Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 84 (12.11.1893)
- Date
- 1893-11-12
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6. Freie» SIptt. Nr. 84 hie Hauptsache ist. haß sich Herr v. Langen für freunhlichst übersanhte schviftstellerische Arbeiten behankt. WaS schreibt Herr Dukmeyer, unh wer ist Herr Dukuiener? Nun, Herr Friehrich Dukmeyer, her sich früher auch .Oberlehrer' nannte, ist ein 1863 geborener Livländev, her in Petersburg stuhirt unh sich hört hem heutschfeinhlichen' Russenthuin angeschloffen hat. Der Herr war zunächst .Dichter", aber ohne mit seinen Gedichten, Drauien :c. einen Erfolg;n erzielen; hann ließ er unter hem Titel .Wüchse mit brennenhen Schwänzen' eine verwirrte Schreiberei ijber alles Mögliche unh einiges Anhere los, worin her einzige feste Kerwein maßlos heftiger Angriff auf hie Deutschen in hen baltischen Provinten Rußlands, eine hitzige Bettheidigung her bekannten brutalen Ruiffsicirnugsmaßregeln gegen Livland, Kurland und Estlanh - ist, unh schließlich braute Herr Dukmeyer unter hem Titel .Kritik her reinen unh praktischen Vernunft in her gemeinen Verjudung' ein Cpus tutammen, has selbst hie .elasffschen Schriften' eines Paasch in hen Schatten stellt.' Der Fall ist höchst lehrreich, sowohl was hen Herrn Dnkmener an nch als seine Verehrer v. Langen und Leuß betrifft, '.'sie nahmen hie Antisemiten hen Mund voller, als wenn ffe has .deutsch nationale' Register ziehen, tü'etnt eS aber heute einen Punkt gibt, wo hie wirklich deutsch national Empffnhenhen nur Einer Meinung sein können, so ist es hie deutsch baltische Frage. Wer nur einen /vintfeit hetitiehcit Bewußtseins in sich hat, der hat auch Mitgefühl mit den miterhvücfteit Volksgenossen in Riga und Dorpat und Abscheu »ür das Barbaientlnun, das an jenen seine anserlesensten Gewalttbätigkeite» -..verübt Und der von .deutschen' Reichstagsabgeordneten anti'einitischen Bekenntnisses angeschwärmte Cberantiiemit Tukmener i'i ein begeifferter 'Verlierrlieher der grausamen Deut'chenversolgung in Virland l oltÖCIt A B E. - Ans Berlin schreibt mau uns: Gegen den 1.: :t antisemitischen Verleger G l e ß und Genonen, die schon wiche: holt mit der deutschen Rechtspflege unsanfte Berührung hatten, wnlh: neuerlich die Anklage wegen' Beleidigung des Reichskanzlers o'ra'eu v. Eaprivi erhoben.. Anlaß hiezu bot die Verössentlichung und V.'rbr.itnng des politischen' Bilderbogens 'Ar. s „Juden A B E". Personen, harunter her antisemitische Eolportenr Schutzler, ffnh in Äullagestaiid versetzt; von diesen domiriliren sieben in Berlin, .rw.'i in Leicrig. einer in Breslau. Aus Bilderbogen Rr. 8 ist nur an ::u.r Dt.in vom üseichskanJer v. Eaprivi die Rede, unh zwar?:::i Buchstaben E, wo es beißt: . .'>»? euv'.t-iank dau'en Ir ahn und Cohn. Eevrivi in i!>r Säiuvoanon. 'Aiff heni'elben und ans den übrigen Bilderbogen werden hie Enden l als Religionsgenoffenschast-wie auch als Meirichen und Staats borg.".' in einer Wei'e verdächtigt und hem Haß unh Spott des Val'As üb.'i'ü.'sert, so daß die „Politischen Bilderbogen" in dieser Hinsicht iv.'! t .':::Ag in her berüchtigten Earicaturenliteratur dastehen. Bilde:löge.i R: 6 tränen wir uns nicht einmal dem Titel nach nieder;iig.l'en Das „Enden AB E" selbst strotzt von Enveetiven gegen d:e Enden und einzelne 'Rainxn Die deutsche Preßpolizei hat sich dadurch aber noch iricht zu einem Einschreiten gegen die Macher d! rohesten Eudenhetze veranlaßt gesehen. «Auch eine Drohung mit Vcm Antisemiti-önins. Bon der Volks» schritt ..Einiges E hr ist e nkh u in" zur Unterstützung der Bestrebungen M. v. Egidn's -vierteljährlich herausgegeben von Professor V e h itt ,i:: n Hohenberg in Kiel i, ist Heil 5 soeben erschienen. Der alle» Aus'ührungen des Heftes zugrunde gelegte <>>edanke ist her, haß „ mein durch rohe efiewalt, nicht durch Ueberstimmen 'von Minoritäten ein vereheltes Menschenthum erreicht werden kann, sondern daß die sociale Etage eine sittliche ,Drage ist." Peil»! Hardt wendet sich mit einem Artikel „Mosaismus und einiges Ehristenthum" an die Juden, ihre „orientalischen Gebräuche" aufzugeben und Volldeutsche zu werden; hie '.'ö'nng her Eudensrage will er einzig in der confessionellen Selbftektäußerung der Enden, in dem Anfgehen des Mosaismus in das germanische Ehristenthum 'eben. Wir haben in dem Artikel Hardt's mit Bedauern alle die. Phrasen und Unwahrheiten wieherkehren sehen, die uns auS dem Munde von Vollblutantisemiten schon zum Ueberdruß geworden sind. Wenn sich der Anhänger Egidy'Ä auch die denkbar frömmste Miene und die Pose der sittlichen Entrüstung gegenüber den Antisemiten gibt, wodurch unterscheidet er sich von letzteren, da er fast alle Voraussetzungen des Antisemitismus als berechtigt zugibt — auch hie sinnlosesten — und zu dem Schluffe kommt, die Juden, welche nicht Egidn's „Einiges Ehristenthum". annehmen, dürfen nicht von den D eut'chen verlangen, als Mitbürger''angesehen zu werden; denn dann seien ffe nicht mehr unsere Mitbürger, sondern unbequeme Gäste, denen dev Wirth einst sagen werde: Da ihr euch an meine Hausordnung nicht gewöhnen könnt, io richtet euer Stammhaus bald wieder für euch wohnlich ein! — 2n der That, das sind gefährliche Bahnen, auf denen die Apostel des Herrn OberstlieutenankS Egidy wandeln; denn aller himmelblauen Phrasen entkleidet, bedeuten die Auslastungen Hardt's doch nur eine Drohung mit dem Antisemitismus, falls die Juden nicht dem „Einigen Ehristenthum" beitreten wollen. Eine merkwürdige Toleranz. (Tcr Knabenmord i» Xanten.) Wie (Ter Knabenmord in Xanten.) Wie aus Xanten berichtet wird, wurden am 25. Cctober bei dem dortigen Amtsgerichte wiederum zehn bis zwölf Kinder vernommen, größtentheils Kinder bis zu vierzehn Jahren. Es handelt sich angeblich um einen Mann Namens Esser, der in der Nacht vor dem Tage der Ermordung des kleinen Hegmann in der Rudolph'schen Herberge in Xanten geschlafen haben soll, was durch daS Herbergsbuch bewiesen ist. Ester ist vor einigen Monaten in der ProvincialbesserungSanstalt in Brauweiler bei Bonn gestorben. Er soll sich am Mordtage in auffallender Weise in Xanten hernmgetrieben haben. Den Kindern, die als Zeugen vernommen wurden, ist das Photogramm Ester's gezeigt worden, und einige haben die an sie gestellte Frage, ob sie den Maxi» an dem Mordtage gesehen haben, bejaht. Der „Xantener Bote stür Stadt und Land" berichtet aus Dberhausen, daß der Berliner Eommissär am 21. Cctober dort war, um die jetzt dort bedienstete Tora Moll, eine Hauptzeugin in dem Xantener Proceß, nochmals zu vernehme». Wie das Blatt hört, blieb die Moll bei ihren früheren Aussagen, worüber genaue Aufzeichnungen gemacht wurde». (Ahlwardt als Kläger.) Der Er Rector, her bisher die deutschen, Gerichte stets nur als Geklagter beschäftigt, hat sich — wie wir bereits früher gemeldet — nun auch einmal in der Rolle deS Klägers versucht, indeui er gegen den Redactenr der „Dresdener Nachrichten", Dr. Mar Loha», die Privatklage wegen Ehrenbeleidigung erhob, weil ihn Letzterer in einem Artikel der Dresdener'Nachrichten" „Lump" und „Kerl" genannt hatte. Die Verhandltkitg über diese Klage fand am I. November vor dem Dresdener Schöffengerichte statt. Ahlwardt sowohl wie Dr. Lohan waren persönlich anwesend-. Ein Vergleichsvorschlag des Vorsitzenden wurde abgelehnt. Ahlwardt erklärte, er könne nicht auf einen Vergleich eingehe», weil man ihn nicht sachlich bekämpft, sondern persönlich beschimpft habe. Auch sei für ihn der politische Frontwechsel der „Dresdener Nachrichten", den Lohan mit gemacht habe, bestimmend und vor Allem der Ilmstand, daß gerade Lohan ihn beschimpfte, der vorher freundschaftlich mit ihm verkehrt habe und sogar Mitglied des zu Gunsten der Familie Ahlwardt's gebildeten Eomitös gewesen sei. Ueberdies sei ihm durch den iitcriminirten Artikel ein schwerer niaterieller Schaden zugefügt worden; seither haben die sächsischen Behörden ihm die Erlanbniß zur Abhaltung von Versammlungen, die -wegen des Eintrittsgeldes für ihn eine schöne Er werbsquelle waren, verweigert; post hex-, ergo propter hoc'— argn mentirte Ahlwardt. Der Angeklagte erbot sich dagegen, für nachstehende Behauptungen den Wahrheitsbeweis zu erbringen: Ahlwardt habe wiederholt sein Ehrenwort gebrochener habe dem Inden Manch«; bei besten Crdens- und Titelschacher als Agent gegen Provision geholfen; er habe vor Jahren einen Eid geleistet, de» Antifemitismns allezeit als eine schmachvolle Bestrebung zu verdammen; ferner habe er bei dem social-demokratischen Abgeordneten Singer, der ja Jude sei, Borg versnche gemacht, und schließlich sei er im Reichstage als berufsmäßiger Verleumder entlarvt worden. Das Gericht. gab dem BeweiSantrage Folge und vertagte die Verhandlung. (Ein Mitschuldiger Ahlwardt's.) Aus Jaffa wird der „Nalional-Zeitung" der durch Selbstmord erfolgte Tod eines gewisten Meißner gemeldet, welcher offenbar mit dem vielgenannten, auch int deutschen Reichstage erwähnten früheren Eastenboten der Berliner Discontogesellschaft identisch war, der Ahlwardt das Material zu seinen Verleumdungen geliefert hatte. Meißner trieb sich in letzter Zeit in Palästina herum, weinte viel und klagte darüber, daß seine Familie dem Verderben preisgegeben sei. Er bereute verschiedene Handlungen, zu denen ihn Ahlwardt verleitet hätte, und verfluchte diesen als Zerstörer seiner Existenz. Aus antisemitischen Oereinen und Versammlungen. (Vertrauensmäiiner-Versammlung der Steinwender-Partri.) Am 5. d.M. fand hier eine Vertrauensmänner-Versammlung der Steinwender-Partei statt. Tr. Steinwender empfahl in längerer Rede „Entschließungen", betreffend die Wahlreform und daS Eoalitions-Ministerium, zur Annahme. Die eine Entschließung befürwortet: „1. die Einfüheung der direeten Wahlen in de» Landgemeinden; 2. die Bildung einer an die gegenwärtig bestehende Vertretung sich anschließenden Wähkerelaffe des allgemeinen Wahlrechtes." Punkt 2 wird durch