Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 84 (12.11.1893)
- Date
- 1893-11-12
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 84. Freies Blatt. seile!>. Der Artikel berichtet vo» einer in Berlin stattgehabtcn Gründung einer Bereines deutscher Staatsbürger jüdischeu Glaubens, ein Institut, welches, wie ich vorweg betonen will, nach meiner Ansicht i» die Kategorie der krank - hasteck Erscheinungen ünscres tiu de siede zu verweise» ist und eine ebensolche Abnormität darstcllt, als wollte» die deutsche» Staatsbürger protestanti- scheu oder katholische» Glaubens zu einer besondereu.Lercinigung sich znsammenlhu». Diese sonderbare BereinSgeburt charakterisirt die „Segnungen", die so häufig aus der Residenzstadt wie ein nicht zu vermeideuder Platzregen aus unsere arme» Häupter nzederstürzen — legen wir sie zu den übrigen. Welchen Zweck hätte es, zu betone», daß wir als Staatsbürger unsere Pflichten freudig ersflllen und dost unsere Religion, welche älter ist alS alle modernen Parteiichatlirungen, naturgemäß keine der bestehende» cinleitigc» Partcibestrcbungc» bevorzugt? Was hilft cs unS, das, wir die unsittlichen Perirriingcn und un- . inoralischcn Handlungen der Einzelnen, iveß (Glaubens er auch sei, verdamme,i, und uns gegen die Verallgemeinerung verwahren, welche nur bei Luden die Bergehen der Einzelne» der Gemeinschaft zur Lost legt? Tiefe und ähnliche Reolutioncn büstlcn schon längst den Reiz der- Rcnheit ein und sind überflüssig — überflüssig sowohl für den Böswillige» und llcbelwollende», der gar nicht überzeugt sein will, alS auch für den Wohlwollende» und llupartciische», der dieser verspäteten Kinderkrankheit de« deutschen BölkeS mit Mißfalle» und raihlos gegenübersteht. Es handelt sich bei solchen BerciuSgründungen nur um Eurpfuschercicn: sie sind ein Zeichen überhandnehmender Kopflosigkeit in den Kreise», welche entweder das wegen bisheriger Unthätigkeit mahnende Gewissen beschwichtigen,' oder ihre Shnmacht, aus der ma» ihnen doch keinen Borwurf machen kann, mit pompösen,' aber hohle» Redensarten verschleiern möchte». S.e dienen allensall-Z dazu, Reflexionen auzurege», welche wie der au. Artikel de» Raget am unterste»' Ente berühre». ES ist ein Jrrthui», daß die streng orthodoxen Juden eine» Staat im Staate bilde» mochten: Schreiber diese» steht seit Jahren mitte» im Kampsgewühl gegen die S rthodorie, aber die Gerechtigkeit zwingt mich da;», jene Lnsinüaiio», als strebe irgend eine jüdische religiöse Bereinigung in Deutschland derartige Tendenzen au, mit aller vo» Sachkenntnist unterstützter Entschiedenheit zurück,»weise». Wenn der betreffende Artikel behauptet, dag in Tenlschland von zehn Jude» acht etwa den Talmud nur dem Rainen »ach kennen, so kan» dem nur entgegengesetzt werke», daß der Peecenl satz hier in einem viel zu günstige» Lichte erscheint —!«5> von IG» känie dem wilkliche» Thaibestand viel näher. Falsch ist jedoch die Darstellung des Herrn Berichterstatters, daß die Ursache de» vorhandenen Antagonismus an de» Juden liegt, »md daß diese allein e» sind, welche von deutscher Sitte und deutscher Anschauung sich ausschließen. Ich enipfehle dem Herrn eine hochbeteulendk, vor Kurzem erschienene Schrift de» Herr» Professors Tr. Pohlinan», betitelt „Jüdische Leiden" lRenwied, Berlag von Louis Heuser). Tiefe» Büchlein und — last not least — hie Berhültnisse in unserer lieben Stadt werden ihn eines Besseren über die Frage belehre», von welcher Seile die crasse unter schiedslosc Ausschließung der Inden auSgehl! Der Talmud soll dt»S Alles verchuldet habe»?! Wieviele von den Gegnern kennen de» Talmud, verstehen ihn zu leien, oder Hobe» überhaupt jemals ein Exemplar desselben vor Auge» ge habt? Schreiber diese» wäre gern bereit, wen» sich Gelegenheit dazu böte, über de» Talmud susigc populär-wincnschasiliche Borträge zur Belehrung seiner Mitbürger zu balle»', sic würden dann erfahre», daß der Talmud, denen Anlage weil vor Christi Geburt zurückdalirt, für u»S ei» altes ehrwürdiges Buch ist n»d einem ParlamcntSberichie gleicht, in dem mehr als 2'»00 Gelehrte mehrere Jahrhunderte über verschiedene cercmonielle Gebräuche ihre Ansichten »icdcrgelegl habe», dä» aber auch für die Ethik goldene Lehre» enlhält, die sich dreist mit denen aller modernen Eulturstaalen decken könne» — eine Auffassung, der sich alle christliche» Gelehrten, welche gleichzeitig Talmudkenner sind, angeschlossen habe». Aber der Talmud ist für uns in Allem, ivaS nicht da» religiöse Leben betrifft, nicht bindend, und i» diesem anch nur soweit, alS er de» veränderten Zeilen und Aiisorderungen nicht widelspiicht. Wer aber mag wohl der Gemüthsmeisich sein, der dem Schreiber jenes Artikels de» Bären ausband, daß eS heute »och orthodoxe Juden gebe, welche sich z. B. zu versündigen glauben, wenn sie einem Ehristen, der durch iigcnd einen Umstand in ihr Haus kommt, ihr eigene» Haus- und Küchengeräth zur Benützung vorsetzen!!? Der Satz liest sich zu glatt, als daß er auf Erfindniig beruhe» sollte, es muß also ein Jrrlhum als vorliegend angenomnien werde». Damit fällt jedoch die Schlußfolgerung mit der geichmackvoUcn Wendung von einer „jüdischen Sitte" in sich;»- lammen. Sollte ich hierin einer Beharrlichkeit begegnest, dann bi» ich gerne erbölig, dem Gewährsmann ei» Talmud.Exemplar aus ineincr Bibliothek ziir Verfügung z» stelle», aus dem er das Vorhandensein dieser „jüdischen Sitte" Nachweisen soll. Gelingt^ ihm dies, oder überhaupt einige Zeilen an« dem Talmud richtig zu lese» und zu interpretiren, dann will ich das Blrch als „olle Kamellen" zu einem Autodafe ihm mit voller GemülhSruhe überantivorlen. (Thtillkahmc der Lehrer an alltiscillitischen Wahlagitationen.) In Hannover hatte ein Oberlehrer an der antisemitischen Wahlbewegung tdeilgcnommcn. Das dortige ProvinzialschulcoUegium halte darin einen Berstoß gegen das Diseiplinargcsctz gesunden. Auf die Beschwerde des Oberlehrers an daS Cultusministcrium hat dieses dagegen entschieden, daß in dein Berhalten des Oberlehrers ein Berstoß im Sinne de» TiSciplinargcsetzeS nicht zu scheu ist. Oie Angelegen, heit war seinerzeit auch in öffentlicher Sitzung der städtischen Kollegien zu Hannover auf Anregung eines Bürgcrvoruehers besprochen worden, Jetzt veröffentlicht der „Hannoversche Courier" sowohl die Bersügnng des Provinzialschulcollcgiumü wie die Miniftexialenischeidung. Entere lautet: . Hannöver, 1'?. August Rach genauer Prüfung Ihrer, anr 1. v. M. abgegebenen und durch de» Director der Anstalt »nS vorgeleglcn Erklärung über die llnterzeichnnug. eines von der hiesigen, wie sie sich nennt: „deutsch-iocialen (antisemitischen," Partei' erlassenen Wahlaufrufes haben wir Ihnen unter Hinweis auf § 2 des TiSciplinargcsetzes vom 2l. Juli 1 sr.u 'auszugeben, sich in Zulunft bei Ihrer Be thciligung an den staatlichen Wahlen aller Kundgebungen zu enthalten, welche Ihre einer anderen Religion angehürigen Schüler uns damit deren Ellern' zu verletze» und so' da»'Vertrauen und die Achtung, ivclche Ihr Berus erfordert, zu schädigen geeignet sind. Königliches ProvinzialschiNcolleginm. Bi eben weg Tic Ministerialcntscheidung besagt: , Berlin, 18. Setobcr I-'-l».'!. Ans die Eingabe vom 20. August f. I. erwidere ich Euer Wohlgebore» nach Prüfung der Sachlage, daß ich in Ihrer Mitunterzejchnung des mir vor gelegten Wahlanfrusc» der deutsch iocialen (antisemitischen, Partei einen Vergoß ' gegen 5> 2 des Gesetzes, betreffend Tienstvergeheu nichtrichterlicher^. Beamten, vom 21. Juli 185)2 nicht finden kann und-daher zu dem Hinweis az 2 des gedachten TisciplinargkietzkS, welcher i» der an Sie gerichteten Bersügnng des . königlichen Provinzialschnlcollegiunis da'elbst vdm 12. August d. I. angezegen ist,, keine ausreichende Bsranlaffnng sehe. Tnrch den Tircclor des Realgniunasiuuis ist Ihnen bezeügk, daß Sie als pflichtgeireucr, gewissenhafter Lehrer Ihre dienstlichen Ausgaben mit Ernst erfüllen, daß Ihre politische Stellung auf Ihr. dienstliches Berhalten keine» Einfluß übe, daß Sic in der Behandlung der Schüler zlviicheu christlichen und jüdischen Schülern keinen Unterschied machen, und daß Beschwerdenüber ungleiche Behandlung jüdffcher Schüler der Anstalt weder von diejeu noch von de» Ellern derselben bei Tirecror geiührr worden seiet, Wenn ich dieses Zeugnis; gern vernommen habe, so nzuß ich doch daraus Hinweisen, daß die allgemeinen Wendungen, in welchen der Wahlansrus von „jüdischer Gewissenlosigkeit und Geriebenheit" redet, immerhin Airläß dazu biete» könne», daß da» Vertrauen der jüdischen Elter», welche ihre Kinder der 'Anstalt übergeben habe», ansdie Unbe'angenheu und Gerechiigleit des nii'tunlerzeichncren Lehrer» gefährdet wird. Ich vertraue, daß Euer Wohlgebore» bei, künftigen Gelegenheile» auch diese Erwägung nichl außer Acht taffen werden. Bosse. Eine wahrhaft väterliche Mahnung'. Wäre der preußische EultuSininistcr auch jo milde und' nachsichtig'-gewesen, wenn der Oberlehrer sich an der social dcinokralischen Wahlagitation oder an einer -sinndgebuug hes Welsenthuuiö bcrhciligk hätte? Ja, Bauer, däd ist ganz was Anderes! -e (.Jic „drntsch natiovalc" Wcfinmiun dcr '.Hittifcmitcn.) „Teutschland, Tenlschland über Alles!" — rufen die Antisciniten bei jedem Anlässe, anch dort, wo cs am wenigsten paffend ist. Wie es aber in Wirklichkeit mit ihrer „deutsch nationalen" Gesinnung steht, -Zehrt ein von mehreren Berliner Blättern gebrachter Auszug aus ciitem Briefe, den Herr Lwow, der Berliner Eorrespondcni dcr „Rowoja Wrcmja", an sein Journal gerichtet hat. T ex Brief betraf Schritte deutscher Antisemiten zur Annäherung an russische R reise. Herr Lwow tbeilte nämlich mit, cS habe , einer seiner Berliner. Bekannten, dcr Privotsecrctär des russischen Konsulates, Tu km euer, ihm zwei Briefe deutscher Abgeordneter gebracht: des Tivoli-Antisemiten Langen und dcü „rciucu" Anti semitcn Leuß, von denen dcr Erste, welcher sich in Reden -und.in dcr Presse durch seinen Haß gegen Rußland ausgezeichnet, augenscheinlich die Richtung ändert, der Zweite, indem er -sich für Rußland erklärt, zugleich ihm zu sagen bittet, wie er mit den lourualistischen und andere» Faiseurs in der russischen Gesellschaft freundschaftlichei Beziehungen anküpfen könnte, da er sich schon, schriftlich mit einer derartigen Frage an die russisäsc Botschaft . gewendet und („begreiflicherweise" — bemerkt hier Herr Lwow) . keine Antwort erhalten habe. In einem Blatte der Tivoli Antisemiten erklärte nun Herr v. Langen, der Protcctor Ahlwardk's: 1. „ Tcm Privatsecretär des russischen Eonsulatcs Herrn Tukincncr habe ich lediglich fiir mir freundlichst übersandte schriftstellerische Arbeiten gedankt, ohne auch, nur die, auswärtige Politik zu streifen. 2. Habe ich mich nie weder in Reden, noch in der Presse .durch Haß gegen Rußland ausgezeichnet', da ich diesen in dcr Thatnicht fühle..'! Ebensowenig habe ich andererseits Fühlung mit russischen streifen angcstrebt, da ich den Rntzen einer solchen anch nicht cinzuschcn vermag." Treffend bemerkt dazu die Berliner BolkSzcitung" : „Ob Herr v- Langen Haß gegen Rußland gehegt hat oder nicht ~t