Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 87 (3.12.1893)
- Date
- 1893-12-03
- Page
- [Seite] (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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/ Seite 11 Nr. 87. Freies „Rache? Warum sollte ich Rache nehmen an diesem Weibe? Sie | ist eine Sclavin, ich bin frei. Sie will »och Selavin bleiben, ich will i noch frei bleiben. Laßt sie nur kommen." Während sie noch sprach, hielt ein halbes Dutzend nnbischer Selaven, welche zwei oder drei dicht verschleierte Frauen bewachten, vor dem Hause; eine der Frauen verließ ihre Begleiterinnen unter der Veranda, schlug den Vorhang zurück und trat in das schmutzige Gemach. Vaschti ließ den Vorhang ganz über die Thüre fallen, und die drei Frauen waren allein. Vaschti lüftete ihren eigenen Schleier, ihr Gesicht war schmäler geworden. Sie hatte eS leicht braun gefärbt, so daß sie wie ein Hinduweib auSsah, aber sie war größer als die Frauen jener Gegend. Kein Goldschmuck zierte ihren HalS und ihre Arme, die ebenfalls dunkel gefärbt waren. Die. Neuangekommene sah sich ängstlich um. In dem trüben Lichte erkannte sie wohl Melkah, aber wer war die Andere? „Ist daS deine weise Frau, Melkah?" fragte sie. „Ich bin die weise Frau," erwiderte Vaschti in hochfahrendem Tone. „Dn bist jung, ich dachte, alte weisen Frauen seien alt. Wenn man alt ist —" sie schauderte. „Vielleicht bin ich älter, als ich auSsehe. Vielleicht liegen die Gebeine meines Mannes neben jenen deines Urgroßvaters, Königin." „Du kennst mich also? Aber Melkah sagte dir'S. Ja, ich bin die Frau, die alle Welt glücklich preist. Ich bin Esther, die Königin. Aber ach! Mein Herr, der König, wird meiner Schönheit überdrüssig." „Deine Schönheit schwindet, der König wird deiner Reize müde, deine Macht weicht. WaS willst du? Tie, welche nur ihrer Schönheit wegen herrscht, wird vom Throne verstoßen, sobald di« Schönheit vergeht. Du bist Königin ein Jahr oder zwei. Tann mußt du herabsteigen. Du dachtest, du würdest immer herrschen; warum gerade du?" „Nein, nein. Aber doch ein wenig länger — ein oder zwei Jahre länger — nur ein oder zwei Jahre länger. Es ist nicht viel verlangt. Dann laßt mich zurücksinken in einen Winkel des Palastes, vernachlässigt leben und vergesien sterben." „Du bist jüdischer Abkunft, die Juden lieben die Macht mehr als ein anderes Volk. Gern suchst du den König' für etwas zu gewinnen. Sie kommen zu dir mit Bittschriften, und du sagst, wartet, wartet! Was des Königs Favoritin thun kann, daS kann ich thun! Dann preisen sie deine Güte. O, ich weiß. Laß mich daS Gesicht sehen, daS vor allen anderen Weibern des KönigthumS beim König Gunst erworben hat, eine solche Gunst, die große Männer stürzen und daS Leben Verurtheilter retten kann. Lüfte deinen Schleier, o Königin!" j Esther gehorchte. Es war, als ob plötzlich Heller Sonnenschein in dies dunkle Zimmer gedrungen wäre und jede» Winkel darin erleuchtete. Beim Anblicke dieses Gesichtes erbleichte Vaschti und zitterte, denn sie sah und anerkannte desien Schönheit. Sie selbst war groß, kalt, herrisch, und stolz. Aber diese- Weib war schön und lieblich, ein mildes, anmuthiges Lächeln spielte um ihre Lippen und saß in ihren sanften und zärtlichen Augen. Ihre Wangen waren rosig angehaucht von mädchenhaftem, kindlichem Erröthen. Das schöne Haar war um ihren lieblichen - Kopf emporgewunden. „Kannst du mir helfen?" fragte Esther. „Warte. Laß mich Nachdenken. ES gab auch andere schöne Weiber im Palaste. Vaschti— jene, welche Königin war, jene, welche sich weigerte, den Prinzen gezeigt zu werden, jene, welche verschwand — und, wie man glaubt, getödtet wurde — jene, welche als schön bekanni war. Menschen ändern sich, ihre Laune wechselt vom Abend- bis zum Morgengrauen. Warum klagst du? Es ist das allgemeine LoS." „Ich klage nicht. Aber ich war so glücklich — fünf kurze Jahre — und ich liebe den König. Er ist immer lieb gegen mich. Laß ihn mich noch ein wenig länger lieben." „Thörin! Du bist eS nicht, die er liebt — nicht Esther. ES ist dein sanftes Antlitz und deine sanften Augen. Von der Esther weiß er nichts. Er hat sich nie mit dir unterhalten. Nun, dein Gesicht kann man vor Verfall nicht bewahren. Melkah wird dir Schönheitsmittel und Dinge zum Glätten deiner Haut und zum Glänzendmachen deiner Augen verkaufen." „Wenn eS nur mein Antlitz ist,, das der König liebt, mache, daß er dieses Antlitz noch ein wenig länger liebt!" „Cs ist' ein schönes Gesicht," sagte jene mit der kühlen Weise einer Frau, welche die Schönheit einer Anderen erkennt und anerkennt. „Ich habe selbst unter den Mägden des Harems kein schöneres Antlitz gesehen. Cs ist ein schönes Antlitz, aber eS beginnt zu verblühen. Es find Linien unter den Augen, die Wangen werden dünner, die Jugend entflieht. Ein paar Jahre noch, und du wirst Melkah da ähnlich sein." Die Augen der Königin füllten sich mit Thränen, aber sie schwieg. Blatt. „Nimm diese Flasche," sagte Vaschti und gab ihr ei» schmales Fläschchen vom Fache herab.-„Trinke davon einige Tropfen. Es feuert das Blut an, erwärmt daS Her; und füllt die Wangen aus. Trinke davon, und du wirst noch für wenige Stunden jung scheinen. Habe noch ein oder zwei Jahre mehr! Tann wird Alles verschwinden, Jugend und Schönheit, Reize und Liebe. Tan» harrt deiner der Winkel des Harems und' Vergesienheit. Besser ist's, du lassest Nacht und Vergessenheit gleich kommen — was liegt an einer Stande Herrlichkeit mehr?" ' „Nein, nein, nein — laß mich noch herrschen, wenn auch nur für eine Stunde länger! Laß mich eine Stunde länger mächtig, stark sein durch Liebe." „Nimm es also. Geh', Königin einer weiteren Stunde." Die Besucherin schied. „Schau, Melkah," sagte'Vaschti; „das Weib möchte noch geliebt . werde». |2ie hält sich für mächtig, weil sie liebkosen, schmeicheln und überreden kann Seht, so mächtig ist der Wurm, der seinen Weg durchs Lebe» sich bahnen kann; so mächtig ist daS Kind, welches seine Mutter überredet. Stark durch Liebe? "Nein, Weiber sind nur . durch List und Betrug stark. Sie verwenden die Liebe ihrer Herren, ihre eigenen Ziele durchzusetzen. Sie, durch Liebe stark? Sie ist nur eine Selavin, welche Gehör findet. "Nur jene Frau ist stark, die frei ist. Ich bin mächtig. Die aber, welche einem Manne angehört, verliert ihre ganze Macht, wenn sie je eine hatte. Ich wollte eine Regentin sein — nicht eine Königin oder Favoritin. Ich wollte auf dem Throne sitzen und den dahin, jenen dorthin senden. Ich wollte Armeen lenken. Ich würde Männer zu großer Würde erheben und Prinzen absetzen. Alles, waS ich bewundert habe, wollte ich thun. Weil ich nicht kann, > sitze ich hier in dieser Hütte und bin eine weise Frau. Auch schon etwas! Dank deinen Unterweisungen, Melkah, bin ich eine Hexe. Ah, hättest du mir im Harem all das gesagt, was ich jetzt weiß, hätte ich den König zu meinem Selaven gemacht und wäre wirklich eine Königin gewesen. Er hätte mir nachkriechen müsse» wie ein Hund, wie der Hund, der er ist. Tu hast mich zur Hexe gemacht, gute Melkah; die Hexen deines Landes sind berühmt. Aber was sind sie gegen mich? Ich bin daS erste Weib auf der Welt, das gewagt hat, ihrem Herrn Widerstand zu leisten. Ich werde nie vergessen werden. In aller Zukunft wird man Vaschti'S, der Königin, nicht vergessen Und ihren Namen in Ehren halten, Pafchti's, der ersten der Empörerinnen, Vaschti'S, welche sich weigerte, die Sclavin des Manne» zu sein." . „Und doch' ist es am besten für die Frau, Weib und Mutter zu sein," sagte Melkah. , * „Nicht für alle Frauen, gute Melkah. ES gibt welche, die geboren winden, um frei zu sein. Tie Früchte und Bluuie», dietLiebeslieder, die gÄdenen Armbänder, die Tänze des Harems —1was ist Alles das, Melkah — im Vergleiche zu der freien Luft, welche durch die Wüste streicht, zu meiner Hütte jenseitS'der Stadt? Was sind Gastmähler des Palastes gegen die Kräuter meines "Gartens und meine einfache Kost? Was ist das kurze Glück seiner Favoritin, verglichen mit dem Glücke meiner Freiheit? Ich bin frei. AlS die Erste der Frauen unter allen Weibern, kann ich sagend bin ich frei!" Vaschti breitete ihre Arme aus, ihr Schleier siel zu ihren Füßen, ihr Haar löste sich, die reiche», braunen Locken bedeckten gleich einem Mantel ihre Gestalt, und sie strich einige derselbe» mit der linken Hand »ach rückwärts. Ein Strahl von weißem Sonnenlichte leuchtete plötzlich durch dcn groben Vorhang am Fenster, streifte ihre Wange und ließ ihre Augen aufblitze» gleich Sternen. In diesem Augenblicke verschwanden Melkah und die Hütte und Vaschti stand im Mittelpunkt der Bühne, aber nicht allein. Hinter ihr standen, Reihe an Reihe, scheinbar endlos, Gestalte» verschleierter Frauen An den Armen hatte» sie Kelten, die Einen goldene, die Anderen eiserne, aber Alle halten Netten. Sie standen in tiefem Schweigen üiit gesenkten Häuptern da. Tann kamen sie näher, umringte» Vaschti und sanken in die Knie, immer »och schweigend. „Ihr seid Frauen," sagte Vaschti, „darum seid ihr in Ketten. Ihr seid Selaven, die nie in Freiheit gesetzt werden. Alle anderen Selaven werden freigegeben, die Kriegsgefangene», die Negerselaven, die Selaven der Scholle, die Selaven der Städte; die letzte Freilassung von allen wird die Freilassung des WeibxS vom Manne sei». Töchter und Mütter von Selaven! Habet Geduld, die Zeit der Freiheit kommt eines Tages doch." Tann schüttelten sie ihre Arme so heftig, daß die Ketten die begleitende Musik zu ihren Stimmen lieferten, als sie sangen: „Vaschti, du Königin! '— Vaschti Empörerin! — Lehre uns frei, sein!" Bei diesen Worten siel der Vorhang. Tas Stück war zu Ende. (Forlsctzung folat.) ✓