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Freies Blatt · 1893-11-26 · 86 (26.11.1893) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
86 (26.11.1893)
Date
1893-11-26
Page
[Seite] (sequence 10)
Language
German
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Nr. 86. Seit* 10. Freies „Mutter, ich habe sie herausgefunden die Weise, nach welcher sie weitcrinarschiren. Es ist ein schönes Marschlied. Höre!" Tie sang ein paar Töne. „Ta — nun höre wieder — hörst du? Bin», bum, bum! Es klingt wie ein Trauermarsch. Vielleicht ist es einer. Warwm nicht? Tie sehen so traurig und so sahl aus. Tie begraben etwas, vielleicht —“ .. Tn könntest deinem Mgrsche einen Titel geben: der Mitkeruachtsmarsch von Eharing ErosS —- der Marich des londoner Pöbels — wenn du mehr von dem Volke und von der Menge wüßtest. Älter ich lchrc deinen Marsch nicht, Kind der Einbildung. Ich höre nur das Anschlägen der Stiefel und das Klappen der Tchuhe." Franziska dcgpnn zu der tauberhasten, wilden Weise, die sie im Getrappel der Manschen entdeckt hatte, Worte zu singen: „Wir gehen, wir gehen, Einer und Alle. Wir gehen, wir wissen nicht wohin, , wir treffen, was wir nicht kennen mir schreiten durch das Grab, das wir j nicht kennen. Wir gehen, wir gchcu. Es lebt die Hoffnung. ja die | Hoffnung in uns Allen. Wir gehen, wir gehen weiter mit Schrecken, j doch mit Hoffnung " „Kind, Kind, du bist voll Phantasten. Komm herein, vergiß die Menge, geh tu Bett" „Gleich, Mutier, gleich." Tic schaute und horchte ivicder. „Ihre Ttimmcn sind alle zu einer verschmolzen Ich denke, ich war im Unrecht mit ihrer Hostnung, Mutter. Es ist eine traurige Stimme." in ei n K ind! Wann war die Ttimnie der Menschheit je eine srcudige? Es ist zu viel Leid im Leben, glaube mir, viel Tchmcrz." Franziska lauschte wieder. „Nein, Mutter, cs ist doch die Hon nung. T! Tie Stimme wird heiterer. Höre nur!" „Ich höre nicht eine Ttimme, sondern hundert." „Tic Menge verlaust sich. Ta halten ein paar grauen an. Tas Vicht der Laternen niacht ihre Gesichter so bleich." „Tu bist in vielen Städten gewesen, Franziska. Wo hast du srcudige Gesichter unter den grauen der Menge gesehen?" Tie. verließ . tas Fenster und nahm wieder ihren Ttnhl am Tische ein. „Ucbcrall, Mutier," erwiderte das Mädchen mit etwas Ungeduld, „stellst du diese Frage an mich." „Tie sehen nie glücklich ans. Ucbcrall s^hen sic in derselben Unterwürsigkeit, mit der härtesten Arbeit und dem kärglichsten Lohne. Immer die Telavcn der Männer: sic spielen zu seinem Vergnügen, sie pupen sich zu seinem Vergnügen, arbeiten zu seinem 'Jfinjeii und für sei» Vergnügen. Frage dich selbst, warum cs so ist." „Ja, Mutter, ja. Wenn mein Fragen zu etwas gut wäre." „Toch, es ist schon elwaS, wenn man sich angewöhnt zu fragen. Zuletzt bekommt man vielleicht doch eine Antwort." Franziska zuckte die Achseln und kehrte zum Fenster zurück. „Was kann ein Mädchen, wie ich, thun?" sagte sic. Jtirc Mutter antwortete nicht. Nach wenigen Tccundcn zog Franziska ihren Kops zurück. „Tie Menge," sagte sic, „verläuft sich rasch, Ich habe genug gesehen. Tas sind die Leute, welche arbeiten oder darben müssen, die aber die Arbeit lieben — sonderbares Volk! Tie Strafe deS Lebens zu lieben! Tie arbeiten für unS. Was haben wir gethan, daß sie dazu geschaffen sind, sür uns zu arbeiten? Und die Frauen sind hier, wie überall anders, unterdrückt und mißhandelt. Wir aber nicht — wir sind frei. Ist das schön, daß Jemand frei sein soll?" Tic stand vor dem leeren Kamine und spielte mit den Blumen in einer Vase — mit jener Gedankenlosigkeit, die unbehagliche Gedanken vcrrälh. Tie Bctiachlung dieses wimmelnden Lebens hatte sie ties erregt. Tie war des ewigen LicdeS ron der' Unterwüifigkeit der Frauen müde: diese Frage, meinte sie, wüide auch ohne ihre Beihilfe gelöft^werden . Tic gewaltige Menge aber, die sic eben gesehen, hatte in ihrem Geiste ganz andere.Gedanken wach gerufen. Ihre Mutter betrachtete sie ernst. - * „Setze dich, meine Liebe, und laßuns reden. Tu denkst, ich liege dir immer mit derselben Geschichte in den Threu. Weißt du nicht, wie man die Knaben. Gramnialik lehrt, wie man die Kinder Katechismus lehrt? Turch fortgesetzte Wiederholung. Tahcr sage auch ich dir immer dasselbe." ,,Abtr, was kann ich tliun, Mutter? Was nützt cs, wenn man ein Ting nur weiß?" „Tu wirst reich sein, wirst dir Freunde machen können. Kein Mädchen braucht freundlos zu sein, wenn sie reich ist. Ich nicine Hamit nicht, daß du dir Freunde und Schmeichler mit Geld erkaufen sollst. Tas ist eine abgedroschene Tchulbuchphrase. Aber ein angenehmes und kluges Mädchen wie du, Franziska" — das Mädchen erröthete: Jedermann hört's gern, angenehm und klug genannt zu werden — , und ein schönes Mädchen" — Franziska lächelte im gläubig und schüttelte den Kops nun, sie mar gerade in diejei» : Älter starkknochig - „ein Mädchen, das schön zrk werden verspricht, j Blatt. zieht natürlich die' Freundschaft anderer munterer Mädchen an. To kannst du Freunde haben, wenn du sic begehrst. Und wenn du dich um eine Tachc annimmst, kannst du sie durch deinen Reichthum, wie durch deine persönliche Arbeit fördern. Ein paar Damen von Reichthum und Einfluß können, wenn sie sich vereinigen, weitgehende Um- - Mälzungen in den gegenwärtigen Berhältniffen hcrvorbringcn. Vielleicht, hoffentlich, wirst du das bald oder später auch so lies fühlen, daß dir keine Wahl bleiben wird, als dafür zu wirken und dafür zu leben. Gleichheit ist Alles, womit ich mich schon zufrieden gebe — nicht Uebcrlegcnheit, wie manche Frauen bcgehrsn — aber cs muß vollkommene und absolute Gleichheit sein. Eine Frau Muß dem Manne absolut gleich sein — in allen Beziehungen des Lebens absolitt gleich." „Och habe diese Lection gründlich gelernt, Mutter." Madame Elvcda saß ein paar Minuten schweigsam da und blickte aus ihre Tochter, welche noch immer stand und niit den Blumen am .Kaniinsims spielte. Tann begann sie mit leiser Ttimme, als ob sic zu sich selbst spräche: „Nach so vielen Jahren nach London zurückgekehrt, erstehen hier die Geister der Vergangenheit vor mir. Hier war'S, wo ich »icincn Honigmond verlebte, nicine kurze Ehe. Hier wurdest du vor siebzehn Jahren geboren, als mein Ehelebcn vorüber war. Tein Vater hat dich nie gesehen, Franziska. Magst du nichts darüber, hören?" „Mutter," cntgcgucle das Mädchen schnell, „wenn dir's nicht wehe thut!" „Es schmerzt mich weniger, dir'S zu sagen, als dich leben zu lassen in Unwissenheit. Ich sprach' nie viel mit dir über deinen Vater, auch Mclkah liitfr " „Tic sagte mir, ich solle dir nie den Tchmcrz bereiten und uni ihn fragen." ' „Aber dn bist kein Kind mehr. Tu solltest cs erfahren. Meine Liebe, wir schieden vor deiner Geburt, aber nicht der Tod trennte unS, sondern unser freier Wille." „Warum, Mutter?" „T-u bist ihm oft so ähnlich, Kind, daß ich zitiere^ dich nur anzuschaneii. Teine Augen sind ganz wie die seinigen. Tcine Ttimme ist der seinigen so ähnlich, daß ich oft glaube, ihn reden zu hören. Nun höre, Franziska, erfahre, daß - cs ans der ganzen Erde keinen besseren, keinen zärtlicheren, keinen edleren Mann, keinen klügeren Mann gab. Er beherrschte Alles: Tprachen, Literatur, Wisienschaften — Alles. Er hatte eine Art — eine magnetische — zu überwältigen; wenn er sprach, wurde man sich selbst entführt: er gebot der Tcclc, ihm zu folgen, wohin er wollte, er riß einen hin, so lange er wollte. Ich crinncrc niich, selbst in dem Augenblicke, da ich ihn fortschickte, „ fühlte ich, daß, wenn er wollte, ich bebend zu seinen Füßen niedcrgei'unken wäre und Alles aufgcgeben hätte. Er wußte, daß er mich hätte zwingen können, aber er gab nur thalsächlich aus Güte — die wahre Freiheit, die er mit Worten verweigerte. Er Hütte durch einen Blick sich den Gehorsam erzwingen können, und er wußte cs. Nie habe ich einem so großen Mann begegnet, wie Emanucl" — ihre Trimme versagte — „Emanucl Elvcda." „Aber waruiu, Mutter, warum dann —" „Ich war, immer ungebunden von Anfang an. Mein Vater verlangte nie Gehorsam. Ich laS alle Bücher über die Rechte der Frauen. Ich dachte, als ich heiratete, daß mein Mann, ein Mann der Wissenschaft, gleich nicine Meinung thcilcn würde. Ich dachte thörichterwcise, daß Vernnnst stärker sei, als Religion. Er war in vielen Stücken Orientale, und als sich eine Gelegenheit ergab, verlangte er Unter wcrfnng. Es war einen Monat nach unserer Verehelichung. Ich verweigerte sic. Wir schieden nach Verabredung auf ein Jahr. Er kehrte wieder, hartnäckiger als je. Aus alle meine Argumente hatte er nur eine Antwort: .Es ist das Gesetz des Herrn,' sagte er, .die Frauist dem Maimc untcrthan! " „WaS meinte er mit dem Gesetze des Herrn?" „In den heiligen Büchern stcht's so geschrieben. Meine Liebe, die Orientalen — Muselmauen, Juden oder Buddhisten — alle glauben, daß die Frau dem Manne gehorchen müsse, deni Gesetze des Herrn zufolge. Ter Ehrist glaubt dasselbe, aber er spricht cS nicht so klar aus. Toch will er auch nicht, daß Frauen in den Kirchen predigen, Pricsterinneii seien, Advocatcn werden, im Parlamente sitzen oder Amt ballen. Was dich betrifft, mein Kind, so ist cS dir frei gelassen worden, für dich selbst die Religion zu bcstimmen, die deine Seele befriedigt." „Und so schiedet ihr^" „So schieden wir. RMne Liebe, ich war'dem Wahnsinne nahe, da ich mich später erinnerte, Pas ich verloren habe. Aber ich hatte Recht, bundcrtmal Recht. ,Ten Wall der Gewohnheit zu brechen war eines Verlustes wcrlh. So schieden wir. Er verließ mich, stolz und unnachgiebig. Ich habe ihn seither nicht wiedcrgesehcu. Er ist gestorben. >

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