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Freies Blatt · 1893-11-26 · 86 (26.11.1893) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
86 (26.11.1893)
Date
1893-11-26
Page
[Seite] (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Freier Blaer. Nr. 8,;. Der klägerische Vertreter Tr. Mittler erklärte jedoch, zu einem Ausgleiche nicht ermächtigt zu sein und einen solchen auch zurückweiscu zu müssen. Nach durchgeführter Verhandlung plaidirtc Tr. Mittler aus Verurkheilung des Angeklagten, indem er darauf hinwies, daß der Berfasscr deS Artikels, welcher eine ganze Partei der Bestechlichkeit zu beschuldigen gewagt hatte, nicht den Mutt, besessen habe, sich zu nennen. SS erübrige also nur dje Verfolgung und Verurkheilung Tr. Pscnncr's wegen Vernachlässigung der pflichtgemäßen Obsorge. Tr. Mittler beantragte schließlich, außer der bereits verhängten, nicht erhöhbärcn Geldstrafe und dem Eautionsverfalle noch dahin zu erkennen, daß der Angeklagte das erfließendc Strafcrkenntniß im „ Oesterreichischen Volkssrepnd", im Tentschen Volksblatt' und in der „Neuen Freien Presse" aus seine .st osten zu verlautbaren habe. Ter Richter füllte das Unheil dahin, daß Tr. Psenner schuldig erkannt und zu einer Geldstrafe von lO. fl., cvcnturlt 24 Stunden Arrests verurthcilt, daß über den „Sesterreichischcn Volkssreund" ein Cautionov crsall von 60 fl. ausgesprochen, und daß dem Tr. Psenner aufgetragen werde, das' erflosicnc Urtheil hinnen acht Tagen nach denen Rechtskraft im „Seirerreichiichen Volksfreund" und in der „Neuen Freien Presse" zu veröffentlichen. Ter Berireter deS Geklagten meldete hiegegen die Berufung an. ,Aus der Schule Schneider s.' Tie brutale Racen- und Confeffionshetzr äußert sich auch im Allkagsvertchr der ungebildeten Volksschichten auf Schritt und Tritt. Bor dem Bezirksgerichte Sinimering kam dieicr Tage folgender Borfall zur Berhandlung: Ein aus dem Theater beimkehrendcr Kaufmann sprach einen Mann, dem er auf der Straße begegnete, mit folgenden Worten an: „Tarf ich Sic um »Feuer bitten, Herr 'Nachbar!" Ter Angesprochene besah sich den Bitt Nellcr eine Weile und schrie ihn dann mit den Worten .an: „Ter Teufel ist Ihr Herr Nachbar, nicht ich! Pack Tich, Jud', ein Antiseniit gibt Acuten Teines Gelichters kein Feuer!" Ter staufmann gab eine diesem Höslichkcitsansbruche entsprechende Antwort und erhielt hierauf von dem.'freundlichen Manne einen Schlag ins Gesicht. Erließ sodann durch einen Sicherheilswachmann das Rationale des Mannes aufnehmen, um gegen denselben — cs war dies der Haus besorger Josef Kainzl — die st läge wegen wörtlicher und thätlicher Ehrenbelcidigung anstrengcu zu können. Bei «Bericht verantwortete sich der Angeklagte nach Antiscmitenart dahin, er sei damals nicht ganz nüchtern gewesen. Ter Richter ließ diesen Milderungsgrund gelten und vcrurkheiltc den Hausmeister zu einer Geldstrafe von zehn Gulden, eventuell achtundvicrzig Stunden Arrests. p lGcschäftsautisrmitismuS. - Aus st rem s wird uns geschrieben: Tic Antisemiten thun Alles um der Sache und ihrer Ideale willen, und der bloße Gedanke, aus ihrer Gesinnung für sich und ihre „Ileberzeugungs" Genossen irgend einen Bortheil zu schlagen, hommt so eklrem biderben Ostmärker nie in den Sinn. Am 13. d. M. fand hier eine - Gemcindcausschußsitzung statt, welcher ein Gesuch der Linzer Actieubrauerei um pachtweise llcbe'rlasiung eines Grundstückes.vorlag. Die Antisemiten traten - gegen die Bewilligung dieses Ansuchens auf. Gemeinderath F a b e r betonte, daß die Linzer Brauerfirma eine jüdisch« sei und daß durch die Bewilligung des Gesuches der Kremser Brauereibesitzer Robert Götz geschädigt würde. Tic Gemeinde hätte die Lerpflichtung, dem besagten Braumeister entgegenzukommen, da er jährlich einen großen Betrag im Orte verdienen laste, während die jüdische Brauerei bloß das Geld abzapsc. Tcni Ansuchen wurde mit starker Majorität, gegen dii Stimmen der Antisemiten, willfahrt. Es wird aber hostentlich Niemanden geben, der etwa aus dem Ilm-- stände, daß die Linzer Firma jüdisch, Herr Götz aber Antisemit ist, einen falschen Schluß zöge. Tic braven Leute khnn eben Alles nur zum Schutze der „heimischen" Bevölkerung. (Aus dem deutschen.Ncichstagc. . Tie Tivoli-Antisemiten scheinen allen Ernstes an die „parlamentarische Turchsührung" ihres anti-jüdischen Programmes schreiten zu wollen. Sofort nach Wiederaufnahme seiner Berathungeik ging dem Reichstage abermals ein Antrag der Abgeordneten Ha mm er st ein, Manie ussel und Potenz zu, welcher lautet: Die verbündeten Regierungen sind; zu ersuchen, einen Gesetzentwurf vorzulegcn, durch welchen nichtreichsangehörigen I srael i t en - d ie Einwanderung über die Reichsgrcnze unterlagt wird. Tie Tivoli- Antisemiten werden sich damit begnügen »lüsten, dieser europäischen Ehinesenbill eine „stattliche Minorität" zu sichern: auf mehr als eine Demonstration, auf eine Majorität können sic nicht zählen. — Drei von Antisemiten verschiedener Parleislellung gleich zu Beginn der Session eingebrachle dringliche Anträge, und zwar der Förster's, die Einstellung. deS Strafverfahrens gegen Ahlwardt, derjenige Lotzc'S, die Einstellung des Strafverfahrens gegen Förster, und der Manteuffel'S, die Einstellung des Strafverfahrens gegen Hämmerst e i n betreffend, wurden a n g e n o m m e n. lRoch einmal rin behördliches Urtheil über die „Iudcnflinteil".) Der „Reichsanzeiger" vom 17; d. M. veröffentlichte eine Mittheilung des Kriegsministers, in welcher gegenüber irreführenden Blättermeldungen betont wurde, daß an den im Jahre 1890 ausgegebenen Gewehrläufcn nicht mehr, sondern weniger Reparaturen vorgekommen seien als bei deu früheren Modellen. Die unmittelbar nach deren Neucinführung vorgekommenen Fälle von Beschädigungen seien zumeist durch im Laufe befindliche fremde Körper verursacht worden, was bei einer vorsichtigen Behandlung des Gewehres nicht der Fall sein dürfte. Aus der in neuerer Zeit vervollkommneten Herstellung der Läufe sei in keiner Weise zu folgern, daß die früher hergestellten Läufe mindcrwerthig oder gar für den Kricgsgebrauch untauglich gewesen seien. („Alls dem Lrrenhause".) Earl Paasch macht wieder von sich reden. In eine^ Ncrvenklinik bei Leipzig untergcbracht, läßt er von dort aus als Manuscript gedruckte Flugblätter ausgehen, welche die Iscbcrschrift „Aus dein Jrrenhause" tragen und heftige Beleidigungen gegen seine Bertheidiger, Dr. I v e r s und Dr. H e r t w i g, sowie gegen einen Arzt und den Oberlehrer Serres, einen Hauptzeugen im Paasch'scheu Proceste wider den Gesandten v. Brandt, enthalten Paasch beschuldigt SerreS jetzt des Treubruches und ähnlicher Dinge. Ten Rechtsanwalt JverS fordert er unter Drohungen auf, von dem ihm für die Bertheidigung gezahlten Honorar im Betrage von 5000 Mark die Summe von 4000 Mark zurückzugeben, da JverS ihn nicht in der Weise vertreten habe, wie er es sollte. Ja, er bezichtigt den genannten Anwalt, in dem Proceffe zu Gunsten der Gegenpartei gehandelt zu haben u. s. w. Die schlimmsten Beschuldigungen aber erhebt Paasch in dem Schreiben an. seinen Bertheidiger Rechtsanwalt Hertwig. So stellt er die Behauptung auf, Hertwig sei schuld, daß er, Paasch, den bekannten Selbstmordversuch im Untersuchungsgefängniß zu Moabit unternommen habe. Die Staatsanwaltschaft bei dem Berliner Landgerichte I hat auf Antrag der Angegriffenen die Sache in die Hand genommen und eine Untersuchung eingeleitct, während viele Antisemitenhäuptlingc, welche früher jeden geschmäht, der Paasch' Zurechnungsfähigkeit bezweifelt hatte, jetzt selbstverständlich eingcstehc», daß er an Verfolgungswahn leide. (Keine Tschinowniks.) Trotz der Ruffenfchwärmerei sind die Beamten der französischen Republik noch lange keine Tschinowniks, Dem Präsidenten der Stadt Bordeaux meldete der Diener, daß,ri»§ alte Frau draußen sei, die um eine Unterstützung bitte. „Wie all ist die Frau?" fragte das Stadtoberhanpt. „Siebzig Jahre," antwortet der Diener. „So möge ihr mein Secrctär 25 Francs geben." „Aber," brachte der Diener verlegen hervor, „die Frau ist eine — Jüdin!" „Nun so lasse ihr 50 Francs geben, als Lohn dafür, daß sie sich! vertrauensvoll an einen Christen gewendet hat." j (Brutale Unduldsamkeit.) Unsere antisemitischen Organe pflegen > den Nachrichten über religiöse Verfolgungen der Juden i» Rußland : die Bemerkung beizufügen, daß sie „jüdische Uebertreibungen" enthalten, I daß es sich gar nicht um confessionelle Intoleranz handle, sondern um [ den Schutz der einheimischen Bevölkerung gegen „fremde Begehrlichkeit". .1 Nun liegt aber eine amtliche Meldung über schnöde Unduldsamkeit gegen | 'Nichtjuden vor, und man darf darauf gespannt sein, ob irgend ein j Antisemitenblatt den Versuch machen wird, auch jetzt zu leugnen, daß! in Rußland Alle bedrängt werden, die nicht Bekenner des Czaro- - papismus sind. Ter Gouverneur von Esthland, Fürst Schachowskoi, : veröffentlicht nämlich in seiner Gouvernementszeitung ein Circulär an : die ihm unterstehenden Bauerncommiffäre, welches in der Frage der - Mischehen zwischen Lutheranern und den Nachkommen der unglücklichen -Convertiten der Nikolaitischen Zeit in wahrhaft einpörender Weise den Gewissenszwang, combinirt mit bürgerlicher Entmündigung, verkündigt. Es werden nicht nur mit rückwirkender Kraft alle derartigen Ehen für Eoncubinate und die Kinder für Bastarde erklärt, sondern die Frauen und Kinder werden auch genöthigt, ihre Faniilicnnamen abzulegcn und die ihrer Mütter anzunehmen. Es heißt in dem betreffenden Circulär wörtlich, daß diese Ehen nicht nur ungesetzlich, sondern „verbrecherisch" seien. Fürst Schachowskoi spricht von „den Frauenzimmern, die sich in ungesetzlichem Concubinqt befinden" und gebietet, daß diese „Mädchen" ihre ursprünglichen Namen wieder an znnchmcn hätten!! Aus antisemitischen Vereinen und Verl sammlungen.! tSonutagsarbeit.) Am letzten Sonntag warendie- Ehristlich-Socialen! wleder fleißig an der Arbeit. In König st et ten fand eine Bersammlung statt, die keinen anderen Zweck hatte, als dem „großen Sociologen" Scheich er das durch de» Tod des WeinschänkerS Muth verwaiste Mandat stcherznstellen.. ES

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