Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 85 (19.11.1893)
- Date
- 1893-11-19
- Page
- [Seite] (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10. Freies Blatt. Nr. 85. gangenen Jahre, meine Ansichten sind noch dieselben, mein Entschluß ist ungeändert." „Wie der meinige." „Willst du mir den Scheidebriefgeben'?“ „Ich will nicht." „?» hast daS Recht hie;» durch das Gesetz unseres.Volkes, wenn auch nicht durch das Gesetz dcS Landes, in dem wir leben. Du kannst dich von dcincin Weibe trennen, weil du ein Mann bist und ich ein Weib bin, aus welchem Grund? du willst oder aus keinem Grunde. Ei» Notar wird den Schcidcbrief ausstellcu, die Rabbis werden ihn bestätigen ES ist guter und hinreichender Grund hicfür da. Laß mich gehen!" „Ich will dich nicht lasten." „Emaiincl —ne schloß die Hände und sprach ernst: „Wenn du mich je liebtest oder ju lieben glaubtest, bei der Erinnerung an diese Zeit, laß mich gehen! Ich will nie, nie wieder dein oder eines anderen Mannes Weib werden. Von nun an will ich srci sein. Gib mir, gib dir selbst die Freiheit. -Lage zu mir in der Sprache unseres, Volkes und mit de» Worten des Gesetzes: Ich verstoße dich, ich entlaste und scheide dich: von nun an bist du in deiner eigenen Gemalt, . du magst dich einem anderen Manne verehelichen, dem du gesällft. Und nun bist dri frei für jeden Mann." „Rein, ich will keinen Schcidebrief geben." „Ich bin betrübt um deinetwillen, Emanucl. Dein ganzes Leben soll an ein Weib gebunden sein, welches sich weigert, mit dir zu leben und dein zu vstcgcn, nnd doch brauchst gerade du ein Weib mehr als die meisten Männer, weil du in Helen Dingen hilflos bist. Habe Erbarmen mit dir selbst und befreie dich selbst." „Rein, du bist mein Weib, und ich bi» dein Gemahl. Ich will meine Frau nicht aufgcbc», selbst wenn sic ihren Gatten ihr ganzes Leben lang znrückweift: ich will auf ihre» Namen nicht das Odium einer. Scheidung wälzen." - Die Frau seufzte. „Ich habe mein Möglichstes gethan, Emanucl. Ich verlange cs eben um deinetwillen. Mir ist's glcichgiltig, da *cch von nun an meinen eigenen Weg gehe» werde." „Ist das dein letztes Wort'?" „Rein — und doch — wir werde» von einander scheiden, viel leicht werden wir uns nie wieder begegnen. Tu wirst von mir hören, wahrscheinlich hören, daß ich manches thue, dem du nicht beistimmcn würdest. Es gibt Dinge, die ich dir noch sagen möchte, bevor du gehst, Dinge, welche -- welche - - nun, ich wollte sagen, daß du von mir sofreundlich denkeu mögest, als du kannst. Glaube mir, wenn cS einen Mann gäbe, welchen ich als Herrn »nd Meister anerkennen würde, so wärest du es. Glaub mir, kein anderer Mann wird je meine Liebe gewinnen." „Ich glaube cs, deiui du bist IsabcUa." Sic rückte einen Stuhl herbei und setzte /ich. Er that desgleichen. Es lag kaum drei Fuß Breite zwischen ihnen. Sic saßen vyn einander abgckchrt, eines sah. nach Osten, das Andere nach Westen. Sie wandte den Koos und ließ ihn auf ihrer Hand ruhen, aber ihr Gatte saß, ohuc sich umzuschcn. Vielleicht fürchtete er, trotz seines festen Vorsatzes, zu lange in ihr Antlitz zu sehen. „Die Frau ist in deinen Augen ein untergeordnetes Wesen," begann sic. „Es ist ihr der Vlay nach göttlichem Gesetz angewiesen. Sic kann keinen anderen Platz cinnehmcn. Wenn sic es versucht, sind Un cinigkcit, Empörung und andere. Uebel die «Folge." „Göttliches Gesetz!" wiederholte sic ungeduldig. „Aber waS konnte ich Anderes.erwarten. Das alte, alte Kauderivälsch der Rabbis. Wann werden wir damit fertig werden'? Wann wirst du darüber hinauskommen, Emanuel, du, ein weiser Mann, ein <Rlehrtcr, ein Genie'? Wann wirst du dich aus der Dunkelheit emporringen?" Er schüttelte den .stopf. „Das Licht", sagte er, „leuchtet auf dem Pfade des göttlichen Gesetzes!" „Mein gewesener Freund, mein angeblicher Meister! Was die Männer von einst sagten, gilt mir nicht.. Ich anerkenne nichts als die Gegenwart Ich sehe nur, was um mich herum ist, ich folge nur dcni Wege, den das Leben bestimmt, stehrc zurück zu deiner tobten Vergangenheit, wenn du willst. Mich aber überlaste der lebendigen Gegenwart. " Wieder schüttelte er den stopf. „Es ist der Weg der Blindheit," tagte er. „Als wir daS letztcmal schieden," fuhr sic fort, „hatten wir wenig?seit r'ür Auseinandersetzungen Tu bestandest auf deinem Willen. Ich weigerte mich, weigerte mich voll Muth und mit bitteren Worten. Ich habe jene Worte bereut, Emanucl, aber nicht die Weigerung, welche du. Uneinigkeit und Aufruhr nennst. Die Sache war zu heilig, ich hätte sie nicht durch harte Worte profanircn sollen. Aber ich war empört, und Empörer sind nur zu oft ungemäßigt in Sprache und Handlungen. Außerdem reiztest du mich durch deine ruhigen, kalten Worte. .Gehorche deinem Gemahl', sagtest du. Ich wollte meinem Gemahl picht angehören, aber uni dir von meinem Entschlüsse zu sagen — von meiner Empörung — war schwerer, als du für möglich halten würdest. Vergib mir diese 'Worte, Emanucl." „Bittet bft Himmel um Vergebung für seine jähen Stürme'? Es bedarf keiner Vergebung." „Vermuthlich, weil die Worte des WeibcS so wenig Werth haben," erwiderte sie lachend. „Ein weiser Mann, ein Gelehrter, wie du, warum solltest du einige rasche Worte aus meinem Munde berücksichtigen'? RichlSdestoweniger sage ich dir, war mir die Weigerung schwerer, als du denkst, wofern eines Weibes Regungen wcrth sind, darüber nachzudenken." „Eines Weibes Regungen'? Die ganze Welt hängt täglich ab von des Weibes Regungen. Offen gestanden, Jsabella, deine Worte sind dir schon lange vergeben. Wahrlich, ich erkannte, daß du — du — mit deinem großen und edlen Herzen, ehe du solche Dinge sagen konntest, sehr tief bewegt sein mußtest. Das ist vorbei und vergessen. Laß uns wcitergchen, du hast mir mehr zu sagen, che wir wieder scheiden." „Ich möchte, daß du mich verstündest — wofern du kannst. Tie schwache Seite bei Männern wie deinesgleichen ist,' daß ihr euch in euren Mantel von Traditionen, von Aberglauben — von sogenannter Ucberzcugung hüllt und euch weigert zuzuhörcn. In der That, neben dieser Ueberzeugung kann nichts bestehen." „So ift's. Es gibt Dinge, die unanfechtbar sind, wie z. B. die Beziehungen zwischen Man» und Frau." „Du machst es mir noch schwieriger, meine Stellung auseinander zusctzcn. Ru», du weißt ja, wie ein Mädchen in unserem Volke aufgezogen wird. Bei ihrer Geburt herrscht keine Freude, Niemand hofft, oder erwartet etwas von ihr. Ganz stille schleicht sic sich in die Welt. Wird ihr aber ei» Bruder geboren, dann herrscht große Freude, selbst im ärmstcu Hause. Hat der Knabe ein Aster von dreizehncinhalb Jahren erreicht,- dann wird er Sohn des Gesetzes genannt, und er muß sich die sechShundertdreizchn Vorschriften, welche daS Gesetz bilden, cinprägcn. Was'haben die Mädchen zu lernen'?" „Sie lerne», daS Sabbathbrot segnen, sic zünden die Kerzen am Sabbaihabcndc an und wiederholen daS (»lebet. Dies.sind ihre ganzen. Verpflichtungen." „Kurz gesagt, es ist göttliches Gesetz, daß die Männer Alles lernen. Alles thun müsien nnd für Alles verantwortlich sind. Für das- Wcib — —" „— ist der Gehorsam. Das ist das ganze Gesetz für die Frau." „So wurde ich erzogen, ich mit meinem Verstände, mciuen (Naben, die Erbin dieses großen Vermögens, ich fühlte, daß ich ei» Mädchen mit rascher Auffasiung war; ich sah, daß alles Wünschenswerthe dem Manne zufällt: Rcichthum, Ehren, Stellung, Ansehen, .Wiffcn. Zuerst fügte ich mich. Die Frauen sagten mir, daß cö eben so sei und nicht anders sein könne, lieber das Unabänderliche zu murren ist thöricht. Ich sah seit meiner Kindheit alle Frauen unterwürfig, gedankenlos, dcmüthige und folgsame Dienerinnen der Männer. Und so mußte cs sein, natürlich! Zn unserem Volke verordnet ja die Religion diese Unterwerfung. Run sah ich mich in der Außenwelt um, wo eine freiere Luft herrschte. Ich hörte Vieles, was mir zu denken gab. Ich sah Mädchen, welche die Unabhängigkeit als ihr Recht beanspruchten, ich sah einige, welche ihre Unabhängigkeit wirklich errungen hatten, und ich fand, daß cs Frauen gäbe, die-noch Frauen waren und trotzdein all das leisten konnten, was die Männer leisteten und — ebenso gut. Ich selbst habe gehandelt, so gut wie irgend ein Mann meines Alters, und noch besser — weit bester — als die Meisten. Ich sah um mich, ich beobachtete, und ich fand, daß die Frauen überall gleich gut wie die Männer arbeiten können und sogar bester. Sie können Alles machen, was sie versuchen; sie schreiben Novellen, ^Gedichte, Bücher, füllen die Journale mit Abhandlungen, Geschäfte werden von Frauen geführt; sehe nur die Leitung der Arbeits Häuser durch Französinnen. Es gibt weibliche Künstler, Schauspiele rinnen, Musikerinnen, mit einem Wort, die jetzige Generation straft in Wirklichkeit einfür allemal den Satz von der untergeordnete» Stellung der Frau Lügen." „So glaubst du." „Ich glaube es. Was die Natur widerlegt, sobald das Experiment einmal gemacht ist, kann nicht länger als eine Theorie aufrecht erhalte» werden." „Das ist wahr. Hat wirklich die Natur widerlegt, was die Er-