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Freies Blatt · 1893-11-19 · 85 (19.11.1893) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
85 (19.11.1893)
Date
1893-11-19
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. Freie» hat. Die Tage antisemitischer Orgien mit ihren Fest-Programmen: „Kauft nicht bei Juden!", „Hängen und Erschießen", „Schußgeld" :c. sind hoffentlich bald vorüber. fff Die preußischen tandtagswahlen. DaS Ergebniß der preußischen Landlagswahlcn ist nichts weniger als befriedigend. Es wurden gewählt: 149 Conservative, 91 Centrumsleutc, 90 National-Liberale, 59 Freiconfervative, 18 Polen, 14 Mitglieder der freisinnigen Bolkspartci, 6 Mitglieder der freisinnigen Bereinigung, 2 Landwirthschaftsbündler, 2 Dänen, 1 Welfe und 1 Wilder. Beide Fractioncn der Freisinnigen verloren 9 Mandate, und den Conscrvaliven, unter denen sich nicht weniger als 43 Landräthe neben einer erklecklichen Anzahl von Regierungspräsidenten, RegierungSräthen re. befinde», fehlen, wenn die Freiconservativen mit ihnen Zusammengehen, nur wenige Stimmen zur absoluten Majorität. Wohl geschah, da den bunkern und den Muckern derzeit die Vereitlung von Handelsverträgen .zur Wahrung verschiedener-Sonderintercffen sowie reactionäre Schuleinrichtungen mehr am Herzen liegen als der Sport der Judenhetze, in dem vor den Wahlen erlassenen Wahlaufrufe der Confervativen des Tivoli-Programms keine Erwähnung; daß dasselbe aber in ihren Reibe» noch forti'pukt, unterliegt keinem Zweifel. Freiherr von Hammerstein und Stöcker haben, wenn auch mit schwerer Mühe, wieder Abgeordnetensitze errungen; eS ist Herrn Stöcker, von dem sein alter Wahlkreis Bielefeld nichts mehr wissen wollte, in Minden-Lübbccke geglückt, nach drei Wahlgängcn mit einer Majorität von 5 Stimmen zu einem Mandate zu gelangen. Allerdings betrauert er den Verlust manches engeren Kampfgenossen: so ist;. B. der berüchtigte Freiherr v. Wackcrbarth in Sorau-Guben jämmerlich durchgcfallen. Aber Stöcker waren auch große Freuden beschieden. In Spandau-Osthavelland Potsdam siegte Pfarrer Schall, ein eifriger Nachbeter Stöcker's; in Stralsund verdrängte der antisemitisch-agrarische Kammerherr von Riepcnha.usen-Crangen den Staatsminister v. Bötticher. TaS Traurigste an dem Wahlergebnisse ist, daß es Rational-Liberale waren, - welche in zahlreichen Wahlkreisen den Confervativen zu Mandaten verhalfen. Ein relativ erfreuliches Ergebniß der preußischen Wahlen ist die . vollständige Niederlage des „reinen" Antisemitismus; nicht ein einziger Eandidat, der sich zu demselben bekannte, wurde gewählt. Lieb ermann v. Sonncnbcrg unterlag in Hombcrg-Zirgenhain, obwohl der Bund der Landwirthe für ihn eintrat, gegenüber dem confervativen Candidaten. Ein anderer Deutsch-Socialer, Dr. Hä derlein, erhielt in Rinteln 46 Stimmen, während auf den National-Liberalen Pro fcü'or Paaichc 90 fielen. König brachte es in Hofgeismar-Wolfhage» nur auf l'9 Stimmen. Der Conservative Freiherr v. Pappende im erhielt 10S, der Conservative Landrath v. Buttlar 87 Stimmen. In Eschwege Schmalkalden entsielen auf Leuß kaum 10, in Dcütichkrone-Flatow auf Tr. Sch nutz -und v. Mosch je 15 und in Schivelbein Drämburg auf Ren«'- 13 Stimmen. Böckel fiel in Marburg und in Kirchhain Frankenberg durch. In Marburg sind 20 und in Kirchhain Frankenbcrg 31 antisemitische Wahlmänner weniger als bei den 1888er Wahlen gewählt worden. Werner fiel in Hers feit Rotenburg durch. In Biedenkopf erhielt Hirsche! 43, der Conser rattue v. Tepper-Laski 88 Stimmen, in Hanau der Antisemit Stein 45, der Rational-Liberale Junghenn 117 Stimmen. Dr. Förster erlitt in Reu-Stettin eine große Niederlage; er bekam 3* Stimmen gegenüber 396 confervativen. In Teltow - BeeSkow brachte er cs gar nur auf 22 von 1180 Stimmen. In diesem Wahlkreise fiel ferner der ehemalige Redacteur der „Germania" und ge wci'cnc Fübrcr der „Berliner Bewegung", - der an Wandlungen so reiche Crem er, durch, welcher nur um 12 Stimmen mehr als Förüer cihtclt. Auch Ahlwardt gelang eS nicht, das Landtags Mandat für Friedcberg Arnswalde den Confervativen zu entreißen. Die Radau-Antisemiten sind in Folge der für sie so ungünstigen Wablrcsullate auf die Tivoli-Brüder schlecht zu sprechen. Das Stöcker'sche „Volk" aber bemüht sich, ihnen klarzumachen, daß sie im Unrechte sind, und schreibt: „Tie .Staatsbürger-Zeitung'athmet heftigsten Groll gegen die Eonservativen. Sie meint, die Antisemiten hätten nicht ,den ibnen znkommende» Thcil an Landtagsmandaten' erworben. Ja, welche Mandate kamen ibnen denn zu? Im politischen Leben kommt einer Partei doch bloß der Einstuß und die Zahl der Abgeordnetensitze zu, die sie aus eigener Kraft erwerben oder behaupten kann. Anderweitige Rechte auf Mandate sind nicht anzuerkennen. Und wenn den Conscrvativen weiterhin vorgeworfen wird, sic hätten den Antisemiten freiwill'g keine Sitze eingeräumt, so fragen wir, wie in aller Welt kann Blatt. Nr. 85. man einer großen politischen Partei zumuthen, kampflos einen Theil ihres Besitzstandes aufzugebcn? Das hieße für die Confervativen denn doch, ihr eigenes Todesurtheil unterschreiben. Die Antisemiten haben, das muß jeder Ehrliche unter ihnen selbst zugeben, nur Anspruch auf die Sitze, die sie erobern können. Stellen sie ihre Eroberungsversuche wie bisher fast ausschließlich im confervativen Besitzstände an, so können sie sich nicht wundern, wenn sie die Confervativen überall als Gegner finden. Daß die Confervativen ihnen, vielleicht gar den Herren Böckel und Ahlwardt, auf dem Präsentirteller einige Mandate anbictcn und sich womöglich für deren Annahme noch höflichst bedanken sollten, das ist doch mehr als naiv. Wir hören, daß man, namentlich in Berlin, dringend wünscht, ein besseres Verhältniß zwischen den Eonservativen und Antisemiten anzubahnen. Auch uns erscheint dies wünschenswerth." Trotz dieser Schlußphrase werden die Radau-Antisemitcn sich schwerlich besänftigen lassen. Sie sink» umsomehr aufgebracht, als sie an manchen Orten den Confervativen unschätzbare Dienste leisteten und während der ganzen Wahlcampagne sich nur eine Blamage nach der anderen holten. In Berlin spielten sic die denkbar kläglichste Rolle, und der Ahlwardt-Moniteur war, froh, als er aus Soest melden konnte: „v. D olffs und Schulz e-Stei ne n gewählt, der Vertreter der Judenschutztruppe Schmelzer wurde geschlagen." Diese Siegesbotschaft wurde aber in den „Mittheilungen aus dem Vereine zur Abwehr des Antisemitismus" wie folgt glossirt: „Zu früh gejubelt! Nicht bloß Herr Gymnasialdircctor Schmelzer, sondern auch Herr Gutsbesitzer Schulze-Steinen hat seinerzeit den Aufruf zur Gründung des Vereinezur Abwehr des Antisemitismus unterschrieben." Beachtung verdient auch eine Aeußerung der „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung". TaS „frciwillig-gonvernementalc" Organ sagt: „Verschiedene demokratische Blätter betonen mit Genugthuung, daß die Laudtagswahlen im Regierungsbezirke Cassel einen bemerkenSwerthen Rückgang dös Antisemitismus ergeben haben, und daß insbesondere für die- Böckel'schcn Candidaturen jetzt'viel weniger Wahlmänner gewählt wurden als 1888. Vergleicht man die von jener Seite hcrvorgehobene Thatfachc mit dem Ergebnisse der letzten Reichstagswahleu, so muß man sich wundern, daß keines!er demokratischen Blätter durch dieselben zu einem Lobhymnus auf das preußische Wahlsystem im Gegensätze zu demjenigen deS Reiches begeistert wnrde. ES wäre gewiß an gezeigt gewesen, falls einmal auch jene Seite anerkannt hätte, wie bei dem preußischen Wahlverfahren Bildung und Besitz einen die Wirkungen demagogischer Agitation eindämmenden Factor bilden." Bon der Tendenz, die Vorzüge des in Preußen bestehenden Wahlsystems gegenüber demjenigen des Deutschen Reiches hcrauszustreichen, wollen wir hier ganz abschcn; cs sei nur constatirt, daß auch die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" in den antisemitischen Reichstagswahlergebnissen die Wirkungen demagogischer Agitation und in dem Antisemitismus das Gegentheil von Bildung erblickt. Hätte sie das schon in der Aera Bismarck thun dürfen, so wäre eS in Deutschland nicht so weit gekommen, daß der Reichstag einen Ahlwardt zu seinen Mitgliedern zähle. Freimaurerthum und Antisemitismus?) Die freimaurerifchen Verhältnisse in Deutschland haben sich in Folge des Vorgehens deS ehemaligen Großmeisters der Großen Loge Royal-'))ork zur Freundschaft in Berlin, Br Settegast, so zugespitzt, daß sie die Aufmerksamkeit in weitesten Kreisen, selbst in der nichtmaurerischen Welt, in höherem Grade in Anspruch nehmen. Es dürfte deshalb für unsere Leser von Interesse sein, Näheres hierüber zu vernehmen. Tie Ausschließung von Nichtchristen, insbesondere von Israeliten, von der förmlichen Aufnahme in den drei Berliner Großlogen hatte schon lange unangenehm berührt und viele Suchende nach nichtpreußischen Bauhütten geführt. In der Großen Landesloge der Freimaurer von Deutschland kann ohne Abänderung der ganzen Lehrart von der Aufnahme der Nichtchristen nicht die Rede sein, weil das Christenthum mit jener untrennbar verbunden ist. Tie Große National-Mutterloge zu den drei Weltkugeln hat schon zweimal durch das Bundesdirectorium den Antrag auf entsprechende Verfassungsänderung vor die gesetzgebende Versammlung gebracht. Der Antrag blieb aber immer in der Minorität der Logenvertreter. Der gute Wille von oben her liegt hier also vor, die Aufnahme ferner nicht auf Christen zubeschränken. Die Mehrheit der Tochterlogen ist aber noch dagegen. Die Große Loge Royal-Ijork zur Freundschaft hat bereits längst grundgesetzlich *) Mit besonderer Bewilligung des Redacteurs Herrn M. Amster entnommen der als Manufcript für Brr erscheinenden Zeitschrift „Der Zirkel".

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