Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 87 (3.12.1893)
- Date
- 1893-12-03
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Nr. 87. Frei», läßt. Bei der Immatrikulation werden die deutschen Inländer in erster, die Studirenden auS den österreichischen Erblanden' in zweiter Linie berücksichtigt. Dieser Vorgang erscheint um so billiger, als Galizien zu de» gemeinsamen Lasten einen viel geringeren Eteucrbeitrag leistet. 4. Die Errichtung der medicinischen Facullät, welche für Leniberg bewilligt ist, werde beschleunigt. 5 Bor Allem aber wenden wir unS an die Selbsthilfe des deutschen Volkes, indem wir alle deutschen LandesauSschüffe, Gemeindevertretungen und insbesondere alle deutsche«! Familien auffordern, keinen jüdischen Arzt anzustellen oder inS Haus zu rufen, und so dem jüdischen Arzte die Möglichkeit seiner Existenz zu nehnien, beziehungsweise auf seine StammeSgcnoffen zu beschränken. Aber auch für die christlich-germanischen Juristen lasten cS die Berfaster der Flugschrift nicht an Fürsorge fehlen, und sie verlangen 1. daß in jedem Gerichtssprengel sich nur so viele jüdische Advocaten ansicdeln dürfen, als der jüdischen Bevölkerung in diesem Gerichtssprengel an Percenten entspricht; 2. daß jüdischen Advocaten daS Recht, christliche Parteien zu vertreten, entzogen und „nur auf jüdische Parteien beschränkt" werde. „Wir wollen," sagen sie ferner, .den Grundsatz, der sich heute im Gewerbe immer mehr Bahn bricht ,Kauft nur bei Christen', auch auf die geistige Arbeit ausdehnen. Wir wenden unS an alle Deutschen, die Juden sich selbst zu überlasten und 1. nur deutsche Aerzte zu Familiengliedern zu berufen, 2. in Rcchtsangelegenheiten sich nur deutscher Rechtsanwälte zu bedienen." Die Flugschrift bemerkt zum Schlüsse, es sei nothwendig, um „künftigen Verleumdungen" vorzubeugcn, zu erklären, daß „die Idee, in einer Versammlung aller deutschen Hochschüler in Wien die angeführten Mißstände zu besprechen und die Beschivrrden in einer Flugschrift niederzulegen, nicht von auswärts in die Studentenschaft hincingetragcn, sondern selbstständig in der Studentenschaft angeregt wurde." Eine sehr naive Erklärung! Die Flugschrift ist auf ihrem Titelblatte mit einem Sprüchlein Schöne re r's geziert, sie plaidirt auch für die Wahl „nationaler Abgeordneter", und wenn irgend ein Zweifel über ihre Provenienz noch bestände, so wird er dadurch gelöst, daß sic im Druck und Verlag vön Ferdinand Berger in Horn, bei welchem auch die „Unverfälschten Deutschen Woite" gedruckt werden, erschienen ist und gleichzeitig mit einer Rcclame für die „Ostdeutsche Rundschau" versendet wird. Den jungen Herren, die aus — „eigenem Antriebe" in nationaler Politik und Socialreform. machen, möchten aber auch wir ein gutes altes Sprüchlein zurufen: „Der Knabe erst noch lernen muß, bevor er wird ein Doniinus." 3m Lichte des Lhristenthums. In Berlin (Druck und Verlag von Hans Mamroth) erschien eine Broschüre: „Ter Antisemitismus im Lichte des gläubigen ChristenthumS" von Rose Stolle. Es ist unbegreiflich, wird daselbst auSgcführk, wie Menschen es wagen können, die Juden unter dem Deckmantel der Religion und des Glaubens zu bekämpfen. Die Antisemiten kreuzigen den Herrn von Neuem durch ihr liebloses Wesen, und würde er jetzt noch einmal auf Erden wandeln, wie sollten die Scheinchrislen seinen göttlichen, von Traurigkeit erfüllten Blick ertragen können? Wie würde er gegen die Antisemiten das Schwert des Geistes erheben und sie verdammen als Pharisäer, welche in ihrem verblendeten Hochmuth sich über ihre Mitmenschen erheben und den- Balken in ihrem eigenen Auge nicht erkennen wollen. Er würde sagen: „Wollt ihr auf solche Weise meine Lehren^verbreiten, habe ich euch gelehrt, so das 'Netz auszuwerfen nach Menschenseclen? Sollt ihr nicht suchen was verloren war, sollt ihr nicht Liebe üben bis zum Tode?" Jedem gläubigen Christen muß die Judenverfolgung als eigene Schmach erscheinen, und'das ist die größte Sünde dabei, daß diese Friedensstörer den Schild des christlichen Glaubens zum Bedecken ihres Hasses und ihres Eigennutzes ergreifen. Und damit lasten sich leider gute wohlwollende Menschen verblenden, denn den Teufel kennt man gerade dann am wenigsten, wenn er mitten unter uns weilt. In der heiligen Schrift steht: Römer'13, 8: „Seid Niemand nichts schuldig, denn daß ihr euch untereinander liebet; denn »ver den Anderen liebet, der hat daS Gesetz erfüllt." Liegt eS nicht, klar auf der Hand, daß die Antisemiten ungläubig sein müffen, da sie daS Gesetz ihres GotteS nicht anerkennen? GotteS Gebot und vor Allem das Evangelium schreibt Christen die Liebe vor, und etwas Liebloseres wie dieses Ausüben deS Racenhaffes kann man sich gar nicht denken- Wollen wir Gott selbst zum Lügner machen, wenn wir sagen. Er hätte Israel verworfen, da hundert Stellen in der Heiligen Schrift das Gegeutheil beweisen? Im 121. Psalm, B. 4, steht geschrieben: „Siehe, der Hüter Israels schläft noch schlummert nicht," und Gott selbst hat den Segen gesprochen über Abrahams Samen von nun an bis in Ewig- Blatt l keit. Wenn man die Brandfackel des Bruderhaffes in ein Volk schleudert, kann nie Segen gestiftet werden. Sobald ein Haß sich nicht gegen das Schlechte an sich, gegen verderbenbringende Ucbel, solcher» gegen einzelne Menschen richtet, ist er immer verwerflich. Wenn Kinder sich zanken und sie kommen Schutz suchend zur Mutter, die den Stteit schlichten soll, so wird sie gewiß fragen, wer den Streit begonnen hat und dann den als Schuldigen verurtheilen, der als Friedensstörer bezeichnet werden muß. Soll bei den Großen eine andere Moral gelten? Nein! Wenn man die Judenfrage vorurtheilsfrei betrachtet, müssen, i betont die Broschüre, die Christen als diejenigen bezeichnet werden, welche den Streit begonnen haben. Durch die Art und Weise wie die Juden angegriffen werden, züchtet man ordentlich Haß und Rache und all die bösen Geister, die sie im Gefolge haben. * Eine Umkehr auf dieser falschen Bahn ist dringende Nothwendigkeit, einer Bahn, die zum Verderben führt, die den Brudcrhaß erzeugt, die holden Geister der Liebe und des Friedens verjagt. Das A und . das O eines wahren Christen ist die Liebe. Als der Evangelist Johannes so alt und schwach war, daß er kaum mehr sprechen konnte, bestand seine ganze Predigt nur auS den Worten: „Kindlcin liebet euch untereinander", und wahrlich an diesen wenigen Worten hanget das ganze Gesetz und die Propheten. Ein Leben ohne Kampf ist undenkbar, überall, von der Entstehung der Welt an herrscht Kampf, die Elemente, alle Geschöpfe bekämpfen sich und so herrscht auch in der Welt der Geister ewiger Krieg. Aber als höchstes Ziel muß und soll der Menschheit stets der Friede vorschwebeu, und jeder Mensch, muß er auch zum Kampf erzogen werden, soll sich sagen, daß er kämpft, um die Palme des Friedens zu erreichen. Ter Kampf kann , und darf aber nur dann gerechtfertigt werden, wenn sein Zweck ebensowohl wie seine Mittel hoch, edel und von unleugbarem Segen für die ganze 'Menschheit sind. Das aber ist bei dem Antisemitenthum entschieden zu verneinen. Der Zweck ist Eigennutz unter heuchlerischer MaSkc, und die Mittel, wer könnte, wenn er vorurtheilsfrei denkt, die Mittel auch nur, entschuldigen? Muß nicht einem anständigen Mensche» die Schamröthe ins Gesicht steigen, wenn äußerliche Eigenthümlichkeitcn des jüdischen Typus zur Zielscheibe des Witzes gemacht werden? DaS ist brutal und muß zur Verrohung führen. Es ist auch nebenbei noch furchtbar thöricht und lächerlich, denn es gibt unter den Julien gerade so viel und so wenig Schönheit als unter den Christen, und jeder Mensch, der über körperliche Abnormitäten spottet und lacht, wird mit Recht als ungebildet, wenn nicht gar schlecht bezeichnet. Es ist natürlich zwischen deni, orientalischen und germanischen Typus ein Unterschied, welchem von beiden man nun aber den Vorzug gibt, das' ist doch lediglich Geschmacksache. Persönliche Erfahrungen, Antipathien oder Sympathien dürfen nie die Triebfeder bei Beurtheilungcn großer allgemeiner Fragen sein. Alle social-politischen Fragen müssen objektiv beurtheilt werden, und daß dies leider so festen geschieht, ist die Ursache, daß alles Gute sich so schwer Bahn bricht und die Dunkelheit dem Licht gegenüber so mächtig bleibt. Betrachtet man den Kampf zwischen Juden und Christen, die doch gemeinsame Bürger eines Staates sind, vom national ökonomischen Standpunkt aus, so liegt der unausbleibliche Schaden desselben klar auf der Hand. „Friede ernährt, Unfriede verzehrt," so sagt schon ein altes Sprichwort, und Schiller sagt: „Wo sich die Völker selbst entzweien, da kann die Wohlfahrt nicht gedeih»." Der Kampf der Parteien in maßvoller Weise, muß ja in der Politik sein, zur Klärung der Gedanken, damit jede Meinung zur Geltung komme und der Wille, die Ansicht des Einzelnen, von dem Gegner geprüft werde, aber wirklicher Unfriede, Gehässigkeit zwischen den Bewohnern desselben Vaterlandes darf nie platzgreifcn. Wo es geschieht, bildet sich ein fressender Schaden daraus, der daS Volkswohl, das GedeiyeuI des Staates, überhaupt das Edle und Gute langsam, aber sicher zerstört. Ist es nicht furchtbar ungerecht, ein gäozes Volk für die Fehler Einzelner verantwortlich zu machen? Begeht ein Jude irgend eine Schlechtigkeit, wie Wucher, betrügerischen Bankerott, sittliche Verbrechen, so beeiferp sich die Antisemiten, dies gleich als besondere Merkmale und Fehler der ganzen jüdischen Nation zu vindiciren. Das muß die Juden »virklich aufs Tiefste erbittern, denn sie könnten dann doch auch verlangen, daß die edlen Thaten des Einzelnen ihnen zugut kämen. Unsere christliche Religion gebietet unS: „Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet," und warnt uns sehr ernstlich durch die Worte: „Mit dem Maß, da ihr mit messet, wird man euch wieder messen." Jeder hat wahrlich mit seinen eigenen Fehlern zu thun und vor seiner eigenen Thür zu kehren. . . Ein wirklich gläubiger Christ kann nicht Antisemit sein, denn mit einem solchen Pharisäcrhochmuth, der da spricht: „Ich danke dir, Gott, daß ich nicht bin wie diese Juden," arbeitet man den Antichristen in die Hände. DaS darf und kann doch Niemand leugnen, daß, wenn ernste, denkende Männer, Menschen, die sich der Verantwort-