Mannheim
Compact Memory

Freies Blatt · 1893-11-26 · 86 (26.11.1893) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
86 (26.11.1893)
Date
1893-11-26
Page
[Seite] (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
87% known words query
IRI
…/4886575-5439157-5441471--0947-4887436
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

> Nr. 86. * Freie» ist sehr zu bedauern, daß inan von sortschriltlicher Seite auch nicht den geriiigsteu Versuch zur Wiedergewinnung einiS Wahlbezirkes unternommen hat, der so lange zum Besitzstände der Liberalen gehört hatte. — Gleichzeitig wurde auch in Perchtoldsdors eine Antiseniitcnversainmlung abgehalten, über deren Verlaus unS berichtet ivird: Die Wiener Antisemiten sührtc» hier eine Sprache, die darauf schließen läßt, -aß sic uns für unwissender halte», als wir sind. Den Wiener Christlich-Socialen, deren sterntruppeu kleine tichechische Meister bilde», steht es picht z», Großfabrikanten daraus einen Vorwurf zu machen, daß dieselben — tschechische Arbeiter beschäftige». Die „deutsch-nationale" Gesinnung der Lueger und Psenner kennen wir zur Gcnüge! Auch sind wir trotz der Nähe vo» Aalksburg nicht so naiv, um Gefallen an christlich-socialen „Spässen" zu finden. Wenn wir;. B den Vorschlag vernehmen, man solle in Schönbrunn aus den Käfige» die Raublhiere herauslassen und dafür Jude» in dieselbe» stecken, so lache» wir nicht darüber; dergleichen widert uns an. Die Wiener Agitatoren verschweirde» hier ihre Zeit und Mühe umsonst; e« wird ihnen nicht gelinge», unter der hiesigen liberale» Bürgerschaft Proselnten zu machen. Nebenbei bemerkt, ließe» sie in ihrer Sonnlags-Versammlnng die liberale», Bürger, die in derselben erschienen waren, ihre Meinung nicht zum Ausdruck bringe»; coulanter benahmen sie sich gegenüber den Social-Demokraten, deren Ansichten sic offenbar für weniger „gefährlich" hielten. — In Tulln sprengte» am Sonntag die »»ler Führung eines EooperatorS erschienenen Christlich- Socialen eine social-demokratische Arbeiterversammlung. Der hochwnrdige Herr bemühte sich, die Aeußerung eine« Arbeiters zu widerlege», daß einer der Führer der Christlich-Sociale» an seine Versprechungen selbst nicht glaube und nur auf die Leichtgläubigkeit Anderer rechne, und wurde von den Social-DeMokraten ruhig angehört. Als dann aber der Arbeiter dem Geistlichen erwidern ivollte, begannen die Christlich-Socialen zu schreien und mit den Füßen zu. stampfe». Da e« sich als unmöglich erwies, die Ruhe ivieder herzustelle», »nutzte der Regierungsvertreter die Versammlung für aufgelöst erklären. In Folge dessen bemächtigte sich der Arbeiter eine große Erregung; nur dem energischen Einschreiten dcs Vorsitzenden ivar cs zu danken, daß es zu keinem ernsten Zusammen stoß kam. Auf die Sonntagsarbeit in Tulln scheinen die Antisemiten besonders stolz zu sei». So oft jedoch eine ihrer Versammlungen von Social-Demokrateu ßestört wird, machen sie für die „Schandthat" die — „Judenliberalen" als „Feinde der Versammlungsfreiheit" vcrantivortlich und rufen »ach der Polizei. . (Hauck'S Harakiri.» Man schreibt uns: Ei» kleines, aber rühriges Eomiw, zu dessen Ehrenobmann ReichSrathSabgeordneter Hauck envählt wurde, wird — wie man sich erzählt — an.dem Tage, an welchem Schönerer wieder in den Pollgeuuß seiner bürgerliche» Rechte tritt, d. i. am 20. December d. I, in ein „Drei Engel -- Sälen" im IV. Bezirke ein Fest veranstalten, dessen Hauptprogrammpunkt hie feierliche Niederlegung deS ReichsrathSmandateS von Seite Hauck's zu Gunstciz SchönererS sein soll. Ein antisemitischer Kaffeesieder, der auch diesem Count«! angehörte, versuchte bereits seit längerer Zeit in den Gasthäusern Stimmung zu machen, doch scheint seine Agitation nur ivenig Erfolg gehabt zu haben, denn er hat vergangenen Dienstag seinen Austritt aus dem Comitö angemeldet. (Eilt Rechtgläubiger.) Nicht einmal Herr Hauck, der Auserkorene von Favoriten, verdient es. von der Gcineinde der „Unverfälschte»" in so unbedingter Weise al» Rechtgläubiger anerkannt zu werden, wie der gute Herr D ö tz. Dieser spricht fast kein Wort, welches nicht seinem reichbegüterten „Führer" aus der Seele gesprochen wäre. Dötz der Dankbare hielt vor Kurzem im Waldviertel in inehreren Versaunnlunge» eine Rede;»ir Verherrlichung des Meister«, Nach den Berichten auliseinitischer Blätter warf er der Vereinigten Linken vor, daß sie dem Judenthum und dem Großkapital zuliebe tzas lvahrhaste Dentschthum, den Bauern- und Gewerbestand schädige und Alles, >vas das deutsche Volk in Oesterreich an nationalen und wirthschaftlichcn Gütern besitze, verrathe. Der Deutschen Ratiönalpartei, sagte er ferner, könnte inan erst dann zustimmcn, wenn sie endlich ohne alle Rücksicht den Antisemitismus auf ihre Fahne schriebe. Die Ehristlich-Socialen seien wohl Alltisemiten, aber nicht im mindesten nationat' gesinnt. Gegen de» Großgrundbesitz erhob Dötz die Anklage, daß er sich die bäuerliche Bevölkerung ganz entfremdet habe. Nur Einen Mann auS dem Großgrundbesitze, versicherte er, haben die Bauern des WaldviertelS, der ein ausrichtigeS Lerftändniß. ein >varm enipfindendeS Her; und einen opfermüthigen '.Sinn für den Bauernstand besitze, und das sei Schönerer. Dieses Mannes solle und dülsc niemals vergesse» werde», ivo sich pelltsche Bauern ziisammenfindk», und er fordere daher aus, deS 20 TecemberS 1893 als deS TageS der Wiedererlangung der politischen Rechte Schöuerer'S in entsprechender Weise zu gedenken. An Anstrengungen, eine „ipontane" Schönerer-Feicr zustande, zu bringen, lasten eS also die wenigen Verehrer, welcher der „'Märtyrer deS nüchternen Gaumens" noch zählt, wahrlich nicht fehlen. (Slockkr's Wahrheitsliebe.) I» einer Erklärung gegen den Führer der rheinischen Eonservative», Freiherr» v. Plettenberg-Mehrum, schrieb Stöcker am 8. November, daß er der deutsch-socialen Partei nicht augehöre und niemals angehört habe, daß er auch selbstverständlich jede Austorderung, in deutsch-socialen Vereinen Vorträge zu halten, abgelehnt habe, seitdem die deutschsociale Partei mit der couservativen in Eoncurrenz getreten ist. Dagegen verweist Freiherr v. Plettenberg auf eine Rede Stöcker'S, die er in einer Ver¬ L I a t r Seite 7. sammlung der christlich-jocialen Partei am 21. Ccrober 1-92 hielt, und in der er. erklärte: „Ter Einfluß der christlich socialen Idee» reicht in christliche,," Kreisen sehr weit. Aber er ist nicht organisirl. Wir habe» leine Vereine gegründet. Ich selbst habe sogar dent'ch'iociale Vereine gründen helic». Ich tann Ihnen an 160 Einladungen von keutsch-iocialen Vereinen zeige», >Ao ich sprechen soll." Eine solche Gegenüberstellung läßt die Wahrhciisü.'be des Eiferers gegen die „südische Verlogenheit" in ciucm merkwürdigen Lichte ecicheinen. Oker Hai Stöcker bloß ein U kurzes Gedächtnis)? Es lon»nr uns dabei „»willkürlich eine gewisse LchwurgerichtSsaalsceuc in den Sinst (Ein verun.qlücktcs Gastfpirl., Wie aus Heidelberg berichtet wird, gab dort vorige Woche der Abgeordnete Lcnß eine Gastvorstellung. Sein Name zog aber nicht, denn-das.Haus war nicht besetzt. Sollte vielleicht an denr durstige» - Besuch der Vcriammlnng, in welcher Leuß i'ibft; das Thema: „Tie Judeniragr, eine nationale Frage" sprach, die in Heidelberg zum erstenmale erfolgte Er Hebung cines-EintrittSgeldeS von 20 Pfennigen uro Verso» schusd gewesen sein? Sollten die reiche» Geldgeber der anliiemilijchen Vereinigungen etwa cmgeiehen haben, daß sie ihr Geld zum Fenster hinanswerse», da doch ihre Wünsche und Ziele nie erreicht werde» dürften und sic höchstens einigen mandatslüsterne» Agitatoren etwas aushelfcn? Cöer vaste» de» Geldgebern die neuerlichen Sprunge der Maladore der Partei »ich», weil ein Theil nicht nur antisemitisch, sondern auch.antichristlich ist und ei» anderer schon oste» den .uamvs gegen die Inden auch auf die Junker ausgedehnt hat? (Ein dringendes Bcdurfniß.» In Olbcrnhau, im sächsischen Erzgebirge, wurde 1892 ein anlisemitischer „Resorm"vercin gegründet. Wo;»? Galt doch der Ort allgemein als „judcnrein", doch stellte die rüngstc Zählung der Einwohner durch die HaurtistcN daS dringende Bedürfniß nach einem Anliicmiten vereine heraus. Es zeigte sich, daß auch in Olbcrnhau ei» Jude lebt, und zivar ein i» der Werksiätte dcs Präsidenten des AntiiemitenvcreinS beschäftigter Uhrinachergehilse 2lu5 antisemitischen blättern. (Schönerer als Millisterprätcndciit.l Damit die antisemitische Beweguikz gegen da« EoalitionSininisteriuin nicht der heileren Seite entralhe» müsse, haben sich auch die Herren de» Zwcttler Ritus dem Chorus der Oppositionellen beigesellt. Ter Rosenancr- LandSknechrmoniteur lhnl deu letzten Ministcrwechsel, der zu den bedeutendsten innerpolitischen Ercignisten der letzten 2ü Jahre gehört. in scinei» Antivortautomaten unter „»gezählten Blumen, Constanzen und Heilruse» aus Schönerer ab, indem er schreibt: „Als radikal nationale Partei »Piui, Jrv! Das hätte heiße» sollen .wurzelig.volklichc Adlheilung'. Anm. d. Red.) messe» wir den jüngsten Vorgängen im Gesammlininisterini» w wenig Bedeutung bei, daß wir eS auchfür überflüssig erachten, dem Ministerivech'el eine» «igencn Aufsatz in dem deutsch-nationalen Parteiorgan zu widmen. In Oesterreich können Minister gehen und kommen >o viel da wollen — si> lange nicht ein Ministerin», ans Ruder kommt, welches das Linzer Programm als RegiernngSprogramm auf stellt — bleibt unser Standpunkt stets der gleiche, d. i. die Gegensatzstellung z» jeder Regierung, die e» versäumt, -dem Abgeordnelenbanse lie'einichncidcnde soeialreformatorische Gcsetzesvorschläge zu nulerbreiten, und die über die Kopie der ersten Culturnation n, der alten Ostmark hinweg ihre Volilzt treib,. Tie jüngste .Krise' läßt uns ebenso kalt wie alle frühere». TaS .CoalinonSministerinm mit seinem Gemisch von ilavischem Feudalismus, E^ericali»mns,.PHtloiemilismns und Polenlhum steht dem Ministcrnm Toaste im Punkte, der Liebe stir uns Deutsch- Nationale wohl nicht nach, was nufere nationale Gesiininng >'elbstverständlich »m nichts abschivächen kann. Mag kominen, was da ivill in Oesterreich, wir bleibe» treu nnsere» nationalen Grundsätzen, trvn »nimm deutsche» - Volkej dessen nationale Erziehung unsere Lebensaufgabe ist. Erst wenn dieses nationale Er ziehungswerk einmal beendet lei»^ wird, werten wir mit größerem Interesse einein Personenwechsel in einen» österreichischen Ministeriu», gegenüberstehe». ..Wen», wie das die Geburt des Eoalitionsnumsteriuw.s darstetlr, der ParlämenkarisinuS in uuicrer Zeit des unverstandene» 'Nationalismus Siege, erringt, io ist das für radikal »ationalc Parteien nur die Mahnung, die nationale Wehr fester zu umfasse» und lainpsbereil der Znknnst entgegen zu scheu. Ter Parlo mentarisinns, die politische Charallertosigkeit habe» gesiegt und mit ihnen die Herrschgelüste. dcs große» EapitalS, des Judentlmius unS der .inoderncn politischen Parteien. Und das Volk? das deutsche Volt?' TaS wurde von seinen liberale» .Führern' wieder einmal gehörig zum Narren gehalten, und diesi's deutsche Volt bekommt endlich eininal Zeit einzniehe», daß es ieine-gottverdammte nationale Pflicht und Schuldigkeit ist, aus seiner judenliberalen Haut zu fahren und durch freie Wahl ei» AbgeordnelenhanS einzuberu'eu, welches es unmöglich »«acht, daß dein deutsche» Volte in der Ostmark länger Eomödien vorgeivielt iverde», wie eine solche wieder die jüngste ..Hrijf ist." T ie „Partei" der „Unbedingten", d. h. die beide» Herren Tötz und Hauck, werden also dem neuen Ministcrinm die Vudgeisnicht bewilligen, keine Vorlage bewilligen, sie iverde» eS al-s zu Unrecht bestehend betrachte», und die Presse dieser „Partei", d.h. die „Unverfälschten Trutschen Worte", werde» diese» Ministerium überhaupt nicht anerkennen und über dasselbe in Hinkunft nur mitte» unter de» diverien-Zuschristen an „Olaf", „Franlbert", „Sigurd" u. s. w. leitartikel». TaS wird schrecklich sein, nämlich für die Setzer und die Leser

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.