Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 84 (12.11.1893)
- Date
- 1893-11-12
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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Seite ü .freies Slatt. Nr. 84 Ui.'illfüv biv Behörde» haben es bewirkt, daß fast alle höheren Lthraiislallcu im Ruche den Juden unzugänglich sind. In Iaroslawlj b> findet sich ein Lyceui», das }»r Kategorie der Uuivcr fitatcit nidit gehört, somit dem famosen „Pcrcciilsatz" nicht unter liegt. Viele jiidi'che Studeiiieii, tie von den Universitäten zu Petersburg. Moskau, Charkow. Kiew, ^d.ssir^uud Dorpat über Boid geworfen irorden sind, begaben sich in dieseui Schuljahre nach Iar^slawlj, um das Luceuni zn beziehe». Die Verwaltung bni r Viljranftnit rulirie jedoch auch hier 0» „Perceuls tz" ei», und die Jude» linßi'ii zurück nach Hause gehen. Ter Schrift stellcr Sublestni, .in Ebri». der diese Thal,'acke millheili, beklagt selbst die Cpfir dee ra'si-chcn V-rsolgungswu h. Und doch sind die Inden überall, wo sie irgend welches Amt bek.ciden, ptl'chleisug und genießen die Achtung der Bevölkerung Sv erzählt ein russiickes ärgern von einem jüdischen Feldscherer, naincus Israel vokschm, der in Sibirien, in Werchnolensk, von der Bevölkerung förmlich wie ein Halbgott verehrt wirö. Er be jucht die armen Kranken ohne Entgelt, schickt ihnen ins Haus Medieaiiicute, K>>. ider und Speffen, ohne Geld zu »khmeu und opfert sich für die Bevölkerung auf. Unlängst wurde diesem braven Manne eine Tai-kadrene mit Ilnlerfchri t n überreicht, worin seine seldüia'e The.tj.k-ü g priesen wird. Aber die riiifücheii Mach!' Haber'hüben Ehren aiE wollen nicht hören: sie habe» Augen und wolle» inch: selten. Ainu-. Ixuimivrbot und Klctuacuvilv. .\iitt't an Sas „Aieif Watt" Wien, .'Iii'aiigS Aovcinber. T ie Ausführungen über das Hausirverbot, welche Nr. des „irriaen Blattes" eiuleitelcn, vcranlancn mich, Ihre und Ihrer Mtier Aufiiierkfauiteil auch auf eine andere, und zwar lehr wichtige -Leite diewr Frage zn lenken, auf die Einbuße »äinlich, welche gerade die -ileingewc'. betreibenden durch ein Hausirverbot erleiden müßten. Es gibt bei uns in Oesterreich ganze Industrien, welche sich im La icke der ^at den Aniprüchei! des Hansirhandels anpaßteu, und welche dnich ei» Auflwren desselben entweder völlig lahiiigclcgk oder doch ich' schwer getroffen würden.;o z. B mußten die Kleingewerbe treibenden der Kiirzivaalcnbranäien, welche itabi;u die Hälfte ihrer Erreugiiisie 'iir den Hausirbaiitel liefern, ans das Emvsindlichsic ge schädig! iverden. L er Hiniverdarauf, daß dann der seßhafte'Händler durch Sie Entfernung seiner Eonenrreu; eousninfähiger wäre und der -srn'nin gleich lnnch bliebe, >>': gruiidsalich. denn der ^Verbrauch an Knrznaai"! wie: Portebonnes, Eravalten, Meffern, Kämmen, Taschen spiegeln. H s gr'iii, Zabnbin sicii. lllnletten, äinöpfen, Pan'niiis :c in niäik r.';: t Berl'ianch an Rahriingsiiiitkc!» von gewissen Ratnr it!':lnvel!digle:kin aobängig, sondern ein zufälliger, künstlich erzeugter Bedarf, welcher znin größten elieile von der Häufigkeit des Angebotes alliängt. Wir foulten mit einer bereits dcfeeien Eigarreutaiche zur Roib noch ein Jahr laug anstoniiuen. die.tiaufgelegenheit, welche das Äiibsl eines Hausirers mit sich bringt, veranlaßt uns jedoch zur An-' schasfiing euies neuen Ereinplars,- während wir den Händler erst dann a»fs»chrn würden, wenn wir unbedingt zu einer 'Aenaiiichassiing schreiten u:l:ßte». 2o ivic in dieicm Falle geht cs beim Eousnin aller >lnit und T-ilinraillcrieivaaren, deren Verbrauch durch ein Hausir re.brr sicher NM melir als 7.I Pcreent sinken würde. -in ersier Linie würden die Wiener und Prager VcbcrarBeiter, die W>.»er Psei'en und Eigarreln'pitzendrechslcr, die Kamm- und Bürsten inacher. die Ken.:! und Knopfcrzcngcr, die Eravatteniiäheriiiiieu, Stil nsieder, l'uuumiivaarenerzengcr, ferner die Lteurer und Nindorfer Mo' r'chiu^de,- die r.orobsbmischen Wirker und <Sablon:cr Gürtler >'o>vie die Bei euer Szaehvaarenerzeuger von einer Einschränkung des Haulirbantels ungemein schwer bekrönen werden, »nd cS ist sogar fraglich, ob die Xleiugewerbeireibsndcn der belrefscudcii Branchen einen solchen Lchlag überdauern könnten. Mit AuSnahiue der Gnniiniwaarcncrzeugiii'se i'iamalen alle angeführten Braarciigatkniige» anS Werkstätten kleiner Betriebe, und ich schäye die Zahl der. Klcingcwcrbc- -ireibcndcu und Arbeiter, welche durch eine solche Maßregel rniiiirt iverden dürften, auf niedrere Tausende. Insbesondere müßten jedoch die Wiener Vorskadtindustrien für die Sünden ihrer antisemitischen Abgeordneten büßen, denn gerade diese Industrien liescrii den größten Theil ihrer Erzeugnisse fürden Bedarf der in. £cstcrrcich und Ungarn cristirendcli Hansircr, deren Zahl ich nicht genau kenne, welche ich jedoch auf mehr alS zehnlansend schätze. Ticke Zahl recrutirt sich nur';nui kleineren Tlieile anS Inden, der größte Theil sind Kramer, j Tiroler und Schlesier, zumeist Ehristen, ebenso wie die Klcingcwcrbe- ' treibenden und Arbeiter, welche für den Eonsnm dieser Hansircr! sorgen. * Wenn irgendwo, so paßt für dekt Verbrauch an Knrzwaarcn der : Satz: Angebot erzeugt Nachfrage und Eonsnm. Und wenn wir ani nehmen, daß von diesen zehntausend Hansircrn durchschnittlich jeder! täglich um mindestens fünf Gulden Waarcn verkaufen muß, um über- \ Haupt existiren zu können, so ergibt dies per Tag eine Suinnie von \ öUAKM) Gulden, rcspcctivc per Jahr 18 Millionen Gulden, uit^ um! eine, nahezu ebenso große Summe würde der Verbrauch der bc- ' treffenden Industrie Erzcngnissc znrnckgchen. Senn cS der antiscmitii scheu Partei ganz glcichgiltig bleibt, ob zehntausend Menschen, die vcr-! möge ihrer Erziehung oder ilwei: körperlichen Gebrechen, ebenso in! ,folge ihrer Armnth keines anderen ehrlichen Erwerbes fähig sind, von der ohnehin traurigen socialen Stufe des Hausirgcwe^l'cS hcrabgcstoßcn j werden in die Reihe der Bettler, so ist dies mit Rücksicht auf die Gcmiithlosigkeit, welche ja eine Voraussetzung dcS AntisrinitisninS »ildet, l kein .Wunder: wenn jedoch eine znmcist von Kleingewerbetreibenden l unterstützte Partei daran geht, eben diesen Kleingewerbetreibenden, der , sic erhält, ant'S. Schwerste zu schädigen, so kann man dies nur dem i Umstande znschrciben, daß die Führer dieser Partei, geblendet von ihre!» .Haste gegen die armseligsten jüdischen Hausirer, die vielen tausend j armen Ehristen nicht sehen, welche unter dem gegen die Inden geführten \ Streiche milsallcn müssen. / ES ist eine traurige Zeit, in welcher es gelingen kann, den Kleinen durch, Irreführung, zu hetzen gegen den ätleineren und Kleinsten' — i zum größten Schaden der Anfgchctztcn selbst. Solche Erscheinungen j haben nur ein (S'ntcS: sie müssen schließlich die Jrregcsührtcn ans klären, denn „Schaden macht klug". , A. L*. Einst und jetzt oder j Der Antisemitismus im Mirttzshaus. Von einem aUen Wiener WirthSbauSbeincher. . In früheren Jahren, so mancher alte Wiener denkt gewiß noch; daran, war daS Wiener Wirthshanslcbcn grundverschieden von dem j jetzigen/ Vor Allem fehlte damals, die Pracht der Ausstattung, denn ' selbst in der inneren Stadl war die Einrichtung der rcnominirtcstcn! (aftl)ait(ocalitiiteu die denkbar cinsachstc. In niederen,,am Tage halb sinsteren, Abends nur prinntiv belcnchtcien steänmen fanden sich' die ' si>'äste zusammen, tranken ungezählte Halbe'oder Seidel und schmauchten dazu ihr Pfei'chcn, gefüllt mit dufiendcm Knaster. Tic Leute, die da ans und cingingen, verkörperten »och das echte Wiencrthum, das heilte ■ leider mir mehr eine Sage ist. Sie waren Mensche», beseelt von j herzinniger «^nnüthlichkeit, noch frei von jedem ReligionS oder steatio- »alikälenhaß, und wenn cs auch damals das Steckenpferd der Wic»^' war, sich über die Böhmen, Ungarn und auch die xfudc» lustig zu ' machen, so wurde doch diese Spoitlnst niemals persönlich verletzend. Wen» ich nnli in cinsainen Stiindcn so eine Parallele zieh' zwischen einst und jetzt, so koininr mir stets ein rasch populär gewordenes Lied in Eriilncrniig, dessen Refrain lautet: L. du aller Slet'anSlhnrni. 's d» blauer Donanstrand, I-5 denn das nil »icbr das Wien, 'dort, wo nns're Wiege stand, Von aner iä'iniiibli-bkeit ka Spur, wo ma binschant, siebt »>a nur . Aiid're tsl'siäner, and're Leul', pfirt di Galt, du alle Zeit. ' S - . . - i. ' Wenn ich das Liedl mit seiner wehmiithigen Bkclodic höre, da wird mir immer so ganz cigenthüinlich zu Muthe, und cs dünkt mir, als ob nnscr Herrgott ganz andere Menschen geniacht hätte als früher, denn die Menschen von jetztsind in ihrem Wesen und Charakter ' grundverschieden von den Menschen, wie sie einst waren. Tic sprich wörtliche C'einüthlichkcit der Wiener existirt schon lange nicht mehr: der Silin für Geselligkeit ist abhanden gekommen; die Friedfertigkeit . mußte dein Haffe und der Zwietracht weichen, und die einst so gc- . pricscne Gastfreundschaft der Wiener ist schon längst nicht mehr wahr. Wien ist eine schöne, prächtige Stadl geworden, und selbst in den clitfcrntcstcn Bezirken findet inan Paläste, wie mau sic einst nicht im Miltelpunktc der alten Kaiserstadt gefunden hat. Abermit jedcin Prnnkbau, der; da entstanden ist, ist ein altes Stück Wiciierthunis verschwunden, und mit ihm wurde auch das goldene Wicncrhcr; zu Grabe getragen.; Ich bin noch so ein altes Ucberblcibscl; aus meinem Herzen sind noch nicht jene Gefühle verdrängt, deren sich einst kein Wiener zn! schämen brauchte, ja auf die er mit voller Berechtigung stolz sein ' konnte, und eben diese eines wahren Christen würdigen Gefühle vcr-