Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 85 (19.11.1893)
- Date
- 1893-11-19
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
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Seite ft. Nr. 85. Freie» Blair. Das Präger Blatt schreibt: Es ist gerade ein Jahr, daß ein christlicher Vater in der „Bohemia" — in Form einer kleinen, aber so recht das Bestreben des Clerus, den Judenhaß zu lehren, charaklcrisircndcn Erzählung — auf die Leite 7 der im k. k. Schulbüchcrvcrlage in Wien erscheinenden „Biblischen Geschichte des Alte» und Neuen Testamentes" für allgemeine Volks- und Bürgerschulen von Tr. I. Schuster der Glschichte von Kain und Abel angchängtc Moral aufmerksam gemacht hat, deren Wortlaut hier wicdxrgcgcben sei: „Abel war ein Vorbild des "von seinen Brüdern, den Juden, unschuldig gctödlctcn JesuS; Kain war ein Vorbild der über die ganze Erde zerstreuten Juden." Es umfaßt diese Moral nur drei Druckzeilen, allein welchen Haß gegen die Juden athmcn sic, welches zerstörende Gift träufeln sic in da« jugendliche Gcmüth! Wer könnte da glauben, daß jenes Buch, welches bestimmt sein soll, das Her; der Jugend zu veredeln, cS sittlich-religiös;n bilden und in dasselbe die allgemeine Menschenliebe zu pflanzen,. vou den Erzbischöfen in Prag, Salzburgs Gran, Agram und vielen anderen Kirchcnfürsten appiobirt und von der obersten Schulbehörde in Oesterreich zur Einführung an össentlichcn Volks- und Bürgerschulen als zulässig erklärt worden ist? Wir haben bereits im Vorjahre auf die unerhörte pädagogische Versündigung an der katholischen Jugend, wie sic in jenem Schulbuchc zupi Ausdrucke gelangt, aufmerksam gemacht. Seither ist, anstatt daß inan jene nicht nur in der deutschen, sondern auch in alle» anderen Sprachen der österreichische» Kronländcr erschienene „Biblische Geschichte des Alten und 'Neue» TestainenteS" a»S der Schule verbannt hätte, eine neue Ausgabe (189H) als „unveränderter Abdruck des Textes vom Jahre 1892" im k. k. Schulbücherverlage in Wien erschienen, ohne daß jene berüchtigte Stelle climinirt worden wäre. Bedeutet nicht jene Moral, daß „Abel ein Vorbild des vsn seinen Brüdern, den Inden, unschuldig gctödtctcn JcsnS und Kain ein Borbild der über die ganze Erde zerstreuten Juden" sei, eine Aufreizung gegen eine im Staate anerkannte Ncligionsgcnosienschaft? Wehe dem Jude», der cs wagen sollte, in einem Rcligionsbuche eine die Ehristcn verletzende' ähnliche Moral nicdcrzuschrcibcn! Dazu wird eS aber nie .kommen. Dem jüdischen Kinde wird schon frühzeitig die "Nächstenliebe gelehrt und eingcimpft. ihm anS Herz gelegt, unglücklichen Menschen sein Mitleid entgegenzubringen und hilfreich beizustchen, eS ist noch nie cincin jüdischen Kinde gesagt worden, daß Kain ein Vorbild der Christen gewesen ist, aber auch niemals der geschichtliche Unsinn gelehrt worden, daß die Juden Brüder AbclS wären, indem doch zu jener Zeit Juden noch nicht cxistirlcn und ja alle Menschen, also auch Christen, von dem ersten Menschcnpaarc, demnach auch von dessen Söhne» Kain und Abel, abstaniinen. Herr Dr. Schuster scheint cö mit der biblischen Genealogie nicht genau zu nehmen, unbekümmert darum, ob die katholische Jugend auö seinem Buche die Wahrheit schöpft oder nicht, allerdings wird der bester unterrichtete Katechet oder katholische Religionslchrcr sich über den Herrn Verfasser sein Urthcrl bereits gebildet haben. Nun, Herr Tr. Schuster soll weiter bibl ische Geschichte schreiben, er mag auch über die Juden denken, wie er will, allein den Frevel, den er damit begeht, in das Gcmüth der für edlere Eindrücke als für den aus seinem Rcligionsbuche hervorgcgangencn empfänglichen Jugend frühzeitig die Saat des stkaccnhasscS zu streuen, kann er nicht genug verantworten, mögen auch Hunderte Bischöfe seine dem Humanismus zuwidcrlaufendc» Moralansicht n billigen und seinem Werke die Approbation crthcilen. Seine biblische Geschichte ist ja in ihrem Sinne geschrieben, sic ist sogar unter der Patronanz eines Erzbischofs von Freibürg im Breisgau nach S csterreich importirt und daselbst zur Einführung an Mittel- und Bürgerschulen als zulässig erklärt worden. Das Buch ist aber auch schon jener obcitirten Moralstelle wegen vorzüglich geeignet, die katholischen Schüler zu Antisemiten hcranzubildcn, und darum schon ist cS Pflicht aller größeren .israelitischen CultuSgemeindevertretungen, wo möglich collcctiv bei der höchsten Schulbehörde die nöthigcn Schritte zu veranlassen, daß jcn-m Buche die ministerielle Approbation entzogen werde, wodurch es eonsequcnterwcise auch sofort aus den Lehranstalten verbannt ivcrdcn würde. Es genügt nicht, die a u S g c w a ch s e n c n A n t i s c m i t c n _j u Jb e f ä nt p f e it, wichtiger noch als diese Aufgabe ist die, den antisemischen Nachwuchs zu verhindern. (Berliner Gcmcindcwahlen.) Das Ergcbniß der diesjährigen Ergänzungswahlcn für die Berliner Stadtverordnetenversammlung erscheint als eine Verstärkung der Social-Demokratic auf Kosten der Conservativen und Antisemiten. Der Rückgang der conservativ-antisemitischen Partei ist das Charakteristische des Wahlergebnisse«. Schon bei den letzten StadtverordnetcncrgänzuugSwahlen im November 1891 war die conservativ-antisemitische Partei auf vier Mann in der Berliner Stadtverordnetenversammlung zusammengeschmolzcn. Jetzt haben auch von diesen vier Antisemiten drei schon dndgiltig ihre Mandate verloren, während einer mit zweifelhaften Aussichten in die Stichwahl kommt. (li'ilt Alltodasf.) Vorige Woche fand im Moabiter Criminal gericht zu Berlin ein großes Autodafestatt. Nachdem das im „Judenslintcn" -Proceß'wider Ahlwardl gefällte Unheil rschtskräftig geworden ist, war mit den Ueberbleibscln des Prozesses anfznräuinenJ In den VerwahrungSkammcrn des Gerichts lagen' »och .'>N.l>tX> beschlagnahmte Judenflinten Broschüren, die laut rechtskräftige» Urtheils vernichtet werden mußten. Das ganze Material wanderle nun in die Heizung des Gcrichtsgcbäudcs. Ganze Ballen verschlang das Feuerloch eines riesigen Dampfkessels. Da Papjcr aber sehr, langsam brennt, so dauerte die Proccdur drei Tage. Der Dampfschornstcin auf dem Criminalgcricht warf zuweilen derartige Ranch - und Aichenincngen äuS, daß die nächste Umgebung von weißen Flocken bedeckt >var. Einmal erkundigte sich sogar die Polizei darnach, ob ein Brand a«S- ,gebrochen sei. Tie Verbrennung fand unter strengster Aussicht statt. Ter Firma Locwc wurden ebenfalls vorige Woche die Bücher — ein ganzer Wagen voll — auSgehändigt, welche während des ProccsscS beschlagnahmt ivarcii. ' . . ((?J=iHcCtor für immer.) AHIwckrdt wurde im Tisciplinarwcgc durch einen Spruch des prcussischen StaatSministcrinmS seiner Eigenschaft als Schulrector entkleidet. Damit ist der selbstbewußte Ton zu vergleichen, mit weichem Ahlwardt erst vor einigen Tagen vor Gericht cs als eine Lüge zurückwics, als ob er disciplinaritcr feiner Stelle verlustig crkfärt worden sei. (Die „Kölnische Zeitung" und der Antisemitismus.) Die „Kölnische Zeitung", welche sich oft beinüssigt sieht, allen erdenklichen Leuten gute Rathschlägc für ihre Haltung gegen den Antisemitismus zu geben, und die nicht entrüstet genug gegen den wüsten Radau-Antisemitismus eifern kann, das große rheinische Blatt, welches gelegentlich, besonders „ in Wahlzellen, sich sogar liebevoll den „verehrten jüdischen Mitbürgern" zuwcndct, ist selbst keineswegs frei von antisemitischen Anwandlungen, und wen» sich dieselben auch in salonmäßigcn Formen 'äußern, so sind sie deshalb nicht minder kräftig. Unsere Leser erinnern sich noch des Vorfalles Harich-Kirchhosf, der vor einige» Wochen so unangenehmes Aufsehen machte. Wenn man die Entrüstung der antisemitischen Presse über diesen Vorfall und die angeblich jüdische Zeitung, durch die er hervorgcrnfcn wurde, sah,' mochte man glauben, die „deutsche" Presse sei die unschuldigste Jungfrau und habe sich niemals mit Scandal befaßt. ' Man schlage aber die famosen Localzeitungcn aller großen deutschen Städte auf und man wird häufig solche picantc Geschichlchcn finde», nur sind cs meistens nicht Generals-, sondern schlichte BürgerStöchtcr, von denen solche Gcschichtchcn erzählt werden. Wir wiederholen, was mir von allem Anfänge gesar«, daß wir gar keine Ursache haben, hier das „Berliner Tageblatt" zu vcrkheidigen. Jeder.anständige und gebildete Man» bestreitet der Presse den Beruf und das Recht, schmutzige Familienangelegenheiten — ntöifcn sie wahr oder unwahr sein — zu erörtern und in die Scsfentlichkeit zu zerren. Aber Harich, der Held dieser Tragikomödie, ist gar kein Jude, was also 'gebt die Sache die Judcnheit an? Wie kann ein vernünftiger Mensch auf die Idee kommen, aus dieser Geschichte Anlaß zu nehmen, die .Juden zu schmähen, - weil das betreffende Blatt zufällig einem jüdischen Verleger gehört? "Nun hören wir, wie die vornehme „Kölnische Zeitung" diesen Vorfall bcurthcilt. Sic schreibt wenige Tage nachdem sie wieder einmal den Tivoli-Antisemiten die Haare zerzaust hatte: „Es ist das ein Mißbrauch der Macht der Presse, der bei einem deutschen und nicht bloß deutsch, geschriebenen Blatte einfach unmöglich sein sollte. Tie antisemitische/Bewegung wird sich diesen Vorfall schwerlich entgehen lassen.Herr Harich und die Leute, die hinter ihm stehen, dürfen nicht als Vertreter unserer nationalen Presse-' angesehen werde». Die jüdischen Blätter aber folltijn sich bemühen,, Gepflogenheiten abzulegcn, welche der Scandalsucht der schlechtesten Elemente des PublicumS schmeicheln." Hiezu bemcrkt sehr richtig die „Westdeutsche Allgemeine Zeitung": ' „Teutsch und nicht bloß deutsch geschriebenes Blatt?" Wie zart das ktingt! Wenn die „Kölnische Zeitung" wenigstens das Mittel angegeben balle, wie mau ein Blatt daraufhin prüfen kann, ob es wirklich deutsch ist. ES gab Zeilen, und sie sind noch nicht lange her, da die „Kölnische Zeitung" par exeollen.-b ein Judenbtatl genannt wurde. Ist die „Tägliche Rundschau", die sich unparteiisch nennt, weil ihr keine Partei anlisemiiisch genug ist, deutsch? Ist die ..streu;- zeitung", daS LieblingSblalt des allpreußischen AdelS, deutsch'? Haben diese Zeitungen im Rgwen ihrer DeutschchumS das Recht, Aller, was ihnen nicht paßt, zu schmähen? Und welch ein Chauvinist»»- steckt darin", wenn inan aller Schlechte als Fremdes, alles Gute als deutsch betrachtet! — Hand ansS Her;! — Ist denn deutsch »nd gut stet« identisch? Ta'r nationale Bewußttein filier BolkeS ist sicherlich eine herrliche Errungenschaft, und seder Teiw'che halz da» Rerln, aus sein Deutschthum stolz zu sein; nun aber zu behaupten, dag da» deutsche Weie» nur Tugenden und gar keine Schwächen bade, dazu gehört die unsinnigste nationale Ueberhebung, eine Schwäche, die wir so lehr und mit so