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Freies Blatt · 1893-12-03 · 87 (3.12.1893) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
87 (3.12.1893)
Date
1893-12-03
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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o Freies Blatt Redaktion: i. Seilerstätte 10. AbounementSpreis: wauzjsdrig mit Pofliuleudung.fl. 2.50. Halbiährig fl. 1.25. BicrteljSIirig ... fl. —,fi5. < Unfranfirtc Briefe werden nicht angenommen. Oll jCÖClll ÄOIIUtQQC. Nummer 87. , Wien, 3. Derember 1893. Organ zur Abwehr des Antisemitismus. Administration: I. Seilerstätte 1<1. Inserate werden mit 10 kr. für die viermal ge spaltene ^npareillezeite berechnet, kleiner An zeiger das L>ort 2 kr. Aufnahme von Inseraten in unserer Administration sowie im Annoneenbnreau M. Tukes. I. ÄoUzeile 8. -- v- II. Jahrgang. Die friedestörenden Elemente. tZnschrist an da« „Freie Blatt".) Mit dankenSwerther Promptheit hat der Führer der Wiener Antisemiten einen authentischen Commentar zu jener Stelle deö RegierungsprogrammeS geliefert, die in ihrer allgemeinen Fassung etwa noch eine Mißdeutung zugelassen hätte. Auf der Ministcrbank war daS Wort „entschiedene Abwehr aller den Frieden des Staates und die allgemeine Wohlfahrt störenden Elemente" gefallen, und sofort schnellte der AuSerkiesene des Volkes von Margarethe» empor und erklärte, damit könnte nur er gemeint sein, die „destructiven Elemente" könnten nur er und seine Anhänger sein. Lueger, der ckoetor ekiplomatieufl der Antisemiterei, wollte damit offenbar keinen schlechten Witz machen; noch weniger dürfte er bloß unter dem Drucke einer mächtigen Impression gehandelt haben. Biel wahrscheinlicher aber dünkt eS uns, daß er absichtlich die Situation klären wollte, und daß die Worte, die er gesprochen, weit weniger an die Ministerbank, als an die Bänke der geplanten slavischen Coalition adressirt waren. Der RegierungScoalition entspricht eine Oppositionscoalition. Die Regierung gibt eine Parole aus, an welcher sich alle ihre Freunde erkennen sollen: wirlhschaflliche Arbeit und Abwehr aller destructiven Elemente. Rach den Gesetzen der politischen Dynamik mußten daraufhin alle jene Elemente zusammenschikßen, welche keine ruhige wirthschaftliche Arbeit, die nur nationale und confessionelle Hetzarbeit wollen, alle jene Elemente, die entweder in staatsrechtlicher oder in socialer Beziehung destructiv zu wirken beschlossen haben. Lueger überschaute diese Situation rasch, und er fand, daß seine Partei dieser neuen Coalition aller destructiven Elemente nicht nur angehöre, sondern daß ihr in derselben eine führende Rolle gebühre, dem eminenten Grade der Destructionsfähigkeit entsprechend. Durch daS neue Eabinet, so erklärte der Mechaniker - Schneider, also gewiß eine für die Parteiauffaffung maßgebliche Person, neulich in einer Versammlung, djirch dieses Cabinet -sei die Herrschaft der Juden gefestigter als je. Das neue Ministerium drohe seine (Schneider'S) Bemühungen um daS Gewcibewesen zu zerstören, und die Antisemiten müßten daher der Coalition eine Gegencoalition entgegensetzen. Schneider'S Bestrebungen auf ge werblichem Gebiete, nämlich die Ablenkung der Kseingewcrbctreibenden von ihrem wahren Interesse und die künstliche Aufzüchtung der Unzufriedenheit, sind allbekannt, und nachdem von deür dermaligen Cabinete eine Förderung dieses StrebenS nicht zu erwarten ist, so muß dasselbe, obwohl eS — mit den Antisemiten gesprochen — racisch noch um eine Nuance reiner ist als daS frühere, als ein wahrer Existenzfeind bekämpft werden. Lueger'S Gedanken bewegten sich also ganz im Jdeenbann seiner Partei, er ist sich deS eminent destrnctorischen Charakters derselben bewußt und erkannte gerade in diesem Zuge den Vortheil der Situation. Er wollte den anderen destructiven Elementen ein Licht aufstccken, wo ihre natürliche Führung zu suchen sei, wer sie in dem Gemeinsamen dem Grade nach übertreffe. Ein Führer gefällig? So klang eö vernehmlich aus Lueger'S''' Rede heraus; ein Chef der Opposition? Lueger, der vielleicht des nutzlosen Kampfes um den Wiener Bürgermeisterstuhl müde ist, legt ein anderes Eisen inS Feuer. Heute Chef der Opposition, morgen der Mann deS Tages, so wenigstens mag es dein Häuptling des Anlisemilenclans durchs Haupt gefahren sein, und er stand auf und hielt seine berühmte Rede gegen das RegiernngSprogramm. Er ist eine genügsame Seele, dieser Dr. Lueger, und wenn er schon nicht Bürgermeister von Wien werden kann, nun so nähme er doch mit einem Ministcrportcfcuille vorlieb. Bis cs dazu kommen wird, dürften zwar noch einige Tropfen die Donau hinabrinnen. Daß es i» den Reihen der sich mühselig coagulirenden slavischen Opposition viele Männer geben sollte, die sich der Führung eineö Lueger anvertraueu würden, glauben wir nicht; iudcß dürften die Vajchatys und BrzeznovSkyS unter den Slaven nicht allzu lange vereinzelt dastehe». Daß eine Coatilion aller chauvinistischen und destructiven Elemente sich schließlich auch mit Rücksicht auf den Antisemitismus eine gewisse Homogenität aneigne, scheint uns »nr naturgemäß. Dan» können wir >n Oesterreich die Earicatur der Völkerversöhnung, anfgcfaßt als internationaler Judenhaß in parlamentarischer Gestalt, erleben. i >r. hi. Bubokratie. Original-Mittheilüiig des „Freien Blaues".» .UremS, I. Tccember. p. Vom alten Pachniann rührt das Work her, an welches uns eine Flugschrift erinnert, welche den pompösen Titel führt: „Tie Wahrheit über die deutsche Universität Wien und die Lage der deutschen akadc mischen Jugend. Ein Mahnwort an daS deutsche Volk, verfaßt im Aufträge der deutsch nationalen Studentenversammlung vom 9. De ccmbcr 1892." Es ist eine antisemitische Hetzschrift schlimmster Torte-, die da dem Leser geboten wird. Neben Citatcn aus Autoren, die man „anerkennen müsie", sinden wir national-antisemitische Eppecloratioucn hoffnungsvoller Jünglinge. Das Ganze aber läuft darauf hinaus, daß die Bubokratie einen Schutz gegen Concurrenz auf Kosten der Staatsgrundgesetze und der staatsrechtlichen Verhältnisse unseres Vaterlandes begehrt. Im Jntcresie der christlich-germanischen Mediciner stellt sie folgende Postulate auf: 1. Einführnng eines iuinieiu3-dmisiis, entsprechend den vorhandenen Spitälern und der Bcvötkernngszahl. 2. Zur Ausübung des Toelorates in Cisleithanien werde das österreichische Staatsbürgcrrecht erfordert. Ausschließung aller Ausländer von der Jnscription alö ordentliche Hörer an der Wiener Universität, beziehungsweise von der Ablegung der strengen Prüfungen und Erlangung deS medicinischen Doctorates. 3°. Die Zahl der au den prak tischen Collegien der Universität smedicinischen Facultät) zu inscribi renden Hörer werde nach den vorhandenen Lehrmitteln so festgesetzt,! daß sie die Erreichung deS Lehrzieles in denselben möglich erscheinen

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