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Freies Blatt · 1893-11-12 · 84 (12.11.1893) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
84 (12.11.1893)
Date
1893-11-12
Page
[Seite] (sequence 10)
Language
German
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.freies H J a 11. ITr. 84. feite 10. eine eigene votnantifdic juden deutsche Literatur begründen tönnte, die trov der wunderlichen, küininerlichen formen doch E^eist ciennii hatte, tun hei fast jeder .Heile in dem Kenner des jüdisch deutschen ein sdimerzliches Weh liervorznrufen, wenn er ungeaditet allco Tnufeo, nnfleaditct der überall durchsdieinenden trüben Färbung nnsäglidien Elendes in /vovm n»d. Vlncbriuf dennoch begeistertes ('iefühl und Streben nach Schönerem und Höherem erkennen must. Es gibt keinen deutschen Ernu, keine» dentsdien Scherz, der nidit in Cer jijbitdi beutfdicn Vitcratnr Wiederklang gefunden hätte. Aber überall in die Horm trüb und traurig: mir zu oft lähmt die Dichtung ihre Schwingen an'dieser «vorm, andi die Poeue stumpst sich daran: da« Erhabene fUrrfit sich zum Lächerlichen, das Komische iur Hrase. H» diesem Zuschnitt der juden-deutschen viteratnr tritt dem Händler der ('•'ein des Hndentliiimo wie in einer Tragödie entgegen, wie er selbst in der Ermattung nodi immer großartig gegen den Untergang ringt, de» eine feindlidie Gewalt ihm bereitet. Aber etiMidi erkennt man in der wahrhaft historischen Erscheiunug deo trefflidien Biofeo Mendelssohn den helfenden (i'enins deo Huden ttiumo, weldier dnrdi seine tiefgreifende Neformation des dcabbiner ilmnis, deo 'tceligioiiouiiierridueo und o>''ottesdienstes dao ermattete, itefgesunkene Hndenthum aniriditete. nnb rettete, wo die seit hundert Habren begonnene steife und ungelenke Prosellitenmadierei und der sat'tlose christliche Humanismus kein anderes Heil mehr im Huden - ihnme finden konnte als in dessen gäuzlidirr '.tiegatiou. Mit dem Wiederaufleben deo .Uideiulmino dnrdi Mcsies Meiideldsvhn ist die juden dentsdie Vitcratnr eigentlidi ganz abgestorben. Seit Moseo Mendelosoliu gibt eo nur nodi eine jüdische Vitcratnr und eine deutsche Vitcratnr unter Huden. Sie heiligen Hiirtier rede» wieder in der klaren Ursprache und werden'in der klaren deutschen Svradie erläutert. Aber denncdi in dao Huden Tentt'dte nnverküinmert ge blieben, weil eo schon lange Holkospradie geworden war, und eo wird Holkospradie bleiben, ' so lange dao' Hudenthm» wie dao Hlmneitthinu iidt in den untersten Sdiidnen deo 'Hollolebkno auf hält, und jedem Hattlcn der trüben Sphäre der verworfene» dvrift lidten eleiuente in üttlidicm und ohmischem Elend verbrüdert, mit diesem tortvegetcren. Eine. Holkoliteratur nennt Av- V AlIemant dao Httder. Teuncle. Und dao war eo, wenn jemalo eine. Tenn ohne '.Viäeenaten bestand und blühte eo, lediglich, dnrdi die Kaurfraft und die Bildiingolnst einer -4-evölkerung, deren grösster Theil damals wie nodi heute nidit m den Hcm-enbcn gehörte. Eo wendete üdi andi nidit einmal nur vorwiegend an die t^cbilbetcn und Hcidicn, wie eo im t>'runde die Vitcratnr nodi heute und nidit nun Hortbeil für ihre eigene freie Entwicklung, nodi zum Heile für diejenigen th»n muss, die ihrer Ht'lege und ihrem Ausbau ihre Kraft gewidmet haben. Tiefem" Holle, dem fein (■'Manbcn jede Hethätiguug, jede Hefriedignng seineo Schönbeitosinneo dnrdi die bildenden Künste untersagte, war die Tiditnng nidit Vnrno, sie war ihm Herzenosadie geworden, die einzige Möglidikeit, mandier Hedrängnisi'e zu vergessen, sich über die Enge der Herhältnifie, die jede freie Hewegung hinderten, hinauo- , zuliebe», ittli nach dem dumpfen Hrodem der krasse in frtfeticr Vnft zn ergeben. Sie m|ti»en aber andi ferner von dem Werthe der Thätigkeit ihrer viteratoren keine geringe. Meinung gehabt haben. Ei» Umstand bezeugt dao geradezu zwingend: jeder hinter and, deo kleinsten Traetätleino, deo unbedeutendste» „t'-'eierra Viedeo" nennt fidt, eo fdu'int somit, alo ob er von seiner Arbeit, sei sie noch so geringfügig, »odi i'o werthloo in den Angen deo Viterarhiftorikero von heute, einen Ertrag oder dodi mindesteno Anerkennung und Ehre habe hoffe» dürfen. Andero misst übrigens der Viterar hiftoriier, anders, wen die Eulturgesdiidne eines Holkes anzieht. Und neben den diditenden Männern, die wohl-vorwiegend wie der Vimburaer Stntcitt Hermann oder wie Höfel von Wivenliauseu, der Rabbi genannt wird, den gelehrten Ständen angehörten, ersdieinen diditende Hranen. die vorwiegend fürs vraktisdie. Hedürsniss sorge»: sie überarbeiten 'ethische Werke, fic inadicn Hricfftellcr, Eomvlimentirbüdilein oder, wie die sdion genannte Hran Hella Hariviv, fie, erzählen historische Anekdoten. Man muss den dnrdi fdmitttidien Hildnngograd der Hranen im übrigen deutschen Hotte bis tief rn diefeo Hahrhnndert hinein vor Angen haben, um ermessen zu können, was diese blosse Thatfadtezu besage» hat. Hnnt Theile von Hranen besorgt, war diese viteratnr dnrdiano für Hrauen berechnet. Tic Erziehung der Hngend aber lag immer vorwiegend und hier vielleicht mehr alo irgend wo anders in de-u Händen der Trau. Ein v>'rosstheil der Männer war die Wodie über aar ikid't zn Hanfe. Mit dem Hacken ans dem Rücken wanderten sie v.>n' Torf;n Torf, gingen sie, übel behandelt, ihrem nur zu oft »bei lobiiciiden Erwerbe itadi, fuhren fie ,von Markt zu Markt, zn Heften, an denen sie keinerlei Antl)eil haben durften, kehrten sie endlidi heim,. dann empfing sie der heilige Sabbath mit seiner Ruhe. Rur ein Holk, dao sich um Geringes so rastlos muhte, konnte diese strengste Sabbatl,feier ersinueik', den Zauber des einen TageS, an dem sie fick) alS völlige Mensdien fühlen durften, so tief empfinde», dass fast die innigsten Vante ihrer Dichtung, die schönsten und reinsten Eereinonien ihres (Glaubens der Weihe seines Einnnd Ausganges galten. Ta kümmerte fidi der Haler wok>l darum, wie feine Huheu im heiligen Worte (Lottes beschlagen waren, ob sie eindrangen in seine Erkemitiiiss und sidi der heiligen Svradie, in der dao Oäefct? verkündigt worden war, bemeifterten, sidi wolst gar in die unergründlichen Hrrgänge des Talmud gebührend vertieft hatten, ivao sie aber sonst trieben, das ging ihn nichts an. Kam das dreizehnte Vebenöjahr, dann innsste der ^»ige sidi für seinen Hernf entsdieiden; bis dahin gehörte er der Homilie und somit der Mutter. Tnrdi sie empfing er mikgetheilt, was sie selber vom (leiste deo Holkes-wußte, unter dem sie lebte: eo war nichts Unreines, - »idiio Giftiges, nodi den Sitten Herderbliches unter den juden dentsdien Schriften, so weit man sie bisher überschauen kan». Und so waren den» die Hreniden, alo die man die Hohen betrachtete, immer mehr 'entfremdet, als dass sie eigene Wahl abgesondert hielt, waren tiefer in den 0>'eist derer eiiigedrnnge», die sie bedrängten, alo diese ahnen konnten, vertranter mit ihrer, wenn lauch erstellten und eorrnmpirtc» Sprache, alo sonst möglich gewesen iväre. Es war eine Krücke, ei» Hotl,behelf: aber wenn jemals, so galt hier dao alte und nhönc Wort von dem Vabmcn, dem mau die Krücke nidit nehmen solle, insvlange man nidit iveiss, ob er gehen könne. Tie Stande, in der fie gehen dursten, kam, und siehe da, sie konnten'o und sie thaten'o. Tnrdi Hahrhnnderte hatten so in den Hütten des Estietto neben dem grossen siebenfach geheiligten Vidite her Schrift nnb iljrer Er sorsdiung, dao nidit Tag nodi Otaelft erlösdien durfte, zahlreiche kleinere, vielsad, getrübte Viditer geflamiiit. Sie mussten, wo nidit die,.Hstichologie eine völlig bctrüglidie Wissensdiast ist, mindestens eine grosse ScbnMtdit entzünden in denen, welche sidi in ihrem Schimmer zn versenken, von ihm Erhellung der dunkeln und trau rigen Tämmernng. die sie nmsing, zu empfangen gewohnt waren, eine grosse Sehnsucht uadi dem hellen Tage, von dem diese Kerzdieu nur eine matte und glanzlose Herstellung gaben. H» mehr als einer Seele muss i'o der Wnnsdi entsadit und gross geworden sein, volle» Theil am »'eisteoleben jener Rgtion nehmen zu dürfen, unter der sie lebten, sich hinteven zu f&mtcii an jenen Tisdi, dessen Brosamen, wie sie verhohlen aufgeleseu wurden, nadi Veckerbissen mnndelen. Hielleickil liegt hier eine Thatsadie vor, die den unverhättnissmässig grossen Eifer erklärt, mit dem sidi die Huden sofort nach ihrer Emaneivation der dentsdien Sd)riftstellerei und allen ihren Zweigen, znivendeten. Sie kamen besser vorbereitet dazu, als man sonst hätte annehmen oder begreifen'^gekonnt, und weil sie dao Schrift deutsche erst erlernen mußten, so hatten sie eine gewisse Eorreekheit vorweg, die sidi derjenige sdiwer erringen, muss, der die volle Würde und den Werth seiner heimatliche» Mundart zu fühlen gewohnt ist. Eine nnabsehl'are ^eit hatte der Acker brach gelegeizz nun begann o zu treiben. Mancherlei Untrant sdioss stachelig ans und madite sich ungeziemend nnb den zarteren Sinn verlesend breit: aber and) manche feine Hlnmc stellt sdion darauf, und es. leidet keinen Zweifel, dass das Sdjöne und dao Rist-lidie einmal die Dberhand gewinne» müssen, nündesteno dem nidit, der an den intellcetuellcn Hortschritt der Menschheit zn glauben undauf iljn zu hoffen gewohnt, der überhaupt imstaude. ist, de» (Gedanken einer Menschlieit, eines Hirten und einer Heerde zu fassen. Dazu gehören freilich Gerechtigkeit, Estauhen, Geduld und jene Andadit zum Kleinen, die 'Jakob t^rinim, der Altmeister der deutschen Phi lokogie, geübt, gelehrt und von seinen Hungern gefordert hat: Hrende mit kleinen Erfolgen alo den Horbote» grosser und jene einfadiste und dodi am schwersten zu bethätigende Erkeuutniss vom unendlich langsamen Wad>othnm alles Drganisdien,. das dann dauern soll. Man wird einem Hotte nidit wohl poetische, ursprünglichste Begabung absprechen dürfen, das der Welt in der Bibel die grösste Evopö nadi der HliaS, im Hiob das erste Drama, in Puth die sdiönste HhUlle, inden Psalmen die Ekrundlage aller litl,urgisd>en Est-sänge überhaupt gegeben hat; ihm seine ethische Bedeutnng »id>t bestreiten können, nun fein Ekotteöglanben die Est-nndlage von Welt religionen ward, die an Herbreituug die Mntterreligion hnndertt fad, and mehr überflügelt haben, die ihre eivilisatorisdie Thätigkeit allenthalben und zu jeder Staube noch geltend machen: nun es in

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