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Freies Blatt · 1893-11-19 · 85 (19.11.1893) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
85 (19.11.1893)
Date
1893-11-19
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Nr. 85. Freies Die gebändigten Dämonen der finsteren Borzeit losgelassen, als man sab, daß Dr. Prix als Sieger aus dem Wahlkampfe hervorgegangen sei. Man braucht wahrlich kein schwärmerischer Verehrer des Dr. Prix und seiner Methode zu sein, um derlei abscheuliche Versuche der Minorität, die Majorität zu beherrschen, mit Entrüstung zurückzuweisen. Es scheint die offene Absicht der Antisemiten, durch Terrorismus den Willen der Majorität und der durch sie vertretenen Ueberzahl der Bevölkerung Wiens zu beugen, und eS hieße diesem Terrorismus uachgeben, wenn die Regierung an die Auslösung des Gemeinderathes schritte. Es wäre eine Capitulalion der Behörden vor einem Häuflein Seandalmacher, eine Nachgiebigkeit. welche von den unberechenbarsten Folgen sein könnte. Schon beschränkt, sich der antisemitische TerroriSmuS nicht mehr auf die Bierkneipen der Vorstädte und auf die entweihten Hallen des RalhhauseS. Schon wagt er sich mit seiner bronzestirnigen Frechheit an höhere Stelle» und höhere Personen, wie das Pro- - meinoria zeigt, welches der gemeinderäthliche Bürgerclub dieser Tage dem Statthalter von Riederöst^reich überreichte. Dieses würdelose Schriftstück verlangt die Annullirung einer Wahl, ohne auch nur ein Bedenken gegen die RechlSgiltigkeit des Wahlaktes _ ausühren zu können Es verlangt pur et simple, der Statthalter möge dein >ic volo des Herrn Lueger Rechnung tragen, und ciiliniiiivt in den Worte»: „Wünschen Euere Excellenz eine ruhige, leidenschaftslose Behandlung der Berathuogsgegenstände im Schoße des Gemeinderathes,, dann dürfen Euere Excellenz die Wahl des Dr. I. R. Prix nie und nimmer zur kaiserlichen Bestätigung empfehlen." Das" ist eine Drohung in aller Form, und man darf begierig sein, ob und was die oberste Landesbehörde den Urhebern dieses terroristischen Versuches antworten wird. , lMoriz Freiherr v. Königswartcr.) Am 14. d. M'. ist einer der unermüdlichsten Philanthropen, ein leuchtendes Muster jener Tugend, U’.u1)e seine mclatigcfcinbcten Glaubensgenossen auszeichnet, ein rechter Apostel der werklbütigen Nächstenliebe, Mori; Freiherr v. Königs war rer, einem längeren beiden erlegen. Baron KönigSwarter »ahm eine hervorragende Stelle in unserer Gesellschaft/ein, er war um seiner Verdienste auf wiithschastlichem und humanitärem Gebiete willen in das Herrenhaus berufen worden und gehörte auch durch eine Reihe von Fahren dem n. ö. Landtage an, den er aber freiwillig verließ, wie es schien, aus Abscheu vor dem damals in die Landstube eiuziehenden Antisemitismus. Baron KönigSwarter war, wie schon erwähnt, ein Kleister in der Kn »st des uneigennützigsten WohlthunS; vor nicht langer Zeit erst widmete er bev. Wiener Wärmestuben hunderttausend Gulden. An seiner Bahre sah man Hunderte und tausende Arme, Ehristen und Juden, zahllose Vertreter humanitärer Institute, - darnnter auch die barmherzigen Brüder, einen unersetzlichen Verlust betrauern. Still Tcnkstciu. Man schreibt UNS: Es ist eine altbekannte Thatiache, daß alle „Abgewirthschafteten" zum Antisemitismus, als zu ihrem letzten Trost und Unmuthsabloiter greifen. Man könnte auch den Er Ministerpräsidenten als Beweis für diese Wahrheit führen, wenn es nicht ohnedies bekannt wäre, daß Graf Taaffe seit jeher den antisemitischen Idealen gehuldigt'hat. Jetzt, wo er seiner hohen Würde entkleidet ist, zeigt er bloß freier seines Herzens köstlichen Inhalt. Wie ungarische Blätter meldenhat der gewesene Premier vor etwa 14 Tngen einem seiner Freunde jenseits der Leitha sein Bild mit folgender ' eigenhändigen Widmung geschickt: „Graf Taaffe, österreichischer Er- Ministerpräfident. Nichts auf Erden dauert ewig, auch der schönste Jnd wird schäbig." Die ganze Frivolität seines Systems doeumentirt stch in diesen banalen Versen, die ein Premierminister wenige Tage vor der Enthebung ron einem Posten, ans dem er durch nahezu fünf-;chn Fahre gewirkt, seinem Eontersei beifügt. Ein Bild mit dieser Widmung ist der panendste Denkstein für den Grafen Taaffe. III. III. Der Erportverein gegen den Antrag Liechtenstein.) Man schreibt uns: Der O estcrreichisch ungarische Exportverein, der trotz seiner vieliährigen erfolgreichen Thätigkeit und trotz der großen Anzahl seiner auf' industriellem Gebiete hervorragenden Mitglieder bei den' Einladungen zur Theilnahme an der Gewerbe-Enquüte übergangen wurde, hat nunmehr zu dem Anträge des Prinzen Liechtenstein auf Abänderung des Gewerbegesetzes Stellung genommen und in einer T.nk'chrift die Ansichten seiner Mitglieder niedergelegt. In dieser äußerst lesenswertheu Broschüre werden die ungeheuerlichen Beschränlungeu, die der fürstliche Socialreformer in Vorschlag, bringt, einer vernichtenden Kritik unterzogen. Wer die Mühe gescheut hat, den genannten Antrag eingehend zu prüfen, oder nicht in der Lage war, die Folgen seiner wahnwitzigen Bestimmungen zu ermeffcn, kann aus re'.- erwähnten Schrift die lleberzeugung schöpfen, daß der Vorlage des Prinzen Liechtenstein, deren Tendenz angeblich die Hebung des Klein- 8 * Statt. gewcrbes ist, zunächst die Absicht zugrunde liegt, die Fabriksindustrie Oesterreichs zu vernichten, indem letztere nach Gesetzen auS Jahrhunderten geregelt werden soll, in welchen Dampfkraft und Elektricität als Künste des Teufels verpönt worden wären.. Wenn inan z. B. erfährt, daß die Herren BartelmuS und Witte, Besitzer einer Email Eisenblechwaarenfabrik in Brünn, nach der lex Liechtenstein eine 88jährige Verwendung, in verschiedenen einschlägigen Gewerben Nachweisen müßten,' um die Leitung ihres Unternehmens antreten zu können, wird man wohl kaum bezweifeln, daß die natürliche Confequenz der Vorlage die gesetzliche Förderung des Ruins der Großindustrie wäre. Was aber letztere für. die österreichische Volkswirthschaft, für unsere Staatsfinanzen und dadurch auch für die Großmachtstellung Oesterreichs bedeutet, das wird auf Grund statistischer Taten dargelegt. Von besonderer Wichtigkeit ist auch der Nachweis, daß eine blühende Großindustrie zahlreiche Kleingewerbe durch Zuweisung von Arbeiten geradezu erhält (;. B. beschäftigt die Fächerfabriksindustrie Maler, Sticker, Holzschnitzer, Drechsler u. s. w.). Diese und zahlreiche analoge Thatsachen kaffen deutlich erkennen, daß Prinz Liechtenstein und andere durchlauchtige Ouackfalbcr keineswegs das unwiderstehliche Bedürfniß haben, den kleinen Mann zu hegen und zu pflegen; die Knebelung des bürgerliche» Mittelstandes wird von diesen Leuten angestrebt, und zwar mit Benützung einer Methode, die sich stets bewährt hat und leider auch heute nicht versagt. Handwerk gegen Großindustrie, Handwerk gegen Handel, Handwerker gegen Handwerker — extensive und intensive Verhetzung, dies ist der Plan, nach welchem „Volksfreunde" Socialpolitik — recte C l assenpolitik — betreiben. Das Gefühl der Entrüstung, das jeder sittlich Denkende empfinden muß, wenn cr die frivolen Motive beurtheilt, von welchen dieser Elan geleitet wird, kann an Stärke nur von dem Mitleid übertrosfen werden, daS man jenen Bevölkerungskreisen cntgegenbringen muß, die gegen ihr eigenes wohlverstandenes Interesse in den Dienst jener Finsterlinge treten. Der Exportverein vollbringt wahrlich ein gutes Werk, wenn er für die iveiteste Verbreitung seiner Denkschrift sorgt. 14 /^Hijngcn oder erschießen'?) Das Lneger'sche Dilemma, ob die Jkuden zid. hängen oder zu erschießen seien, scheint die wackere» Ge sinnungsgenoffen in zwei Lager getheilt zu haben. Tie Einen grup- ^rjren sich um Schne.ider und wolle» ein Schußgeld auf die Juden ausschreiben, während der wackere Tischlermeister und Geineinderath Johann Jedliüka, der erst'vor Kurzem vor Gericht feierlich.de» Verdacht des Antisemilismus von sich gewiesen hat, einen Anhang um sich sammelt, der entschieden für das „Hängen" schwärmt. Die Idee Jedlistka's geht, wie ein hiesiges Blatt berichtet, darauf aus, man solle Separatzüge von Wien nach Triest führen, mit denen die Juden befördert werden sollen. Unterwegs soll eine ausreichende Anzahl von Galgen errichtet werden, an denen man die Passagiere anfknüpfen möge, und diejenige», die bei der Ankunft in Triest noch übrig sind, solle man im Adriatischen Meer ersäufen. Diese Vorschläge erörterte Herr Jedliüka, diese Zierde des Wiener Gemeinderathes, jüngst in einem Restaurant in der verlängerten Kärntnerstraße. Einer der an wesenden Gäste konnte sich mit dem Gedanken, mit einem solchen Vergnügungszuge die Fahrt an die tz(aue Adria zu machen, nicht recht befreunden, unterließ eS aber, um im Gasthaufe kein Aufsehen, zu erregen, den ihm persönlich nicht bekannten Herrn zur Rede zu stellen. Er folgte jedoch dem Redner beim Verlassen des Locales und ließ ihn dann durch einen Sicherheitswachmann anhalten und auf die Wachstube nächst der Elisabethstraße stellen. Hier gab Herr Johann Jedlistka seinen Namen und Adresse sowie seinen „Charakter" an, und der Anzeiger nahm diese unfreiwillige Vorstellung mit dem Bemerken zur Kenntniß, daß er die gerichtliche Anzeige gegen „diesen Herrn" erstatten werde. Die Gerichte werden also in die angenehme Lage versetzt sein, nicht bloß über die gemeinnützigen „Ideen" Schneider's, sondern auch über die Jedliöka's zu gleicher Zeit ihr Urtheil zu fällen. (Hackmessers Rede gegen das GemeindcrathSpräsidium.) Ter antisemitische Agitator Friedrich Hackmesser, der ein fleißiger Besucher der Gemeinderathssitzungen ist, machte bekanntlich in der Sitzung vom 13. October d. I. seinem gepreßten Herzen dadurch Luft, daß er von der Galerie aus eine förmliche Standrede gegen das Präsidium in den Saal, wo -sich eben eine der ortsüblichen heftigen Seenen abspielte, hinabschrie. In Folge dessen wurde Hackmesser von den Galeriedienern entfernt und der Sicherheitswache übergeben, welche ihn dem Polizei commissariate innere Stadt überstellte. Von diesem wurde nun Friedrich Hackmesser auf Grund der kaiserlichen Verordnung vom 20. April 1854 zu sechs Tagen Arrests verurtheilt. (Ein Lehrbuch mit antisemitischer Tendenz.) Die „Gemeinde zeitung" in Prag fordert die größeren israelitischen Cultusgemeinden auf, bei der obersten Schulbehörde zu erwirken, daß einem Lehrbuchc mit antisemitischer Tendenz die ministerielle Approbation entzogen werde.

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