Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 86 (26.11.1893)
- Date
- 1893-11-26
- Page
- [Seite] (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Freies V l a t t. Seite 11. Nr. 86. -L. - Desien bin ich gewiß, denn sonst hätte ich schon lange seither von ihm hören müssen. Er hätte sicher eine große Entdceknng grmaäst. Er mnß tobt sein." „Arme Mutter!" Franziska hatte sich auf einen Fußschemel geworfen und hielt ihrer Mutter Hände fest. „Als ich von ihm schied, trennte ich mich auch von mcinein gmi',c» Volke, von seinem ganzcü Volke, von allen meine» Freunden. Ich ging allein in die Welt hinaus mit dir, Kind, und mit Mel'ah. Ich fand Ruhe im Wandern, im Beobachte» und im Arbeite». Tic Welt weiß nnn, wie gut ich gearbeitet habe." „Ich bin froh, daß du mir'S gesagt hast, Mutter. Es crtlärt mir Manches, daS ich nie verstand. Es bringt mich der Welt näher." * » # Als Madame Elvcda ihren Mauzt entlasten hätte, führte sic ihren Vorscktz aus, sich von ihrem Volke und von ihrer Religion loSznsägcn, von jener Religion, welche die Frau zur Untergebenen dcö Mannes macht. DaS war nicht schwierig. Sie übertrug die Verwaltung ihres großen Vermögens aus jüdischen in christliche Hände; ihre Vettern und Freunde, die Pariser waren, gestatteten ihr unbeachtet fortznzichcn: sie nahm ihre Magd Melkah, die -syrische Jüdin, und ihr Kiiidlcin mit sich und ging fort, tätige Zeit hindurch hörte 'Niemand etwas von ihr. Run ja, wenn eine Base fortgcht und wegbleibt und kein Zeichen von sich gibt, hört man ans, an sie zu 'denken und von ihr zu reden. In Madame Elvedas Falle verhinderte cS ihr großes Vermögen, ''gänzlich vcrgcsten zu werden; zudem drangen verschiedene Gerüchte über sie nach Paris. Man hatte sic in Floren; gesehen, in Venedig, sic verbrachte einen Winter in Malakka. Man wußte, daß sie lebe und ein Kind habe. Aber von ihrem Gatten wußte Nicmaud zu bcrichten — er war verschollen. Die Verwandten in Paris erfuhren, daß ihre Base eine sehr würdevolle und stattliche Person geworden war, sehr schwer zugänglich ist, für einen aus ihrem Volke gar nicht. Sie hatte die Religion verlosten. Plötzlich wurden die Vettern in Paris eher bestürzt als erfreut durch das Erscheinen eines Buches. Es erschien zugleich in englischer, französischer, deutscher, italienischer und russischer Sprache, cs wurde zu gleicher Zeit publicirt in London, New L<ork, Paris, Berlin, Petersburg und Rom — ein dicker Band, vollgestopft mit Thatfachen, statistischen Angaben, Erzählungen nnd Illustrationen. Das Werk betitelte sich: „Die Frau in Westeuropa" und stammte «iS der Feder Jsabella Elvcda's. Obwohl das Buch äußerst umfangreich war, wurde cS doch für einen lächcklich niedrigen Preis abgcsctzt, so daß cs Jeder erstehen konnte. .Unglücklicherweise aber war cs zu breitspurig; cS war eine Encyklopädic von Informationen über den Gegenstand, aber es war fast so schwer zu lesen wie ei» Blau buch. Aber der Ruf deS Autors war für's ganze Leben begründet. In diesem Buche war die Stellung der Frau in Europa vom vierten Jahrhunderte an bis zur Gegenwart ausführlich und nachdrücklich behandelt, Wie sie litt, was' sic ertrug, was sic jetzt leidet als Weib, Mutttr, Arbeiterin in Feld und Factorci, Laden und Fabrik. Fast jede Zeitung der Welt enthielt Artikel über das Bckch, und dann — wurde es vergessen. DaS ist der Lauf der Dinge. Kurz nach dem Erscheinen dieses BuchcS kehrte Madame Elvcda nach England zurück. Ihre Tochter, welche nun siebzehn Jahre zählte, war in ihrer Denkweise eher contincntal als englisch. Ihre Mutter wünschte, die Erziehung deS Mädchens in dem Lande zu vollenden, wo es geboren war. Elvcda gedachte, sich mit Hilfe ihres BnchcS und der Sache, für wclckse sic schrieb, sowie ihres großen ReichthumeS eine gewisse Stellung in der Gesellschaft zu erringen, jedoch fern von ihrem Volke zu bleiben. Sie bekannte sich nicht mehr als Jüdin, ihrer Tochter sagte sic, was zweifellos zum Thcilc auch wahr war, daß'sic spanische Mauren wären. Viele der vor Alters in Spanien ansässigen Juden gingen zu den Mauren über. „Gute Nacht, mein Kind," sagte die Mutter. „Du hast heute genug gesehen und genug gehört. Deine Augen sind allzu leuchtend. Gute Nacht! Schlafe lang nnd gut." Als sie allein war, zog sie einen Brief heraus, öffnete »nd lgs ihn. Der Brief war von ihrem Agenten — und lautete: „Zwatizig Jahre hindurch ist das von Ihnen bei Ihrer Vcrheirathung für Ihren Mann ansgesctzte Geld an die Londoner Bant gezahlt worden. Ich habe kürzlich erfahren, daß nicht ein einziger Eheck je präsentirt wurde. Lebt er? Wenn nicht, warum wolle» Sie die Zahlung fortgesetzt haben? Natürlich, .fünfzigtansend Francs im Jahre ist nichts für Sie, aber warum unnöthig Geld aus-, geben? Und warum nicht Nachforschungen anstellcn lasten? Wenn er todt ist, warum nicht die Thatsachc sichcrstcllcn?" „Er ist todt," murmelte sie. „Er muß schon lange todt sein. Sonst hätte er etwas Großes vollbracht, sein 'Name wäre sonst lange schon über die ganze Welt berühmt. Aber das Geld muß doch gezahlt werde», bis wir wissen." ., , Franziska legte sich in ihrem Zimmer.;» Veile. Aber ihr Hirn fieberte, »nd sie konnte nicht schlafe» Die Enihüllniige» ihrer Mnilcr, die große Menge des Volkes — das Alles erregte das Mädchen »nd verscheuchte ihre» Schlaf. Sic. wälzte sich in ihre» ificit— hin »nd her, öffnete die Angen im dunklen Zimmer.nnd suchte die Gedanken, die Gespenstern gliche», zn verscheuchen. Endliäi sfsiang sie vom. Bette auf und zog die.Vorhänge zurück, dem Lichte der Straßenlgmpen Einlaß gewährend. Dann »ahm sie eine. Hülle um Kopf »nd Schultern, öffnete leise das Fenster nnd schaute wieder hinaus. Es war ein Uhr vorüber. Tic. Menge hatte.sich ganz Verläufen. Ab nnd z» ging ei» Mensch eilig vorüber, ab »nd zn passirtc ei» Polizeimann mit schweren. Tritten unter den Fenstern: ma» sah keine» Wagen, keine Omnibusse mehr. Die Luft war kühl und frisch: Franziska schauerte, sie zog ihre Hülle fester znsammk». Zwei F aucn gingen unten vorüber. Sic sprachen miteinander und bliebe» bei einem Eandclabcr stehen. Franziska beugte sich hinaus und horchte. Die Eine schien die Andere zu trösten. Warum gingen sie »cht nach Hause wie die Anderen? Da horch, schluchzte nicht daS eine der Weiber? Ja, sie weinte laut nndrang die Armc-^und riet« „S, mein Gott! Ich bi» so elend!" Franziska streckte den Kopf noch mehr hinaus. „Warum bist du elend?" rief sie. Tie Beiden nuten packten einander; oci den Händen, cs erschien ihnen wie eine Stimnie vom Himmel. „Warum wir unglücklich sind?" wiederholten sic. „Werdet Ihr ungerecht behandelt? Kommt morgen zu meiner Mutter. Soll ich euch Geld geben?" Die zwei Weiber schauten hinauf. „Es ist eine junge Dame," rief eine von.ihnen, „sie schaut beim Fenster heraus." Tan» liefen sie davon, so schnell sic konnten. So erfuhr Franziska nicht, warum sic so cscnd waren. Nun war-Niemand mehr ans der Straße. Warum weinte dieses Weib i» ihrem Elend? Das Mädchen erhob sich, ließ das Fenster offen und kehrte in i r Bett zurück, worin sic still lag, in tMdanken versunken, bis der Morgcnhiiumcl sich röthedc. All das, waS sie die - Miller 'gelehrt hatte, all das, was in ihrer Mutter Buch stand, drängte sich tnmultnarisch in ihrem Kopfe herum. Als sie endlich in- Schlummer sank, zog eine lauge Proecssion vor ihren Auge» vorüber, eine Procession von Franc». Als sie des Morgens erwachte, tauchte wieder jene weinende Person vor ihrer Seele ans: sic. war daS Weib aller Weiber, das Weib von Paris, das Weib von Rom, von Neapel, Berlin, Wien. Die vertrat Alle. Sie rang die Arme im Namen aller Frauen nnd rief laut: „S, mein Gott, ich bin so elend!" Beim Frühstücke erschien Franziska mit blaffen Wangen und vom Wachen geröthctcu Augen. „Mutter," sagte si?. „laß »ns znrückkoinmen ans daS, waS wir gestern Abends besprochen. Du sagtest, daß, wenn ich wollte, ich etwathun könnte. 'Nun, wenn ich wollte, wenn ich wünscht-: — Ich weiß nicht, ob ich daS thun könnte, aber — wenn ich wollte. WaS'könntc ich thun?" Sic war ganz nervös und erschüttert. Sic verstand kaum, was sic sagte. Ihre Mutter küßte sic nnd antwortete ausweichend. Ernst zu antworten hätte.hier nicht gut gclhan, es war genug, daß das Mädchen bewegt war. „Was kannst du lhu», meine Liebe? Du kannst zuerst eine Tasse Thcc nehmen. Wir sprachen zuviel gestern Abends, du warft überaus erregt. Du bist bis jetzt noch zn jung, um etwas zu rhu». Du bist eine junge Damc,^ die noch nicht der Macht ihrer Vormünder und. Lehrer entwachsen ist." " Franziska fetzte sich nieder, trank etwas Thec, brach Brot und war getröstet, während ihre Mutter fortfnhr, über gleichgiltigc Sachen zn ihr zu reden. „Du.ninßt „anSgcbildct" werden, wie chän sagt. Du weißt, ein modernes Mädchen ist ein sehr schönes Knnsrkvcrt. Denke nur, was sie kann! Zwei oder drei Sprachen, Musik, Malen, gut oder schlecht. Sic kann Verse schreiben — vielleicht: Novellen — vielleicht; sic hat Lebensart, sie kaiin sich anzichcn, was an und fiij sich schon eine Kunst ist, sie kann über die meisten Dinge verständig reden: heut , zutage besitzt sic eine kleine Wissenschaft. Kein menschliches Wesen hat sich je so weit vom ursprünglichen Menschen entfernt, wie dgs moderne Mädchen. Das ursprüngliche Mädchen ist verloren gegangen — vergessen. Wenn ich über die Sache nachdcnke, bin ich erstaunt darüber, daß man ein Weib dermaßen uingestaltc» kann. 'Nun, meine Liebe, du machst Fortschritte; wenn du auSgcbildcl bist nnd fertig, dann wirst du wünschen, wähle», handeln, denken und arbeiten, wie'S dir bclicbt. Du wirst, mein Kind, die schöne Freiheit, für welche ich soviel opfern mußte, mühelos gewinnen."' * .z-nteeimg ioigi.e