Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 83 (5.11.1893)
- Date
- 1893-11-05
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Freie» Blatt. Nr. 8? Seite 4. und 200 werden nicht 2000 und umgekehrt. Der Abgeordnete Pattai behauptete, der erste Wahlkörper habe 200, der zweite etwas mehr als 1000, der dritte 13.000, der vierte 50.000 Mitglieder. So viel Worte, so viel Unrichtigkeiten! Der erste Wahlkörper soll also 200 Mitglieder haben! Sie werden vielleicht glauben, er habe 300 oder 400, ein Kehler von 10) Perccnt, das macht bei den Herren ja nichts' Ter Kehler. beträgt aber 1062 Percent, statt 200 Wähler sind cS 2135. Wenn man solche Dinge hört, wird man ja endlich selbst in seiner bescheidenen statistischen Sachkunde verwirrt. Der zweite Wahlkörpcr, hieß cS, hat ctwaS mehr als 1000 Wähler. Sic werden glauben 1300, 1400, nein, der Kehler macht 245 Pcrcent, cs sind ">454 Wühler. Der dritte Wahlkörper wird als Stnrmbock benutzt, demgemäß soll er wieder möglichst viele Wähler haben. ES wurde angegeben 13.000. Ich würde eS auch hier verzeihlich finden, wenn cs nur 12.000 oder 11.000 wären. Selbst bis auf 10.000 wollte ich »och herabgehcn. Es sind aber 7816. Was kann man den Herren da noch glauben'? Nicht ein Worts Beim vierten Wahlkörpcr haben sie freilich nur um 8751 Wähler mehr angegeben, als sie halten rhun sollen. ES sind 47.240, nicht 56.000. Es wird iogesprochen, als ob die kleineren Gewerbetreibenden in der Gewcrbcsection nicht vertreten wären. Unter den 24 Mitgliedern der gcwerblichcn Sectio» sind cs aber nicht etwa 3 oder 4, sondern 13, welche gewerbetreibenden Genossenschaften angchören: ein Tischler, ein. Kleischlianer, ein Buchdrucker, ein Apotheker, ein Anstreicher, ein ' Gastwinh, ein (Waldarbeiter, ein Kaffeesieder n. s. w. Sowohl der Abgeordnete Pattai als der Abgeordnete Geßinann haben immer wieder die religiöse Seile angeschlagen. Der Eine hat bedauert, daß die Re ligion -aikgegriffcn wurde, der Andere hat den gewissen frommen Augen annchlag gemacht. 'Die Achtung der religiösen Ucberzengung Anderer gehört zu den traditionellen Plincipicn des Liberalismus. Aber der Angriff gegen eine Religion, der stets tief bedauerlich ist, schadet ihr endlich nie viel, weil eS sich uni eine innere Ucbcrzcugnng handelt. Was aber die Religion schädigt, waS für sic daS (Gefährlichste ist,, das ist die R e l i g i o u S h c u ch e I c i. Die Ansschrotnng der Religion zu politischen Agitationen, das ist cS, waS der Religion in Italien so ungeheuer geschadet hak, daß cs in hundert Jahren nicht wird gut gemacht werden können." Während Dr. Mcngcr a» der Hand von Thassachcn die aniiscinilischen Redner Viigctt strafte, gcberdcten sich einzelne „Volkstribuncn" wie wnthcnd. Ja, das Parlament ^t eben für den Kampf rcactionürcr Demagogen kein so günstiges Terrain wie ein vorstädtischcs WirthShans. ans welchem „Ordner" Alle entfernen können, die Widerspruch erheben wollen: die iT fficicrc des ,.städtischen Armeccorps" wissen sehr gut, warum sic die „judcnlibcralc" Schöpfung des modernen -Parlamentarismus hassen. «Tentsch fortschrittlicher Rtformverein.) I» letzter Zeit fanden Besprechungen statt, welche die Gründung eines AgitationSvcreincS zum Gegenstände hatten, der seine Wirksamkeit über ganz Ricdcrösterreich erstrecken soll. An der Bildung dcS BcreincS bcthciligen sich die Abgeordneten Freiherr v. Tnmreicher, Dr. Ex»er, Tr. Groß, Dr. Marchet, Wrabetz :c. sowie eine größere Anzahl von Gcmcinderäthcn und Bürgern anS allen GesellschaftSschichten. Bon dem vorbereitenden Comitst wurde ein Aufruf verbreitet, in welchem es heißt: „Wir verdammen jeden Versuch, durch Verschärfung bestehender Interesscnverschiedenhciieu, durch Aufreizung der Leidenschaften gegen bestimmte sociale Schichten, gegen einzelne Confessionen den bürgerlichen Kriedcn zu stören. Wir stehen zu unscrcm trcsslichen, in allen Ttürme» bewährten Schulgesetze, mir werden denjenigen, welche ans der Entzweiung des Bürgerthnms ein Geschäft machen, ebenso die Stirn bieten wie ihren Hintermännern, den Kendalcn, Elericalcn und Absölntistcn." t(5illt. antisemitische Wahnidee.) In der Dämpfkammer des Römischen Bad:s in Wie» ereignete sich am 27. Dctobcr ein Zwischenfall, der ein grelles Licht auf die erschrecklichen Folgen der antisemitischen Verhetzung wirft. Ein Badegast, der nach den bei ihm Vorgefundenen 'Papieren Michael Bleuer heißen und 54 Jahre alt sein dürfte, wurde plöplick, von Tobsucht befallen und fing entsetzlich zn schreien an, indem er gellend in eincnifort rief: „Ist denn gar kein E h r i st hier? Der Rabbiner will mir d a S Blut ab' zapfen!'' Rur mit großer Mühe gelang cs, den Tobsüchtigen zn bändigen, der alsbald auf Anordnung dcS PolizcicoinmissariatS Leopold stadt von der Freiwilligen RctlnngSgcsclljchast der ps»chiatrsschen Klinik dcS Allgemeinen Krankenhauses übergeben wurde. Der Unglückliche leidet an Verfolgungswahn, der durch die siistcmatischc Verhetzung der Antisemiten, wenn nicht verursacht, so doch befördert und zn einer bc> stininiten Manie ansgcbildct wurde. Wir haben also neuerlich einen nnleugbaren Beweis für daS Vorhandensein eines „antisemitischen Wahnsinnes". (Juden und Tschechen.) Man schreibt UNS aus Prag: „DaS Berhältniß der Jaden zu den Tschechen ist dermalen daS denkbarst zeitgemäße, d. h. so confuS, wie cS etwa nur noch daS gegenseitige Berhältniß der Parteien im Parlamente sein kann. Ein tschechischjüdischer Verein hat unlängst auf den Einladungskarten zn einem Kränzchen die Bemerkung hinzugcfügt: ,,ES wird ersucht, sich nicht deutsch zu unterhalten.' Die Juden sprechen gerne ihr licbcS altgewohntes Deutsch, dafür wirft man ihnen vor, daß sic in tschechischen Gegenden gcrmanisiren. In Lau» hat jüngst die Einweihung einer neuen landwirthschaftljchcn Zuckerfabrik stattgefunden, die sich zu einem Feste der ganzen Bevölkerung gestaltete. Alle Corporationen betheiligten sich an der Eröffnungsfeier, und auch die israelitische Cultusgemejndc entsandte eine Deputation mit ihrem Vorstande, Herrn Dr. Nettl, einem Deutschen von Erziehung und — bis vor Kurzem — auch von Gesinnung, an der Spitze. Volksfest, Bazar, nationale Gefühle, Iirom a peklo :c. Unter Anderem wurden Broschüren verkauft, deren Reingewinn für die Matiee äkolskd bestimmt war. Die Schriften fanden reißenden Abfall, auch bei der Deputation der israclitischcn Cultusgcmcindc. Erst als sich die Mitglieder der Deputation am Abend die Büchelchcn ein wenig näher besahen, stellte cs sich heraus, daß sic — antisemitische Flugblätter waren. Tak svft oplaci. Trotz alledem nimmt der Antisemitisuins innerhalb des tschechischen Volkes überhand. Zum Thcil sind wohl auch die Juden selbst daran Schuld, und zwar deshalb, weil sic den Tschechen in Allein, was sich der nationale Ehanvinisinns wünscht, allzu bereit willig cntgcgcnkomnicn; znni Danke dafür versetzt ihnen derselbe EhauvinisinnS antiseinitische Flugschriften, für Geld »ota Wno. I», F. (Htpp! .Htsip! in der Schult. Ans Lemberg wird uns ge schrieben: Ja einer wcstgalizischc» Stadt lebt und wirkt, wie erzählt wird, eine edle ^Ingendbildneri», welche i» der Schule eine Art Ghetto errichtete: sic ivicS gcwissc Bänke den Indciiinädchc» an, für die.sic auch, damit sic nicht aiiS deiisclbrn (Gläsern Wasser trinken wie ihre christliche» Mitschülerinnen, ein besonderes Trinkgrschirr anschaffen ließ Ihrer mütterlichen Gesinnung für die ihrer Dbhnt anvertraute wcib lichc Jugend niosaischcn Bekeniitnisses gibt die edle Dame häufig in Schcltwortcn, .und zwar in so kräftiger Weise Ausdruck, daß sic einer zniigciifertigcn Dbstvcrkünfcrin nicht »achstcht. Hcpp! Hcpp! Rufe in der Schule sind hierzulande nichts Rcncs. Es ist schon lange her, daß .der Schreiber dieser Zeilen den Schnlstanb abgeschüttclt hat. Allein er crinncrt sich noch an gar manche judciifcindliche Ausschreitung einzelner Lchrkräfte. Ein Gymnasiallchrcr versah die deutsche Hansanfgabi eines jüdischen Schülcrch die ihm wegen ihres allzngroßcn RcichthumS an Metapher» mit Recht mißfiel, in würdeloser Weise mit der Elassifications » notf „Aj waj!". Ei» anderer (gymnasiallchrcr lieferte zu Krasinski'S „Richtgöltlichcr Eomödie" einen Eomiiientar, der Racenhaffern vom Schlage eines Teophil Mcrnnowic; aus der Seele gesprochen war. DaS Großartigste leistete aber ein dritter Lehrer; er sagte in der Dctava: „Ich bin nicht ein Judenfresser, denn ich esse nur Appetitliches" und begleitete diese Acußernng mit einem selbstgefälligen Gelächter, in welches die christlichen Schüler schon ans Gründen der Disciplin' und im Hinblicke auf die bevorstehende Maturitätsprüfung rinstiinmten. Die jüdische» Eltern von Schülern und Schülerinnen sollte» aber derlei Dinge nicht dulden. Unter den heutigen Verhältnissen würden wohl Be schwerden bei Schulbehörden und nöthigenfalls Interpellationen im Abgcordnctcnhansc die Hcpp! Hcpp!-Rufe in der Schule verstunimen. machen. ' , —r. —H. (Christliche Kirchcufiirstcn und Juden.) Der Erzbischof von Erlau Dr. Josef Samassa cmpsing anläßlich der Feier des zwanzigsten Gedenktages seiner Berufung auf den erzbischöflichen Stuhl eine Deputation der dortigen jüdischen Eultusgemeinde. Ans die Ansprache deö ihn beglückwünschenden Führers der Deputation erwiderte der Erzbischof: lieber ein Ding möchte ich Licht verbreiten; dieses ist: ein gerechtes Urtheil für meine Diöccsc. Daselbst herrscht unter den Bürgern Liebe, Friede und Eintracht, und wurden diese Gefühle nicht gestört, obgleich der Anlaß dazu vorhanden war. Vergessen Sie nicht, daß Tisza Eszlar sich ans dem Gebiete meiner Diöccsc befindet. Man hätte das Volk anfwiegcln können, cS ist wohl auch versucht worden, allein cs gelang nicht: denn, sehen Sie, es gibt gewisse Bücher, die Ihnen gleichwie mir heilig sind, aus welchen ich Weisheit und Mitgefühl schöpfe. Mein Meistergebietet mir unter Hinweis auf daS Beispiel dcS Samaritaners: „(siche hin und thnc desgleichen." Und da vermag ich nicht anders, als die (Gefühle der Menschenliebe in meiner .Diöccsc zu verbreiten, und kann nimmer zugebcn, daß sic gestört werden. ^Die Worte des Erzbischofs Dr. Samassa enthalten eine Mahnung, welche cs verdient, auch außerhalb seiner Erzdiöcesc beherzigt zu werden. — Man schreibt »ns ans Petersburg: Der neue armenische