin!-Außer dieser Erzählung von der Frau, die eine Here war, und der Erzählung'von dem ersten ' Weibe, welches dem Könige widersprach und nun ein böser'Geist ist, gebt cs keine übcr Frauen, die frei sind. Frauen können nicht srzi sein, sic gehorchen denen, die für sic kämpfen, und der, welcher kämpft, ist der Herr. So Haben s die Götter befohlen, und so in es am besten für unS." „Singe!" befahl Baschti, indem sie sich wieder zurücklegte und die Auge» schloß.Und cS erhob sich jenes Mädchen, welches Madame Elvcda Elara genannt hatte, spielte auf der Mandoline eine sanfte, aumuthigc Weise und sang dazu eine» Scrailgesang zum Preise der Favoritin des Königs, in welchen die Anderen stellenweise einfiele». „Ein ("üitcii, ein umhegter Garte» ist dcS Königs Licblingsfrau," sagte Mclkah, alö der Ehor geendet hatte, indem sic die Schlußvcrse des Liedes aufnahm. „Eine verschlossene Duelle, ein versiegelter Born. Sic ist wie ein Garteübrunncu, wie ein Born lebendiger Wasser, die vom Libanon stießen. So sagte der weise König, der große König, der das Lied der Lieder gesungen. Er liebte Biele, aber dieses Lied t schrieb er für das Weib, das er vor allen siebte." Die Königin schenkte weder dem Gesänge, noch der Sängerin, noch de» Schmcichcilwortcu der Alten Aufmcrksanikcit. DaS Haupt aus die Hand gestützt, lag sie da und starrte gerade vor sich hin, während ihre Augen zwei Sternen gleich im Lampcnscheinc glühte».' Die Sängerin legte die Mandoline beiseite und wartete auf ein Wort der Anerkennung, aber cs kam keines. Sic setzte sich wieder, und alle waren still und bewachten ihre Herrin. Da»»'athmctc die Herrin rascher und erhob de» Kopf: * , . „Singt mir vor! Tanzt mir vor! Berscheucht mir die Gedanken," rief sie. Zwei Mädchen sprangen auf, faßten sich bei den Händen und begannen zu tanze» — langsam, ruhig, anmuthsvoll: das Mädchen spielte wieder dazu die Mandoline, als ob der Tan; ein Sang wäre und sie dazu die Begleitung spielte. Die Königin sah zu, aber achtlos. Der Tan; hatte nicht die Macht, sic von ihren Gedanken ubzuwenden: Kaum, daß sic fünf Minuten getanzt hatte», winkte die Königin und der Reigen war zu Ende. Baschti warf die seidene Bettdecke von sich und sprang »»geduldig auf. Sie war größer als der Durchschnitt, viel größer; eine Fülle braunen Haares lockte sich um ihr Haupt, aber ihre Augen waren blau, tief dunkelblau, ihre Gesichtsfarbe weiß und ein Hauch von Farbe in ihren Wangen — nicht der rothc Hauch

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