Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 83 (5.11.1893)
- Date
- 1893-11-05
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6. Freies v. Manlcuffcl und Wackerbarth leisten somit nach Bebel's Dafür-! » halten nur den Bestrebungen seiner Partei Borschub. Travaillant ]>our le socialisnii- — für die begüterten Urheber des Tivoli-ProgrammS bietet die Ansicht Bebel's über den praktischen Werth des Antisemitismus jedenfalls Stoff zum Nachdenken. ' (yjecfic flCflCH Zudtil. Einem Frankfurter Blatte wird aus Schlüchtern geschrieben: „Seit durch Hirsche! und die übrigen Genossen B ö ck e l' S die Iudcnhetze in unsere sonst friedliche Gegend getragen worden ist. tritt in vielen Trten mit christlicher und jüdischer Bevölkerung gegen letztere immer mehr eine offene Feindseligkeit;u Tage. Abgesehen von allen möglichen kleineren und größeren Behelligungen. denen die Israeliten fortwährend durch daS Treiben der Antisenliten anSgesetzt sind, werden dieselben neuerdings im wahren Sinn des Wortes oft lebensgefährlich bedroht. Erst in den letzte» Tagen hatsich wieder ei» Fall ereignet, der allen bisherigen Ausschreitungen die Sirone aufsetzt. Zwei jugendliche Israeliten aus Störbfritz erhielten von Herrn Lehrer Hofacker in Mottgers Biolinunterricht; als sie sich mm dieser Tage von Mottgers aus auf deui Heimweg befanden, sielen plötzlich einige Burschen aus dem Hinterhalt über sie her, zertrümmerten ihnen die Violinen und mißhandelten die jungen teilte in so brutaler Weise, daß der eine von ihnen lebensgefährliche Berletzungen davonkrug. Einer der Wegelagerer wurde bereits in Haft genommen, uulr-eS dürfte in Folge besten die Ermittelung der Mitberheiligteu leicht gelingen. Dieser Fall steht aber nicht vereinzelt da; so' winde auch vor kurzer Zeit in jener Gegend Abends ein jüdischer Handelsmann von seinem Wagen gezerrt und ebenfalls mit Prügeln schwer mißhandelt. 'lyill Wort an die Zionisten.) Tie rrestliche Warschauer Zeiischrifk „Izraelita" nimmt in einem Artikel gegen die Zionisten, welche uch über eine zweitausendjährige Geschichte mit Phrasen hinwegsetzen wollen, entschieden Stellung, und fordert sie, namentlich ihre galizischeu Bereinigungen, auf, rechtzeitig Irrwege zu ver- I a s sen, welche mit d er v o n Judenfeinden vorgezeichneten Linie parallel laufen. 2ius antisemitischen Vereinen und Versammlungen. «Jude iiii9 , ansbentrnder Christ") Tie „vereinigten Christen" im V. Lernte fcörten biffer Tage wieder einmal den ewige» Bürgermeister-Aspiranten, der im Saal „zur blauen Weintraube" sich producirte. Taselbsl machte er seinem Aeraer darüber, daß die Bürgermeifier Kciie nicht die ihm erwünschte Löiitng finden werde, in' l eniaen Worten Pust und sagte dann in einer Polemik gegen die Sceiat-Jemofraten: „Wir bekämpfen den Juden >o wie de» aurbeutenden Christen." Line beacklenewerihe Aenßerung! Ter Jude würde demnach überhaupt, der Cb.ist nur dann bekömmt werden, wenn ihm Ausdeutung zur Last gelegt werden konnte. Tbaiiäcklich verhält sich die Sache aber noch schlimmer: Nicht der ..auSbemende CKrifi", nicht der die Armen und Elenden herzlos verfolgende' „Leuschlberausnehmer", wildern der human und edel gesinnte Christ wird von denienigeu, deren Religionsbenchetei neulich von Tr. Max Meuger stigmatisirt wurde, io bekämpsl wie der Jute. iTramdaner gegen die Schönerianer.) In Favoriten,, woselbst eine Seelieu der christlich socialen Psennerei gegründet wurde, zog der antisemitische Gememderaib Trambauer gegen die Schönerianer loS, denen er ein langes Sündenregister vorbielt. Er geißelte die „der Wahrheit Hohn sprechende" Schreibn>e;v fee ..Bezirksbolen", eines Blättchens des Abgeordneten Hauck, insbe'cndere aber die „erbärmliche Rolle" der Schönerianer bei den Candidaturen der „Borlännffer" für den Antisemitismus, der „braven und treuen Gesiimungsgenosseu" Fiegk^ Bergani, Pommer und Knotz, welche „den Fahneneid nickt gebrochen haben". Wie neulich die „Krenner Zeitung", stellte anck Herr Trambauer die Schönerianer als BundeSgenoste» der Juden hin, un: eenen sie bei Wahlen „in Einer Linie marichirten". Ei» Nachkomme Rokitansky s.) während die durch den Wahlreformentwur'' der Regierung hervorgeru'ene Ministerkrise noch nicht gelöst und de Reicksraib vertagt ist, suchen die Christlich-Socialen in und um Wien das?. T. Publicum in ihrem Sinne zu bearbeiten. Als llniversalheilmittel wird von ibnei: jevt „das allgemeine Wahlrecht aus berufsgenoffenschastlicher Grundlage" emviobien, welches stark ckn „die Republik mit dem Großherzog an der Svive" erinnert In Gloggnitz betrat ein Tr. Friedrich Carl Freiherr v. Rokitansky als ckristlich socialer Kämpe zum erstenmal die politische Arena. Wenn dar der „Baker Roki" erlebt hätte! Ter große'Gelehrte. welcher auch in unserer Pairskammer in den vordersten - Reihen der Männer stand, die für Freiheit und Fortschritt gegen Knechtung und Reacuon eintraten, hätte sicherlich den Handlangerdienst, welchen der junge Herr, vermuthlich sein Enkel, einem Troll leistet, inehrlich-derber Weise classificirk. , Auch eine antisemitische Errungenschaft.) Einer jener wenigen akademischeu Vereine, welche noch nicht dem Antisemitismus verfallen find, ist der Blatt. Nr. 83. „Medici irisch e Unterstützungsverein". Obwohl es nun geradezu widersinnig wäre, wenn dieser Verein, der sich ja nicht in letzter Linie an die Mildherzigkeil jüdischer Philanthropen wendet, seinen Mitgliedern und den Unterstütziliigsbedürsligen gegenüber vom confessionellen Gesichtspunkte sich leiten ließe, so haben e« die antisemitischen Studenten doch gerade aus diesen Verein abgesehen, und die bevorstehende Neuwahl de« Bereinsausschusses soll ihnen die Gelegenheit bieten, auch diese rein humanitäre Asiociation in einen antisemitischen Agitationsverein umzuwandeln. Als unlängst die freisinnige» Mitglieder des Vereines in einem Hörsaale der medicinischen Facultät eine vorberathende Bersammlung abhalten wollten, drangen die Antisemiten, die nebenan gleichfalls eine Versammlung nur für „arische Mediciner" abgehalten Hallen, gewaltsam in den Saal ein, um die Besprechung der Freisinnigen zu vereiteln. Im Gänsemarsch zogen sie am Präsidententische, vorbei, und einer der Führer trat a» den Vorsitzenden heran und sagte: „Wir sind ohne Legitimation hierher gekommen. Sie haben kein Recht, persönlich Versammlungen einzuberufen." Hieraus stürmten die Antisemiten unter Lärmen auf die freigebliebenen Bänke und schrien ihren College» zu: „Kommt nur heraus, Antisemiten!" Ein Student ries: „Ich beantrage Schluß der Versammlung!" Tie Freisinnige» begrüßten diesen Antrag mit lebhaften Prositrusen, die Antisemiten machten höhnische Zwischenrufe. Hierauf wurde die Versammlung durch den Vorsitzenden, der zur Ruhe mahnte, int Hinblick auf die drohende Haltung der Antisemiten geschlossen. Begreiflicherweise rief der rohe lleberfall der Antisemiten bei den freisinnigen Studenten lebhafte Entrüstung hervor. Mehr Entrüstung Über die akademischen Versammlungsiprenger herrscht jedoch noch in den Kreisen der bisherigen Gönner und Förderer des Unterstütznngsoereines. Es heißt, eine große Anzahl derselben will für den Fall, als die Antisemiten Einfluß auf die Vereinsgebahnmg erhielten, die Hand von dem Vereine zurückziehen. Auch eine antisemitische Errungenschaft. I „Einhüllungen von großer Tragweite.") Der frühere antisemitische Abgeordnete Wilhelm Pickenbach ist nach längerer Pause wieder einmal in Berlin öfientlich ausgetreten, um, laut Ankündigung des „Teulschen Antisemilenbundes", „Enthüllungen von großer Tragweite" zum Besten zu geben. Nach dem Berichte der „Siaatsbürgerzeilung" über diese „Circusvorstellung" (wie sie Tr. Böckel nenne» würde) sprach er Allerlei über Börsen-, Tabak- und Weinsteuer; von „Enthüllungen" bekam das Publicum für seine 20 Pfennige Eintrittsgeld nichts zu hören. 2his antisemitischen Blättern. (Abfertigung.) Ter Schreiber des Sieyrer RowdyblatteS, Johann Si m ad er, fällt in der letzen Nummer der „Judenfrage" abermals über uns her, weil wir ihm klipp und klar uachgeivieseu, daß er einstmals vor dem Juden Fischhof im Staube gelegen. Simader brauchte einen ganzen Monat hiezu, um sich auf.eine passende Vertheidigung zu besinnen. Nach einigen groben Unwahrheuen, zu deren Berichtigung wir bereit« die »nS zur Berfügniig stehenden Rechtsmittel ergriffen haben, und einer ergiebigen Menge antisemitischer Rohheiten, die uns von dieser Seite keineswegs Überraichen oder gar verletzen, dreht sich Simader's Ausrede um eine jämmerliche Teutelung an dem Worte „Temokratie", wobei die Lächerlichkeit bis zu dem Ausspruche getrieben wird, Tr. Fiichhof habe zu Ende de« Jahres 1869 einer Richtung angehört, die man damals als demokratisch bezeichnete, aber identisch mit dem heutigen Standpunkte (?!) des Johann Simader ist. „Zugleich müssen wir bekennen," meint Simader, „daß Tr. Fischhof eine Ausnahmsstellung unter den Juden einnahm, indem er seine Principien nicht versilberte — dafür wurde er und wird heute' noch von den anderen Juden versilbert. Versilbert muß bei den Juden werden, versilbert er nicht, so versilbern ihn die anderen Inden." Zu dumm! Fischhof muß also 1869 ein Racenantisemit gewesen sein, damit das ridicule Schreiberlein von Steyr heute kein Renegat zu sein braucht. Doch wir haben keine Zeit, uns mit den krankhaften Ausgeburten eines degenerirten HirneS zu beschäftigen. Wir wollen den Johann Simader nur »einmal eindringlich fragen, was denn er der Gesellschaft und dem Staate geleistet hat, das ihm die Berechtigung gäbs, eine ganze große Claffe von Menschen, welche'durch die bestehenden, von Sr. Majestät sanclioiiirten SlaatSgrundgesetze als gleichberechtigte Staatsbürger anerkannt sind, immer und consequent nur als „Parasiten" zu bezeichnen? Wir wollen nicht untersuchen, wer eher Parasiten sind, diejenigen, die alle geistigen und materiellen Bedürfniffe der Gesellschaft fördern, dem Staat hohe Abgaben und die Blutsteuer entrichten, oder jene Infamen, welche an der gesunden Kraft des Volkes zehren, indem sie die Seele dieses Volkes mit anlisemitschen Irrlehren vergiften und selbst vom geschäftigen Müßiggang leben. Aber aus das eine möchten wir den Johann Simader aus christlicher Nächstenliebe, die wir auch ihm gegenüber stoch hegen, aufmerksam machen: Seine Planier, von einer gesetzlich anerkannten Religionsgenoffenschast zu sprechen, involvirt eine strafbare Handlung, für die er schwer zur Rechenschaft gezogen werdendürfte, wenn man maßgebenden Ortes einmal die bisherige Scheu, fein „Organ" zu lesen, überwinden und sich mit dem Inhalt desselben bekannt machen würde. 2. (Tie „festesten Stützen" des Tr. Prix.) 'Ein Abonnent schreibt UNS: Mit welchem Leichtsinn und welcher Unkenmniß der Personen und Dinge antisemitische „Schriftleiter" ihr Geschäft besorgen, können Sie daraus ersehen, daß