Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 86 (26.11.1893)
- Date
- 1893-11-26
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/4886575-5439157-5441471--0948-4887437- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Freies Blatt. Nr. 86. Seite 8 der besagte» „Parteiorgan»", inckii aber für das Ministerium Windijchgrätz, welche» vo» der Epinenz tieier Briefkast. »arttkel kaum jemals elwaerfahren dürfte. Jin Ilebrigen wäre tieiem Eabinel zu feiner prognosticirten Lebensdauer zu gralulire»: denn wenn es io lange besteht, bis schönerer die deutfch-volkliche Erziehung der Desterreicher vollendet hat und dann alS Candidat für das Rkinnierpräiikium auitriit — wer sonst könnte denn der Mann sein, der da« Linzer Programm zum Regieningsprogramm machte und dem Schönerer hierin >cin Bei krallen schenkte? — wenn unser Eoalttioncministeriilnr so lange am Ruder bliebe, daiin wild es gewiß in der beschichte einmal den Raine» des „langen Ministeriums" führen, und lämmtlichc Mliglieder müßten Methusalems Jahre errejchenX Porkerhank wird es Herrn Schönerer immer klarer, daß er nicht einmal Aussicht auf ein Tepulirlenmandat bat. «Ter geprellte Schuster.) Im „Volksfreund" wird eine Geschichte erzählt, wonach ein in den Adelsstand erhobener jüdischer Großindustrieller mit Hilfe seiner Frau ein b trügerische» Kunststücklein eingcleite: hätte, um eine» Schuster, de, durch UnglückssäUc in drückindc Roihlage gerathen sei, um einige Gulden zu prellen, und nachdem dies gelungen, in einer mit „feurigen Rossen" bespannte,>/,eleganten Earosse" sortgefahren wäre. Für wie dumm hält Psenner die Kleingewerbetreibende», denen er solche Geschichten vorsetzen läßt. Die Leute, welche arme Schuster prellen, sind niemals jüdische Großindustrielle, wohl aber däusig antisemitische Jntustrieritler. lAnwälte der Raccnbetze.) Tie „Selbstemancipation" schreibt: „Ter Raren a»t ise m i ti Smus ist im Großen und Ganzen vollauf berechtigt, Jede Raäon und jede Rare hat andere Sitten, Moralbegrisse und Ideale Tiesen Eigenheiten kaim ein Volk nur ungestört nachleben, wenn es unter sich bleibt. Lebt es innerhalb eine« anderen Volkes, so verhindert der Gegensatz ein harmonn'ches Zusammenleben, umiomehr, je größer er ist. Ganz besonders herrscht dieser Gegensatz zwischen Juden und Ariern. Je länger das Zusammenleben dauere, desto erbitterter wird der Kampf der nationalen Eigendeitkii. Es liegt deshalb im Interesse des Judenlhums, sobald wie möglich auS den arische» Rationen auszuscheiden uisd einen eigenen Staat zn bilden, in dem es national-jüdisch lebe» kann. Ties ist die einzig radikale Lösung der Judenfrage, die nur vom nat>onalen Standpunkt erfolgen kann." Ta« Berganl iche Blatt reproducirt selbstverständlich eine Auslassung, .welche den Raceuanti'emitiSmus, mithin , auch die Judenverfolgungen in Rußland und Rumänien re. als „im Großen und Ganzen vollauf berechtigt" erklär^ und fügt — nur müssen sagen: treffend — hinzu: „Meb r kann der größte Antisemit ja gar nicht verlangen, alS daß wir unter uns bleiben, und daß 'Israel au« den arischen Rationen auS cheidek." Tie „Selbstemancipation" nennt sich „Crga,, der Zionisten", das Vergani'fche Blatt folgt derzeit den Jnkentiosten des „Schußgeld" Schneider - Gleiche Brüder, gleiche Kappen! Es herrscht zwischen ihnen eine rührende Uebereinstimmung. (Ter „Reichsdote" oootri» Förster.) Auf die Erklärung Förster's gegen die Tivoli-Antiiemiien (siehe Rr. 85 des „Freien Blattes") entgeguet der „Reichsbote": „Tie antisemitische Partei zerfällt in sich selbst, sobald sie die Taue zerschneidet. die sie mit der conservativen Partei verbanden. Vom Antisemitismus allein kan» keine Partei leben. TaS hält kein norinal veranlagter Mensch auS, alle Tinge immer nur durch das enge Guckloch der Judenfrage zu betrachten. Tie Znrückdrängung der Uebermachl des JudenthiimS kann n»r durch eine große politische Partei bewirkt werden; sobald diese Frage aber als Specialität behandelt wird, nützt sie sich bald ab. TaS hält vielleicht ei» Agitator, der von der Agitation lebt oder der von einem gewissen Fanatismus beseelt ist, au»; aber das j Volk erträgt das auf die Tauer nicht. TeShalb kann der Antisemitismus keiner Partei die Zukunft garantiren." „Znrückdrängung der Uebermachl de» Judentbum«" — diese Aeußerung ist um so verlogener oder alberner, alS selbst die Gleichstellung der Juden in Teutichland mit anderen Reichsangehörigen cks facto viel zu wünschen übrig läßt. Abgesehen davon, ist die Antwort deS „Reichsboten" gelungen, und den von der Agitation lebenden Radau Brüdern wird da eine wohlverdiente Lection ercheilk. (Zu den Vecliller Gemeindewahlcn.) Die jüngst vorgenommenen Berliner Sladlverordnetenwahle» haben die Antisemiten von recht« und links sehr verstimmt. Tas „Volk" räumt die Thalsache ein, daß die Wahlen für dieRadau- und Tivoli-Brüder mit einer vernichtenden Niederlage geendet haben, und leitet daraus Vorwürfe gegen die sogenannten Eonservativen her: „Wir habe» aus weiten Kreisen der Bürgerschaft nur Stimmen der Entrüstung über die mangelhaften Wahlvorbereitungen gehört. Zahlreiche Wähler wollten ihrer conservativen Gesinnung Ausdruck geben, konnten dies aber nicht, da in ihren Bezirken überhaupt keine conservativen Eandidaten ausgestellt waren. Andererseits wird aus deu Bezirken, wo solche Eandidaten vorhanden waren, über die weitgehende Wahlenthallung der Beamten geklagt, Die conservative Sache befindet sich in Berlin in starkem Niedergange. Das iü eine Thatiache, die das traurige Ergebniß dieser Wahlen wiederum bestätigt hat. ES fehlt der frische Zug." Es wäre nur zu wünsche», daß wir in Wien auch schon,so weit wären. (Wieder kein Jude.) Die Antisemiten haben das Kunststück zusammengebracht, auch den Spieler» und Wuchererproceß in Hannover zu ihren Gunsten auszubeuten, indem sie verschiedene Complicen einfach zu Jude» machten, so drn Herrn v^Meyerinck, welcher in Wirklichkeit der Nachkomme eine» alten protestanliichen AdelSgeschlechies war. So spiachen unsere antisemitischen Blätter auch immer vo» dem in Wien lebenden „jüdischen Betrüger" Licht»er, der vor der Thora einen Eid geleistet haben soll u. s. w. Wie amtlich bei der Verhandlung au« den Gerichteacren festgestellt wurde, ist Lichtner katholischer Consesfion. (Antisemikcil unter sich.) Ter Bruderzwist unter den sächsischen Antisemiten. will nicht zur Ruhe komme»; kaum daß die Leipziger Antisemiten kampfesinüde die Waffen vorübergehend in die Scheide gesteckt, liegen sich wieder in T-resden die Herren von der „deutich-socialen" und die von der „Resorm"-Antisemiierei in, den Haare». Zwischen dem ehemaligen Redacteur der „Dresdener Nachrichten" Dr. Paul Li man und dem Verleger kain e« vor einiger Zeit, wie mir bereit» miigetheilt, wegen eine« Vertragsbruches zum Eonflicte. Dr. Lima» trat in die Redaciion der „Deutschen Wacht" ein und schleuderte von hier au« die giftigsten Pfeile gegen seinen nunmehrigest Nachfolger in der Redaktion der „Dresdener Nachrichten", Tr. Loh an, der, wie bekannt, unter Anklage wegen Beleidigung der angeblichen Ehre Ahlivardt's steht. Loha» anlwortere auf Liman'S Angriffe damit, daß er in seinem Blatte klipp und klar den Nachweis lieferte, daß Tr. Lima» der bisher in den vordersten Reiben der Racena ntisemiten gestanden, jüdischer Abstammung sei, und daß noch sein Vater ein „Vollblutjiide" war. Tr. Lohan wirft obendrein dem „Judenstämmling" Lima» noch „Wortbruch", „taktlose Unwahrheit", „eitle Renommisterei", „Mangel a» monarchischer Sinnesart" u. dgl. schöne Sächelchen vor. Gegen diese niederschmetternden Enthüllungen wendete sich die „Reforms-Partei in der „Deusschen Wacht" mit einer Erklärung, daß ihr über die angebliche züdische Abstammung Liman'S nichts bekannt sei, daß die bisherigen Erklärungen, Liman'S und seine bekannte öffentliche Thätigkeit jener Behauptung ausdrücklich entgegenständen, und daß der Vorstand der „Reform"-Parlei seine Entscheidung in dieser Frage von der weiteren Entwicklung der Dinge abhängig mache. Gleichzeitig erschien eine „vorläufige Erklärung" Dr. Liman'S. in welcher derselbe sagt, daß er gegen Tr. Lohan die Verleumd,ingsklage anstrenge. In den. Streit des „reinen" Ariers Lohan wider Lima» ist auch das Eingeständniß deS letzteren nicht ohne Interesse, da er niemals, wie er früher angedeutet, eine Audienz bei dem Könige von Sachsen gehabt hat. Vor zivei Jahren habe ein sehr hochstehender Herr ihn gefragt, ob er „nicht eine» Eanal habe", um Sr. Majestät dem Könige gewisse Änfklärunge» zukommen lassen Zu können. Einzelne vertraute Freunde hätte» ihm vorgeschlagen, sie wollten mit Excellenz Bäh r sprechen, und er habe sich gefreut, nach einigen Tagen zu hören, „Epcellenz Bähr ivollc sich der angedeuteien Ausgabe unterziehen." Ercellenz Bähr ist bekauittlich CabinetSsecretär des Königs. Im Ilebrigen ist es ganz natürlich, daß sich der Antisemitismus gerade in Sachsen, wo--e/ auch amtlich cultivirk wird, am ersten selbst aufzehren werde. Juden gibt es hier zu wenig, folglich müssen sich die Antisemiten gegenseitig mit Kolh bewerfen und zugrunde richten. fciulTctnu. Die Empörerin. Roman nach dem Englischen des Walker Besaut vo» Marie Majer. . (1. ssonfrsuag.) „Wenn selbst ntetnc Schönheit ihn nicht umslimmen konnte, o, ich weiß, Neichthum, Wohlbehagen, Lupus haben keinen Reiz für ihn. Man kann ihn nicht mit gewöhnlichen Dingen versuchen. Und ich demüthigtc mich, ich schmückte mich für seine Augen, ich bin beschämt, Melkah" „Wenn ein Weib nicht durch süße Blicke und eine süße Stimme überzeugen kann, wie soll sie die'Oberhand haben? Und er ist Ihr Gemahl." „Nein, Melkah, er ist mein Gemahl nicht mehr. Er wollte Herr sein, das oder nichts. Herr! — mein Herr — meiner!" Sie lachte bitter. „Ich soll ihm in allen Stücken gehorchen, seinen Willen befragen, seine Erlaubniß erbitten^. Er wollte Herr sein oder nichts. Also nichts! Kehre er zur Armuth zurück, wo ich ihn fand! Mein Herr? — meiner? Nein, Melkah, nein!". „Er ist ein Mann. Es liegt in der Natur des Mannes, Herr zu sein." „ES ist dys Beste, daß wir schieden. Es.soll keine Frage mehr geben, wer mein Herr ist." „Aber," 'sagte die Alte, „eine Frau ist an, besten bei ihrem Manne. Er ist der Herr, die Frau muß gehorchen. Es steht so geschrieben. Wir sind so erschaffen. Es ist des Herrn eigenes Werk." In diesem Augenblicke tönte der Schrei einer kindlichen Stimme an ihr Ohr. „Das Kind, Melkah, das Kind! O, ich sagte ^hm nichts, ich that cs vorsätzlich nicht. Er weiß nicht, daß er ein Kind hat, ein