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Freies Blatt · 1893-12-03 · 87 (3.12.1893) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
87 (3.12.1893)
Date
1893-12-03
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
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Nr. 87. Freies Blatt. Seite k» deihliche u»d gemeinnützige Thätigkcit }» hinlcrtrciben oder doch zum mindesten zu verzögern sucht, neuen Succurs znführt. Zn einer t^cmeinderepräsentanz, in welcher Zank und Hader in Permanenz erklärt, in der ^von einer Seite jede noch so kleine Gelegenheit dazu benützt wird, streit zu provpciren und in der gewisse Leute Alles daran setzen, das Ansehen des StadtobcrhauptcS »ach außen hi» zu erschüttern, die Beanitenschast zu verdächtigen und schlecht zu machen, in solch einer Gcmeindercpräsentanz ist scdc gedeihliche Thatigkeit unterbunden. Salzburg läuft Gefahr, in seine Rathsstubc die privilcgiric» Scandalmachcr cinziehe» und einen völligen Umsturz des Bestehenden hcrbeigeführt zu sehe». Dies kann doch »immer in der Stadt eigenstem Interesse .iegen, und daher hatte Tr. v. Hucber vollkommen recht, als er jene zweite Bedingung stellte,' die ihkn von clerical antisemitischer Seite so übel ausgelegt wird. Unsere Antisemiten und Clericalrn bctünipfen diese Bedingung auch nur deshalb mit solcher Heftigkeit, weil sie fühlen, daß das Ansehen des Mannes, der sie ausgesprochen, ihr ein besonderes Gewicht verleiht. Nur deshalb schreie» sic Zeter und Mordio über^ „unerhörte Wahlbceinslussung", insinuircn dem Gcmcindcpräsidium Unbescheidenheit und faseln von „Vorschriften", die dasselbe angeblich für die nächsten Wahlen ertheilt haben soll. Wir aber sehen nicht ein, weshalb dem Bürgermeister verboten sein soll, der Wähler schüft ans Her; zu legen, nur solche Gcmeindcvertreter zu wählen, welche, abhold jeder Scandalsucht, jedem Racen-und Classcnhaffe, nur in segenbringender, das Wohl der Gemeinde fördernder Arbeit. wahre Befriedigung finden, wenn eine Handvoll eingewandcrter Antisemiten sich hcrausnehmcn kan», derselben Wählerschaft vorzuschreibcn, nur Leute ihrer oder der ihnen congenialen elericalcn Richtung zu wählen. Um unserem Bürgermeister einen Hieb versetzen zu können, erzählt die „Salzburger Chronik", richtiger ihr anlisemitischer. Leitartikler, den Lesern des frommen Blattes eine Schauergeschichte, wie die bösen liberalen daran sind, für die bereits im Februar (?) stattsindcnden Wahlen BoUmachtcn zu sammeln, und beschwört die l\ T. Bevölkerung Salzburgs, sich ja nicht „vor den liberalen Agitatoren" zu fürchten (!!) und „ihre Bollmachtcn sich auch nicht abringcn zu taffen". Wir babcn uns an compctcntcr Stelle erkundigt, ob man sich wirklich mit der Absicht trage, nächstes Jahr die Gcmcindcrathswahlcn früher anznbcraumen, als cs usuell ist. Diese Frage wurde uns entschieden verneint: ebenso ist cs noch keinem Liberalen cingcfallc», jetzt schon Bollmachtcn zu sammeln, obwohl dies eigentlich doch kein Berbrechen wäre. Wozu also das obige Geflunker? „Es wäre sehr traurig für Salzburgs katholische Bevölkerung'^, meint die „Chronik", „wenn, sie sich jenen Herrn nochmals gefallen ließe, der sic so oft in ihren heiligsten Gefühlen aufs Gröbste beleidigt hat." Wir sind der Ansicht, daß „jener Herr" für Salzburg mehr Gutes geleistet hat, als alle elericalcn und antisemitischen Kampfhühnc zusammcngenommcn je zu leisten imstande sind. Der Leitartikler der „Chronik" ist auch über die Maßen neugierig zu erfahren, wer denn jener Deputation, die beim Bürgermeister vorgesprochcn und ihn zur Wiederannahmc einer Wahl bewogen hat, „den Auftrag und die Vollmacht gegeben, im 'Namen der Bürgerschaft zu sprechen". Wir können ihm mit einer Antwort dienen : schlichte, einfache Bürger von Salzburg, die das Hcr; am rechten Flecke haben, waren jene Vollmachtgeber, die von der „Salzburger Chronik" in wirklich frecher Weise als Tienerscclcn verhöhnt werden. Diese „Dicnerscelen". werden den ihnen angcthanen Schimpf nicht vergeffcn und zu gegebener Zeit jenen Herren, welche unserer Bürgerschaft so gerne den Fuß auf den 'Nacken stellen möchten, um über deren stopfe hinweg in die Gcmeindcstube gelangen und' in dieser ihrem Strcberthum sröhnen zu können, schon zeigen, „wo der Bartl den Most holt". Solch impertinente Insulten, wie sie der von uns besprochene Artikel der „Chronik" gegen den Bürgermeister und die unabhängige Bürgerschaft schleudert, können unserer Ilcbcrzcngung nach nur dazu beitragen, daß die Letztere sich um so fester um den Crstere» schaart. Und dieser Phalanx gegenüber werden schließlich alle Anschläge der Feinde Salzburgs zu Schanden werden." Die im Boranstehcndcn rcprodncirten Ausführungen des freisinnigen Salzburger Blattes enthalten Vieles, was auch in Wien beherzigt werden sollte. (Einstimmig freigesprochen.) Ter Redakteur des K olincr „Polaban", Hey nie, hatte sich am 21. November wegen Aufreizung zu Feindseligkeiten gegen eine gesetzlich anerkannte Confessio» vor dem Kuttenberger Geschwornengerichte zu vcrthcidigcn. Tic Anklage wurde auf Grund eines Artikels erhoben, der im „Polaban" im April dieses Jahres zur Zeit der Unruhen gegen die Juden erschienen war und Berichte über angebliche Wunden, die man an dem Leichnam des verschwundenen Dienstmädchens Havlina gefunden haben wollte, enthielt. Tie amtlichen Erhebungen haben bekanntlich die vollständige Unwahrheit dieser Berichte ergeben. Hcynic wurde von den Geschwornen einstimmig freigesprochen. Gegen denselben sind übrigens noch Untersuchungen wegen Majcstätsbeleidignng. Störung der vnentlichcn Ordnung, Hochverraths, Beleidigung der Armee und anderer Telicie, ,u. Ganzen dreißig Untersuchungen, anhängig. (Graf Caprivi gegen die Antisemiten. In der Etalsdebalkc des deutschen Reichstages sagte, -der Reichskanzler 0'rar Caprivi in? Beantwortung einer Rede des Antisemiten Zimmcrinann: „Ich babe im vorigen Jahre den Agrarier» und Bimctallistcn die Bedenklichkeit ihrer Verbindung mit dem Antiscinitismus »ahcgelegl, und ein Tbeil von ihnen hat auch inzwischen dessen (Gefahren crtanni. Was ist eigentlich der Antisemitismus? Er ist eine Vorfnicht der Social- Temokratic.^ Sic hat den breitesten Strom, und die kleinen Büchc.. dic von den Antisemiten auSgchcn, führen zu ihr. Sie sind ausgegangen von der Agitation gegen die Inden. Dabei sind sic nicht stehen geblieben: dann haben sic nach solchen gesucht, die-einen jüdischen Vater und eine jüdische Frau haben, und io weiter bis ins dritte, vierte Glied. Sic haben den Racen-, RcligionS- und CapitalsantiscmitiSmüs vereinigt zu einer einzigen demagogischen Methode Sie werden die Bewegung aber beim jüdischen Capital, nicht zum Stillstand bringen tönnen, sonhern wenden sich dann gegen das Capital überhaupt. Abgeordneter Zimmcrmann hat gesagt, ich solle doch die Juden ebenso scharf behandeln wie die Laudwirlhschast. Ich habe die Landwirthschafl nie scharf oder schroff behandelt. Herr Zimm.-rmann wird aber auch nicht sehen daß ich gegen die Juden scharf vorgehc. Ich anerkenne sic als meine Mitbürger und behandle mcir.c Mitbürger wie meines Amtes ist, Einen wie den Änderest!" (berliner Verein zur Abwehr des Antisemitismus. linier de», Vorsitze de» Wirklichen Geheime» Ober-InstizratheS Professors Tr. v. n c i st fand letzthin in Berlin die Generalversammlung des dortigen Vereines zur Abwehr des Antisemitismus statt. Es hatten sich mehrere Abgeordnete, Sladträlhe, Stadtverordnete und eine Reihe Tclcgirtcr auswünigcr Vereine cingcfunden. Oberbürgermeister Z-rlle hatte sich, wie Abgco dnetcr Rick er t initihciltc, mir dem ausdrücklichen Wunsche entschuldigen lassen, dies der Versammlung mitzutheilen. Er wäre sehr gern in der. Versammlung erschienen, wenn er nicht durch dringende Amtsgcschüftc behindert sein würde. (Geheimer Rath Professor Dr. v. Gneist crössnete die Versammlung mit dem Bemerken, daß dies die erste össcntliche Versammlnng sei, die der Verein abhalte. „Vor jetzt genau drei Jahren," sagte er, „hielten wir es für nothwendig, einen Verein zur Abwehr des Antisemitismus ins Leben zu rufen. Tamals erhoben sich Stimmen, die sagten: Fcr Antisemitismus wird von selbst von der Bildfläche wieder verschwinden. Ich buHw.ohl selbst der Meinung, daß dies geschehen wird, cs will mir aber-tnicht scheine», daß diese häßliche Bewegung so schnell sich wieder verlausen wird. Wir hielten es deshalb für unsere Pflicht, etwas zur Abwehr zu unternehmen. Ob wir etwas erreichen werden, läßt sich heule noch nicht sagen, . jedenfalls glaubten, wir unsere Schuldigkeit lhun zu müffen." -Lebhaftes Bravo ) Abgeordneter Rickert nahm, sodann das Wort und bemerkte im Wesentlichen: „Der Verein zur Abwehr dcS Antisemitismus wurde im 'November 1890 von zumeist ' christlichen Männern ins Leben gerufen. Wir hielten cS für unsere Pflicht, unsere jüdischen Mstbürger vor de» Verfolgungen der Antisemiten' zu schützeir. Leider hat diese wüste Hetze, die lediglich de» Neid zur Grundlage hat. seit dieser Zeit an Ausdehnung immer mehr gewonnen, die schlechten Zeiten tragen dazu bei, daß dieser 'Neid, der mit einer 'furchtbarcn Hetze verbunden ist, immer weiter um sich greift. Ein Trost ist es, daß unsere Arbcitcrbevölkerung dieser wüsten Hetze kein Gehör gibt. Mil wenigen Ausnahmen steht unsere Arbeitcrbevölkcrnng der antiseniitischen Bewegung feindlich gegenüber. Boden findöl sie dagegen im sogenannten Mittelstände und zuiu Theil auch im Beamtenstandc. Ich bin früher Optimist gewesen, ich glaubte, diese Krankheit, denn das ist sic, würde von selbst wieder verschwinden. Allein die schlechten Zeiten, geben der Bewegung immer mehr Nahrung, und der Umstand, daß sic unter dem Deckmantel des Patriotismus lampst, leinet ihr immer mehr Vorschub. Trotzdem gebe ich die Hoffnung nicht auf, daß diese Seuche lvieder verschwinden wird, wenn auch die antisemitische Partei einige parlamentarische Erfolge zu verzeichnen hat. Wir zähle» in Di>3 Orten circa 13.000 Mitglieder, und zwar in Norddeulschland in 307 Orten 4100, in Süd- und Westdeutschland in 520 Ortcn 8500 Mitglieder. Wir haben im Jahre ISO:? 93.77.”» und in diesem Jahre eine Viertclmillion Flugblätter verbreitet Ter Antiscmitcnspiegel ist in 20.000 Exemplaren verbreitet worden. Geradezu beschämend ist es, daß, während der Antiscmitcnkatechismus 2b Auflagen erlebt hat, der Antiscmitenspicgel nur in einer einzigen Auflage bisher erschienen ist. Die große Mehrzahl der Leser des Antisemilcnspiegels waren Ar beiter. Gerade von social demokratischer Seite wurden hunderte von Exemplaren gefordert, damit die Arbeiter i» der Lage und, den Anti scmiten entgegcuzutrcten. Die Arbeiter legen zweifellos an der Be-

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