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Freies Blatt · 1893-11-12 · 84 (12.11.1893) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
84 (12.11.1893)
Date
1893-11-12
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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' I Freies Blatt Redaktion: I. Scilcrftättc I«. . AboinicmkutSVrciS: ^an;jädrig m,r .fl. ck.5". Halvkäbri.^ fl. l.s:». Ltiertcljäbslg . . % fl - .»m. (£iitieltte Nummern i kr. Unfranfirtc ^rieie werden nichr angenommen. (I)rgan zur ^Ibwehr des Antisemitismu (yrfdiciiit au jcöcm «ountnijf. ■ Adniinistratio»: I. scilcr.udtic 1». rcv'rfr!! um i»i tr.\ *'U' ui:ir HMltcnc Nvnrareillezeile bavtf.u.i. i tae 'iiVrt'i Ir.;lu*nahnte r^rt rtuferatc’t tu mtfctcv ‘.H?imimYrutii»tt '.'wie tut;1itupiu\nt»uv. £ uf\ö, l. ^plljcilc 9lumnter 84. Wik», 12. UüüCMtbfr 181)3. II. Jahrgang. Mabrheit und Dicl)tung. i Drigi»al-Minl:eitiing dcS „Tyreion iMattfS".» ■ '|;otcr(jfaui i], i). 'Jioi'fiiiDcv. Täglich mehren sich die Thalsachen, welche das Kügengewebe dcr russischen Judenverfolgcr vernichten. und die crdichlclc» A» Nage» gegen die Jude» schlagend widerlege». Die Beschuldigung, welche die russische Regierung gegen die Juden in Rußland erhoben hat, daß sie angeblich den Handel untergraben und die einheimische Bevöllerung schädigen, hat sich bei unparleiischcr Prüfung alö Dichtung erwiesen, die mit der Wahrheit in schreiendem Widerspruche siebt. Man erinnert sich, welchen Verzweiflungsruf die christliche Bevölkerung des Gouvernements' Saratow erhoben hatte, als Minister Durnowo die Ausweisung dcr doit lebenden Juden verordnete; man erinnert sich ferner, daß das russische Ministerium dcS Innern auf Grund zahlreicher Petitionen dcr Saratower orthodoxen Bevölkerung, welche den Ruin, zahlreicher Handelshäuser alS 'die unvermeidliche Folge der JudenauSweisung erblickte, sich genölhigl sah, diese Ausweisung auf ein, respeclive zwei Jahre zu verschieben. Nunmehr ist rin ähnlicher, in seinen Einzelheiten viel interessanterer Fall.;» verzfichncn, dcr au einem anderen Ende .dcS großen EzarenreichcS sich unlängst zugetragen hat. Wir sprechen von der kürzlich erfolgten gänzlichen Einstellung der JudcnauSmeijung auö Kurland und Livland. Die Behörden der letztgenannten Provinze» sind im Jänner dieses JahreS vom Minister Durnowo angewiesen worden, sänimtliche in Kurland und Livland lebende» Juden binnen Jahresfrist auszuweisen. Das diesbezügliche Eircular, welches vom 14. Jänner dalirt war, gab -i in merkwürdiger Weise die Motiv: an, welche den Herrn Minister veranlaßt hätte», die MasscnanSweisung der Juden zu verfügen. Unter Anderem sagte Durnowo, die Jude» in Kurland und Livland hätten durch ihre Schädlichkeit für den Handel und für das Gewerbe die Unzufricdeuheil der christlichen BevölKrung und eine allgemeine Erbitterung hervorgcrufeu. Man sollte glauben: ein Minister i» einem autokratlschen Staate, dessen Thun und Vnffen keiner Eontrole seitens einer Bolksvcrtrctung untersteht, muß sich , umsomehr der großen Berautwortung bewußt sein, die er der Wahrheit und der Gerechtigkeit schuldet, so daß seine Urthcile über - Personen und Ereignisse im Reiche nur auf unanfechtbaren, wahr hcitSgelreuen Thatiachen fußen. Allein int gegebenen Falle eiwiesen sich die Behauptungen des Herrn Durnowo als pure Dichtung. Dcr ganze Adel, die größten Handelshäuser, viele - Gelehrlencorporationen und sgnimtlichc christliche Industrielle und Gewerbetreibende in Kurland und Umland habe» an daö rusjxsche Ministerium des Innern Petitionen gerichtet, in welchen sie unzweideutig erklärten, daß die augcordncte Ausweisung dcr Jude» dem Gebiete einen unabsehbaren Schade» in materieller und sogar in cultureller Hinsicht zufügcn würde. Um diese Behauptung zu bekräftigen, wiesen die Petenten an der Hand von zissdrinüßigen Daten auf den großen Nutzen hin, welchen die Juden in Kurland und Livland dem einheimischen Handel und Gewerbe bringen. WaS über an den Petitionen, hauptsächlich an denen des Adels und der Gclehbtcncorporationen, besonders bemcrkenSwerth, ist die Evuftatirung der Bcrdieuste dcr Juden für daö cultnrellc und sociale Leben in den Provinzen. Während die orthodoxe Bevölke- | rung von Saratow in ihren Petitionen nur die Nützlichkeit dcr \ Juden für den Handel hervörhob, weil ihr culturelle Interessen fcrnliegcn, haben die^-Deutschen.von Kurland und Vivland ihren nationalen Schatz, die culturellen Bestrebungen, auch hier nicht verleugnet und das russische Ministerium auf die Nützlichkeit der Juden für die Förderung rcinwissenschaftlicher und hn'nanitärer Zwecke aufmerksam gemacht. Das russische Ministerium hat dem Drucke dieser Petitionen nachgegeben: ein vor Kurzem an die Gouverneure von Kurland und Violanb gerurftteter ministerieller Erlaß ordnet die Einfüllung der JudenausiEunge» biö zur Regelung der rechtlichen Sl'cllpng der Inden im Reiche an./ In Rußland bedeuten die Worte: „bis zur Regelung der rechtlichen Stellung der Juden" ■— bis auf unzählige Jahre hinaus, weil die sogenannle „tzösung dcr jüdischen Frage in Rußland" nur dazu geschaffen worden ist, um die Juden verfolgen zu können. Da man aber einstweilen diese Verfolgung nicht einslellen will, so wird mau diese „Frage" nicht allzu bald aus der Welt schaffen. In.dieser Hinsicht bietet die ministerielle Entschließung den Juden von Kurland und .tzivland Ersrculicheres, als denen von Saratow, denn hier wurde die Ausweisung nur ansgeschebc», dort aber aufgehoben. Und seltsam genug, derselbe Mann, dcr die im Jänner verordnete JudcnauSweisung mit der „Schädlichkeit der Jade» für den Handel" motipirte, hat uunm.'hr die Aufhebung dieser Ausweisung durch „die Nützlichkeit dcr Juden für die Judusliie, und auch in anderen Beziehungen" erklärt. Die ersten „Motive" waren Dichlung, die letzten sind Wahrheit, als solche von einer chrisl licheu Bevölkerung von nahezu zwei Millionen Menschen bestätigt, und leichte» Herzens hat Minister Durnowo im Jänner den Ans weisungsbefehl, jetzt aber den Widerruf desselben mit seiner ge schnörkellcu Unterschrift versehe», ohne zwischen Wahrt,-it* und Dichtung eine» Unterschied za treffen! So wird von den Juden Hasser» die Geschichte gemacht! Man würde jedoch einen Jrrlhum begehe», wollte man glaube», die Pelilioucn der Saratower, dcr Kurländer und der Viviänder zu.Gunsten der Inden hätten eine» wohlthucnden Einfluß ^aur die russische Jndcugcjctzgebung im Allgemeinen geübt. "?(icln__ im Geringste»! 1,'iiot i-uzala. tot si-nsiis. Jeder russisch. Machthaber handelt, was die Juden betrifft, ganz nach eigenem Erm-ff-u. Der t^encralgollver-ncur wo» Kiew, Grgf Jgnaticw, Hai kürzlich ver fügt, daß die Franc» dcr jüd schen Handwerker, welche das Nieder lassuugörecht in Kiew besitzen, keinen Handel betreten dürfe», und der russische Senat hat diese Verfügung bestätigt. Gras Jg-.alicw war kürzlich in Eonstantiiiow, wo er die Armuih dcr Juden ätis eigener Anschauung kennen lernte und wo ihm der russische Geistliche den Fleiß und die Rcdlichk it der Jaden rühmte. Im Weichsclgcbicte treiben VerwaltniigSorgane mck den Juden cut wüstes Spiel. Bekanntlich ist den Jude» im Königreiche Polen nicht gestattet, Grund und Boden bei Bauern zu pachten. Diese Verordnung benützen die dortige» Machthaber, um den Jude» sogar das Miellzen von Wohnungen auf bäuerlich»in- Grunde zu untersagen. Neulich wurden viele Judeiifamilieu auS Dörfern deS Bezirkes i-ublin ousgcwiescn, weil, sic bauet liehe Häuser be wohnt haben. Nunmehr soll den Judd» auch uniersagt werde», Soninicrwohiiilngcn bei Bauern zu mielhen. In, Srel hat der Polizeimcistcr, um seinen Diensteifer zu zeigen, ver fügt, die dort „gesetzlich" lebenden Juden auszuweisen Dcr Pülizeinicister ist nämlich erst vor Kurzem ernannt worden. "Ganz ebenso ergeht cs den russischen Juden aus dem Gebiete der Bildung, "leicht nur der famose „Pcreenlsatz", -sondern altch die

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