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Freies Blatt · 1893-11-05 · 83 (5.11.1893) · p. [Seite]

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
83 (5.11.1893)
Date
1893-11-05
Page
[Seite] (sequence 9)
Language
German
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Nr. 83. Freies die Stürme, die sie bislang umtost. Nun möchten sic ihn gerne Jakob wiedergeben; der Weg zn ihm ist ihnen aber zu weit. So wollen sie ihn nach Egypten verkaufen. Die Handlung springt zurück zn den Brüdern. Rüben, der von dem .sauberen Handel nichts weiß, fordert Josef von ihnen zurück, und 9cwi (gesteht nnn, was sic mit ihm gcthan habe». Sie schwören einander Treue und Verschwiegenheit zu, und Jsachar ersinnt den Anschlag, dem Vater das blutige Hemde deS Knaben zu senden. Inzwischen hat Josef abermals den Herrn gewechselt; er ist i» die Hände der Midianilcr zurück gegeben worden. Naphtali übcrbringt dem Pater das blutige (bewand, und Juda erzählt, in welcher Weise sie Josef verloren haben wollen. Jakob singt ein Klagelied, in das die Söhne einstimincn. Der greise Jsac kömmt, seinen Sohn über den Perlust des Vieblings trösten. Dann rücken die Brüder mit besänge ans die Jagd und bringen einen Wolf, den sic dem Batet als JoscfS Mörder vorführen. Jakob läßt ihn heftig über seine Frevclthat an; da gewinnt das Ranbthier Sprache: cs hat Josef niemals gesehen, im Gegentheile, cs war auf der Suche nach seinem Jungen, das ihin die Menschen geraubt, und ward dabei gefangen. Jakob glaubt ihm und wird gerührt; mit den Worten: „Und th» dich im Namen (Lottes auf den Weg kehren, die Hinimcl sollen uns unsere Kinder bescheeren" entläßt er ihn — gewiß wiederum eine merk würdige und nicht «»poetische Scene. Egyptcntand. Eine Pickel« hüringsccnc. Potiphar braucht einen Knecht, und jnst in gelegener Zeit bieten ihm die Midianitcn Josef an. Auch er ztveifclt daran, daß Josef Sclavc sei: erst das Zeugnis; der Midianitcu bctvcgt ihn dazu, den Kauf zu ihn». Bald ist er mit seiner Erwerbung höchst zufrieden. Sclicha bekennt ihre Viebe zu Josef; die Anniuth des Jünglings ist zu groß; als sic Dame» zu sich, zu einer Art cgyptischcn Damencaf«'- lud, da erfaßte Alle sofort eine mächtige Neigung für ihn. Sie gesteht Josef ihre Leidenschaft, tu» sich von ihm verschmäht zu fiudcn. Pickclhnriug räth ihr nun, de» Spröden mit Drohungen zu besiegen. Die Nilübcrschwcnimnug führt ihren satten im Amte aus dem Haus, und Selicha sucht die (Gelegenheit und Einsamkeit zn nützen, um Josef gefügiger zn machen. Wiederum-' zurückgcstoßen, folgt sie nun dem Rathc Pickelhärings und erzählt dem heinikchrendrn Potiphar. Josef habe ihr Gewalt anthun wollen. Umsonst bctheuert er seine Unschuld: Potiphar glaubt Selicheu, »nd Josef wird ins Gcfüngniß geworfen. Wir sind am Hofe und an der Tafel Pharao'«: den König beunruhigt sein Traum, und der Mundschenk räth ihm, doch den gefangenen Hebräer zu befragen. Vorher wird nach Pickelhäring gerufen, der eine ganz' unsinnige und alberne Traumdeutung zum Besten gibt. Josef legt den Traum richtig aus, und ein bewährendes Zeichen, das er Pharao ansngt, trifft augenblicklich ein. Die Ehrung Josefs folgt ganz nach der Bibel, der sich nun die Handlung überhaupt genau anschlicßt. ES. wäre höchste»« noch zn -erwähnen, daß Niemand in Egypten Korn kaufen darf, ohne gemeldet zn sein, daß der Zorn der Söhne Jakobs aufflamint, da sie sich als Diebe des Bechers verdächtigt sehen, daß sic trotz der Ungeheuern Ucbcrmacht, die gegen sic steht, um ihre Ehre und ihre Freiheit kämpfen wollen. Mit JoscfS Erkennung erst durch Benjamin, daun durch die Ander», mit der Bereinigung und Versöhnung der ganzen Familie also schließt das Stück von der „Berkaufung Josefs" in jener Form, in der es I. I. Schtidh nach umlaufenden Drucken mitthcilt. Wir kennen sogar den Bersasser, wenn man bei einem Stoffe, der so sehr (% meingut deS ganzen Volkes war, an dem so durch Jahrhunderte Tradition und Sage gearbeitet haben, von einem solchen sprechen kann. Es ist dieses Stück aber auch eines der Wenigen, von denen wir eine Aufführung verzeichnet finden. I. I. Schudh erzählt int V I. Buche feiner „Jüdischen Denkwürdigkeiten" pag. 19 und 20 Folgendes darüber: „Daß nun auch unsere Franckfhurter Juden au ihrem Purim und Hamanfcste sich wacker herumb tummeln, essen und trinken und fröhlich sind und allerhand Lustbarkeiten treiben, ist außer allem Zweifel und wollen wir dessen eine sonderliche und merkwürdige Probe anführeit, daß sie ein paar Jahre vor dem Brand (der Judeugassc in Frankfurt vom 14. Januar 17l l) auf ihrem Purim allhicr im Hause zur weißen oder silbernen Kunde, so damals David Ulfs, der jetzo Rabbiner zu Mannheimb, ist eigenthüinlich zustand lind von Vöw Worms umb Zins bewohnt wird uitd anjetzo dem Werthciniber von Wien zuständig ist, in ihrer Gasse ein Theatrnm ausgcschlagcn und eint Eoinödic von der Verkanffung JoscfS gcspiclct und die bei dergleichen Schanspictrn gewöhnlichen Machinen verfertiget, in Verkleidung allerhand Auf züge vorgestellet auch sogar einen Pickelhäring in lächerlicher und buntfarbiger Kleidung dabei anfgcführct, welches dann einige Prager N l a t t. " Sette N. und Hamburger Judcn-Studcntcn sollen verfertiget und präsentirt haben, davon 'der Verfertiger und Haupt-Dircctor, wie mich ein Jude berichtet, Bcrmann von Bmburg sein soll, der sich in Friedbcrg verheirathet und wohnhaft niedergelassen; die Inden, so es mit selben angesehen, können der Wunder nicht genug erzählen, wie Feuer, Himmel und Donner und allerlei wunderliche Sachen dabei zu sehen gewesen und bcdaure ich, daß mir, solches nicht vorhcro kund worden, damit ich meiner Enriosität solches selbst mit anznschcn hätte ein (Genüge und dem geneigten Vcfev eine so viel gcnancrc umbständlichc Nachricht geben können; sie haben, zwei solcher Eomödien damals wechselweise agiret, eine von David mit (Goliath, so nicht in Druck kommen, die andere von Verkanffung JoscfS und das vierzehn Tage vor und vierzehn Tage nach dem Purim, habe» auch timb den großen Zulaufs abzuhalten zwei Soldaten au die Thür des Hauses, worin sic agirt, gcstellct und daß sich endlich auch Ehristen als Zuschauer angemeldet, haben die Baumcislcr daö fernere ngiren bei zwanzig Thaler Straffe verboten. Daß die Juden ein gar großes Vergnügen müssen daran gehabt haben, ist dahcro wohl abzunchmen, daß sic nicht nur diese Eoinödic auch sogar mit hebräisch deutscher Schrift in Octavo doch ohne Benennung Zeit und DrtS trnckcn lassen, so aber Johann — Wust in Frankfurt!; gedruckt, sondern-auch, da durch den,großen Brand die Exemplare im Feickr verzehrt worden, dasselbe anno l7U> nllhier wieder anflcgcn lasse», daß davon beide Editionen in der Sache selbst ganz genau mit einander übereinkamen. Der Unterschied ist, daß., in der ersten Edition wie gedacht, weder Jahrnoch Sri, sondern nur auf dem letzten Platte steht gedruckt durch den jungen 9öw Ginzbnrg von Fraukfurth am Main. Eben diese Eoinödic l»abrn die Juden auch vor ein paar Jahren zu Metz in vothringen agiret, indem ein paar Inden von den, so selbige vormals in Frankfurlh gespielt, mit dem Büchlein dahin koininc», wie mich ein gelehrter Jude so es zn Metz gesehen, versichert hat. Ein vertranter Jude versicherte tnidi, es würde so bald keine Eomvdie, ob sic auch gleich iviedcr in guten Zustand kämen, bei ihnen gcspielet werden. Es seien kurz »ach solcher Eoinödic Agirüng ziugcwöhnlich wehr Vente als sonst gestorben, welches sie als eine Straffe und Zeichen (Zolles Mißfallens ausgenonnne», dann zu Gottes Wort müsse man nichts zusctzen und es als etwas Kur; wciliges auf dem Theatro vorftellcn, dabei ein Pickclhäring sein Narrenspossc» mit einniischc, das könne Gotl nicht gefallcit. (Zolles W^rt solle man mil Furcht in Ehre» halten". Dieser Bericht ist in mehr als cineni Sinne iutcressant. Wir höre».von jüdischen fahrende» Schülern, die ans Prag wie Hamburg nach Frankfurt gekommen waren, wohl um eine» berühmten Rabbi . zu höre», buchstäblich zu seinen Füßen seiner Auslegung des Gesetzes . zu horchen. Es ist das eine Silke, die ursprünglich Juden und Ehristen gemein wax, während es aber heule n» hohen Schulen fahrende Schüler im eigcutlichcy Sinne des Wortes keine mehr gibt, finden sich deren im Judcnthunic »och immer. Sic spielen Eoinödie — auö verlaufene» Schülern ergänzen sich noch heute die Wandertruppen vornehmlich — und ein Thcil davon scheint dauernd Geschmack daran zu sinden; denn er zieht weiter —, der fährendc Schüler ivar in rastloser Bewegung — und wiederholt in Metz das Schäuspiri, das in Frankfurt solchen Erfolg gefunden. Mau darf sagen: der Keim zu einer jüdischen Wandertruppe ist so gegeben. Das Stück wird reich und inil Prunk auSgestattet; das war in jener Zeit,, in der die Oper aufkain und einen bis kssnte nicht, inehr erreichten Aufwand der Ausstattung in Anspruch nahm, nur zu begreiflich: schön die Inhaltsangabe, die hier mitgctheilt worden, läßt erkennen, wie viel (Gelegenheit zn sccnischen Wundern geboten war, wir sehr die zahlreichen Gesänge, die Aufzüge der Midianiten, der Jsinaelitcu das Ganze dem Singspiele nähern mußten. Das . Stück enthält eine einzige Fraucnrolle, die der Selicha: wir erfahren leider nicht, ob sic von einer Frau, ob, was wahrscheinlicher ist, von einem verkleideten Mann dargcstcllt wlirde. Als sich auch Ehristen an der Vorstellung ergötzen wollen, wird sie der Weisheit jener Zeit nach einfach bei ziemlich hoher Geldstrafe untersagt, denn eine jede Berührung zwischen Juden ilnd Christen mußte möglichst hintangchaltcn werden ' cs hätte ja eine Annäherung daraus erfolgen können. Man gäbe heute tvas darum, wäre dem nicht so gewesen, in allen Kreisen, deren Geschäft nicht künstliche Vergrößerung der Gegensätze bedingt.. Wie tief aber diese Vcrdlinke lung jedes natürlichen- Frohsinns bei den Juden selbst ge drnngcn war, das lehrt der Grund, warum die in Metz nie mehr von einer Eoinödic etwas wissen wollten. Daß sie 'sich harmlos mit Gottes Wort erlustigt, wohl gar über den Pickelhäring und seine Scherze gelacht, das war ci.n Verbrechen, das ihr i

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