Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 85 (19.11.1893)
- Date
- 1893-11-19
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8. Freies Männer, die dc» von Taafie bisher eingenommenen Ministerstuhl besetzt haben, 'ollen einem on ilit zufolge sich gleichfalls mit einem Reformplane des Wahlrechteiragen, nach welchem eine fünfte Wäblerclasse mit städtischen und ländlichen Wahlbezirke» und zusammen elwa achtzig neueu Mandaten zu creiren wäre. 9» dieser Clasie >cllten alle Jene wähle», die durch die Bill Steinbach Taafie mit dem Wahlrecht betheilt worden wären, und da zugleich für die bisherige dritte und vierte Elasse eine Erhöhung des EeniriS stanfinden sollte, auch ein Tberl jener bieberigen städti'chen itud ländlichen Wähler, welche mit der geringsten «teuer in der Wählerliste erscheinen. Wir betonen nochmals, daß von einem solchen Plane o'ficiell nichts verlautet. Auch iehe» wir von einer ineritorifchen Beurtbeiluiig dis'elben ab, aber das eine wird man doch zugebeu, daß er in feiner kerastaterischeit Wirkung gar nicht zu vergleiche» wäre mit der Bill Steilibacd Taafie, für die sich liniere antisemitische Presse so begeistern konnte. Murr aber, da es mögtich wäre, daß die Antisemiten theilmeise die Zeche für die Wablre'orr» zahle» müßten, schreit dasselbe „Teutsche Volksblatt" Zeter und Mördio und klagr das Eoalitünis Ministerium eines „Attentates auf die Füii'giUden Männer" und des „ra'finirten Wahlreformbeiriiges" au. Gestern hieß es Gerechtigkeit, beute Altentat. Tie Leier des „Teutichen Voltsblattes" lauen sich dech Alles bieten. 'Wer war im denlsch-fratrzösischen «rttflc und in feinen Folgen verfietft?» oene« „deutsche Tagblatts, welches neulich „Tie um Zteinwender - herzlich begrüßt batten, was ibnen aber leid;u thuii scheint, da das Steurwender-Hrgan die 'eierliche Begrüßung in einer Form anzeigt, die wie Be kalter» über einen leichtfiitiiige» Streich auSnelrt — das einer geldlichen Unterstützung bedürnige und leider noch eines Televbons entbehrende „deutsch nationale" Prgan vublicirt eine Unterredung mit Herrn Eduard Truinoiit; dieser sagte unter Anderem: „Wir waren durch den Krieg 11870 71i haltlos und rnoraliich vernichtet, und 'eit A» Zähren haben'wir das deutsche Judent brr-m, das in diesem Kriege und irr seinen Folgen versteckt war, ertragen Tie Allianz (mit Rußlandr bringt uns nun moralische Hilfe, 2ie gibt uns wieder Bertrauen, und wir und jetzt glücklich, ein große« Bolk als Freund gefunden zu babe». Tas ist ein qlüekltcher Wechsel. TaS hebt uns und gibt urrH große Hofinung nir die Zukuri't für die materielle Berwirklichung dieser Allianz." Jetzt wiüerr wir es. TaS deutsche Judenthrrm trägt eigentlich die Schuld an dem Kriege von 1^7«.» 71 und feilten Folgen. Tie namentlich von den Antisemiten lärmend gefeierten Sedcrnfeste dienen nur dem Name» »ach zur Per Kerrlichung des „Kai'erS Wetßban", des Manne» vor, Blut und Ersen. :c. Im Grunde geiiomiiien sind ne eine Verherrlichung des deutschen Judenthum». Ter Nachkomme einer in Frankreich eingewanderten württembergiichen Schächters stellt eine solche Behauptung-auf, und ein .herrlich nationales" Blatt betet sie ibm nach -Hatte nicht Virchow Recht, alS er den Antiretnitismu» ein Räth'el nanntet ZuchtbänSler-Hoheik.) Tie „Ostdeutsche Rundschau" nimmt keinen Anstand, zu behaupten, daß der-geringste Teutiche (lies: Antisemit), und säße er selb» im Zuchthause, auf oie Juden „noch immer mit einer gewissen Hoheit Kerabsieht und berabzrn'ehen das Recht hat." Tie derzeit auf freiem Fuß befindlichen anniemitische» Zuchthäusler werden sich wohl durch diese ihnen dargebrachte Huldi gung geschmeichelt süblen nnd die Bemittelteren unter ihnen ihre Erkenntlichkeit durch eine geldliche Unterstützung von 50 Kreuzern und ein ,Heil Wolf!" zum Ausdruck bringen. Socitzlogen vom Schlage Scheichcr's.) Eirr^ur Erziehungder katholischen Gesellen Banerrr» im Sinne der „christlichen Socialrerornr" von Geistlichen in München redigirtes Blatt „T er «Arbeiter" zeigt, daß auch außerhalb 2t. Pöltens so große Sociologen vorhanden sind wie der Genofie Schneider's, der hochwürbige Herr 2cheicher. Tie „Westdeutsche AllgemeineZeitung" beleuchtet die Lehren der Münchener Weltverbesserer in einem längeren Artikel, von welchem wir hier im Wesentlichen Rotiz nehmen. Die Zeitschrift „Ter Arbeiter", führt -das genannte Kölnische Blatt aus, nennt sich ausdrücklich katholisch und bietet ihren Lesern hin und wieder eine socialpolitische Predigt zur Erbauung. Ta aber der Socialismus den geistigen Leitern dieser Blatter zu viel Kopfichmerzen bereitet, io glauben sie, die sociale Frage sehr einfach und beauem durch die sogenannte Judenfrage löten zu können. „Lchlagt die Juden todt, oder vlündert sie wenigsten» au« und treibt sie aus dem Lande, dann hört olles -'ocials und moralische Elend auf, dann ist die Zeit des meisianischen Frieden» gekommen." Gibt es eine einleuchtendere und schlichtere Theorie der Weliverbenerung? Und warum toll diese originelle Theorie keine Anhänger finden V Wer an die bö>en Leidenschaften und die Tummheit der Bolksmasien avpellirt hat, denen. Bestrebungen waren stet« von vorübergehendem Erfolg gekrönt. Hören wir, was dieie irommen Herren, die stet» die Worte Gott und Rächstenliebe im Munde führen, predigen: „TaS jüdische.Geschäftsfysteni, daS 2trebe» noch Gewinn um jede» Preis, ich der Fluch unserer Zeit." Soll indisches Geschäststynem etwa heißen, ein System, da» de» Juden durch da» alte Testament oder durch ein anderes heiliges Buch vorgeschriebeu ist? Cber ist das vielleicht jüdisches Geschäftssystem, was zufällig zwei oder drei Trödler tretben? Tann könnte inan mit demselben Recht und derselbe» Logik die Betrügereien irgend eine» Katholiken — und e« ist nicht zu leugnen, daß sehr Blatt. Nr. 85. fromme Katholiken Betrüger gewesen sind — katholisches Geschäftssystem nenne». Ist denn der Handel eine specifisch jüdische Eigenschaft? „Der Arbeiter" schreibt ferner: „Die Juden sind bei uns schon übermächtig geworden. Die Zeit ihrer Mästung waren die Jahre de» Kulturkämpfe»; sie thaten ihr Möglichstes, die christlichen Confessiorien.zu verhetzen und hatten ihr lebhafte» Interesse daran, den Eulturkampf nicht zur Ruhe kommen zu lasten." Wenn eine falsche Behauptung durch tausendrnalige Wiederholung rvahr werden könnte, so müßte man nachgerade an die hier wieder vorgebrachte Mär glauben. Allein es steht doch fest, daß die' Juden mit dem sogenaiinten Eulturkampf nichts zu thnir hatten. Wer waren denn die Juden, welche die Eonfefsionen verhetzten? Wer die Juden, die davon Portheil zogen? Wir wüßte» keinen zu nennen. Der gernüthvolle Gesellen- und Arbeiterfreund klagt weiter: „Heute herrschen sie (die Juden) und geben den Ton an, denn in ihren Händen ist die Presse. So ist e« den» leider zur Wahrheit geworden, daß öoO.UOO Juden 49 Millionen Deutsche am Rasenrirrg führen." Es ist aber, bei Licht besehen, eine ebenso gehässige wie unsinnige Lüge, daß die Presse in jüdischen Händen sei. Sieht man von einer» Dutzend Berliner Zeitungen ab, so liegt die ganze Presse in Deutschland zum allerlleirrste» Perceutiatz in jüdischen Händen. Uri» ist beispielsweise in ganz Rheinland und Wesrphale», welche Provinzen wir genau kennen, kein irgendwie nenneuswerthe» politische»- Blatt bekannt, welches einen Juden;um Redacteur oder Verleger hätte. Und auch von denjenigen politischen Zeitungen, die von Juden geleitet oder beeinstnßt werden, ist »och nicht eine, die specifisch jüdischen Zwecken diente. Tas ist auch begreiflich, denn jedes Blatt muß sich, wenn e» ejriftiren will, nach seinen Lesern richten, und die Leser sind eben nicht Juden, fouderu zum weit größten Theil Ehriste». Tie 4!> Millionen Deutschen lassen sich also von den paar Juden am Rasenring herumsrrhren, wie unser Gewährsmann sich geschmäckvoll ausdrückt... . Wir sehen nicht, daß das Deutschthum von Israel geknechtet wird, wohl aber, daß täglich unreife Burschen mit einer Keckheit über das Judenthuin reden, wie sie nur dev völligen Kenntnißlosigkeit eigen'ist.. . . Ter Artikel des Kölnische» Blattes widerlegt daun die Beschuldigungen, tvonach Jude» „die heiligsten Gefühle verhöhnen und verspotten", kenuzeichiiet »ach Gebühr die aus niedrigen Motive» zur Aufhetzung gegen die Juden erdichteten Geschichten und wendet sich dann dem Antisemitenschwindel mit der Perbrecherstaiistik zu. Es gibt nichts Lächerlicheres, als wenn man bei Verbrechern die Confession in Betracht zieht Geheimrath v. Scheel, ein conservativer Socialpolitiker, sagt in dem Allgemeinen statistisches Archiv: „So dürste die Eriminalstatistik, welche sich aus Eonfession und aus Religion erstreckt, eine überflüssige, zu Trugschlüssen und Gehässigkeiten führende Arbeit sei», und man wird deshalb auch die Frage nach der Religion der Verbrecher am beste» unterlassen." . Wie kann überhaupt ein Mann vorr Ehrlichkeit und Gerechtigkeit eine Gesammtheit für die Vergehen Einzelner verantwortlich machest? Windthorst war sicherlich ein guter Katholik nnd ei» treuer Eentruinsmarui; hören wir sein Urtheil darüber. Er sagte in der Sitzung des preußischen Abgeordnetenhauses vom 20. November 1880: „Einer der Hauptpunkte, worüber die Juden bei der Verhandlung ihrer Ängelegenheiten sich beklagen und beklagen können, ist nach meinem Dafürhalten der, daß man, wenn ein einzelner Jude oder eine Mehrzahl von Jude», ein Theil derselben etwas gethan hat, wa» mit Recht gerügt werden muß, daß man die» verallgemeinert und generell hinstellt, als ob es die ganze-Judenschaft träfe. Ta» ist grundverkehrt und grundverletzend. Wenn man Klage»-über Einzelne oder über eine» Theil hat, so soll man die Einzelnen und diesen Theil concret fasse», aber niemals die Sache generell hinstellen uud die ganze Judenschaft verletze», unter der es die allerehrenwerthesten Menschen gibt." Nach einem Hinweise darauf, daß der Antisemitismus zur Zerstörung der christlichen Lehren diene, sagt die „Westdeutsche Allgemeine Zeitung": Man gründe Vereine gegen die Uebelstände, schaffe die schärfste» Maßregeln dagegen, und olle gerechten und anständige» Menschen, alle ehrlichen Juden voran, werden solche Veranstaltunge» unterstütze». So lange man aber nur von jüdische» Fehlern redet, so lange werden wir die Juden nicht an unfern guten Willen glauben machen, sondern den Verdacht geschäftsmäßiger Hetzerei oder fanatisirter gedankenloser Socialtzfuscher aus uns laden. (Nene Hetzblätter.) lieber eine i» Berlin geplante neue antisemitische Zeitung Ahlwardt'scher Richtung theilt das „V o l k" Näheres aus dem „Arbeit»' und Anstrebeplarr" mit. Ter Name des Blatte» soll „Allgemeine deutsche Volk»zeitung" sei». Als Aufsichtsrath der neuen Genossenschast, die sich Allgemeine deutsche VerlagSgesellschast nennt, sind Paul F irrster, Friedrich Wi11, und Rechtsanwalt Hertwig, als Vorstand und Schristleiluug Max Zänker Adolf Re in ecke und Adolf Brauniann angegeben. In dem Anschreiben heißt eS, die vorhandenen gesirinungsverwandlen Blätter hätten sich „sür den Zweck der Milarbeit a» der Wiedergeburt der deutsche» Volksseele al» unzulänglich erwiesen " Tas Blatt soll sich an „die vorhandenen Grundsätze der antisemitischen Richtungen anlehnen". I» dem „Anstrebeplan" ist u. Ä. aiigegrbeu: „Einziehung de» Vermögens der Großjuden und Judenbarrken." Ta» „Volk" spricht die Bermuthung an», baß hinter dem Unternehmen Herr Luckhardt vom „Deutschen Tageblatt" selige» Augedenkeu« steht. — Auch in Stuttgart soll ein antisemitische» Eentralorgan sür Württemberg gegründet werden.