Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 87 (3.12.1893)
- Date
- 1893-12-03
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Freie, Baron v. Rothschild, ». Bernd u. 31., sowie durch die Firmen Math. Solcher & Löhne, Benedict Schroll's Sohn, F. Schmitt, Neunkirchner Trnckfabrik, S. Heit, M. Baumgarten, Carl Nachmias, Mor. Löwy :c., welche den Perein mit namhaften Baar- und Naturalspcndcn uiuerstützten. Laut des detaillirten Ausweises betrugen die Cinnalnneu fl, 970 17, Hievon sind verausgabt worden fl. 797 82, daber ein Cassarest von fl. 172 3Ö vorgetragen wurde. „An Beispielen cch^ humanen Schaffens und Wirkens," heißt eS in dem Bericht, „hat cs ebensowenig gefehlt wie an den ernsten Bemühungen, auf dem neutralen Boden der wahren Humanität, die Gleichberechtigung der Bestrebungen achtend und in den verschiedenen Krüiien sich ergänzend. Ersprießliches zu leisten." «Wie Älltiscmittn mit Anderer Ehre umgehen.) - Für den 24. November war vor dem Wiener Schwurgerichte ein Proccß anberauml. welcher von dem SchriftskeUer Paul Reinhardt gegen den in Auisig ein consus antisemitisches Blättchen „Tie goldene Mittelstraßc" herausgebenden Eduard Fritsch angestrengt worden. Herr Reinhardt, der Kläger, halte im November 1>92 in der von ihm redigirken, seithercingegangcnen Zeitschrift „Mitthcilungcn des Politischen PolksvcrcineS", wie wir seinerzeit mitgethcilt, einen Artikel unter dem Titel: „ClcruS und Mcnschcnhaß" publicirt, in welchem er Klage darüber führte, daß katholische Priester den Haß gegen die Mitbürger jüdischer Confessio» schüren. Auch veröffentlichte er eine Zuschrift, die er an den Cardinal Fürst-Erzbischof' Tr. Gruscha gerichtet hätte, um den Kirchen fürsten zu veranlassen, daß er sich gegen das unchristlichc Borgehen einzelnerkatholischer Clerikcr tuende und denselben die Belheilignng an den F»denHetzen verbiete. Fritsch griff aus diesem Anlaffc in einem im Teccmbcr dcS vorigen Jahres erschienenen Artikel seines BlälichenS Herrn Reinhardt heftig an und veranlaßte hiedurch dicien, die Ebrcnb.leidigungSklagc zu erheben. Tic Perhandlung hierüber wurde wiederholt vertagt, und auch diesmal wurde vom Gcrichlshose die Vertagung des Proccffes bcschloffcn. Es war nämlich uu Schwurgcrichtssaalc von den Partnern bloß Herr Reinhardt mit seinem Bcrtrcter erschienen Frilkch jedoch war nicht gekommen, und nur sein ex offo .bestellter Bertreter hatte sich cingefunden. Ter Vorsitzende constatirte, daß der Geklagte die Vorladung erhalten, jedoch nicht einmal 'einen Pertrctcr nanihaft gemacht habe, weshalb ein fix >-ffo-Pcrtrctcr für ihn ausgestellt worden sei. Ter Geklagte habe allerdings ein ärztliches Krankheitszeugniß eingesendct, aus welchem jedoch nicht einmal hervorging, daß derselbe nicht zur Perhandlung erscheinen könne. Fritsch iet in .Aussig vernommen worden, habe sich aber über den Gegenstand der Verhandlung nicht geäußert. Ter Bertheidigerstellte den Antrag, die Perhandlung zu vertagen: er selbst habe von Fritsch keine Informationen erhalten, obwohl er demselben geschrieben habe. Ticscm Anträge trat der Pertreter des Klägers entgegen, da inan dem Systeme der Berichleppung deS Geklagten ein Ziel fetzen müffc. Ein Fahr sei eS her, daß die Ehre seines Clienten cinvnndlich verletzt worden fei: derselbe sei durch diese Angriffe bis zum Selbstmordversuche getrieben worden. Ter Geklagte habe Zeit genug gehabt, eventuelle Wahrheilsbcweisaiuräge zu stellen; endlich müffe die Beleidigung gesühnt werden. Ter Gerichtshof entschied, daß deni Anträge auf L>ertagung der Berhandlung stattgegeben werde: zugleich wurde bcschloffcn, es sei der Geklagte Fritsch im Sinne dcS.Z 27«! St. P. O. .neuerlich durch das Bezirksgericht Aussig zu vernehmen. «Brrroliung der Zugcnd.) In Berlin gründen Mittelschüler Antiscmitcnvcreine, in Wien begehen Lehrlinge judenfeindliche Excesse. Bei dem Rothgerber Johann Krätzer waren gelegentlich deö letzten Gcrbcrstrikes alle seine Gehilfen ausgestande»; die Lehrlinge allein, welche selbstverständlich nicht über sich verfügen konnten, mußten im Tienüe bleiben. Tieselbcn ivareu aber darüber erbittert, und gaben ihrem Groll insbesondere gegenüber dem Magazineur ihres Meisters, Samuel Goldberger, wiederholt Ausdruck. Einige von ihnen »ahmen wider jhn eine so drohende Haltung an, daß er einmal einen Sprung von den, Gang des ersten Stockwerkes machen mußte, um sich zu flüchten. Tic Lehrlinge Josef Koczi und Josef Auer tfilten sich besonders durch Schmährlngcn und Trohworte hervor. Koczi rief: „Jud, jetzt hast du ausgelebt: wenn du lang' hier bleibst, erschlagen wir dich!" Auer schrie: „Tu hast ausgelebt, keine zwei Stunden darfst du leben! S.. jud, du mußt hin werden!" Tic beiden Lehrlinge, deS PerbrechenS der gefährlichen Drohung angeklagt, hatten -sich neulich vor Gericht zu verantworten, welches sie zu je fünf Monaten schweren Kerkers verurtheilte. '.^chuldbakc Erida.) Ter gewesene Lieutenant Alexander Barges, der nach mehreren abenteuerlichen und mißglückten Unternehmungen es mit der Herausgabe eines antisemitischen, witzig kein sollenden Wochenblattes „Ter Rohrspatz" versuchte, wurde am 27. November von Blatt. Nr. 87. einem Erkenntnißgerichte wegen schuldbarer Crida zu vierzehn Tagen Arrests verurtheilt. (Paulus Meyer.) Wie bekannt, wurde Paulus Meyer, der im September dieses Jahres in Gemeinschaft mit dem Pfarrer Deckert wegen einer dem „Blutritual" gewidmeten Dichtung vor dem Schwurgerichte stand, damals zu vier Monaten Arrests verurtheilt. Später wurde Meyer vom Erkenntnißgerichte außerdem zu vier Monaten schweren Kerkers verurtheilt, weil er während feiner Strafhaft sich der Majestätsbelcidigung, der Beleidigung deS Papstes und der Gutheißung ungesetzlicher Handlungen schuldig gemacht hatte. Die Staatsanwaltschaft ergriff gegen das Urtheil des Erkenntnißgerichtes »liegen zu geringen Strafausmaßes die Berufung, das Ober-Landesgericht hat »nn derselben Folge gegeben und die Strafe auf acht Monate schweren Kerkers erhöht. (Cleriral-antiscmitische Hetze gegen den Bürgermeister von Salzburg.) In einem Artikel, welcher nicht Eigenbau der Redaction, sondern „deutsch-nationaler" Provenienz sein dürfte, fiel die „Salzburger Chronik" über den Bürgermeister Tr. v. Hueber her. Das freisinnige „Salzburger Volksblatt" weist diesen Angriff auf das Entschiedenste zurück. Man sei seit der bekannten Turnvercinsafsairc auf „deutsch-nationaler" Seite dem Dr. v. Hueber spinnefeind und hätte cs am liebsten gesehen, wenn er eine Wiederwahl nichl angenommen und damit einer Persönlichkeit den Weg zum Bürgermeisterstuhle frcigcinacht hätte, von der sich die Antisemiten — ob mit oder ohne Grund, soll nicht weiter untersucht werden — ein größeres Entgegenkommen, oder doch eine weitgehende Duldung ihrer verhetzenden und zersetzenden Thätigkcit im Gemeinderathe erhofft hatten. Da dieser ihr Lieblingstraum nicht in Erfüllung gegangen, seien sie außer Rand und versuchen es nun, auf dem wenig honorigen Wege der Verdächtigung und Verunglimpfung zum Zieie zu gelangen. Daß ihnen dabei die fromme „Salzburger Chronik" willfährig Helfershelferdienstc leistet, könne bei diesem Blatte nicht Wunder nehmen. „Was Bürgermeister Tr. v. Hueber für Salzburg während seiner dreijährigen Amtslhätigkeit geleistet und wie hochverdient er sich um unsere Stadt gemacht hat", fährt das „Salzburger Bolksblatt" fort, „das weiß heute auch jeder nur halbwegs Einsichtsvolle seinen! vollen Werthe nach zu würdigen. Eine Folge dieser Thätigkcit war cs auch, daß alle Kreise, welche» das Wohl unserer Vaterstadt warm am Herzen liegt^. bemüht waren, Tr. v. Hueber zum Ausharren auf seinem Posten zu bewegen. Und als dies endlich einer Deputation von unabhängigen Bürgern, nicht von „Dicncrscclcn", wie die „Chronik" sich auszudrücken beliebt, gelungen war, da herrschte allenthalben aufrichtige Freude unter der großen Mehrheit der Bevölkerung. Unzufrieden waren nur diejenigen, die unsere Gemeindeverwaltung so gerne unter die clerical-antisemitische Zuchtruthe gestellt sehen und unsere Gemeindestube zum Schauplatze ihrer fanatischen Parteihetze machen möchten. Bon diesen wird es unserem Bürgermeister auch gewaltig übel genommen, daß er das Ausharren ini Amte von der Erfüllung zweier Bedingungen abhängig gemacht, nämlich daß Tr. Rudolf Spängler bei den nächsten Gemcinderathsergänzungswahlen wieder candidirt und weiters dafür Sorge getragen werde, daß nur solche Männer gewählt werden, welche ein. friedliches,, streng sachliches, dem Wohle der Stadt einzig und allein zusagendes Zufanimenwirken im Gemeinderathe ermöglichen. Tie elftere Bedingung entspricht dem hohen Gerechtigkeitssinne unseres Bürgermeisters, der gleich vielen anderen Bürgern der Stadt empfindet, daß die dreißigjährige segensvolle Thätigkcit Dr. Rudolf Spängler'S im Dienste der Gemeinde mit craffcm Undank gelohnt wurde und daher ein begangenes Unrecht wieder gut gemacht sehen möchte. Die zweite Bedingung aber entspringt einzig und allein der Erkenntniß, daß eine Verstärkung der von Herrn Adolf Stainer mit solcher Rücksichtslosigkeit vertretenen antisemitischen Richtung nimmer zum Segen für das Gemeindewohl sein würde. Man halte sich nur vor Augen, wie viele kostbare Zeit durch die muthwillig provocirtcn Scandale im Gemeinderathe vergeudet wurde, die fruchtbringend hätte verwendet werden können. Tr. v.- Hueber ist nicht der Mann, der sich vor einer Opposition scheut, wenn dieselbe mit Argumenten, mit sachlichen Gründen auftritt; allein er hat es satt, sich zum Stichblatte für perfide Angriffe herzugeben, die Gemeindeverwaltung bei jeder Gelegenheit in der maßlosesten Weise verdächtigt und das Ansehen derselben fortgesetzt hcrabgewürdigt zu sehen. Mit anerkennenswerther Offenheit hat er daher die Bürgerschaft vor die Wahl gestellt, sich entweder für oder gegen ihn zu erklären: für ihn, indem sie dafür sorgt, daß dem Gemeinderathe solche Elemente zugeführt werden, welche ohne jede Nebenabsicht ihr ganzes geistiges Können dem Gemeindewohle zur Verfügung stellen und lediglich von dem ernsten Bestreben erfüllt sind, ein positives Schaffen zu entfalten; gegen ihn, indem sie der einzigen Persönlichkeit in unserer Gemeindevertretung, die jede ge-