Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 85 (19.11.1893)
- Date
- 1893-11-19
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Freies Blatt Redactiou: I. Seilerftiitte 10. Abonnementspreis: »«anzjäbrig mit PostzufenLung.s>. 2.5«. Haldmhri«! fl. 1.25. Bierleljädrig ... fl. — .65. Sinjclnc -lummer» t fr. Uufranfirte Briefe werden nicht ungenommen. Organ zur Abwehr des Antisemitismus. Erscheint an jedem Sonntagc. AdmiiiistralioiN l. «cilcrftiittc ln. ^nierare werden um l<»!v. tut fi: v vui.u ilhiltcnc ftYiii'iuviUcu'tic tawtMut.' *u:uuv An;cigkr ta*‘Wart - fr.;lHt'nahmc von uttev.u-.u iu iihutvT 'JlfcmiitiftratiiMt sowie im Tlüuoiuvulmr.Mit »(. I ule-'. I. Weiiicilc >. Stummer 8',. Wien, li). November 1893. II. Jahrgang. i rr "■ r ,-r----- - - - - -— ---- - - -- ------ Pas Coalitions - Minister ium. Die „Wiener Zeitung" veröffentlichte am 12. d. M. die kaiserlichen Handschreiben, durch welche dein Cabincte Taaffe die Entlassung ertheilt und daS Ministerium Windischgrätz berufen wurde. Der Licepräsident deS Herrenhauses Fürst Alfred.;» Windi-schgrätz wurde zum Ministerpräsidenten, der Abgeordnete Dr. Ernst Edler v. P len er zum Finanzministcr, der Abgeordnete Graf Gulldaker Wurmbrand zum Handelöminister, der Vice» Präsident des Abgeordnetenhauses Dr. Stanislaus Ritter v. M adeySki zum Minister für EultuS und Unterricht und der Abgeordnete Appollinar Ritter v. Jaworöksi zum Minister ohne Portefeuille ernannt. Die bisherigen Minister für Justiz, Ackerbau und LandeSvertheidiguug, die Grafen Friedrich Schönbor», Julius Falkenhayn und Zeno Wclscröheimb, verbliebe» in gleicher Stellung auch im neue» Eabincte, während Marquis Olivirr Bacquehem daS Pvileseuille deS Handels mit dem deS Innern vertauschte. Rach langwierigen Verhandlungen und Ucberwindung großer Schwierigkeiten kam endlich das EoalitionS- Ministerium zustande. Ei» Bund grundsätzlich verschiedener Parteien ist nicht geeignet, Begeisterung wachzurufen; er wird nur als ein UebcrgangSstadium angesehen, dessen weitere Entwicklung sich nicht mit Bestimmtheit vorhersehep läßt. Als Rothbehelf kan» er im öffentlichen Leben Nützliches anbahnen, Schädliches verhindern, aber auch Zustände schaffen, welche einem Theile seiner Urheber keineswegs Zusage». Wenn wir dessenungeachtet die Eoalition der drei großen Parteien des österreichischen Abgeordnetenhauses, welche in dem »eugebildetcn Ministerium ihren Ausdruck findet, mit Gcnugthuung begrüßen, so ist daS in den thatsächlichen Verhältnissen vollkommen begründet. Schon ein Blick auf die feindlichen Schaaren, welche, als nur der Eoalitionsgedanke auftauchte, denselben zähneklappernd bekämpften, lehrt uns, daß die neue Wendung in den parlamentarischen Geschicken Oesterreichs eine solche ist, die zum mindesten den geschwornen Widersachern deS moderne» Staates und der Rechtsgleichheit ohne Unterschied deS Bekenntnisses und der Abstammung nicht frommt. Antisemiten aller Art kündigten dem Eoalitions-Ministerium Krieg an. Aeußerungen von dieser Seite haben freilich nicht Anspruch auf unbedingten Glaube». Der Jubel, den antisemitische Wortführer über die geplante Wahlreform zur Schau trugen, kam uns auch sehr verdächtig vor; wir hielten ihn für eine Heuchelei. Echt scheint uns dagegen ihre Furcht vor der Eoalition, ihr Haß gegen deren Mitglieder. Eine Regierung, welche sich offen zu den Anschauungen jener destructiven Elemente bekennen würde, die religiöse oder nationale Gefühle zur wüsten ConfessivnS- und Racenhetze mißbrauchen, ist in Oesterreich wie im civilisirten Europa überhaupt unmöglich. Allein die Politik gewisser Ministerien. schließt es nicht auS, daß dem antisemitischen Treibe» wenn auch keine directe Förderung, so doch eine außergewöhnliche Duldung und eben dadurch Unterstützung zuthcil wird. AlS Fürst BiSmarck den Liberalismus au die Wand drückte, ließ er die Henrici, Ercmer und Stöcker nach Herzenslust gewähren. Graf Taaffe führte während des größten Theiles der anderthalb Jahrzehnte seines Regimes einen heftigen Kampf gegen die Deutsch-Liberalen, und als er, der Rolhwendfgkrtl gehorchend, mit ihnen einen Waffenstillstand schloß, war sein ganzes Sinnen und Trachten darauf gerichtet, die Vertreter des Liberalismus in den deutschen Provinzen Oesterreichs nicht wieder erstarken zu lasse». Das Regime Taaffe kam »aturnothwcndig dem Anti. semitiSmus zu statten, und namentlich seine christlich-social ge färbten Anhänger machten sich breit. Der Vertreter von Mar garethen hat nicht umsonst bei verschiedenen Anlässen den gewesenen Ministerpräsidenten mit förmlichen Liebeserklärungen überschüttet und ist ihm auch hilfreich beigesprungeu, so oft er geglaubt Halle, ihm einen Dienst erweisen zu können. Aber auch der national fick ae berdende Abgeordnete von Villach hat es an Sympathfebezcigungen für das nun entlassene Ministerin!» nicht, fehlen lassen, dessen letztem Schatzkanzler er selbst mn Hinwegsetznug über die antisemitische Racenthcoric wohlwollend. zur Seite gestanden war. DaS neue Ministerium übernahm von dem alten vier Mil glieder, von denen eines im Parlamente zu einer Art Ehren rettung des Mechanikers Schneider bcizutragen sich vernulgß,! sah, während ein anderes der „Reform" des Gewcrbewesens in s christlich-socialem Geiste so zugelhan ist, daß seine Auslassungen in ’ öffentlichem Reichsrathssitzung sogar von einem Minister Kollegen, dem über den Verdacht deS PhiloscmitiSmnö sicherlich erhabenen' Herrn v. DnnajcwSki, deSavouirt werden mußten. Es läßt sich auch nicht in Abrede stellen, daß von de» ncnbernfencn Rathen der Krone der Handelsniinistcr sowohl als gewesener Vertreter der Grazer Handelskammer wie auch als Landeshauptmann von Steiermark gar Manches gesprochen uud gcthan hat, welches trotz nach träglicher Abschwächungen bei Freund und Feind den Anschein erweckte, daß sei» Liberalismus etwas verdünnt sei. Aber trotz alldem bedeutet das EoalitionS-Ministerium eine» schwere» Schlag für die vcr schiedenen antisemitischen Fractioncn. Eine Regierung, welcher der hervorragendste Führer der deutsch-liberalen Partei -angehört, kann nicht eine Politik verfolgen, die auf eine Schädigung und Kall stellung deS Liberalismus im StaatSleben hinarbeitetr'alitisemitisckd Bestrebungen, deren Endziel doch die Beseitigung der ruhmreichsten Schöpfungen des deutsch-österreichischen Liberalismus, der Staats grundgesetze und der freien Schule,, ist, können nicht aus die" Eonnivenz des Eoalitioiis-Ministeriumö zählen. Vertrauen flößt uns auch die Persönlichkeit deS neuen Ministers des Innern' ein, welcher an der Spitze der Landesvcrwaltnng Schlesiens sowie als Leiter des HandrlSressorts im Eabinel Taaffestets vornrthcilS freien, fortschrittlichen Sinn und strenge Unparteilichkeit bclhüligt