Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 85 (19.11.1893)
- Date
- 1893-11-19
- Page
- [Seite] (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Freies I? I a 11. Seite II. Nr. 85. fahrung aller Zeiten beweist? Ein oder zwei Mädchen habe» ihre Prüfungen ebenso gut bestanden wie die Knaben. Wo ist da die Um stoßung der Naturgesetze?" „Ich sage nichts mehr über diesen Punkt. Du hüllst dich i» deinen Mantel der absoluten Wahrheit. Lasse mich sortfahrcu. Es war für mich schwieriger als für andere Frauen, mein Gemüth von Aberglauben zu reinigen. Wir sind immer Orientalen. Es ist bei u»S fast instinktiv, zu glauben, daß die Frau nicht allein tiefer steht als der Mann, sonderndaß sie auch verheiratet werden soll; cs ist eine Schande für sie, nicht verheiratet zu sein. Unglücklicherweise hatte ich mich wohl von der Doctrin der untergeordneten Stellung cmancipirt, aber den (Glauben an die Nothwendigkeit des Heiratcns noch nicht von mir gestoßen. Ich sah mich daher »ach einem Alaune um, nach einem passenden Lebensgefährten. Ich wollte keinen Geldmachcr; mein eigenes Vermögen reichte für ein Dutzend Familien hin; ich wollte keinen Künstler, weil deffcn Tcmpcrainent launenhaft ist. Ich wollte zum (statten einen Mann mit weitem Gesichtskreise, eine» Gelehrten, einen Mann mit edlen Trieben. Ich war »och mehr beschränkt in > meiner Wahl, weil ich nur einen Mann auS nicinem Volke wühlen wollte. Ich fand dich!" „Ja," sagte ihr Gemahl, „du fandest mich." „Daß du arm warst, daß du nie Geld erwerben würdest, daß du ein Mann der Bücher warst, daß du nie in Gesellschaft gehen würdest, daß. du nie eine der gewöhnlichen Bestrebungen haben würdest —waS lag daran. Ich dachte, daß du deinen Weg gehen würdest und ich den meinigen. Vielleicht liefen unsere Wege »cbencinaudcr, Seite an Seite. Vielleicht waren sic getrennt. Ich dachte, daß ein Mann von deinem Können gleiche diese Stellung cinnehmc» und Gleichheit gewähren würde." „Du hättest dies als Bedingung der Heirat früher Vorbringen sollen und nicht später." „Ich hätte es thun sollen, ich hatte Unrecht." „Du hättest viele Männer gefunden, die, ich darf sagen, »»edel genug gewesen wäre», deine Hand unter dieser oder jener Bedingung anzunehmen." „Ich vertraute zuviel auf meine Ucbcrrcdungskunst, ans dein frei sinniges Gemüth." „Erörterungen können die Gesetze der 'Natur nicht ändern Der Mann ist der Herr." „Laß nnS also nichts mehr darüber sprechen." Sie erhob sich, Beide erhoben sich, sic maßen sich wieder. DeS Mannes Gesicht »varhart und starr, das der Frau jetzt sanfter, ihre Augen waren uiit Thränen gefüllt. „Enianuel, noch ein Wort, und dann, »vcn» du gcivühll, dann — kannst du mich verlaffcn." „Sprich!" „Ich denke, daß »vir noch glücklich »vcrdcu können. Laß zivischen uns keine Frage sein über Herrschaft oder Unterwerfung. Das Hans »vird ohne deinen Rath geführt werden. Du kannst deinen SIndien nachgehen auf deinem eigenen Wege, Laß auch mich meinen Weg gehen. Laß inich neben dir leben, ungefragt. Laß mich meinen eigenen Pfad verfolgen, ob ich nun neben oder über dir klimme oder unter dich sinke. Laß mich frei handeln, sprechen, kommen, gehen »vic ich »vill, »vie meine Vernunft, »vic der Zlvcck meines Lebens mich leiten mag. Still — sprich noch nicht — einen Augenblick! — Tu weißt, daß ich nichts thun »verdc, »vas nur den geringsten Schalken von Unehre über deinen Namen bringen könnte. O, eS gibt keinen anderen Mann in der Welt, vor »velchcm ich niich so demüthigcn »vürdc als vor dir! Aber für dich, Enianuel! Blicke herum! .Dieses große Haus gehört dir, diese Diener, die Bibliothek — Alles ist dein. Ich bin dein — deinesgleichen — du sollst Ruhe haben und Muße zu sitzen und nachzudenken, ohne Sorge um das tägliche Brot. Wir »vollen vereint gehen, Seite dn Seite. Wir wollen uns gemeinschaftlich bcrathen. - Lockt dich denn daS nicht, imstande zu fein, dein Werk auszuführen? Nur laß mich — laß mich frei!" „Nein," sagte er, „daS ist keine Heirat, >vo dem Weibe gestattet ist, frei zn fein. ES »värc eine Entchrnng^für' den Gatten, schändlich für die Frau." Sie seufzte tief auf. Der Mann »var unbeugsam. Hätte er nur dcn Kopf gewendet, hätte er bloß die Augen erhoben, hätte er nur die leiseste Bewegung ge»»acht,, sie hätte sich ihm untcrivorfen. In ihrem Herzen anerkannte sie ihn ja als ihren Herrn; er »var ihr Meister im Willen, im Verstände, in Kraft und Beispiel; in Würde und Edelmuth hatte sie ihn als ihren Herrn erprobt. Nur in einem »var sie ihm gleich — in ihrem Stolze. Er wartete. Hatte sie »och mehr zu sagen? „Du mußt also gehen, Emanucl," sagte sie traurig. „Du »virst hinausgehcn in dein eigenes Leben. Ich kaiiu's nicht ertrage», zu denken, daß du vielleicht in Noth bist, »vährcnd ich so reich bi» so reich." „Ich »verde nicht darben." . ' „Ich »veiß, daß du ehcr'stcrbcn »vürdcst, als Geld von mir nehmen, aber, Enianuel, wen» du krank und leidend »väreft —" „ES gibt Spitäler, und dann Hab' ich ja unser Volk." „ES ist das »»einige nicht langer. Ich gebe es aus mit meinens Gatten, ich verleugne das. Volk, ich »vill ihm nicht länger angehören. Eueren alten Traditionen, cnercm Wirrivar und Kaudcrivclsch von Ecrcmonicn und Aberglauben »vill ich nicht länger folgen. Ich »vcrsc sic von mir." Er. schüttelte den Kopf. „Du -kannst dein Volk nicht verleugnen, keiner von uns kan» sei» Volk abschlvören, in »nser Antlitz ist ein Zeichen cingcprägt, daö Siegel dcS Herrn, durch »vclchcs »vir einander erkennen und von der Welt erkannt »verdc». Dein Volk — du kannst cS ebcnsolvcnig verleugnen, alS du dieses Siegel und Zeichen von dir abschütteln kannst." „Doch kannst du niich, denke ich, nicht znzjngc», den» Gesetze zu gehorchen?" -i „Nein. Leb' wohl, Isabclla, noch mein Weib. Lebe dein Leben auf deine Weise. Ich »verde nicht dazlvischcntrctcn. Du wirst viele Bekannte, aber keine Freunde gcivinncn. Du »virst, ein Leben führen, erfüllt von geistigem Luxus, aber ein Leben ohne Liebe, ohne Kinder", . — sic lächelte, doch bemerkte er es nicht — „ein freudloses, liebeloses, kinderloses, frcnndcloseS Leben. Wenn dn dessen müde wirst,- sende »ach mir, und. ich »vill zn dir zurllckkchrcn." Er »vcndctc sich und schritt langsam auS dem Zimmer. Als die!- Thüre sich hinter ihm geschloffen halte, breitete sein Weib die Arme auS; cS mag eine Geberde der Aufforderung, der Schivächc, des Zornes oder der Ungeduld, oder von alledem gcivescn sein. Sie »var geschlagen, mitsammt ihrer gerühmte» Gleichheit. Der Mann ivolltc ihr nichts zugcstehcn, selbst nicht ihre eigene Freiheit, er »vollte keinen Bkrtrag ein-» gehen, er kehrte zurück in die Welt der Armnth. Er wollte mit eigenen Händen arbeiten. Sic kannte seinen Stolz und seine Beständigkeit, cr »volltc Herr sei» oder nichts. Sic ihrerseits' »vollte ihm gleichgestellt sein oder sie »vollte nicht sein Weib sein. Sic verließ das Zimmer und sah über die Stiege in die Halle hinab. Ihr (Matte schritt langsam die Treppe hinab durch die Halle, de» Blick »vedcr rechts, noch links kehrend. Er öffnete die Eingangsthüre und schritt hinaus. Und wicdcr entrang sich ei» Seufzer ihrer Brust. Als sic zurückkchrlc, fand sic ei» altes Weib^ nicht wirklich alt, aber sic sah so aus, mii brauner, gerunzelter Haut neben sich. „Mclkah," sagte sic, „ich bi» schön, nicht >vahr?" „Kein Weib in der Welt ist so schön." „lind ich bin gekleidet, »vie eine schöne Frau sein soll, nicht ivahr?" . „Die Königin von Saba könnte nicht schöner gekleidet sein." „Er ist auS Stein, Mclkah. Ich »vähltc meine schönsten Kleider, ihn zu begrüßen-und zn bewegen. Wen» ich je anziehend »var für ein männliches Auge, .so »var cs diesen Abend. Ich sah in den Spiegel und fand, - daß ich sehr schön sei, 'und ich dachte, daß sein starrer Wille beim Anblick meiner Schönheit crivcichen »vürde. O.'ich bin beschämt, »veil ich zn siegen hoffte, nicht durch meine Vernunft oder durch die Gerechtigkeit meiner Sache, sondern durch seine Schivächc. Aber er hat keine Schivächc. Er liebte mich einst, er ist ein Mann, der zum Liebe» geboren ist. Aber sein Wille ist aus Stein. Seine Blicke crivärmtcn sich nie, seine Wangen röthetcn sich nie, doch ich kenne ihn, ich kenne ihn.-Bei einem Worte, »venu ich nur dieses Wort gesprochen hätte, o »vic »värc er in Zärtlichkeit zerflossen. Nicht, daß er jetzt verachtet, »vaS er einst liebte. O nein, Nein, »ein, ich bi» glicht eifersüchtig auf Emanucl. Kein anderes Weib könnte ihm je daö sein, »vaö ich ihm »var. Nein, nein, ich bin nicht eifersüchtig." „Mann ist Mann," sagte die Alte, „und er ist Ihr Gemahl." (IZonscyilUii iolijt., Briefkasten. J M. N., Eilli: Sie irren, der unlängst iu'BndweiS zum Tose vernetheilie Gislmischrr Xallinger ist »ich» Jude; im Gegeiuheil, er »var, »vic »vir au» zn verlässiger Quelle iviffe», .nicht nur Christ, sondern sogar Vorbeter bei Procesfionc». H. E., Stauislan, VerkagaffcWollen Sic uns den -.Irlikel zur- Ansicht sendsn. Leonhard F., Leipzig, lklisenstraßc >». Tie „Lese- »mdiRedehauc der deutschen Studenten" in Prag ist durchaus freisinnig >md steht i>» Kampfe gegen die durch Secession au« der Nedehalle hervorgegangene-, antntinililche „Germania". Blätter abgesandt.