Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 85 (19.11.1893)
- Date
- 1893-11-19
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. Seife 9. Freies Fcuillctliii. - Die Empörerin. omait nach dem Englischen des Walter B e j a »t von Marie M a j e r. ' 7. i „Ich erwartete dich, Emannel." Das Mädchen — sie war wenig mehr — saß am neuster, wandte langsam den Kopf und sprach scheinbar ruhig, aber ihre Wange» glühten und ihre Hände zitterten. Die Uhr schlug gerade zehn, als der Besucher die Thür deö Wohnzimmers ösinete und am Eingänge stehen blieb. Es war ein ganz junger Mann — höchstens 25» Jahre alt — aber der ernste, gedankenvolle Ausdruck »nd die tiefliegenden Augen ließen ihn älter erscheine». Seiner Kleidung nach hätte man ihn für einen jungen Arbeiter halten können: er trug eine lose anliegende Jacke, eine Jacke jener Art, wie sie Arbeiter gerne tragen; auch trug er keine Handschuhe, »nd seine Beschuhnng war mehr zweckmäßig als sauber. Doch sieht uian selten einen jungen Arbeiter mit so feine» Zügen, so sicherem Blicke und so gesundem (Gesichte. Auch trägt der gewöhnliche Arbeiter nicht einen so langen, seidenweichen Bart, wie ihn dieser junge Mann besaß, Er war ein außerordentlich schöner Mann, groß, voll Ebenmaß, eher einem schönen Araber gleich, als einem Angelsachsen, von einem Typus, wie man ihn bei jungen Männern von englischer Abkunst nicht antrisst. Hat man ans Weifen Erfahrungen nnd größere Kenntnisse gesammelt, so denkt man bn einer solchen Erscheinung unwillkürlich an eine Straße in einer spanischen Stadt — enge, luftige Häuser, Fenster mit Baleons, Frauen in den Baleons lehnend, hellfarbige Wappen, die zur Schau hänge», geschnitzte, alte Wappenschilder und darunter ein Bolk mit ebensolchen (Gesichtern wie daö des jungen Mannes hier; das Wort Sephardim kommt einem in den Sin». Diese Gesichter, sagt man sich, sind de» Kindern der Zerstreuung eigen. In dem Gesichte deö jungen Mannes lag etwas von einem Adler, die Nase mar schmal nnd leicht gebogen, die Nasenlöcher fein geschnitten und zart, die Auge» scharf, klar, tiefliegend, unter geraden und schön gezeichneten Brauen, blan wie der feinste Damaseenerstahl, die Vippen fest, der Mund fein geschwungen, die Wangen stark und tief gefärbt, die Stirn breit und weißdaö büschelförmige Haar kastanienbraun; die Gluth, uiit nrelcher die Sonne dieses Gesicht geküßt, schien noch darauf zu ruhen. So, fürwahr, muß Rabbi Akiba oder Gamaliel auSgesehen haben; sa, dies war das Gesicht, welches dem Hause der Makkabäer eigen war, dies war das Gesicht, bei dessen Anblick Josua'S Feinde sich wandten »nd flohen. Einem solchen Gesicht steht am besten der Turban und ein langes, fliegendes Gewand von Seide, unter wAchem an earmoisinrothem Gurte' der Pallasch hängt, das gäbe ei» treffliches Modell für eine» Mohammed. Oder bekleidet ihn mit einem Schafsfell, das um' die Mille vom ledernen Gürtel festgehalten wird/ dann taugt der Man» am besten für ein Bild des Propheten Elisa, da dieser noch jung war und eben den Mantel seines Meisters und Borlänfers erhalten hatte. Ein solches Gesicht mit solchem Ausdrucke, »och mehr hervorgehoben durch die moderne unbedeutende englische Kleidung, erscheint uns ungewöhnlich nnd doch immer »och fesselnd und schön. DaS Mädchen — wie gesagt, sie war wenig mehr - — erhob sich ein wenig in ihrem Stuhle; sie saß am anderen Ende des langen Zimmers an einem offenen Fenster, das auf einen freien Platz in Westend ging. Es war.Juni, und der Duft der 2i»de»blüthen erfüllte das Zimmer. Sie erhob sich halb und sank wieder zurück, ihr Gesicht entfärbte sich, und sie mußte nach Alhem ringen. Der Mann stand »och immer in der Thüre, schweigend. Seine Gesichtsfarbe wechselte nicht. Sein Auge zeigte keine andere Regung als standhaften Borsatz und Selbstbeherrschung. Endlich bemeisterte sich daS Mädchen. „Ich erwartete dich," wiederholte sie, „du sagtest mir ja, daß du nach einem Jahre wiederkehren, daß du mir ein Jahr Bedenkzeit geben werdest." „Du hast nun ein Jahr Bedenkzeit gehabt, »nd ich bin wiedorgekehrt. Diesen Abend ist'S ein Jahr, seit wir schieden, und ein Jahr und ein Monat, seit wir heirateten." „Ich bin bereit, dir Rede zu stehen, Emannel." Sie erhob sich, schlug die lange Schleppe ihres Gesellschaftskleides mit geübter Hand zurück wie eine Prinzessin auf der Bühne nnd schritt ihm entgegen. Er schloß die Thüre und trat in'S Zimmer. In bet Mitte des Raumes hielten Beide an, als ob sie zwei Herrscher wären, die an der Grenze einander begegnen. Ta gab's keine Begrüßung, da gab's keine» Küß Blatt. zwischen Mann und Frau, da gab's lein Händeschütteln. Sie waren Man» und Frau, geschieden und bis jetzt unversöhnt. Sie standen einander gegenüber, nur drei- Fuß Teppich zwischen sich, . nnd so verharrten sie eine Weile in Schiveigen gehüllt. Des Mannes Auge,, waren nnbeugsam besehlerisch. Die Fran verlor die Fassung unter diesem Blicke; aber sie kam gleich wieder zu sich und erwiderte seinen Blick herausfordernd, rebellisch. Tie Hallnn'g dieses Paares, die Blicke des Mannes »nd der Frau — sie verriethen ohne Worte die ganze Sachlage. Ta war der Manu, welcher Herr sein ivoltte, da >var die Frau, welche den (Gehorsam verweigerte. Nichts seltenes.. Und doch war eS eine Situation, die nicht so einfach erklärt ist. Sie »vor »och sehr jung, nicht mehr als zweiundzwanzig, aber für den Abend gekleidet, wie wenige Frauen ihres Alters sich kleiden dürfe». Eö war dies die Kleidung einer struml-- ilame. Ein Weib in diesem Alter, selbst wen» sie eine Prinzessin oder eine Pariserin ist, begnüLt sich gewöhnlich damit, lieblich anSzuseheu, weiter kümmert sie sich um nichts. Rang nnd Ansehen gebührt den Bierzigern, Fünfzigern, Sechzigern. Mit zweimid zwanzig, selbst wenn man verheiratet ist, ist'S genug/ schön zn sein. Augenscheinlich aber war es diesem Weibe nicht genug. Bielleicht hatte sie diesen Abend einen üesonderey Grund, sich in solcher Pracht zu zeigen. Dieser rothe Sammt, diese Spitzen,, diese Rubinen und Perleir, diese goldene» Ketten — sie hätten eine Königin schmücken können, etwa die Königin eineö halbeivilisirten Staates, die Königs» von Armenien oder Abessinien. Dieses Weib wühlte eine solche Kleidung, erstlich weil sie, obgleich keine Königin, doch die Pracht liebte, überall, in Kleidung, HanSgeräth, Kunst-, in Wagen nnd Pferden, weil sie für großen Reichthnm geboren war, und gewöhnt, sich reich und prächtig zn tragen, und endlich weil sie honte, sie werde ihren Mann zurUnterwerfnng bewege» durch ihre Schönheit, welche er ge schmückt liebte. Sie war gekleidet wie eine Königin, sie sah auch aus wie eine Königin, aber eö war eine tranige, rebellische Königin, eine Königin, die in den Krieg zieht. Ihr (Besicht zeigte orientalischen TnpuS. Tiefes Weib besaß aber nicht jene schwarze», großen, sanslen und schmachtende» Mandelangeu, welche die Dichter den Töchter» des Ostens zu geben pflegen. Sie tonntenicht als Z'eila oder als Favoritin eineö Harems gemalt iverden. Ihre Gesichtsfarbe war nicht olive, noch besaß sie eine Fülle schwarzen Haares, im Gegentheil, ihre Auge» waren braun, klar, kalt »nd scharf' nnd an diesem 'Abend weder schmachtend noch zärtlich.. Ihre Züge waren sein'und ebenmäßig' g^ schnitten, ihre Rippen schön geschwungen, ihr Mund voll, fest, sogar hart, ihre Rase etwas gebogen, ihre Stirn ein ivenig breite» als Manchem mit vollkommener Schönheit verträglich fcheineninag, ihre braunen, reichlichem Haare waren ansgerollt, »in den Kopf gewnnden und von einem mit kleinen goldenen Münze» geschmückte» Bande »in schlungen. Jh^-Gesichk war blaß, aber nicht blutarm, auch Halle es .nicht jene kränkliche Blässe,-die geringer Vebcnelvan eigen -ist »nd ge sunde Menschen schaudern »»sacht, eS »var blaß avie gewin'e kunstvolle Seidenstoffe, »velchen ein fchivacher Anhauch von Farbe Wärme verleiht, nird Überdies flammte diese» Abend ans ihrer Wange noch die Glnth.der Erregung. > „Dn'bist mein Mann," sagte sie. „Ich bin, denke ich, Madaisie oder-Mistreß oder Senora Elveda, denn ich muß meines Mauuxs Namen trage». Ich bin das Weib des Emannel Elveda, des 0\- lehrte», EhemikerS, Philosophen, deS vrodnetiven Denkers." „Ich bin dein Gemahl, Jsabella " „Enianuel Elveda," fuhr sie fort, „ist ein Man» von altbm ('V schlechte wie auch ein Manu von kreist. Sein Stamm ist viel älter als der irgend einer christlichen Familie. On Spanien gabeü feine Bäter vor, zum Ehristenthiii» bekehrt zu sei», und sie »vurden geadelt. Er ist Eonde Elveda, iven»' er »vünscht, diesen Titel zu führe». Aber als ich ihn» begegnete, da »var er der einfache Emannel Elveda. Seine Familie hatte Güter und Reichthnm verloren, ihren Rang auigegeben und »var offen zum allen 'Glauben znrückgekehrt. Er »var arm npd stolz." „Ich bii» noch dein (Gemahl, Jsabella," »viederholie er. ' „Ich habe dies gesiigt, eben um zu zeigen, daß-ich deine grossen' Eigenschafle» ackerteune. .DaS macht »»eine Anflehnnng »och ve» wegener, .nicht? Du erinnerst mich daran, daß du noch mein Gemahl bist, »villst du damit »och meine Unterwerfung verlangen?" „So ist'S." „Und — wenn ich sie »och verweigere'?" „Ein Weib ist »vedep ein Knecht noch ei» Srlave." „Wenn du sie zur Sklavin machst, waö liegt a» dem Namen „Wenn du »nein Weib bist, folge deinem Gemahl." „Ich habe »achgedacht, »vie du eö von mir wünschtest: ich hoffte, daß auch du Nachdenken nnd znrückkomnien und der Bernnnft zugänglich sein »vürdest. Meine Stellung ist genau dieselbe geblieben »vie im ver