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Freies Blatt · 1893-11-05 · 83 (5.11.1893) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
83 (5.11.1893)
Date
1893-11-05
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
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Nr. 83. Freies Blatt. Leite i> Patriarch Mackertich empfing bei seiner Ankunft in Etschuliadsi» eine Deputation der Stadt, unter der sich auch ein Jude befand- Der Patriarch richtete an den Inden einige freundliche Worte und sagte: „Da ich in Jerusalem viele Jahre gelebt habe, so hatte ich die Gelegenheit, mit Inden häufig zu verkehre». Die Inden sind ein fähiges und arbcitlicbcudcs Volk. Bei meinem langjährigen Zusammenleben mit Juden habe ich selbst Vieles vozi ihnen, gelernt nnd entlehnt." — Aus C hrc a g o wird der „Frankfurter Zeitung" berichtet: Der griechisch-orthodoxe Erzbischof Latta von Zante gab am 2.-5. September vor dem Wett- Parlamente der Religionen in Chicago eine Erklärung ab, die deutsch ' folgendermaßen lautet: „Im Cftc» ist unter der unwissenden Maste der Bevölkerung der (Glaube verbreitet, daß die Juden für die Zwecke ihres religiösen Ritus das Blut christlicher minder benützen und, um sich solches ',u verschaffe»,, vor der Begehung von-Morden nicht zurück - schrecken. In Folge dieses lsklanbens brechen häutig Judenverfolgungen aus, nnd die unschuldigen Opfer sind viele» Dcinüthignngc» unterworfen nnd großen.Gefahren ansgcsetzl Mck sleücksicht ans die Thatsache, daß solche irrthümlichc Ideen, auch unter de» Unwissenden anderer Länder circnlircn nnd im letzten Jahrzehnt sowohl Deutschland alS auch Oesterreich der Schauplatz von Gerichtsverhandlungen gegen unschuldige Inden waren, die angcklagt wurden, solche Ritnalmordc begangen zu haben, richte ich als christlicher Priester an diese» Kongreß die Aufforderung, unsere Ucberzengung zur Kenntniß zu nehmen, daß das Judrnlhum Mord jeder Art verbietet und daß keine seiner heiligen Autoritäten und Bücher den Mord oder den Gebrauch von Menschen blut für rituelle Zwecke oder, religiöse Cerciuonien gebieten oder gestatten. Die Verbreitung einer solchen Verleumdung gegen die Bekenner eines monotheistischen Glaubens ist unchriftlich. Ter Ursprung dieser Verleumdung mnß zurnckgcfnhrt werden ans die Einbildung der Römer, daß die ersten Ehristen Mcnschcnblut bei ihrcist religiösen Verrichtungen. benützte». Es ist unvereinbar mit der Pflicht dcö Christen, eine so schreckliche Anschuldigung nnwidcrlegt zu laste», und cs liegt im Interesse des guten Rufes des Ehristcuthnms, daß ich dieses Parlament antfordcre, zu erklären, daß das Judenthum und die Juden des ihnen angcdichtctcn Verbrechens ebenso unschuldig sind, wie cs die Ehristen der erste» Jahrhunderte waren." Der Sitzung, in der diese Ertlürung abgegeben wurde, prüsidirtc — das ist ameritaniichc Cour toisic — ein Jude: Rabbi Hirsch aus Chicago. (Eine Rcdt sttllkcrt's.s In einer liberalen Wählervcrsammluiig;n Danzig kam Abgeordneter Rickrrt auch auf den Antisemitismus zu sprechen. Er berührte die antisemitischen Debatten beim Schulgesetz, beim Fast Bnschhoss nnd bei der Frage des Inhaltes der in den Schulen gcbräncksiichcn jüdischen Rcligionsbüchcr. In allen Fällen haben sich die gegen die jüdischen Mitbürger gerichteten Beschul digunge» als völlig nichtig und verwerflich' erwiesen. Jetzt beginne inan wieder, in dem Fall Paasch eine ähnliche Agitation wie beim ' F'antcncr Morde. Auch in Danzig versuche man für den Geschäfts antiscinitiSmus, der gegen Entnsx,Vorträge gegen die Inden veranstalte, Bode» zu gewinucu. Er rathe namentlich seinen jüdischen Mitbürger», von derartigen Versammlungen fern zu bleiben. Bisher habe die ^Bevölkerung DanzigS in Frieden' mit den jüdischen Mit bürgern, deren Srclcnzahl etwa 2>,lX>-betrage, gelebt: achtbare christliche Kaufleute haben bezeugt, daß sic mit den jüdischen Kauslentcn an der Börse gern in Geschäftsverkehr gestanden und daß kein Unterschied zwischen Christen und Juden vorhanden sei. Gewiß seien nicht alle Juden Engel, ebenso wenig wie aste Christen. Man trete dem Inden entgegen, wo er Unrecht thnt, wo er Tadel verdient, aber man verfolge ihn nicht, weil er ein Jude ist. Er glaube nicht, daß antisemitischr Hetzereien in Danzig ans einen frnchlbarcn Boden fallen würden. Eö sei vor Allem Ehrensache der Kreise, die an Bildung voranlenchtcn nnd die Lehre» der christlichen Liebe verbreiten sollten, dafür Sorge zu tragen, die Stadt Danzig, in der bisher aste Eon fessioncn in Frieden und Eintracht mit einander gelebt und gewirkt haben, von der Schande des Antisemitismus rein zu halten. über den AlltiscillitislllllS. > Der s o c ia l - d c »I o kr a t i s ch e Parteitag in Köln hat die ihm vorgclcgtc Resolution, bctrcsstnd die Stellung der Social-Tcmokratie znm Antisemitismus, deren wir bereits in Rr. 82 des „Freien BlalteS" erwähnt haben, nach einer längeren Rede des Referenten Rcichstagsabgcordnetcn Bebel iin - stimmig angenommen. Im Wesentlichen führte Abgeordneter Bebel auö: Die social-demokratische Partei lege dcyl AntiscinitiSmus zwar keine große Bedeutung bei, aber sic habe die Pflicht, sich mit allen neuen Erscheinungen des öffentlichen Lebens zu beschäftigen. Ter heutige Antisemitismus sei insofern eine neue Erscheinung, als er sich als streng abgesonderte Partei von allen anderen Richtungen abhcbc. Der Antisemitismus sei nicht, wie man auch noch in der social-demokratischen Partei hie und da glaube, das Product von Schlagwörtern der Agitatoren, sondern bestimmter Verhältnisse. Der Anliseinilisiiittsiiu.' Sinne deS Judenhasses sei eine sehr alle Erscheinung, die mu der Zerstörung Jerusalems beginne. Religiöse Moinenre und die Abneigung verschiedener Rate» gegeneinander. haben den Haß gegen die Inden unter den christlichen Böllern genährt, umsomehr, als die Inden schon äußerlich sich von denselben nulerschieden. Durch eine gezwungene Jsoti rnng seien die Inden an der Aiiialgamirüng mil der iibrigeü Bevölkerung gehindert wordendas sei die schwere Sünde der mittelaltcrlichcn Gesetzgebung. Rachdem der Redner die den Inden im Mittelalter anscrlcgten Beichräntungen und deren allmäkige Ab schassung, ferner d.ic reaclionüren Bestrebungen nnd Vorschläge aus Wiedereinführung von (besetzen zur Beschränkung der bürgerlichen Rechte der Juden geschildert hatte, fuhr er fort: In de» ersten Jahre» dcö neuen deutschen Reiches habe mau von einer eigentlichen anli semitischen Bcwcgmig nichts gewußt, erst im Jahre-1877 habe.Stöcker eine solche orgauisirt^ Das sei niir möglich gewesen in Folge des großen wirtlischanlichen äirachs, der znm erstenmal den Handwerlern nnd den mittleren Schichten ihre bedenkliche ökonomische Lage klar' machte. Run haben unbestreitbar die Juden, d.. h. die Majorität d-r Inden, i» Folge ihrer geschichtlichen Entwicklung an der modernen wirthschafilichc» Gestaltung einen großen Anthcil gehabt, und das habe den Haß gegen sie vermehrt. Der Antisemitismus habe zunächst unter dcn Handeltreibenden Anklang gesunden. Aber da auch der'Handel mil Agrarproduclc» in manchen Gegenden ganz in den Händen der Judenliege, so ici der Antiseniilisnius auch nn^ die Bauer» gedrungen, und da diese alle Versprechungen, die ihnen die anderen Parteien gemacht hallen, nicht erfüllt iahen, warfen sic sich dem. Anti semitismns in die Arme, der ihnen das Blaue vom Himmel versprach. Weil. die Social-Demokratic sich zu derlei verlogenen Versprechungen nicht hergebe, sei es ihr so schwer,-' auf dem Lände Boden zil gewinnen. Jmiuerhin sei cS nicht richtig, was jüngst aui dem Parteitage behauptet worden, daß noch kein einziger Bauer der Social- Dcmotralic angehöre: cs seien sogar-wirtliche und wahrhaftige Bauern ans der llmgebnng von >iötu hier ans dcui Parteitag anwesend. Tie anti s c m i t i s ch e n F ü h r e r >' c i e n v o >> d e r ll nd u r ch f ü h r b ar! e i l ihrer Verspr.echu ugen überzeugt, das gsuire sie aber nicht. Wcuu Einer mit unvergleichlicher Ilnverichämiheir und llnver frorenheit diese Lage der kleinen Leute ansnüpc, ' so seien, cs die Aniiscniiten.; wollte» die Social-Demolratcn i» gleicher Weise' anslreien, so würden sie mit dein Besensti,! znrückgclriebeu. Tie Verl'-.ciiung des Anlisemilismits unter dem Beanuenlhnm erkläre sich durch die schlechte Bezahlung dieser Personen: sie belämen von keinem Anderen Geld ge liehen, als vom Wucherer, der sich sein Risieo natürlich »w hohen Julien bezahlen laste. Ein großer Tbeil der Wucherer >ci aber indi'ch, tuet! der Jude geschäftlich etwas ristire. Taz^l tomme, daß der Be amte nur unter der Fahne des Anlisemiiismns ein wenig Polin! nnd Opposition treiben'tonne. Der Antisemitismus int Siiieierseoros nnd im Feudaladel erkläre sich ebenfalls wieder ans dem Geldpnnlte, freilich halte das viele hochgeborene Herren nicht ab, durch Verlv-iraiung mit jüdischein Gelde ihren Finanzen ansznhelsen. Der A-nliseuurismIis ini Sludcnlcnthnm crtläre sich ans der geistigen Conenirenz. Tie ötonomi. scheu Verhältnisse, die Anssichlslosigtcit des' Handwerks verau'laßien zahlreiche Baker, ihre letzten tausend Pearl ans das Sindinm der Söhne zu verwenden, um ihnen später eine-Erislenz als Boauue;» verschasscn. Dadurch entstehe ein übergroßer Ziilanf zu den lfttiveru täte». Bei der Wohlhabenhnt und geistigen Strebsamkeit ' \ Jude» sei es aber ganz natürlich, daß die Richtjitden Ni. diesem läindringen des jüdischen Elementes eine unliebsame Eoneurrcuz ,erblickten: der jüdische Student studire, der christliche treibe steh in den >iireimn. ans den Fechtböden und noch anderswo" herum, nnd der- Jude schlage deshalb den germanischen. Conenrreni Skudcnle». Eine onraerliche Demokratie ici heule nicht mehr möglich, tveil der Xleiiilmndwerker, der das eigentliche Element der Temot'Ailie bilde, immer mehr an ökonomischer Macht. verliere-: diese Vreiie gewinne zunachu der Auitsemilismus, und erst, wenn sie die llnausführbarteii der auiiiemili'che» Versprechungen crlannl haben, trete dir Soeia! Temokraiic die .Herrschaft an. Der Antiscniilismus werde daher in der nächsten Zeit noch mehr Boden gewinnen, aber er werde gleichzeitig gezwungen, über sein früheres Programm ' hinauszngche», was sich an Ahlwardl und der Böckcl'scheu Richtung bereits zeige. So nähere sich no ib wendig der Antisemitismus allmälig den Ford crnnäsln der S oc ia l - D cino t ra l ic. Der rlreduer wies auf den'Rns: „isiegeu Juden und Innkcr!" hin., ferner darauf,, daß sich in den antisemitischen Programmen neben craß-rcactionärcii auch radieal-dcmo kratischc Fordekungcn finden. Bebcl's Darlegung gipfelte.in den: .Ausdrucke der Uebcrzeugung, daß die Antisemiten den Boden für die S o c i a l - D e ni ok r a t e n ebnen. Auch die hochgebornen- Herren

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