Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 86 (26.11.1893)
- Date
- 1893-11-26
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 86. letzten Hungerjahrc erwarb sich Korolenko die Dankbarkeit der Hungernden und die Bewunderung der Satten dadurch, daß er mit selbstloser Opferwilligkcit im Hungcrgcbiete freie Volksküchen errichtete und dadurch Tausend« von Bauern vom sicheren Hungertode errettete. Nichts ist alio begreiflicher, als daß auch die Judenverfolgungen in Rußland den Beifall Korolenko's nicht gefunden haben; hat er sich doch in vielen publicistischcn Arbeiten gegen die 'Verfolgung der Juden ausgesprochen, intern er wiederholt darauf hinwieS, daß die den Juden unterschobenen Ebaraktereigenschaften der Wahrheit nicht entsprechen. Mit besonderem liifer aber hat Korolenko stets die Behauptung von der Unfähigkeit der Inden;um Ackerbau angefochtcn. Tie in Rußland bestehenden jüdischen Ackcrbaucolonien. aus denen Belege für die Entkräftung jener Anklage reichlich zu schöpfen wäre», schienen dem tapferen Kämpfer für Humanität und Wahrheit schon allzu bekannt, um an der Hand derselben neuerlich die Frage aufzuwcrfen, ob die angebliche Unfähigkeit der Inden znm Ackerbau nicht ausschließlich inS Reich der Pliaiikasic der russischen Judenvcrfolger gehöre. Korolenko entschloß sich daher, nach Amciika zu gehe», um die dort von den russischindischen Emigranten gegründete» Ackcrbaucolonien in Augenschein zu nehmen. Er wollte sehen, waS die russischen' Juden als Ackerbauer ans fremdem Boden, unter fremden Leuten und fremden -Sitten geleistet haben. Nach halbjähriger Anwesenheit in den jüdischen Ackerbaucolonien in Amerika ist Korolenko kürzlich nach Rußland zurückgekehrt. Er hat ein reiches Material gesammelt, das cp demnächst zu publiciren beabsichtigt. Dem Herausgeber des „iDdeßkij Listok" hat jedoch Korolenko schon jetzt einige Mitthcilnngen über den Stand der jüdischen Colonicn in Amerika gemacht, und diese Mitrheilungen sind geeignet, die Behauptung der Judenfeinde von der angeblichen Unfähigkeit der Juden zu schwerer physischer Arbeit in ihrem wahren dichte erscheinen zu lassen. „WaS di« russischen Juden während des zweijährigen Bestandes der Eolonien in Amerik>r geleistet haben, das ist fast unglaublich," sagt Korolenko. „Rach diesen Ergebnissen kann man den Eolonien eine glänzende Zukunft prophezeien. Die Colonisten, welche früher fast durchwegs Geschäftsleute waren, bearbeiten jetzt den Boden mit Liebe und großer Sachkcnntniß. Alles ist nach amerikanischem Muster eingerichtet, und cS fällt Einem schwer, die. jüdischen Eolonisten von den eckltcn amerikanischen Farmern zu unterscheiden. In einer Eolonic haben die russischen Juden auch eine Fabrik errichtet, in der diejenigen, Eolonisten, welche vom Ackerbau allein sich nicht ernähren können, Arbeit ssndcn. Aus Allem ersieht man, daß sich die Juden zum Ackerbaxi treulich eignen. Und um noch einen Beweis für diese Fähigkeit der Juden zu erbringen, thcile ich eine Thatsachc mit, die mich selbst sehr intcrcssirl har. In Amerika waren seinerzeit viele Ackerbaucolonien -von Russen orthodoxen Glaubens errichtet: sie sind nunmehr verschwunden, weil die Begründer derselben kein Colonisationstalent hatten." T as Urthcil des b/gäbtcn Novellisten über die russischen Juden als Ackerbauer hat insbesondere deshalb einen hohen Werth, weil es' aus dem Munde eines Mannes kommt, der in Rußland den Rainen eines (berechtigkcikslicbendcn und Parteilosen besitzt. Ein ebenso günstiges Unheil über die ThStigkcit der russischen Juden aus dem Gebiete der russischen Landwirthschaft hat kürzlich die Landwirlhschaslsausstcllung zu Poltawa gefällt. Fast sämmtlichc Preise und Ehrcndiplomc der Ausstellung wurden jüdischen Ausstellern zu erkannt, da alle Sbjecte, welche Juden ausgestellt hatten, die Anerkennung der Ansstellungscommission gesunden haben. In dem Rcchenschafrsberichle des AuSstellungScomites heißt es unverhohlen, daß die rliätiqkcit der Juden auf dem Gebiete der heimatlichen Landwirthschaft, sofern die Poltawacr Ausstcllungscommission dies constatiren konnte, von großem Nutzen und fruchtbringend ist. Süunittliche von den Juden ausgestellten Objecte sprechen für den Fleiß, für die Tüchtigkeit und Tachkenntniß der Juden auf dem Gebiete der Landwirthschaft. Zn diesen Slinimen zu Gunsten der russischen Juden gesellt sich noch eine Thatiache, die kürzlich in Petersburg Aufsehen erregt hatte. Unter dem Vorsitze des Gehilfen des Finanzminifters, ^Staatsrathes A n i o n o w i t' ch, tagt seit geraumer Zeit in der russischen Metropole esst Eongrcß der russischen Tabakfabrikanten und Pflanzer. Ein Mitglied des EongrcsseS machte den Vorschlag, die Rechte der. Juden bei Betrcilsung von Tabakfabriken und Plantagen^zu beschränken, da sie angeblich die 'Regierung um die Tabaksteuern prellten. Dieser Vorschlag sowie die damit ausgesprochene grundlose Beschuldigung fanden eine kategorische Widerlegung von Seite des Vorsitzenden und des Directors des Departements der indirecten Steuern, GeheimratheS Markow. Letzterer erklärte, er habe während seiner langen Dienstjahre im Innern des Reiches, wo fast keine Juden leben, die Wahrnehmung gemacht, daß die Regierung gar oft von den christlichen Tabakfabrikanten geprellt wurde, während die Juden ihre Pflicht ehrlich erfüllten. Anstatt. dererseits wurde festgestcllt, daß die Juden beim Ankäufe von Tabak bei den Bauern den Verkäufern größere Preise bieten als die christlichen Händler und Fabrikanten. Dieses ehrliche und muthigc Eintreten des GeheimratheS Maakow zu Gunsten der unglücklichen Juden hat in den human gesinnten Kreisen Petersburgs große Befriedigung hervorgerufen. Neben diesen erfreulichen Kundgebungen schreitet aber der Geist der Judenverfolgung immer vorwärts. In R o st o w am Don wurden unlängst nichr als 50 jüdische Familien ausgewiesen, die angeblich das NiederlaffungSrecht nicht besaßen. In einer anderen Stadl am Don veranstaltet die Polizei eine förmliche Jagd nach Juden; sie dringt des Nachts in die Wohnungen der Juden, um die Berechtigung derselben zum Aufenthalt in dem Orte zu controlircn. Vor wenigen Tagen wurde mit dem italienischen Dampfer „Serie via" der Flora-Rubatina-Gesellschaft die erste Partie jüdischer Emigranten nach Argentinien in die Colonicn des Baron Hirsch expcdirt. Die Partie bestand aus 136 Personen, die durchwegs arbeitsfähig und -lustig sind. Die Emigranten erklärten, Baron Hirsch werde mit ihnen zufrieden sein; sie werden der Welt zeigen, daß sie dem Ackerbau gcwachsep sind. Das russische Polizcidcpartenient hat erst vor wenigen Tagen die Gouverneure davon verständigt, daß die nach Argentinien cmigrirenden Juden von der Militärpflicht zu befreien seien. Hoffentlich finden diese Juden dort eine bessere Heimat. Argus. Lin Miener an seinen Detter in (Lhicago. Tein Brief, worin Du mir mittheilst, daß endlich alle Deine Hoff- 'nungen sich verwirklicht haben und der wohlverdiente Lohn Deiner langjährigen ehrlichen Arbeit ein namhaftes Vermögen ist, hat mich herzlich erfreut. Daß Tu nun die Absicht hast, wieder in Dein Vaterland zurückzukehren, finde ich begreiflich, aber ganz fest scheinst Tu denn doch noH nicht entschlossen zu sein, der neuen Welt für imuicr den Rücken zu kehren, denn sonst könntest Du mir unmöglich Folgendes schreiben: „In amerikanischen Zeitungen lese ich so Manches über die dermaligcn politischen und wirthschaftlichen Verhältnisse in Oesterreich, die so unerquicklich zu sein scheinen, daß es doch einiger Uebcrlcgung meinerseits bedarf, bevor ich meinen schon lange gehegten Wunsch nach meinem unvergeßlichen Wien ju übcrsicdcln in Ausführung bringe. Tu weißt, daß ich als armer Schlucker nach Amerika kam und mir trotz vielfacher Schwierigkeiten und Enttäuschungen maunigfachcr Art ein großes Vermögen erwerben konnte. Ich habe mir auf dem Gebiete der gewerblichen Industrie Kenntnisse und Erfahrungen erworben, die ich in Wien verwerthen gedenke, doch — und das macht mir sehr bange — scheint bei Euch drüben der Unternehmungsgeist gänzlich cingeschlafen zu sein, und eben darüber will ich vorerst Teint Meinung hören, denn ich will nicht leichtsinnig das so mühsam Erworbene aufs Spiel setzen." Kurz und bündig gesagt, lieber Vetter, Du willst wissen, ob cs derzeit rathsam sei, in Oesterreich, rcspectivc Wien irgend ein großes industrielles Unternehmen ins Leben zu rufen, und darauf antworte ich, als gewissenhafter Mensch — nein, cS ist nicht rathsam! Wie ich Dich kenne, willst Du aber genauere Informationen haben, und die indest Du in nachstehenden Zeilen.. Ich werde mich spccicll nur auf Wien beschränken, denn so wie in der Residenz ist's leider iiz ganz Oesterreich beschaffen. Wien ist seit Jahren der Mittelpunkt nationaler und confcssioncller Hetzereien, die schon mehr Schaden gebracht haben als ein großer Krieg oder eine verheerende Krankheit. Weißt Du denn, was aus unserem einst so urgcmüthlichen Wien geworden ist? Du stehst gleich mir im hohen ManneSalter, Du hast Deine Vaterstadt in Jünglingsjahren verlassen und kannst Dir daher gar keine Vorstellung von den ftättgehabten Wandlungen auf gewerblichem, industriellem und gesellschaftlichem Gebiete machen. Gewerbe und Handwerk sind in stetem Niedergang begriffen, die verschiedenartigen Zweige-der Industrie sind theils halb, theils ganz lahmgelegt, und was die gesellschaftlichen Verhältnisse betrifft, so sind diese die denkbar unerquicklichsten, denn Zank und Hader, Lüge und Verleumdung haben den Frieden, die Wahrheit, daS Recht weit in den Hintergrund gedrängt. Die Ucberspeculation des 1873er JahreS und die darauf folgende große finanzielle Katastrophe, die ortsüblich „Krach" benannt wird, haben jenen wirthschaftlichen Niedergang eingeleitet, der bis heute noch nicht zum Stillstand gebracht werden konnte. Anfangs war . die Bevölkerung von dem schweren Schlag, der sic getroffen, betäubt, denn die Katastrophe kaui und wirkte wie ein Blitzschlag, später fing man an nach den Ursachen zu forschen und war noch so ehrlich, nicht alle Schuld von sich abzuwälzen. Da