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Freies Blatt · 1893-11-26 · 86 (26.11.1893) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
86 (26.11.1893)
Date
1893-11-26
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Freies Blatt Redaktion: I. Seilerstätte 1«. AboiiiicinciitSpreiS: <Aan;jädrig mit Poft^tteuduna.fl. Haldjabri^ n. 1.27». Bitrrcljanri.i . . tt. Einzelne Nummern 4' fr. UnfranttYlc Briefe werden nicht angeuemmen. Organ zur ^Ibwcchr des Antisemitismus Erscheint au jedem Sonntagc. Administrativ»: I. «ci^rniirtc tu., '*?u»ferate werden mit 1** tr*. fiit die viermal »r waltene Nauvareitlezeile derechner. kleiner An seiger dqo 2r'ort 2 kr. -liifnalime van Inseraten'in unserer Administration sowie im Annoncenburean , Ä. ^nleo. I. 26ollzeile Nummer 8<». Wien, 26. November 1893. II. Jahrgang. Der IV. österreichische Agrartag. In Oesterreich gibt eö zwar keine geschtosscnc politische Partei, deren vorzüglichster Programmpunkt die Förderung der landwirthschastlichcn Interesse» wäre; nichtsdestoweniger erfreuen sich dieselben von Leite aller ForlschrittSfrennde der.liebevollsten Pflege, sofern^ gerechte und durchführbare Forderungen in Betracht kommen. Unsere „Agrarier" jedoch, die sich aus verschiedenen Clubs und Korporationen rccrutiren, haben nicht nur nach berühmten Mustern den Begriff der Bescheidenheit'aus ihrem Gedankenkreise verbannt, sondern auch die landwirthschaftliche ihrer allgemeine» Politik angrpaßt, wodurch sich für elftere ein reactionärcs Gepräge von selbst ergibt. Der Geist, von welchem dies« Gruppe geleitet wird, trat auf dem IV. österreichischen Agrartage, der vor wenigen Tagen in Wien staltgcfunden hat, wieder klar hervor. Wir müssen an diesem Orte darauf verzichte», die verschiedenen Nesolutionen , kritisch zu zergliedern, und begnügen uns mit einer kurzen Charakteristik des Referates über die „Reform der Crntestatistik", welche ' von einem Redner als die wichtigste Frage bezeichnet wurde, die den IV. Agrartag beschäftige? Bekanntlich ist heute die Erntestatistik die »othwendige Basis der ganzen Lebensmittelversorgung und dcS Rohstoffhandels. Cs genügt jedoch selbstverständlich nicht, die Ernteergebnisse deS eigenen Landes zu kennen, vielmehr ist eine internationale vergleichende Erntestatistik, die überdies möglichst rasch geboten werden muß, geradezu unentbehrlich. Da eine amtliche Statistik in diesem Sinne bisher nicht vorhanden ist und außerdem eine solche in der Regel dann erscheint, wenn man sie nicht mehr benöthigt, gibt der alljährlich in Wien statlfindende internationale Getreide- und Saatenmarkt seit dem Jahre 1873 ausführliche Eriitcberichte heraus, wo- - durch er sich anerkanntermaßen hervorragende Verdienste erworben hat. In dem erwähnten R'ferate wird nun dem internationalen Getreide-und Saatenmarkte und dadmch indircct seiner Trägerin; der Wiener Börse für landwirthschaftliche Producle, vorgeworfcti, daß die Ernteberichte tendenziös gefärbt seien und, durch absichtliche Ueberschätzung der Ernteergebnisse (Ocsterrcich-UngarnS) die Preise der Cerealien gedrückt werden. Cs fehlen, auch nicht die bekannten Schlagworte über die Schädlichkeit deS Specnlationöhandels und dergleichen mehr im. lieblicher Abwechslung. Wenn man nicht schon längst qn ähnliche Enunciationen gewöhnt wäre, würde man es wahrlich nicht für möglich halten^ daß einer Gesellschaft von „Fachleuten" Derartiges geboten werden darf. Jeder intelligente Landwirlh ist darüber im Klare», daß ein Jrrthum in der Schätzung des Ernteergebnisses vor der Beendigung des Drusches ganz unvermeidlich ist und bisweilen einen hohen Percentsatz auSmachen kann. Nachdem aber die Ernteberichte bei Beginn deS Getreide- und Saatenmarktes — also in der zweiten Hälfte des August — bereits vorliegen müssen, so ist die Wahrscheinlichkeit eines mehr oder weniger bedeutenden Schätzungsfehlers gewiß eine große. Ferner gehörtes zum A-B-C der Volkswirthschaftslehre, daß die Getreidepreise in erster Linie nicht von den producirenden, sondern von den consnpiirenden Ländern bestimmt werde», so daß Oesterreich-Ungarn selbst bei schlechten Ernten niedrige Preise erzielen muß, wenn das Ausland in Folge irgend welcher Umstände geringen Jmportbeharf hat — Sätze, welche durch die Erfahrung vielfach bestätigt worden sind. Es ist wahrlich nicht die . Schuld deS Getreide- und SaatenmarkleS, wenn unsere Landwirthe ' nicht in der Lage sind, daS gesummte Ernteergebniß überblicken und die Preise calcnliren zu können; den» merkwürdigerweise kan» man in Ungarn gerade das Gegeuthcil beobachte». Dort wartet man allerdings nicht "Auf die Veröffentlichung der amtlichen Tabelle»; durch eifrige Lectüre der internationalen Berichte, durch Vergleiche ». s. w. weiß sich heute jeder ungarische Produeent — ob Magnat oder Bürger — die nölhige Sicherheit des Urlhcilö zu verschaffen. Er vertraut etwas mehr seinen eigenen Fähigkeiten und schreit etwas weniger »ach StaaiSinierveutiou. Vorzugsweise diesem Umstande ist der außerordentliche Aufschwung zuznschreibcn, den die Landwirthschaft in Ungarn seit etwa zwanzig Jahren genommen hat. Die Tendenz jencS Referates, daS v'elcn Beifall und gar keinen Widerspruch gesunden hat, liegt wohl klar zu Tage: es galt wieder einmal, der bösen Börse, diesem Süudenbockc der modernen Gesellschaft, einen sanften Tritt zu versetzen. ES dürfte" überflüssig sein, diejenigen Parteien zu iicnneu, welche diesen CultuS salo» fähig gemacht haben, und cS ist wobt auch dem allgemeinen Vor gehen dieser Leute zuzuschreiben, daß von den wenigen freisinnigcn Theilnehmern deS AgrarlageS keiner sich veranlaßt sah, gegen Unsinn und Verdächtigung das Wort zu ergreife». Cs entspricht zwar nicht unserem Geschmacke, Angriffe auf die Wahrheit unerwidert zu lasse»; wir finden cs aber begreiflich, dasi heute gar Mancher schweigt, um nicht von rücksichtslosen Gegnern mit Schmutz beworfen zu werden. Der agrarische Grundgedanke besagt, daß die moderne Gesetzgebung das mobile Capital begünstige und demgemäß die Land wirthschaft beuachthcitigt sei. Via» hat längst erkannt,-das; dieser Satz ganz willkürlich sormulirt ist und lediglich dazu dient, der agrarischen Jntcrcssenpolitik die »othwendige Basis za bieten. Es fällt nicht schwer, zwischen den Acilcn zu lese», bcsoudcrS wenn man die Mittel betrachtet, die 'dabei in Anwendung komme». In den voraustehcnden Bemerkungen dürfte man ciucir kleinen Beitrag zu den Parleikämpfen der Gegenwart finden und die Wahlverwaudl schüft der agrarischen und antisemitisch clcricalc» Tendenzen und Methoden nicht verkennen. Fürwahr, wenn u»>erc großen unkniiittlereii Grundbesitzer, welchen doch mannigfache BildungSmillel zu Gebote, stehen, eine deearligc Denkungsart bestunden, so können nur billiaerj weise von dc.n^Bauern keine fortschrilllichc Gesinnung erwarten; Russische als Ackerbauer. <eigiiial-Mittbeiliing des „Freien BlatteS".s - Petersburg, •Jio’.'fmbiXa | Wenn die von den russischen Antiscnntc» ausgesprengte Mar von der Unfähigkeit der Juden znin Ackerbau und zur Landwirthichast bisher noch bei Jemandem Glauben r'aud, io muß nunmehr angesichts der soeben publieirtcn Mitrhcilungc» dcS berühinicu russischen Tchrist stcllcrS Wladimir Korolcnko und dcS Coniil<'S der Landwirthschasts auSstcllung in P o ltawa auch der hartgesottenste Anhänger dieser "V Fiction den Rückzug autreten. Wladimir Korolcnko ist einer der hervorragendste» Schriftsteller' des modernen Rußland, der in seinen Wcikemdie russische Gesellschaft und daS russische Volk mit seltener Dbjcctivität schildert. Er bcützl die Eigenschaft, sich von de» Ströinnngeu deS Tages ferne zu. halten und alle Ereignisse und Erscheinungen im social politischen Lebe» des russischen Volkes leidcnschafts und voruriheilSloS zu beleuchten. Im

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