Mannheim
Compact Memory

Freies Blatt · 1893-11-19 · 85 (19.11.1893) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
85 (19.11.1893)
Date
1893-11-19
Page
[Seite] (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/4886575-5439157-5441469--0933-4887423
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 6. Freier Blatt. Ar. 85. viel Recht an unseren westlichen Nachbarn tadeln und die der unvergeßliche Kaiser Friedrich mit gutem Grund als undeutsch und ungerecht bezeichnet hat. Herr Harich soll nicht alS Vertreter der nationalen Presse angesehen werden. Unsertwegen. WaS heißt aber dann „nationale Presie"? Welche Zeitung hat denn da« Recht, den Nationalismus in Anspruch zu nehmen? Die „Kölnische Zeitung" am wenigsten, unter deren genialsten Mitarbeitern sich Juden befanden, und unter deren heutigen Mitarbeitern sich Juden befinden. An welche Adreffe ist sonach der freundliche Rach derselbe ungerichtet? Uebersetzt man die diplomatischen, vorsichtigen Wendungen de« rheinischen Blattes in ein schlicht bürgerliches Deutsch, so bedeuten sie: „Ihr Juden seid keine Deutschen, ihr nur könnt gemein und niedrig schreiben, nehmt euch in Acht, die echten deutschen Antisemiten werden euch den Standpunkt klar machen." Das unterscheidet sich im Wesen vom Berliner Radau Antisemitismus um kein Haar.j Glücklicherweise ist die Anschauung der „Kölnischen Zerrung" noch lange nicht die Anschauung der deutschen Intelligenz, in deren Name» das Blatt zu sprechen siebt. Aber diese Zeitung wird alS die bedeutendste Zeimng der national-liberalen Partei angesehen, und politisch lineingeweihte Leute glauben, alles dar, was in dieser Zeitung stehe, sei die Meinung der National-Liberalen. Daß eS viele nationalliberale MLiincr gibt, die liesbekümmert darüber find, daß eine solche entartete politische Partei wie die antisemitische am End« des XIX. Jahrhunderts im deutschen Paterlande Triumphe feiert auf den Ruinen deS gesunden Verstandes und der Gesittung — daS wissen leider die wenigsten. Und darum wird jede Aeußeruiig der .Kölnischen Zeitung" über da« Judenthum vom gcsammten LhoruS der antifemilischen Blätter ausgebeutet. Man jubelt im judenseindlichen Lager, daß endlich die iiasioiial-liberale Partei sich zum allein setigmachenden Antisemitismus bekenne. SS ist dies freilich eine Berleumdung einer großen Partei, die wie kaum eine andere um die deutsche Eultur Verdienste hat. Jeder ehrliche 'Rational-Liberale hat dje Pflicht, gegen diese Entstellung energisch zu proteflircu. Was diese Zeitung schreibt, daS thut sie auf ihre eigene Faust und Rechnung, dik/-Paxlei hat damit nichts zu thu». In Wahrheit aber könnten alle V^-rmlisemiiischei» Biättkt^zusammeiigenoniinen die.tnlisemitische Propaganda nicht ertolgreick^ fördern, wi-^eZein sich so nennender objectiver Artikel der ^^.Kölnische^Zeimiig" thut. TcmDvtt"vMne-LIlgc hat niemals der Menschheit Wri)iel-gBchadet als die, unter der Hülle der Gerechtigkeit und der Liberalität ^^tretende Verhetzung, hl» daS vornehm erscheinende und sich alS objective ^E^ugung einführende Vorurtheil. S Paasch.) Wie die Berliner „Staatsbürger-Zeitungmeldet, ist liarl Paasch kürzlich aus der Irrenanstalt Herberge entlassen worden. Er war als gemeingefährlich geisteskrank erklärt und in Herzberge untergebracht worden. Hieraus folgte aber die Rothwendigkeit der Entmündigung dieses großen Antisemiten durch das Ber iner Amtsgericht. Der dahingehende Antrag des Polizeipräsidiums ist jedoch voni Amtsgericht abgelehnt worden, da. Paasch, wie durch die Leipziger Behörden auch bestätigt worden ist, in Leipzig und nicht in Berlin seinen festen Lohnsitz hat. Paasch ist in Begleitung des Tr. Lescndonck, der als Bevollmächtigter der Familie Paasch den Antrag auf seine Entlastung gestellt hat, nach Leipzig abgereist. (Zur Abwehr des Anliscmitismns.) In Baden circulirt in den jüdischen Gemcindeit eine Liste, welche zu einem jährlichen Beitrag von Z Mark zur Abwehr gegen den Antisemitismus autfordert. An der Spitze des Aufrufes steht die Elite der jüdischen Gesellschaft Badens, Universilätsprofcstoren, T bcramtsrichter, Amtsrichter und Landgerichksräthc. (Eiu Beitrag;ur Charakteristik der Antisemiten.) In welch selbstloser uirtr hochherziger Leise die Antisemiten die Rettung des deutschen Bolkes betreiben, geht aus einem Falle hervor, der sich im vorigen^4>konate in Hamburg ereignete. In der Rächt wurde bei «nein hochbejahrten Bewohner Hamburgs ein Einbruch verübt, wobei auf die Thüren der Zimmer mit einem Stempel der bekannt antisemitische Warnungsrus„Deutsche, hütet Euch vor Juden!" ausgedtückl wurde. Daß bei dem so verdienstvollen Werke auch viele Silber suchen abhanden gekommen sind,, ist sicher nur ein unglücklicher Zufall, derwohl mit der antisemitischen Großthat selbst in keinem Zusammenhänge steht (Tie Antwort auf Balabrvques Aufruf.) In der „Alliance National" erschien ein offener Brief des Herausgebers Henry Strauß an den Ezar zu Gunsten der russischen Juden. Herr Strauß sagt sich darin los von seinen jüdischen Glaubensgenossen, welche sich an den Festlichkeiten zu Ehren der russischen Dfsiciere durch Spenden betheiligt haben. Er erklärt dem Ezar osten, daß es eines französischen Juden, wenn er auch an Patriotismus den anderen Bürgern nicht nachstehe, höchst unwürdig sei, sich an den Huldigungen zu Ehren derer zu betheiligen, unter deren Druck Tausende Glaubensbrüder in Rußland schmachten und verderben. Herr Strauß erwähnt, daß er persönlich dem Ezar nicht unbekannt sei, denn bei der Krönung Seiner Majestät habe er einen Marsch componirt, desien Widmung vom Ezar angenommen, und welcher bei den Festlichkeiten in Moskau unter großem Beifall gespielt wurde. Der offene Brief schließt mit einer Bitte /ür die. armen bedrückten Juden in Rußland. Es ist dies auch eine Antwort auf den Aufruf des PoffcndichterS Balabrüque im „Figaro", worin er seine Glaubensgenoffen aufforderte, sie mögen angesichts der Angriffe und Verdächtigungen, welche die patriotische Gesinnung der französischen Juden erfahren, durch erhöhte Theilnahme an den franco-russischen Festen ihre Vaterlandsliebe bekunden. Frankreich sei Rußland dankbar verpflichtet, und vor dem Gefühle deS Patriotismus müffc jede andere Erwägung verschwinden. — Da die Franzosen sich bereits vom Rusientaumel zu erholen anfangen, so wird hoffentlich die Kundgebung des Herrn Strauß keinen Mißdeutungen begegnen. (Jüdische Soldaten.) Aus Paris schreibt man uns: Die Seminaristen wetteifern in kirchlichen und religiösen Demonstrationen bei Erfüllung ihrer Militärpflicht. Nachdem der Erzbischof die zum Regiment einberufcnen Seminaristen zn einem Hochamtc mit Predigt versammelt hatte, fand in der großen Synagoge der Rue de la Virloire eine ähnliche Versammlung der einbcrnfenen israelitischen Seminaristen und der sonstigen israelitischen Rekruten statt. Der Großrabbiner Frankreichs, Herr Zadoc Kahn, entflammte mit hinreißender Beredsamkeit die Seminaristen und ihre Kameraden für die gewisienhaftc und patriotische Erfüllung ihrer Pflichten in dem Militärdienste des Vaterlandes; er entwickelte das Thema, -daß der den Landesgesetzcn schuldige Gehorsam auch eine religiöse Vorschrift und Verpflichtung sei. Es wird dazu bemerkt, daß die katholischen wie die israelitischen Seminaristen ausgezeichnete Rekruten sind, deren Anwesenheit im Rcgimcnte niemals Leranlaffung zu einer Ungebührlichkeit gibt. (Tie Judenverfolgung in Rumänien.) Rach einer Meldung aus Bukarest wird die Judenverfolgung in Rumänien mit einem einer besseren Sache würdigen Eifer fortgesetzt. Gegenwärtig werden die jüdischen Schulkinder weder in den Staatsnoch in den Eommunallchulen ausgenommen. Dieser Umstand veranlaßtc inchrcrc jüdische Gemeinden, beim Unterrichtsministerium um die Bewilligung zur Errichtung von eigenen Schulen cinzukommen, was jedoch das Ministerium verweigerte. Auch die Bukarester israelitische Cultnsgemeinde, die größte im Lande, wendete sich an die Regierung mit der Bitte um Bewilligung einer Lotterie, deren Reinertrag zur Errichtung von israelitischen Schulen zu verwenden wäre. Das Ministerium hat dieses Ansuchen ebenfalls abgewicscn. Aus antisemitischen Oereinen und Oersammlungen. (Profesior Schlesinger gegen den Haufirhandel.) Ein Nationalist»»»», schreibt uus: Tie Ortsgruppe Währing deS Vereine» „Christliche Family" veranstaltete am 12. d. M. in Gersthof eine Fraucnversammlung, in welcher Profesior Schlesinger die bekannten Schlagworte über die „Schädlichkeit" des Hausirhandels zum Vortrage brachte — ein altes. Thema ohne neue Variationen. Die wirthschaftlichen Programmpunkte, die von der antisemitischen Panei ausgestellt worden sind, entbehren überhaupt durchaus des Reizes der Neuheit. Der Ruf nach Beschränkung der Gewerbe und des Handels, durch welche unsere „modernen" BolkSbtglückec die Rettung des kleine» Manne« (angeblich!« anstreben, e> füllt die WirthschaftSgeschichle der letzte» Jahrhunderte und begann naturgemäß zu jener Zeit, als einsichtsvolle Staatsmänner eine freiere Bewegung der wirthschaftlichen Kräfte herbeifühnen. ES ist gewiß merkwürdig, daß unsere vormärzlichen Bureaukrate», die doch im Großen und Ganzen fortschrittliche Bestrebungen keineswegs begünstigten, von der Rothwendigkeit der freien Concurren; vollkommen durchdrungen waren und die Entwicklung derselben überall begünstigten. Wenn Herr Profesior Schlesinger die Geschichte dieser Zeit, auf welche seine Partei stet« mit wohlwollendem Lächeln zurückblickt, des Studiums für würdig erachtet hätte (was man eigentlich von einem österreichischen Abgeordneten voraussctzen sollte), so würde er daraus entnommen haben, daß hochconfervative Staatsmänner in einein allcrunterthänigsten Bortrage vom 11. Juni 183 l hinsichtlich de« Hausirhandels Ansichten dargelegt haben, die kaum von de» Christlich-S ocialen gebilligt werden dürsten, und ferner auch damals schon, nicht erst seit der Einführung der Gewerbefreiheit, Juden daS Hausirrecht in auSgedehnteizi Maße erhielten. (S. Springer,, Statistik der österreichischen Kaiserstaates. Wien 181(1) Wenn sich Herr Profesior Schlesinger mit volkswirthschaftlichen Studien beschäftigt hätte (was man eigentlich von einem Socialpolitiker vorauSsetzen sollte), so würde er wisie», daß der Hausirhandel auch heute noch eine wichtige ökonomische Function erfüllt, indem er abgelegenen Orten Waaren zuführt und bisweilen da« einzige Mittel ist, um Producteil der Hausindustrie Absatz zu verschasien. Wir begreifen allerdings, daß Herr Professor Schlesinger für derartige Dinge keine Zeit erübrigt, da ihn seine nebulösen Speculationen zu sehL in Anspruch nehmen. Wir vermuthen auch, daß der häufige Aufenthalt in der vierten Dimension seine UrtheilSkrast

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.