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Freies Blatt · 1893-11-26 · 86 (26.11.1893) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
86 (26.11.1893)
Date
1893-11-26
Page
[Seite] (sequence 9)
Language
German
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Nr. 8ti. Freies 2? I a 11_ reite!>. Kind des unterwürfige» Geschlechtes, dcS gehorsamen Geschlechtes. Cr soll es nie wissen. Cr sagte, ich wurde ein licbcloses, kinderloses, freudeloses Leben führen. Werde ich? Cr weiß nicht, er soll nie wissen. Laßt uns zuin Kinde laufen, Mclkah. Ich komme, mein Her;." Sic ricf'S lallt, als ob das drei Monate alte Kind sic verstehen könnte. „Ich komme, mein Liebling, die Mutter kommt!" II. Am offenen Fenster eines Zimmers im Halbstockc dcS Grand Hotel „Charing Cross" saß ein Mädchen.- Sic hatte eine warme, .weiche, weiße Hülle um den Kopf geworfen und sah hinunter auf die Straße und ans die Menschen in der Straße. Cs war elf Uhr Abends, die Theater des Strand entließen ihre Besucher, und der Strom des Lebens war in seinem vollsten Flusse. Zudem war'S eine Juninacht, der Höhepunkt der Saison: London marübervoll; in den Straßen wogten endlose Menschenmasse» hin, Leute aus aller Herren Ländern; denn alle Menschen freuen sich, int Juni;n bestätigen, daß London di» Königin aller Städte der Welt sei. Dcr Menschenstroni fluthete dahin unterhalb des Mädchens am Fenster. Omnibusse fuhren an der Ccke vor; die Leute kämpften um Plätze. Der Rauch ihrer Cigarcitcn, Cigarren und Pfeifen stieg hinauf bis in den Halbstock. Auf dem breiten Fahrwege »eben dem Fußsteige stammten meteorglcich die Lichter der rasch vorttbcrfahrcndcn leichten Wagen auf. „Mutter," sagte das Mädchen — sie sprach tadellos englisch, nur mit einem leichten fremden Accent — „das ist wunderbar! Wir. habe» nie so etwas auf n»seren Reisen gesehen. O, das ist London! Ja, cs ist London! Cs ist mein Geburtsort!- Welches Gedränge, welcher Rcichthum des Lebens! DaS ist schöner als die Gürte», die wir heute Rachmittags sahen, schöner als die breite», stillen Plätze; schöner selbst als die Straßen mit den entzückenden Läden." Die ältere Damc,^ sie war nicht viel mehr als vierzig, legte, das Buch, in welchem sic las, beiseite, erhob sich und trat zu - ihrer Tochter hin. „Ja," sagte die Mutter, „cs ist ein wunderbares Gewühl. Cs ist nichts auf der Welt so wunderbar als London, nichts io angcnelnu, wenn nicht daö abscheuliche Klima wäre- Wir haben uns das Beste für zuletzt aufgespart. Liebste. Wird'S dir angenehm fein, hier dich niederzulasic» »ach unseren Wanderungen?" „Ich weiß cs nicht. Ich glaube, ich liebe cS, die Städte zu wech - fein. Die Hotels sind wohl überall-gleich, aber draußen die Welt ist so verschieden." „Wir wollen die Hotels aufgcbcn und nnS in einem Haufe nieder - lasten, daS uns gehört." „Sollten mir nicht lieber i» einem Hotel bleiben, Mutter? Siehst du, wir kommen gut aus im Hotel, und Atlcs wird für uns besorgt. In einem Hause müßten wir selbst an die Dinge denken." „Wir werden eine Haushälterin haben, meine Liebe Sie wird sür unS sorgen. Fürchte dick) nicht. Ja cs ist wirklich ei» wunderbares Gewühl, ich denke, cö wächst noch. DaS ist, glaube ich, weil die Theater sich leeren." „Ich wollte gerne hier bleiben und jede 'Rächt in das Gewühl hinabschaucn. O, was das für ein Gedränge ist! Die Leute tönncn sich, nicht rühre», sic sind Alle wie cingeklcnimt. Schau, sic sind ganz gut gelaunt dabei, sie lachen und singen! Rnp ist der Druck ausgchobe», sic gehen wieder weiter. Ich möchte gerne misten, wer sie sind — Alle,, so viele Tausende — Jeder von ihnen der Mittelpunkt dcr ganzcn Welt, Jeder sich selbst so wichtig als ich mir.- Ist cs nicht wunderbar, daran zu denke»? So viele Mädchen in der Welt, so viele Franziskas!" * „Mit einem Unterschiede, mein Kind, mit einem Unterschiede." „Ich möchte wisse», wer sic sind," -wiederholt» sie, „jeder mit seinem früheren und feinem späteren Leben. Betrachte die strahlenden Lichter in der Straße, betrachte die langen Lanipenreihen! Und da — wieder die Menge — die endlose Menge! Wer siild sic? Woran denken sic?" i ' „Das Gcheininißvollc der Menge liegt nur in -einem eigenen Gehirn, Fra»ziSka. Diese Lenke sind »icisl ganz gewöhnliches Bolk, uninteressant, prosaisch." - „Doch aber hic und da ein Poet, Mutter — cs muß hie und da ein Poet sein, dessen Gemiith durch die Menge entzündet wird, oder ein junger Musiker, oder ein junger Maler." .'.„Bicllcicht. Meist aber Schreiber, Ladenmädchen, Commis, Studenten, die vom Theater nach Hause gehen. Biele sind Fremde, wie tvir selbst, Leute, die in Hotels wohnen. Die Meisten unter ihnen sind Leute, die in London wohnen und für ihr tägliches Brot zu i .. arbeite» habe» Abends sind sic frei, tagsüber sind sic Leibeigene: sie müsse» arbeite», sonst würden sic darben." -„Seltsam! Arbeiten oder darben! Cs klingt io schrecklich!" „Cs ist nicht schrecklich, iut.il cs das gemeine Los ist. Was Äklc gleich erdulde», ist nie unerträglich. Zudem sagt man, daß das gemeine Los langsam besserwürde. Du brauchst die Menge isicht zu i bedauern, Fran;iska. Denke nur, die Bielen müssen "arbeiten für j Wenige. Das ist daS sociale Gesetz,. cS kan» nicht umgangen norden."; Di'cse Dame hatte große» Besitz und. war .daher volllomrnen klar über diesen Punkt. „Die Bielen," wiederholte sic, „»rüste» für die Wenige» arbeiten — sie »rüsten!" „Arbeiten wohl arich einige von diesen Leuten da »»len irre u»S?? DaS möchte ich gerne wissen."! „ Sehr wghrschcinlich, auf irgend einem indircctcn Wege. Wir haben z. B. Geld in Rcgiernngshnpolhckeu. Die von diesen gezahlten Dividende» werden durch Steuer» cingebrachk. Ost ist cs eine bivcctc j Steller, öfter aber eine indirccie. Die Lenke inüstc» arbeiten, um zu-. nächst diese Steuern zahlenzu könne», und -so 'siehst du, arbeiten! alle diese Lenlc umen für uns." „Fühlst du dich nicht öfter beschämt, Mutter; z» denken, daß die! Leute für dich.-arbeiten?" . „'Rein, ich denke daran, daß cs das 'Ratnrgcsctz ist. Ci» Mann ist so gewandt und fleißig, daß. er nicht allein seinen Anthcil an de» Stenern zahlt und.noch so viel erwirbt, »ni sich das Leben angenehm zn »rachen, sondern daß >er auch Geld beiseite legt und in jenen Aclien investirt: so sängt er an, die Leute für sich arbeiten;» lasten. Fast Alle da nntcn sind Schwache, darum ist ihr Lebenszweck, für die Reiche» Geld zn machen. Sie haben nur die Wahl, zu arbeite» oder zn darben, darnni sind sic Sclaven. Hierzulande gestattet nia» > ihnen vernünftigerweise, sich frei zu »cnnen; sie rühmen sich sogar! ihrer Freiheit und beglückwünschen sich selbst ob der großen Fähig»! keile», durch welche sie sich ihre Freiheit crrnngcn habe»; aber cs sind doch Alle, die auf eines anderen .Mannes Geheiß arbeite», Sclaven. Freiheit — wahre Freiheit besteht nur bei Jenen, welche sich Reichkh'ümcr erworben haben. Knechtschaft kann nie ansgcrotlet werden." „Aber du versuchst cS ja immer, für die Franc» die Sclavcrci abzuschassen, .Mütter!" „Ich verlange gleiche Rechte kür Frauen und Männer. Die starke Frau muß eben so viel Freiheit haben als der starte Mann, eben so viel Recht, ihre Stärke zu üben, nämlich die Stärke des Geistes, nicht des Körpers. Für die schwache Frau verlange ich auch nicht mehr, als für de» schwachen-Mann bewilligt ist. Sie ksoll besitzen, was immer für Rechte er besitzt." ' „Cs muß ans jeden Fall schrecklich sei», der Schwächere zu sein. Da sind viele Frguen aus der Straße: sind das ArbeitcnnnerrL" „WaS immer sic sei» mögen, meine Liebe, sic sind, wozu die Männer sie gemacht haben, denn sie sind noch die Sclaven J>er Männer. Was wir ihnen mit Hilfe der stärkeren Frau geben würde», das ist eine Art Unabhängigleit. Gegenwärtig sind sie, ' wie du chrgst, — unten." Sic kehrte, zu ihrem- Stuhle zurück. Das Mädchen verfiel wieder in Schweigen und beobachtete, -wie gebannt, das -Treiben mir dcr Straßc. Dann begann sie wieder wie unter-einem nnwiderftchtichen Drange: . . *" „Mutter, cs nimmt kein Code mir dem Botte.. Woher tomnien sie? Wohin gehen sic? Cs ist, als ob eine große Armee vorbei marfchirtc. Cs gab auch in Paris Gedränge, aber kein Bergleich zir dem. Sieht cs nicht ans, als wären alle rodle» Männer und Frauen, die je gelebt, .auscrllandcn und marichirien vorüber, vorüber im Mondenschcin mit kahlen (Gesichtern einem neuen Leben zu. Ich lese die Crwartimg in ihren Augen. Ciingc unter ihnen sind erschrocken, Alle sind ängstlich." „Franziska, du träumst " „Sie tönnlcn tobt fein, diese Leute: ihre (Gesichter sehen io fahl aus: sic-lachen nicht mehr, sie sind ganz ernst." „Franziska! Richis mehr von Träumen." Aber sie,erhob sich wieder und sah selbst beim Fenster hinab. „Ihre Gesichter lind so fahl, weil das Licht der Lampe» aus sic fällt und weil das Bolk von London meistens blaß ist von zn -Harker Arbeit. Das englische Bolk unterscheidet sich von jedem anderen Bolle der "Welt, denn cs arbeitet nicht allein, weil cs muß, sondern auch ans Rcignng— Wir sind u> London, wo cs in der Ratnr des Menschen liegt, thätig;» fein. Cr liebt die Arbeit, er arbeitet mit Fleiß, er arbeitet sich zu Tode. Cr ist der beste Arbeiter in der Welt —- darnni sieht er so blaß aus." Das Mädchen war wieder eine Weile kiill Plöi.-Iich s-.hante sie auf und sagte:

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