Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 84 (12.11.1893)
- Date
- 1893-11-12
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 88% known words query
- IRI
…/4886575-5439157-5441467--0917-4887408- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 3 nt. «4. " Freie» leiben mir heute, mich unter die Mensche» von jetzt zu mengen. Und ■ doch a»S irgend einem Grunde — nennen mir! eS langjährige Ge wohnheit — kan» ich eck nicht unterlasse». Abend für Abend mein Stainmbeisel anfznsnchr», aber ich setze mich weit abseits von jenem Tische, an dem sich die teilte znsaiiinieiifiiide», deren Ücede» und Handeln mir stets eine tiefe Wunde in mein echt wienerisches Her; schlägt, Ich höre, respeelive ich muß hören und empfinde stelS eine tiefe Traurigkeit über das Gehörtes und an solchen Abenden würde ich Niemandem sagen, daß ich ein Wiener bi». Einst war ich stolz, ei» solcher zu sein, jetzt schäme ich mich zu sagen, daß ich ein Bürger jener Stadt bin, in der die Moral, die Gerechtigkeit und die Menschlichkeit für immer verschwunden;n sei» scheinen. Wohne nun mit mir, mein lieber Vefer, einen einzige» Abend der Uiiterhalliing in dem Wirthshänse bei, das ich täglich zu besuchen pflege, und wenn du gleich denkst und fühlst wie ich, dann wird das wüste Treiben und Neben dich ebenso anwider», wie mich alle» echten und rechte» Wiener. ii'aitm Halle ich de» ersten Trunk ans meinem Glase geihan, Hörle ich schon den Faßbindermeister P, seinen Tischgenosse» zurnsen: „Wan» heul' der Vueger Bürgern,asta wird, so wird für uns christliche G'schäftSlent' a and'leö Nb'» anfangen. Jetzt est"» sich halt die »mben gnat an, »nd wir armen Ehriste» können hi» wer'», wann wir woll'n!" „So ist es!" schrie der in meine», Hanse wohnende Schlosser meister, „die »uiben wer » dick und seit, während uns Mastern, die wir ehrli und rechtschaffen arbeiten, nir anders übrig bleib » wird, als in's Bäckenhäns'l z'geh'n." „Neben Sie doch nicht so einen Unsinn zusammen," mischte sich plötzlich der Agent eines jüdischen WeingroßhändlerS ein. „WaS Unsinn," enlgegnete der Faßbindermeister, „is vielleicht nir wahr, daß der Ind n»S alle z'gnliid' richt't?" „Sie gewiß nicht, werthester Herr Meister, denn mir ist ja doch ganz gut bekannt, daß Ihre Hanptknndschafien »Inden sind. Wenn diese erfahren würden, daß Sie in so, roher, bnilaler Weise'»Ihre anti semilil'chen Gesinnungen dornmentire», dann. könnlen Sie stall mit zehn nur mit zwei Gehilfen arbeiten " Ter Faßbindermeister räusperte sich ' verlege» und brummte etwas in de» Bars, was wie jüdisches Te»»»eia»lenlhti»i llang. „Haben Sie keine Angst," fuhr der schlagferlige Agent fort, „denn wenn ich Sie dennncire» wollte, so hälle ich das schon längst geihan. Es hat mich nur »Ihre n'efühlsrohheit empört, von Undank will ich gar nicht reden, denn nicht mir allein, sondern' »och viele» Andere» ist ja bekannt, daß Sie Ihren dermalige» 'Wohlstand nur den Inden verdanke». Taß Sie sich ans Unvemnnst, ich drücke mich hier sehr gelinde a»S, den professionellen Bolksve,Hetzer» in die Anne geworfen haben, ist bedauerlich, denn früher oder später werden Sie doch nur allein die trotzen zu tragen haben. S der ist Ihnen denir nicht bekannt, das; der Antisemitismus' gerade dort die schwersten Wunden schlägt, wo er vornehmlich zu Haute ist, nämlich in den Kreisen.der Handwerker und Gewerbetreibende»? Tiefe Bei blendelen, eigenllich raffiitut Berfühlten, schieben de» Juden alles wirthschaftliche Elend, daS seil dem unglückseligen Krachjghre über nns gekommen ist, in die Schuhe. Tiefe Veute, darunter gehöre» natürlich auch Sie, glauben, oder vielmehr man hat ihnen spitzfindig den Glaube» beigebracht, daß der Jude sich ans kosten der Ehriste» bereichert hat, daß er ihnen das Pins seiner geschäftlichen Thätigkeit durch schmntzige oder betrügerische Eonenrrenz ipegstiehlt, und daß, wenn nicht einmal mit der Aiistreibnng :c. der Inden Ernst gemacht wird, für den christliche» Geschäftsmann nichts weiter übrig bleibt als der Bettelstab. Ja, ihr mit der geistigen .Stnute gebullten Antisemiten seid so dalkert zu glauben, daß a» jedem Ungemachs daS euch trifft, der Jude Schuld fein muß — und wen» heute ei» Erdbeben käme und itni’rc schöne Stadt schrecklich verwüsten würde,, so möchtel ihr euch nicht entblöden, zu behaupte», dieses gräßliche Elementarereigniß könne» mir die Juden angezettelt haben." Ich konnte mich nicht enthalten, herzlich zu lachen, wofür ich mit einem bitterbösen Blicke von Seite des SchlofserineifterS belohnt wurde. - Ten langen AnSführnngen des Weinagenten hatte der Wirth ans merksam zugehört, und er konnte sich nicht enthalten, sich folgendermaßen zu äußern 7 „Tas wern's aber do zngeben, daß der Iudenwein uns Wirth schwer schädigt?" „WaS verstehen Sie denn unter »Indenwein?" frng der Agent lächelnd. .„.Na, de» Wein, denn halt der Ind um a Spottgeld verkauft." „Wem verkauft denn der Jude diese» Wein?" Ter Wirth kratzte sich verlegen am Kopse und antwortete -endlich zögernd: Blatt. „Wirthen, wem denn snnst — aber der Wein is lauter Kunstwein, Spiritus, a G'säuf, das an in Magen verbrennt." „Schämen Sie sich, io etwas zu sagen, Herr Wink," eniaegnele entrüstet der Agent. „Ich, mein Herr, bin iellm ein Elnin uns vertrete ein jüdisches Weinbaus, von den, gerade Sie auch schob un zählige Hektoliter bezogen haben: und. Sie waren auch stets zufrieden mit dem Gelieferten, trotzdem es ein sogenannter Indenwein luarinnb bei Ihne», wie doch weit und breit bekannt, stets ein. gutes fnnd echleS GlaS Wein zu belomme» ist. Wenn nun, was ich nicht be-" streite» will, es wirklich jüdische Weinhändler gibt, die schlechten, verfälschten Wein verlaufen, so ist der tonsende Wirth entweder für sein Geschäft unfähig oder selbst ein Mitschuldiger a» dem Betrüge, denn wenn er trotz seines Berständnifses diesen schlecht» Wein für guten an seine Gäste verkauft, so betrügt' er diese. Berstebt er aber die T.nalitäl eines. Weines nicht zu benrthzile», und läßt sich von dem Weinlieserante» betrüge», dann in er überhaupt unfähig, ein solches Gewerbe zu betreiben, und wenn er schließlich zugrunde geht, so wird ihm lei» Bernünstiger eine 2 Inane »achweinen. 'Sie sag», d.aß durch die jüdischen Weinhändler Ihr Ist-schält geschädi'gt wird -- wohl, ich gebe es zu, Sie leide» seit einiger --seit großen Pranget an Gäste», daran ist aber nicht der Indenwein Schuld, sondern Sie ganz allein selbst. Abgesehen' von den tristen .Ieiwerhäliniße», unter denen faß alte »Ihre Evllege» Mehr oder minder schwer leide», haben Sie sich zahl reiche Gäste, »nd zwar nicht allein Inden, sondern auch Ehriste» ver . trieben, und zwar sind »Ihnen diele ansgebliebe», weil sie an der in Ihrem t'orale..betriebenen Indenhetzerei leinen «Gefallen finden. Ter Besitzer eines öffentlichen tsteichälies darf nie und »immer einen so menichenni'.würdigen Sport betreiben." „Bravo!" rief ich,' „das iß einmal mir ans dem Herzen gesprochen." „Sie sein ganz stad," sagte de^ Schlosser, blnlroth vor Horn im Gesicht werdend. „Mir wissen, wo Sie hing'hör'n: a Halberter Ind sein'S eh schon, lassen's Ihna beschneide», so san'S a ganzer, lind weil Sie und der geehrte Herr Borredner gar so g'scheite, Nut' sein, jetzt sag'n's mir triual, warum denn mein G'fchafk io miserabel geht? Gelten's-, da tönnen's ta Antwort geb'n, . aber i wir »chnen's sag'». Bier Hänier von mir hat sich a sütstschez- Schloß r bing'setzt. und der fischt ma alle Knndschasten weg Soll i da dalür den Inden die Hand küß'»?" I, Taß »Ihr (.S’cidiäfi schlechter wie sonn gellt," antwortete ich. „finde >ck> ga»t nalürlickr, aber daran ist gewiß nicht der'Ind Schuld, sondern nur Sie selb». »jd> tenne Sie schon lange un» vermag daher ganz rückballslos Ihne» die Wahrheit zu sagen. Ami,er, ivohlgemerlt fi»her, habe» Sie auf Ihr Geschift gickiani, und fal't den ganzen Tag nickst ans der Werkstatt lieraiisgekommen, habe» auf Ihre (i'efeile» achlgegeben und' stets getrachtet, daß alle B.st llnugen raich »nd ordentlich ausgefübrl .werden Sie waren einer der tüchtigsten S eh linier meiner!»> Bezir l. Henie aber lintz Sie ein Meister in :-er höheren Indenfrefferei. Bormiltags stecken. Sie in, Wirlhhans, stcachmiilags im Kaffeehaus, »nd in der Nacht -findet man 'ie gewöhnlich dort, wo die antisemitische» Man'lhelde» ihr, unsauberes H.indw-ert treiben. Ans einem ordentlichen Mensche» Ist — verzeihen Sie — - ein Vumu geworden, der sein Geschält vernachlässigt und seine Geselle». wirlhschäften läßt, wie diese wolle». Tie tranrige» Folgen eines, solchen Treibens konnte» naturgemäß nicht ansbleiben. Ihre K nndschasten gehe» »»» dorthin, wo sie für ihr gutes Geld rasch und solid bedient werde» Nehmen Sie mir es nicht übel, daß hl, io oßen mit »Ihnen spreche, aber es Ihnt mir i» .die Seele wehe, daß lein einst ''o braver, tüchtiger Hand^verksineister auf solche Abwege gerailien konnte'. Vaüen Tie künftig die »luden »Juden sein, ergeben Sie - stch nicht dem Trünke und dem Spiele und trachten Sie wie sinher Ihre oiiinden i» der altgewohnten, sorgsame» Weise z» bediene», dann werden Sie gewiß keine Ursache z»»i Klage» haben. Tie ehrliche Arbeit findet noch immer ihre» goldene» Bode», das mögen Sie sich sowie alle professionellen »Iiideiihetzer vor Auge» halten Fleiß und-Tüchtigkeit, gepaart mit Sparsamkeit, .wird gewiß ” belfere Früchte tragen als das - ewige etelhafte Hepp Hepo-Gefchrei." ' Tie ganze Gesellschaft horte schweigend meinen Worten z:r Ich bezahlte mein <>stas Wei» und ging langsam nach Hause, zum erftenmale innerlich zufrieden mit. mir. - iWicdrr eine jiiöifdic Stimme gciicu Vic oioimtcu.) Tie trefflich redigirte Wochenschrift für politische, religiöse-- nild Enlinr eUlteressen „ T i e?c c n zeit", das eigentliche .lTrgan des fonichrilk sreiindliche» IudenihiiinS i» Wien, schreibt in einer Eorrespondenz a» Tr. E. i» V. wie folgt: „Tie Pflege der hebräischen Sprache und