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Freies Blatt · 1893-11-26 · 86 (26.11.1893) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
86 (26.11.1893)
Date
1893-11-26
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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Seite 3. Nr. 86. Freie» tauchten nun plötzlich Leute auf, die alle Verantwortung für das über unS gekommene Elend aus die Juden schoben, und da bildete sich eine wohl zum Beginne nur winzige Partei, deren einziger Programmpunkl die Judenhetzerei war. Ein wegen Erpreffung an einer Bahngesellschaft zu. einer sechsmonatlichen Kerkerstrafe verurtheilteS Individuum gründete ein Blättchen, welches daS ganze Judenthum verhöhnte, beschimpfte, verleumdete. Damals lachte man darüber, legte der beginnenden Bewegung keine Bedeutung bei und schaute ruhig dem den Frieden in der Bevölkerung störenden Treiben zu. Die volle Bedeutung der Ger sährlichkeit dieser Bewegung wurde erst klar, als zum erstenmale die Fünf-Gulden-Männer zur Wahlurne schritten, aber npch glaubte man, daß eS keiner besonderen Kraftanstrengung bedürfe, um den Ansturm der Friedensstörer mit Erfolg abzuweisen. Dieser Glaube aber war leider ein falscher; die Abwehridee kam, wie so Manches in unserem lieben Desterreich, etwaS spät, und heute hat die Antisemiteupartei bereits eine solche Stärke erlangt, daß eS schwerer Kümpfe und der fest geschlossenen Einigkeit aller freisinnigen Parteien bedarf, um nicht eine totale Niederlage zu erleiden. Man hat früher den gemeinsamen Feind unterschätzt, daS war ein großer,' riesengroßer Fehler, der viel Leid über unser Vaterland gebracht hat. Wien ist also, lieber Vetters nicht mehr eine Stätte des Frohsinns und der Gemüthlichkeit, sondern der Schauplatz eines wüsten, an die Zeiten des finsteren Mittelalters erinnernden Treibens geworden, und diese heillosen Zustände sind wohl nicht die einzige, aber doch die Hauptursache, daß jedweder der Allgemeinheit dienende Unternehmungsgeist lahmgelegt wurde. Ich will Dir nun in möglichster Kürze all das mittheileu, was man den Juden in die Schuhe schiebt und daran meine Bemerkungen und Ansichten knüpfen, erwarte aber keinesfalls eine gelehrte Abhandlung, denn ich bin, wie Tn weißt, kein Gelehrter, wohl aber ein praktischer Mann, der eine reiche Erfahrung und soviel wahres, christliches Gefühl besitzt, um ein ehrliches Urtheil über das Lügengewebe abzugeben, das man in beispiellos rafsinirter Weise ui» unsere jüdischen Mitbürger gezogen hat. In erster Linie macht man den Juden de» Vorwurf, daß sie, sei es durch befugte oder unbefugte sowie auch durch schmutzige Concurrenz, das Gewerbe in allen seinen Arten schwer geschädigt hatten. Den Unterschied zwischen befugter und unbefugter Concurrenz wirst Du wohl kennen und wenn nicht, so wil5 ich ihn Dir in möglichst deutlicher Weise plausibel machen. Befugte Concurrenz eristirt nur bei gleichartigen Geschäften, nämlich z. B. zwischen Schuster und Schuster, Drechsler und Drechsler :c. Es ist! "dies ei» Concurrenzkampf, der in anständiger aber auch in unanständiger Weise geführt werden kann, letztere Art benennt man gewöhnlich schmutzige Concurrenz, die zumeist in einer nicht gerechtfertigten Preisunterbietung besteht. Ein Beispiel wird Dir genügen. A. verkauft eine gute von echtem Schafwollstoffe erzeugte Hose um 10 fl. und verdient dabei ehrlich 2 fl. B gibt die Hose von gleich gutem Stoffe uisi 8 fl. und fischt dadurch seinem College» die Kundschaft weg, indöm er dabei auf jedweden Gewinn verzichtet, ja oftmals absichtlich, um^den angestrebten Zweck zu erreichen, Verlust erleidet. Das ist die wahre schmutzige Concurrenz. Ein derartiges Gebühren legt man hauptsächlich den Juden zur Last, aber mit Unrecht; ich sage dies aus vollster Ueberzeugung. Die jüdischen Geschäftsleute, Kleiderhändler, Confeitionäre, Galanteriewaarenhändler:c. leiden geiade so unter der lliigunflj der Zeitverhältnisse wie die christlichen, nur ist der Jude geschmeidiger als der Christ, er ist zufrieden mit dem Möglichen und verzichtet, phne irgendwie z» murre», auf daS Unmögliche. Der Jude trägt bcrj Zeit Rechnung, der Christ nicht. Ersterer hat zur Zeit des.volkswirthfchaftlichen Aufschwunges in seinem Geschäfte die gleich hohen Preise gehabt wie der christliche Geschäftsmann, und Jeder, sowohl der Christ als auch der Jude, hat ein brillantes Geschäft gemacht, und wäre eS damals keinem Christen je eingefallen, .sich über seinen jüdischen Geschäftscollegen zu beklagen. Wie dann die wirthschaftliche Katastrophe eingetreten ist und der Ueberfluß dem Mangel Platz gemocht hat, da hat der Jude nicht wie der Christ den Muth verloren. Er hat mit scharfem Blick erkannt, daß da plötzlich andere Verhältnisse platzgegriffen haben, hat seine Erzeugnisse, respective Verkaufsartikel den Verhältnissen entsprechend eingerichtet, während der Christ auf deniselben Flecke stehen geblieben ist. In den sogenannten guten Zeiten hat jeder Arbeiter 2, 3 und auch t» fl. per Tag verdient. Diese Leute sind damals nicht auf den Tandelitiarkt oder zu irgend einem jüdischen Trödler gegangen, um ihre Bedürfnisse an Kleidern, Schuhen oder Wäsche zu decken; sie haben in befferen Geschäften eingekauft und gerne die hohen Preise bezahlt, die man verlangt hat. Es gab auch zu jener Zeit nicht so viele tausende Beschäftigungslose wie heute, was ja auch schwer in die Wagschäle fällt - Wie dann die Arbeit und der Verdienst' rapid abgenommen haben, hat man die billigen Duellen ausgesucht, und da allerdings hat sich der Jude dem Christen gegenüber an Verständniß der Sitnqtio» Blatt. überlegen gezeigt. Aber so arg ist es denn doch nicht, wie cs die Herren Antisemitenführrr dem Volke vorschwefel», indem sie lagen, daß der jüdische Geschäftsmann den christlichen zugrunde richtet. T ie Existenzfähigkeit eines jeden Geschäftsmannes, sei et ein Cbrist oder Jude, liegt in seinem eigenen „Ich", und wenn dieses mit Unverstand oder Leichtsinn behaftet ist, dann ist der Ruin nicht dem Inden, sondern eigenen bösen Eigenschaften züzuschreibe». Wenn man so einen Rückblick auf die vergangenen Seiten macht, so wird man finden, daß die Erfindungen dieses Jahrhunderts viele tausende und tausende von fleißigen Händen erwerbslos gemacht haben. Durch die Eisenbahnen sind die Landfuhrwerke und die auf de» Fahrstraßen bestehenden Einkehrwirthshäuser zugrunde gerichtet worden .Ich glaube, der größte Fanatiker kann da dem Inden teilten Vorwurf machen, denn so wie er das Pulver nicht erfunden hat, so auch nicht die Eisenbahnen, Dampfschiffe, landwirthschaftliche und industrielle Maschinen, welche letzter» die Ursache waren, daß hunderttausende von Menschen sich einem anderen Berufe als dem ursprünglich gewählte» widmen mußten. Da hat crst neulich ein Dienstmann die Bemerlung gemacht, daß er seit Erfindung des Telephons per Tag um dje Hälfte weniger. Einnahmen hat als früher und schließt daran in so echt verlogener antisemitischer Weise: „'s Tölefon iS halt a Fressen für die Juden; jetzt rennen^s' ins nächste Kaffeehaus und benachrichtigen ihre Kundschaften umsonst, wo s' nnS früher hab'n zahl'» muff'»!" Also auch selbst das Telephon ist jüdisch verseucht! . . . Du siehst, lieber Vetter, daß alles Ungemach, alleS- Widrige, was der christlichen Bevölkerung seit Jahren passirt ist, nur immer der Jude verschuldet haben soll, und recht traurig ist rs, daß' unser Wiener Volk noch immer nicht denken gelernt hat, daß es all dem Unsinn, den man ihm in öffentliche» Versammlungen oder in den antisemitischen Zeitungen auftischt. willigen Glauben entgegenbringt. Und nun, mein lieber Vetter, überlege es Dir genau, bevor Du dem Lande der Freiheit für immer Ade sagst. Hier in Wien kann dermalen von einem Unternehmungsgeist nicht die Rede sein. Es wird auch nichts unternommen, trotzdem es genug Leute gibt, die über ein namhaftes Capital verfügen könnten. Wer sollte bei dem bestehenden zerfahrenen Sinn der Bevölkerung den Muth habe», sein gutes Geld zu verspeculiren V Ich selbst, wenn ich Geld hätte, würde mich nicht getrauen, etwas zu unternehmen, denn so lange der Raren und Confrssionshaß in Wien nicht aufhört, wird auch ' keine Besserung der Verhältniffe erfolgen. Tu wirst Dich gewiß noch erinnern, daß maii^ einst nur von dem goldenen Wienerherz gesprochen hat: heute ist es kein goldenes, sondern nur mehr ein blechernes, das, wenn man darauf schlägt, recht schrille, unharmonische Töne gibt. Die Gutmüthigkeit hak der Hartherzigkeit weichen müffen, denn eine Harcherzigkeil sondergleichen ist eS, seine Mitmenschen bloß der Abstammung nnd Religion wegen in so brutaler, unchristlicher Weise zu verfolgen, wie es bei uns gang und gäbe ist. Auch sage ich Dir, lieber Vetter, ganz ohne Um schweife, daß die Judenhetzerei die Hauptschuld trägt,' .daß. in unserer so schönen und herrlichen Kaiserstadt, dieser Perle unter den Großstädten, die Verarmung immer größere Fortschritte macht. "Nur in einer Stadt, wo der Besitzende nicht jeden Augenblick furchten muß, durch eineangezettelte Revolte um seinen Besitz zu kommen,, kan» sich der Unternehmungsgeist entwickeln, und auch nur dort wird cs Arbeit, Verdienst und damit auch Zufriedenheit geben. Unsere Antisemiten aber streben das gerade Gegentheil an. Die reichen, unternehiuungSlüstigen Inden und wohlhabenden freisinnigen Christen sind ihnen ein Dorn im Auge: sie werfen ihnen-alle möglichen Prügel vbr die Füße und haben cs richtig soweit gebracht, daß Alles die Hände in den Schoß legt und zuwartet, was da weiter kommen wird. Der Gewerbestand, der Handwerker und der Arbeiter müffen natürlich darunter schwer leiden' und werden noch schwerer leiden, wenn nicht endlich der besser gesinnte Theil der Bevölkerung durch ein einiges, zielbewußteS Zusammenwirken dem unlauteren Treiben ein Ende macht. (Tos Programm dcS Coalitionsministcriiiilis.) Am 23. d. M. hat das Coalitionsministerium in beiden Häusern des Reichsrathes sein Programm entwickelt. Dieses beginnt mit der Ankündigung einer Wahlreform, welche eine wesentliche Ausdehnung deS Wahlrechtes unter Heranziehung von bisher vom Stimmrechte ausgeschloffenen Volksschichten enthalten, jedoch die bestehenden -Interessengruppen unberührt lassen und daS Schwergewicht der politischen Rechte deS Bürger nnd Bauern standes sichern soll und voraussichtlich eine Vermehrung der Abgeordneten zahl zur Folge haben wird. Bis zum Zustandekommen der Wahlreform hält die Regierung dafür, alle anderen großen politischen Fragen ruhen zu laffen, und will sich in dieser Zeit, unter gleichzeitiger steter Bedacht - »ahme auf die Erhaltung der Machtstellung und der Wehrkraft der.

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