Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 83 (5.11.1893)
- Date
- 1893-11-05
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 83. . Seite 7. Freies ein Anlisemitenbläitchen in' Steiermark (einen Lesern zu erzähle» wußte. Bürgermeister Tr. Prix in Wien habe durch sein Vorgehen es so weit gebracht, „daß ihn sogar Boscha» nud Tr. Lederer, seine „festesten Stütze»", verließen. Bielleicht theilt es ei» auderesmal seine» Lesern mit, daß Tr. B a reuther Präsident der „Alliance Israelite4 sei nud Tr. Güdeman» der Sectio» Leopoldstadt des Christlich-socialen Vereine« vorstehe. (Kläglich mißlungc») Ei» a>,s Reicheuberg „ach Bregenz verschriebener „Schriftleiter" versuchte, die deutsch-nationale Anlisemiterei durch ein Vorarlberger Blatt zu propagireu. Dieser Versuch ist kläglich mißlniige». Ter arme „Schriftleiter", einst Schönerer'« Leidensgefährte, dann Gehilfe Bergani's, respective Prade's, hatte auch in Vorarlberg kein Glück. (TuS Spiel mit dem Balken s Au» Brun» wird u»S geschrieben: Unter der Ueberschrist „Eine Mahnnng an unsere jüdischen Mitbürger" bringt die „MoravSkü Ort icc" tu ihrer Nitmmer vom Li). Oktober einen die Wahle» in die Brüniier Handels- und Geiverbekammec betreffenden Aufsatz. Vorausgkschickl sei, daß die „MoravSkü Orltce" bisher zu jene» tolerantere» Organen des tschechische» MähreribumS zählte, welche nicht heißhungrig jede Notiz acceptire», die eine antisemitische Spitze enthält. Um so charakteristischer sind diese Ausführungen des genannten Blatte»/ weil sie zeigen, in welcher Weise die vielgerühinle Meinungsäußerung gewahrt werden soll. „Wenn die jüdischen Stansleute und Gewerbetreibenden," schreibt der tschechische Freiheitsheld, „wie sie eS früher immer thaten, auch bei den bevorstehenden Wahlen in die «ammer ihre Stimmen der deutsch-liberalen Partei zuwenden werden, so werden sie damit wenig zur Besserung ihre» Verhältnisses zu unserer tschechischen Bevölkerung beitragen, jener Bevölkerung, in und von welcher sie leben. 3nt Gegentheil! Sie würden sich damit nur schaden, wenn sie wiederum in Oppo sition gegen ihre Brotgeber treten würden. Wir wollen nicht drohen, aber wir würden im Interesse der Ruhe und de« Frieden» in der Bürgerschaft wünschen, daß die jüdische Wählerschaft diese Schilderung der Situation genau und ob jecliv erwägen und darnach handeln wücde. Tie Jude» leben inmitten unseres Volkes, von seiner Hände Arbeit, von seinem Gelbe, und sie befinden sich dabei — häufig zum Nachtheil unseres Volkes — sehr wohl, ihre materiellen Interessen sind dabei sehr gut gewahrt. Warum sollten sie diese Interesse» muthwillig in die Schanzen schlagen? AuS der Bekämpfung der Inden auf wirthschafllichem Gebiete könnte dann leiäst bei unserem Volke, welchem bisher der Antisemitismus im Sinne unserer deutschen LandeSbrüder fremd war, die Erkeniitniß ansdämmern, daß die Juden trotz ihrer vielfachen Abhängigkeit von unS Tschechen untere nationalen Interessen gewaltsam mit Füßen treten wollen, und unser Volk. würde nicht jäitmeii, hieraus die nölhigeu Eonsequenzen zu ziehen." Alto auch antisemitisch werden! Tie Drohung sieht gefährlicher aus, als sie in der Thal ist, vor Allem auS dem Grunde, weil die Lonnationalen de« Herrn Artikelschreibers schon längst „ihre Coniequenzen gezogen haben", weil sie bereits mit beiden Füßen auf der antisemitischen Fahrstraße dahinstapfen. Neues wird nicht geschaffen werden, auch wenn die jüdischen Wähler zu Gunsten der Deutsch Liberalen stimmen. Ader eS ist gut, wenn diese Falschspieler auf dem Gebiete der consessiouelleu Freiheit bei solchem Anlaffe ihre «arten ausdeckeu und ihre Methode de« c-orriger I» lortuns verratheu. Nationale und confessionelle Rachsucht, die Verquickung eines scheinbar ethischen MotiveS mit mittelalterlicher Engherzigkeit in GlaubenSmagen, das ist der tschechische Antisemitismus, der ungleich gefährlicher ist als alle anderen Spielarten der antisemitischen Bewegung, weil er die vergifteten Pfeile mit der weiß-roth-blauen Tricolore ui»- wickelt, weil er freiheitlich und reactiouär zugleich ist.4' Gegen den deutschest, Juden wird da« Deuffchthum in» Treffen geführt, und hat er sich bekehrt, daun heißt es, der Jude habe überhaupt keine Nationalität, er sei bloß Jude. So balanciren diese Herren auf einem Balken und verändern deffeu Stellung »ach Bedarf. Ta» Schaukeln ist, wie männtglich bekannt, eine gefährliche Sache, und wir würden den Herrn Artikelschreiber davor warnen, daß er diese Thaffache je vergesie. Wer viel von der Hände Arbeit, vom Schweiße de« Volke», von der Schaffung wirthschaftlicher Berthe spricht, der entseffelt leicht Elemente, denen da« Spiel mit dem Ba lkeu nicht gefällt und die ihn einfach Umstürzen. Da» märe unsere Warnung! (Ein Wucher- und Spielerproeeß in Haunuvrr.) Ein Proceß wegen Wucher» und Hazardipiel», der in Hannover zum Austrage kam, gab dem den Tivoli-Brüdern nahestehenden „Reichsbote»" Peranlaffung zu folgenden Bemerkungen: „Der Wucher- und Spielerproceß, der jetzt i» Hannover geführt wird, wirft höchst intereffante sociale Schlaglichter, aber war dieselben enthüllen, sind im höchsten Maße bedauerliche Zustände, die un« hier namentlich in den Kreisen der Officiere und Großgrundbesitzer entgegentreten. DaS Leben Uber die verfügbaren Mittel treibt die Otficiere zum Sch uldenmachen. Dadurch fallen sie den Wucherern in die Hände, welche sie in ein Netz der Ausbeutung verstricken, aus dem kein Entrinnen mehr möglich ist, bi» sie und vielfach auch ihre Familien, Eltern und Verwandte, welche sich nicht selten selbst in Schulden stürzenmuffen, um die Schulden ihrer Söhne und Vetterit zu bezahlen, mit ruinirt sind. Tie Schulden und die Aussichtslosigkeit, sie bezahlen zu können, treiben zum Spiel in der Hoffnung, durch große Gewinne die Zahlung möglich zu machen. So /allen diese Herren dann auch noch den Falschspielern in die Hände, wodurch der völlige Ruin nur beschleunigt wird. UeppigeS Lebe», sratt Schulden, Wucher, Wechsel, Spiel — das sind die traurigen Etappen auf dieser Bahn zum Untergang. Und mix dem wirthschastlich.'n ist daun auch Ber moralische Ruin besiegelt; ist doch der Mangel an ernsten, stltliä,en.Grui,dsätzen die Quelle, ans der das ganze Unheil stießt Uu-'ek Haiier hat früber fein kaiserliche» Wort gegen den LuxuS im Leben der Officiere eingelegt, um diesen schlimmen Folgen die Wurzeln abzuschneiden. Via» gewinnt durch den Proceß den Eindruck, daß die kaiserliche Mahnnng vergeffen sei. E» wäre dringend zu wünschen, daß sie, neu eingeschärft, zu praktischerer Turchsührun.q gebracht und insbesondere auch schärfer auf das Spiel gesehen würde. Je höher man unser OfsicierScorp« achtet und ehrt, desto schmerzlicher berührt eS, hier zu sehen, wie Otficiere bon jüdischen Wucherer» fast wie unmündige.stinder behandelt, au der Strippe der Wucherschuld zu den unsinnigsten Dingen -—wie den Haiti werthloser Lose — verführt, gepreßt und von Schleppern, die wegen ihrer hohe» Abkunft »och viel verächtlicher erscheinen al» jene Schacherjude»', zu dem Hazardspiel angelockt iverden! Wenn man diese Proceßberichte lieft, fragt man sich: Wie ist eS möglich, daß erwachsene, gebildete Männer sich so können lauschen, miß brauchen und verführen lasse»'? Ter Truck der Verschuldung und daS Verlangen,„ sie vor den Augen der Vorgesetzten und der Well;n verdecken — macht' blind gegen den plumpsten Betrug! Wer das Meiischenherz kennt, dem ist 6ie Macht der Schuld und der Leidenschaft bekannt, und er wundert sich nicht, wenn der 'Schnldtier in der Bcrzivciflung auch die schmutzigste Hand de» Wucherers ergreift und wenn der Spieler alle Rücksichten auf Familie, Stand und Ehre beiseite setzt, slunkemveit — einzelne reiche Gutsbesitzer sollen sich selbst Extra züge bestellt haben — zu», Spiele reist, aber eins begreift mau nicht: wie die hphen Vorgesetzten der Officiere bei dem engen gesellschaftlichen Verkehr der Officiere untereinander von diesen Tingen nicht» merken konnte»: de»» wenn sie e» gewußt hätten, so wäre e» unbegreiflich und unverantwortlich, daß sie nicht dagegen eingeschritte» sind und man nun solche Tinge erleben „»iß, wie sie hier öffentlich zu Tage treten! Daß auch hier wieder, wie gewöhnlich, vorzugsweise Inden die Wucherer »»d Ausbeuter sind, denen: einige^ heruntergekommene Christen als Handlanger diene», ist nicht weiter verwunderlich. Hoffentlich gibt der Proceß Veranlaffmig, daß kiesen Uebeln schärfer zu Leibe gegangen wird. Läßt sich da» Hazardspiel auch nicht ganz, aiiSrotten, so läßt e» sich doch durch eine scharfe Aufsicht bekeutend ein-chränken." Ter „Reichsbote" athmet förmlich auf, da e» ihm geluugen ist, einige Juden zu entdecken, auf welche er schließlich nach Aiitüemitenbralich das ganze Odium wälzen möchte. Ten Proceß aiuiseniitisch zu verwerthe», was übrigens auch österreichische Anti semileiiblätter versuchten, ist aber ei» thörichte» Beginne». Muß doch der „Reichsbote" selbst vo» Schleppern „hoher Abkunft" n»d^ von „herunter gekonimenen" Christen Notiz »ehmen. Auch seine sonstigen Aeußernngen über da» „üppige Leben" und über den „Mangel a» sittlichen Grundiätzeti" zeigen zum »lindesten deutlich, daß die Juden keilt Privilegium aus einen unmorali sche» Lebenswandel haben. Tie „schmutzigen Wucherer" und die sauberen Junker sind einander vollkommeii würdig. Treffend bemerkte Eugen Richter in einer Berliner .Wahlrede: „Man solle die braven Leute, jeder Coufejsion überall achten und die schlechten verachten. Beim Hannover'schen Proceß müßten sich ebenso die Juden der jüdische» Spieler und der Wucherbande wie die Christen der christlich-adeligen Schlepper schämen". «Tic Borsteiihanülcr-Asfairc s Tie antisemitische Presse singt da« Lob der sächsischen Ministeriums de« Inner», welches in Betreff der Leipziger Borstenhändler Assaire einen Erlaß heranSgab, in dem eS heißt: „Zur Berücksichtigung ist zunächst zu bemerken, daß ein Verbot des wgenannte» SchächleuS in Sachsen überhaupt nicht besteht; e» ist vielmehr nur die vorherige Betäubung der Schlachtthiere vor dem Schlachte»,durch Verordnung vom Lk. Mär; I8!»L vorgeschriebe» worden, allerdings ohne daß, dabei bezüglich der silbischen Schlachtung eine Ausnahme gemacht worden wäre.. Ei» triftiger Grund, vo» der ift Frage stehende», mit der, Religion an sich gar nicht zusamnienhängenden. vielmehr lediglich ans Erwägung der auch den Thierschutz umsassenden Moral beruhenden Vorschrift eine von jüdischer Seite verlangte Ausnahme zu mache», ist »ich: vorhanden. Denn eS liegt auf der Hand, daß auch ei», wenngleich seit Langem bestehender, doch aber aus waudelbareii V^enschensayunge» hervorgegangener ritueller Gebrauch insoweit keine» Anspruch aus Beachtung machen 4ann, als er dazu augethan ist, in sittlicher Beziehung Anstoß zu errege», oder, mit all gemein staatlichen Einrichtungen im Widerspruch sieht." Mit Bezug auf diese» von de»'Antisemitenblätlern als „echt deutsch" gepriesene» Erlaß wird von unbefangener Seite die Eompeten; des sächsischen Ministerium«, zu entscheide», daß das Schächten mit der Religion nicht zusainmenhünge -und nur ei» auS. „wandelbare» Meiischensatzungcn" hervorgegangener „ritueller Gebrauch" sei, bestritten und zugleich Folgendes geltend gemacht: Zahlreiche und ganz un ansechtbare Sachverständige sind der sicheren Ueberzengnng, daß da« rituelle Schlachten, wie e« bei den Juden von alterSher Brauch, weitaus die hninaiiste Art der Thierlödtung ist. Das schließt nicht a»S, daß ein »»geschickter Schlächter beim rituellen Schlachten ein Thier quält; doch genau dasselbe trifft zu, wen» die sonstigen Vorschriften, auch die von dem sächsischen Miiiisterlnni'PeS Iiiner» in Betreff der Betäubnug erlaffeiren, »»geschickt oder nicht gewissenhaft befolgt werden?