Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 87 (3.12.1893)
- Date
- 1893-12-03
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Seite '1 Nr. 87. Freie» lichkcit ihrer Handlungen bewußt sein müßten, eine so schwer wiegende Sache wie den Angriff und die Verfolgung eine« großen TheileS von Staatsangehörigen ins Werk setzen, man die Berechtigung hat anzunehmen, daß sie dazu von tiefwahren, sittlich hohen Motiven geleitet - werden, und die eiserne Nolhwendigkcit zu dieser Handlungsweise, der gewaltige Segen für die Menschheit, Jedem ins Auge springen wüßte. Daist aber bei dent Antisemitenthum ganz und gar nicht der Fall. Betrachtet man die Beweggründe desselben, so muß jeder billig Denkende darüber den Kopf schütteln, denn die Geister des Neides, des Hochmuthes, der Unduldsamkeit, welche die Räder der Maschine in Bewegung setzen, sind nicht schwer zu erkennen. j Einer Predigt des Pastors an St.' Gertrud in Hamburg, Dr. A. Rebattu, über Lucas 10, 25—37, gehalten am 27. August d/J., sind folgende Stellen zu entnehmen: .... Und nun übertraget einmal die» schöne Evangeliuin nach seinem _ Inhalt und Lehrzweck, nach der AuSivahl der Personen und Gegenüberstellung der Volksangehörigen auf unsere Zeit und Zeilverhällniffe. Tie Straße von Jerusalem nach Jericho — leget sie misten durch unser deutsche« Vaterland Wie tiefe Klüfte und schroffe Gegensätze haben sich im Lause der Geschichte darin jählings geöffnet! Ist nicht Deutschland in einem dreißigjährige» Religionskriege auch zu einer Blntwüste gemordsn-? Sind nicht unserem Volk, und. nicht am wenigsten unserer lieben Stadt, ist den Freiheitskriegen tiefe Wunde» geschlagen? Die Frage, ob Jemand Katholik oder Protestant, Lutheraner oder Resormirter, strenggläubig oder freier denkend sei, mag jetzt inehr zurückgetreten sein. Dafür hört man aber heute die Frage umsomehr: ist er ein Deutscher oder / Israelit, ei» Christ oder Jude? O toie scharfsinnig u»d argwöhnisch wird diese Frage nach der Abstammung zurückversolgt auf die Vorfahren ins dritte und vierte Glied! ES haben sich allerorten , Vereine gebildet zur Niederdrückung, RechtloSmachung und Vertreibung unserer jüdischen Mitbürger: wie unklar auch die Wege und Ziele, ein unchristlicher Racenhaß ist doch, leider auch im Name» der christlichen Religion, geschürt, und auS diesem Haß sind schon viele unser neunzehnte« Jahrhundert tief beschämende Vorgänge, falsche Anklagen, häßliche Wühlereien und blindwüthige Gewaltthätigkeiten hervorgegangen. Mögen immcrhin die geistigen Führer dieser Bewegung solche Ausschreitungen verurtheileu, sie vennögen doch die Wuth der Waffen nicht zu zügeln. Wir können ja hier nicht die Schuld und Fehler hüben und drüben abwägen. Jede Unrechtlichkeit, jede wucherische Ausbeutung des Nächsten werde von dem Spruch des Gesetze« gerecht uud streng geahndet, wo und von wem sic geschieht; aber wenn wir angesichts der heutigen Vorgänge eine Antwort suchen aus die Frage de» Schriftgelehrten: Wer ist denn "mein Nächster? Und wenn Christus sie wieder mit solcher Erzählung entscheiden sollte, wie, meint ihr wohl, würde er diese Geschichte heute wenden? Dort hat er die Juden durch einen Sainariter beschämt, heute würde er a» Stelle des verunglückten Jude» einen Christen, aber als Vorbild der Nächstenliebe würde er an Stelle des verachteten Samaritereinen verachteten Juden setzen. Und ist den» nicht von den verachteten Juden auch manche hochherzige Gesinnung und That zu rühmen, wie sie in den» unsterblichen Werk« unsere« Lessing dem Klosterbruder die Anelkennung abringt: „Bei Gott. Nathan, ihr seid Christ!'? Drum, willst du die Mahnung Christi in diesem Gleichniß befolgen — auch wohl an deinem Wege liegt mancher Angehörige jenes Volkes, au» dem Christus der Weltheiland geboren» und trägt brennende Wunden des Haffe« und der Verachtung tief im Herzen und war doch redlich und friedlich seine Straße gezogen, ein Mensch, ein Kind Gotte«, dein Bruder — so gehe denn hin zu ihm, gieß Oel in seine Wunden und erweise dich ihm als barmherziger Samariter! (Aus dem Abgeordnetenhause.) Herr Schlesinger ist ein wahres Unicum von Parlamentarier! Er lehnte die zweijährige Landwehrpräfenz auch deshalb ab, weil der Finauzministcr Dr. v. P len er dem Chef deS Bankhauses Rothschild einen Besuch abgestattet haben soll. Stellt sich Herr Schlesinger so naiv oder ist er es wirklich? — Bei dieser Gelegenheit bezeichnete der Vertreter der Josefstadt das „Vaterland" als „jüdisch". ES gewinnt fast den Anschein, als ob Herr Schlesinger sich jenem Racenantisemitismus angeschloffen hätte, der auch im Christenthum nur eine andere Form deS Judenthums, der „palästinensischen Anschauungsweise", erblickt. Wenn er daS Leibblatt katholischer Kirchenfürsten. „jüdisch" nennt, so laufen, auch die Christlich-Socialen Gefahr, von ihm als „Jüdisch-Sociale" dem BerdammungSurthcil konsequenter Antisemiten preisgegeben zu werden. Armer Liechtenstein! Armer Judenprinz! (f Sebastian Brunner.) Am letzten Sonntag ist im Währinger Greisenasyl einer der streitbarsten Kämpen der ecclesia railitans, Dr. Sebastian Brunner, in« Alter von 79 Jahren verstorben. Brunner hat als clericaler Schriftsteller und Journalist schon während der Freiheitsbewegung des Jahre« 1848, wo er erst die „Kirchenzeitung" herauSgab, und sich nachher an Böhringer'S berüchtigter „Geißel" S l a t t. bcthciligte, besonders aber in der ConcordatSzeit »venigstcnS -mit mehr Geist und Witz, als es vor und n^ich ihm so Mancher that, alles Freisinnige und Fortschrittliche aufs Bitterste bekämpft. Brunncr's literarische Figur erinnerte stark an Abraham a Santa Clara, mit, dem er die kühne Wortcquilibristik und! den dcrbkaustischen Bcrbalwiy, leider nicht den freien Blick, den für alle Lebcnsanschauüngen seiner Zeit offenen Sinn thcilte. Brunner war ein Paganini, aber nur ans" einer Saite, auf der des llltramontaniSmus. Sein Sin» »var nur für Eines offen, für dic Schlvächcn seiner nichtclcripalen Gegner, aber in dieser Richtung besaß' er einen ungewöhnlichen Spürsinn. Wo nicht Rom »var, sah er nust Fäulniß, Betrug, Lug und Schlechtigkeit.'' Sri durchforschte dic deutsche Literatur geradezu aus Zote» und Unarten,/ und »venn er dergleichen endlich gefunden, so wurde cs triumphircnd der Welt gezeigt und der ganze Autor mit dieser einen Schiväche vollkommen übcrtüncht. Das goldene Zeitalter der deutschen Literatur vermochte er bloß durch die schivarze Brille des Ullramontanismus und eines unbändigen Judenhaffes zu betrachten, und eS gibt keine» bedeutenderen deutschen Dichter, der freien Ideen gehuldigt hätte vnd von Brunner sticht mit maßlosem Schimpfe bedeckt worden wäre. Seine. „Hau- und Bausteine zu einer deutschen Literaturgeschichte" und die meisten anderen literarischen Arbeiten Brunncr's sind wahre Herostrateswerke. Daß Brunner auf die Inden besonders schlecht zu sprechen war, lag in seiner ganzen intoleranten Natur begründet. Seine heftigen Angriffe auf Heine und Börne waren wohl der Anfang jener das deutsche Volt sclbstschändenden Heine-Hetzerei, die blöde Buben seither ins Werk gesetzt. Das Schmählichste verbrach Brunncr's Judenhaß und religiöse Intoleranz abör, indem er auch das sonnenblanke Ehrenbildniß Lessing's in seiner Weise beschmutzte und allen _ Ernstes den wahnwitzigen Satz aufstellte, Lessing habe seinen „Nathan" im Dienste der Berliner Judenschast geschrieben, damit diese seine Schulden bezahle. Brunner hatte Recht, wenn er sich rühmte, der älteste Antisemit Wiens zu sein. Oll dies gerade eine Ehre für ihn bedeutete, sei dahingestellt. Jcdcsfalls müffen wir dein Manne die eine Gerechtigkeit erweisen, daß er mit unvergleichlich mehr Talent . und Muth seinen Judenhaß bethätigte, als cs hcute so Mancher thut, und daß ihm sein Anlisemitismus keine nutzbringende Gcschäftsspcculation war. Nicht nur, daß ihm das Stigma des feilen Rpnegatenthums nicht anhaftetc, er hat eS auch nicht verstanden, sich ans seinem Antisemitismus wie so viele .»verthe Zeitgenoffen ein behaglich Leben zu zimmern. Seine Schriften, die alles antisemitische Geschreibsel von heute an Talent weit hinter sich lasten, wurden von den »vackcrcn Parteigenossen nicht gekauft, und Brunner mußte als:! fin einsamer, verlassener Mann im Grciscnasyle sterbe». So lohnt diese Partei ihren Männerst. (Worte zur rechten Zeit.) Die „Literarische Gesell, schaft" veranstaltete anläßlich ihrer ersten Publication, »velchc eine Erzählung der ausgezeichneten Schriftstellerin Bertha Frciin v. Suttner bot, ihren ersten Gescllschaftsobend. Auf deNlsclben kam ein siiznrcicher Prolog von Profeffor Dr. Carl v. Lützoiv zum Vorträge, auS dem wir folgende Verse hervorheben : Hoch geht die Flulh Im StnrineSdrang der Zeit, Und ..Gleichheit" schallt eS »vieder durch die Gaffe; Mir allem Hehren der Vergangenheit Treibt bald ihr Spiel die' ausgeregle Maffe; Nicht um der Menschheit Güter lobt der Streit, Entmenschlicht wüthet Race gegen Rae«: Da gllt eS, Freunde, einen Bund zu flechte» Und muthig für der Bildung Hort zu fechten! Anläßlich der Eröffnung des Raimund-Theaters gab der- Statthalter Graf Kielmansegg wiederholt Hein Wunsche Ausdruck, daß daS neue Theater zur Verfeinerung der Sitten beitrage, damit in Wien keine weitere Verrohung eintrcte. In demselben Sinne führte Vicc-Bürgcrmeister Dr. G r ü b l aus, daß die beiden Zauberschwestcrn, die in Raimund'S Märchenfpiel eine große Rolle einnchmen, die Vipria und die Atrogantia, auch im öffentlichen Leben Wiens unheilbringend wirken. Ein gütiges Geschick werde eS hoffentlich bewirken, daß der gefesselte Genius der Stadt wieder frei seine Schwingen zum Wohle des Gemeinwesens werde entfalte» können. Alle diese Worte zur rechten Zeit haben die Antisemiten sichtlich auf das Peinlichste berührt, und sie äußern ihr Mißbehagen, indem sie — schimpfen und verdächtige» . (Gemrinniiyigkr Verein zur Bekleidung armer Kinder.) Dieser vortreffliche Verein, dessen Obmann Herr M. Am st er ist, versendet soeben den Bericht seines XI. VcrcinSjahrcS. Dic Thätigkeit deS Vcr» eines gelangte in der Bctheiligung von 65 armen Kindern mit cöinpleter Bekleidung am besten - zum Ausdruck. Hiebei fand der Verein werkthätigste Unterstützung durch den Gemcindcrath der Stadt Wien, die Nordbahn, dic Erste österreichische Sparkasse, das Polizeipräsidium, den regierenden Fürsten von und zu Liechtenstein, durch die Herren.