Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 85 (19.11.1893)
- Date
- 1893-11-19
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 85., Freies ungünstig beeinflußt hat, weil wir gerade ihm — im Gegensätze zu seinen College» — nicht die bodenlose Schlechtigkeit zntrauen, trotz besserer lieberzeugung die Aermsten unter de» Armen zu versolge». I). (Gkgril Ungar».) Ter Obmann des „Christlich-socialen Vereines" Dr. Psenner, hat sin einer Bersammlung beim Treher eine Hetzrede gegen, Ungarn gehalten, von welcher ein Sonderabdrucl in Form einer Broschüre veranstaltet wurde. Das Pscnner'sche Blättchen vecöffentlicht mm folgende Aufforderung: „Alle Parteigenosse», welche Verbindungen, Bekannte und Freunde in de» ungarjsche» Ländern habe», werden der anliseinitischeu Sache sehr vorwärts helfen, wenn sie sich bemühe», diese Broschüre in Ungar» zu verbreite» denn es. ist zu erwarte», daß diese Broschüre bei dem arbeitenden Volke in Ungarn picht ohne Wirkung bleiben luiib." Es ist begreiflich, daß de» Antisemiten und ihren Hinterniännern der freie Geist, welcher das'Regierungssystem jenseits der Leitha beseelt, in hohem Grade mißfällt, daß sie ganz Ungarn al» von Jude» und Freimaurern beherrscht und au-gebeutet hinstellen, daß sie in ihrer kleinlichen Rachsucht die Hauptstadt Ungarns „Juda-Pest" ncnuen rc. Wenn aber die Herren Christlich-Sociale» es sich herauSnchmc», nicht nur i» ihren Versammlungen Haß gegen den Bruderstaat säe», sondern auch ihre Propaganda auf das ungarische Gebiet verpflanzen;u wollen, so treiben sie ein gewagtes Spiel, das uns nur deshalb recht sein kann, weil sic dann bald auSgespiclt haben dürsten. r. (Unfähig, aber dreist.) Die Antisemiten „deutsch-nationaler" Färbung riete» jetzt mit dem Ansinnen an die Leitung des „Deutschen SchulvereinS" heran, ihnen die Bildung „judcnreiner" Ortsgruppen zu gestatte». Eine Verbindung von Kärntner Studenten gab neulich eine Erklärung ab, in welcher es heißt: „Würde heute der Schulvercin uns die Bildung nationaler Lrtsgruppen gestalten, so wüide wieder so wie einst die ganze wahrhast nationale Studentenschaft die eifrigsten Arbeiter für den Schulvercin stellen; mit derselben Opferwilligkeit und Begeisterung, mit der wir einst zum .Schulvercin für Deutsche' und .Germanenbnnd' gestanden." Die letzte, wähnte» antisemitischen Schöpfungen erwiesen sich als unsähjg, irgendwie Ersprießliches für da« Dcntschlhum zu leiste», und der „Germanenbund" >var, bevor er aufgelöst tvurde, der Schauplatz von, sagen wir, Bruderkämpsen, welche selbst bei Deutschenhassern Mitleid erregten. Und da hat man die Dreistigkeit, unter Berufung aus de» „Schulverein für Deutsche" und de» „Germanenbund" zu verlange», daß der schmachvollen Hetze des Antisemitismus Zufluchtsstätte» in dem „Deutschen Schulverein" mit Zustimmung seiner Leitung erschlossen werde»? Wenn irregesührte junge Leute mit einem solchen Verlangen Herausrücken, so ist cs immerhin möglich, daß sie zwar unbesonnen, aber doch bona ticke Handel». Ungleich tadclnSwerther finden wir ei» derartige« Vorgehen seitens gewisser Politiker. - Diese sollten' tvohl tvisse», was dem „Deutschen Schulverein" bcvorslände, sall« er antisemitischen Gelüste» Rechnung trage» würde, und cS geiviunl fast den Anschein, daß sie seine Auslösung au« freie» Stücken oder durch die Aufsichtsbehörde hcrbeiführe» wollen. — <1. (Zur berosSgkuosseoschasttichen Gestattung des Wahlrechtes.) Zn allen christlich-socialen Vereinen wird der Vorschlag Pat tai'S, die Wahlrechtsreform aus eine berusSgenoffenschastlichc Grundlage zu stelle», glorificirt. Die Steyrer „Judensrage" aber widmcl diesem Universalheilmiliel folgende Betrachtungen: „Das Hanplorgan der Clcrical-Fcudalcn stellte schon vor mehreren Jahren den Grundsatz der berussgeuosseuschafllichen Wahlen aus und verthejdigte denselben immerfort. E« wurde auch ein Plan angelegt, um sich heute schon der im Entstehen begrisseuen Berussgenossenjchafte» zu beinächligen, eS gelang ihnen auch bereits, den größten Thcil der handwerksmäßigen und bäuerlichen Genossenschaften ganz zu beeinstussen und zü beherrschen — ein Hauptagitator in dieser Beziehung ist ja Dr. Pattai, derselbe, der sür seinen berussgenossenschaftlichen Wahlplan jetzt Reclame macht. Und ivirklich gelang eS ihm, solche Leute zu. täuschen, die sich auch zu dem Gruppcnsystem bekennen, die sogar darin einen beachienSwerthen BerbesierungSvorschlag zum österreichischen Wahlreformentwurse erblickten. Hier gilt eben der Grundsatz, wenn zivei da« Gleiche ihn», so ist e« nicht dasselbe. TaS Princip der berufsmäßigen Gliederung tväre annehmbar und hätte etwas sür sich, ivcnndic Genossenschaften »och von demselben Geiste beseelt wären, wie die Vorgänger derselben, die Zünfte, vor fünfzig Jahren. Diese suchten ihre Selbstständigkeit strenge zu wahren. Kein Advocal, kein! Geistlicher hatte Zutritt zu den Bersammlungeu oder übeihaupl einen Einfluss,l^die. Mitglieder der Zunft ordneten sich Alle« selbst. Wie ganz ander« ist das Heine, wen» ei» GenoflenschaflS- oder Delcgirtentag stattsindet, hält ei» Geistlicher oder ein ' Advocal eine glänzende Rede, in welcher da« gesagt wird„ was die GenossenschastSmitglieder gerne hören, und worin ihnen die schönsten Hoffnungen gemacht werden. Diejelbi^en, die sich der Führung der Gcnosseuschaftc» bemächtigt hübe», haben ganz andere Interesse», ganz andere Ziele, alS die Genossenschasten. Unter solchen Verhältnisse» hat daher ein Wahlsystem, welche« aus de» BerufSgenosscnschafte» basi rt, keine gesunde Grund'lage. Uebrigens läßt sich ja von todtkrankcu, dem- Tode verfallenen Parteien überhaupt nichts Gesundes, Lebensfähiges erwarten; wie sich die clericale Partei durch den AntiscmitiSinuS galvanisirte, so sucht sie sich jetzt durch ein nach ihren Bedürsnisien zugeschinlteneS Wahlgesetz zu galvaiiijirc».... Bei dem Heuer in Graz stattgefundenen Delegirtemage der L l a r t , I Seite 7. Gewerbetreibende» Oesterreichs, war Tr. Pattai der Held de« TägeS — ein Hauplwerkzeug der clericale» Partei? Und doch honte» viele Gewerbetreibende und deren OrgaNNden Anbruch einer neuen Zeit. In gewisser Beziehung ist! der Anbruch einer neuen Zeit zu crivarten, aber keiner hoffnungsreichen, sonder» einer Zeit, wo der Gewerbestand nicht mehr in sich selbst, iondern von deij clericale» Partei Hilfe erwartet. Also ^Lähmung eines großen TheileS des Bürger« standeS. Durch die BernsSgenosscuschafle» will nun die clericale Partei de» Bürgerstand beherrschen. Auch de» gesammle» Bauernstand ivill man ans dies! Weise einsange» und beherrsche», und damit unser ganze-; ösientlicheS Leben, Dr. Patlai hat da aus der Schule geschwätzt, iiHem erjagte: .Ticie bäuerlichen Genoflenschasten gebe» u»S aber zugleich die Handhabe, die JnteressenveLtrelung im ReichSrathe angemessen auSzugestalten. Es liegt ans der Hand, daß man dem Bauernstand, sobald er einmal so großartig organisirt ist, wie eS die diesbezügliche österreichische Regierungsvorlage angebahnt hat, eine bcwndcre Vertretung kaum versagen kann.' Die armen Bauern — man will sie geradeso an sich heranlocken wie die Gewerbetreibende». AlS besondere Lockspeise wird ihnen da die Regierungsvorlage wegen der Rcutengüler vorgehalten und als Rettung des Bauernstandes gepriesen — die Umwandlung dkS selbstständige» Bauern in einen RentkngntSbesiber, eine Art Erbpächter, nennen diese Leute eine Rettung deS Bauernstandes. Ja, das ist eine Rettung, aber nicht deS Bauernstandes, londern der oberen herrschenden Classen, die jetzt zur Erkenntniß gekommen sind, daß, wenn der Bauernstand fällt, sie auch nachfallen. Ter Bauernstand liefert die besten Stutzen und Soldaten sür die herrschende» Classen. Ist au» dem selbstständigen Bauern eine Art Pächter geworden, so kan» mau ihn auch viel leichter beherrschen. Wie aufrichtig und gut diese clericale» Werkzeuge eS mit dem Bauernstand meinen, das hat ja Dr. Lueger erst unlängst gezeigt^ indem er ungestüm ein AuSsnhrverbot sür Viehsulter, selbst für Getreidesorten verlangte, wodurch der Bauernstand so tief geschädigt wurde, indem ihm die Gelegenheit geraubt wurde, den jahrelang angehäuftc» Vorrath an Viehsulter zu verkausen. Hätte der Bauer dabei verdient, so würde da« zur Belebung deS gewerblichen Lebens beigetragen habe». Tr. Lueger hat zu Gunsten einiger Lieseraute», Speculanten und großer, reichlich verdienende» Actiengesellichasteu den Bauern- und Gcwerbcstand ties geschädigt, und wir sind überzeugt, 'daß er dasselbe ein anderesmal auch lhut, wenn er glaubt, dabei einen persönlichen Bortheil ,!) zu erreichen. Und solche Leute reiße» da« Maul auf und spjclen sich alS die Retter des gesährvetcn Mittelstandes aut. TaS bcrufsgeuo sscn-- schastlichc System soll die Grundlage der neu zu bildenden GesellschastSordnuug sein, auf welcher die alte» privilcgirlen Stände wieder frisch ausleb-dn fallen." Bravo Simadcrl „ ' (Eine modern-ständische Bertrctung.) Der Antisemitenhänptljng P.osessor Förster erläßt im Ahlwardt-Moniteur eine lange Erklärung, in welcher er als letztes Ziel der Antisemiten eine .„modern ständische Vertretung" hinstellr. Herr Förster scheint nicht» Anderes zu beabsichtige» als Pattai mit reiner von Simader in Steyr gebührend gewürdigten Wahlresorm aus berussgenosseir schastlicher Grundlage, allein ec könnte doch alS Prosessor eigentlich wissen, daß die Begriffe „modern" und „ständische Vertretung" einander völlig auSschließen. Zum Schlüsse kommt Förster aus da» Verhältnis; der Anlisemitcnvcreine zu den Conscrvativen zu sprechen und gibt folgende Purple auS: „Bisher dienten wir dem altmodischen consecoative» Linienschiff alS Bugsirdampser. Losen wir die Taue, und dann Glück auf zu der freien Fahrt!" Ei» „Bngsirdampferl, der nicht» mehr zu bngsiren hat, entbehrt wohl jeder ExistenzbercchligunL. j (Heyaposlel in Posen.) Race» und Eonscssionshetzer suchen seit einiger Zeit in der Provinz Pose» Propaganda zu machen, woselbst schon.das Nationali» tütenverhältniß daS Vordringen der Anrisenriterei nach Berliner oder sächsüchem Muster erschwert und auch die Bcziehnngeu der Conseisionen zu einander keine» günstige» Boden sür die Bestrebungen der Judenfresser bieten. In Wongra witz, Jnowrazlaw und Lindenstadt fanden Anlisemitcnvcrjammlunge» statt, in denen der famose Abgeordnete Leuß, ei» Tr. Stä'che auS Grätz und Andere Hetzrede» hielten. Der Jnowraztawer Bersammlung dürste ei» gerichtliches Nachspiel folgen', da.Leug mehrere Personen wegen „HauSsriedensbruchS" angezeigt hat. Jn Wollheim ivurde ei» Antiscniitenoerein gegründet, der aber bis jetzt nur wenige Mitglieder zählt. , Aus antisemitischen Blättern. ' : (Gin Attentat ans die Fnnfgnlden-Miinner.) Es ist unglaublich, wie kurz das Gedächtniß der antisemitischen Leser sein muß. Er ist doch noch nicht so lange her, daß die antisemitische Presse, voran natürlich daS „Deutsche VolkSblatt", die Bill Steinbach-Taaffc mit Jauchzen und Frolflocken begrüßte; nicht etwa, weil die Antisemiten durch die Aussicht aus das allgemeiich. Wahlrecht vor Entzücken sich nicht zu fassen wußten, alliin die Wahlrechtsvorlage bedrohte dadurch, daß sic alle anderen Mandate garantirte, die Mandate der freisinnige» Bürgerschaft aber der Majorisirung einer vierbi« fünffachen Ueberzahl auSfetzle, die größte Partei de« Parlamentes einfach mit Vernichtung. Da« machte die Antisemiten toll vor Freude und ihre Lippen überflseßen vom Lobe der auSglcicheude» Gerechtigkeit Taaffe'S. Nun haben die Geister, welche der uugcschickte Zauberlehrling ries, ihn selbst zugrunde gerichtet, und die neuen