Mannheim
Compact Memory

Freies Blatt · 1893-11-05 · 83 (5.11.1893) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
83 (5.11.1893)
Date
1893-11-05
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
89% known words query
IRI
…/4886575-5439157-5441465--0904-4887396
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 83 Seit« 3. Freie» Der Ueberfetzcr braucht sich bekanntlich nicht mit dem Bersasier zu idenli ficiren. Niemand wird ihn für den Inhalt deS von ihm übertragenen Werkes verantwortlich macheu. Er ist lediglich rin Dolmetsch, der. seine Ausgabe mehr oder minder künstlerisch ausfassen kann. Wohl darf man von ihm eine gewisse allgemeine Sympathie für das Werk voraussehen, welche« er dem i'cfc publicum in dessen Sprache zugänglich macht, das Recht des Vorbehaltes im Einzelne» jedoch muß ihm allemal geivahrt bleibt». Dieses Recht nimmt auch der Uebcrtrager des vorliegende» Buches in Anspruch. Der ReproductionSverlrag verpflichtete ihn zum Wortlaut ohne jede Abschwächung, Abänderung, Auslassung oder Entstellung deS sranzosifche» Textes Und diese Verpflichtung hat er gewissenhaft und loyal cingehalten, obwohl die Ansichten deS geehrten Herr» VcrsasierS sich nicht allemal und in Allem mit jene» der Auftraggeber und seinen eigenen decken. Er /macht deshalb seine Vorbehalte, welche sich übrigens fiir den vorurtheilslose» Leser von selbst, ergeben. Zugleich iveist er, Deutscher in Herz und Seele, selbstredend Alle«, was sich in dem Bliche deS berühmten sranzäsischen Publicisten offen oder versteckt gegen Deutsche und,Dculschthum richtet, gebührend zurück. In Allem vielleicht vermag ei» gebildeter Franzose objektiv zu bleibe», sieht er sich jedoch dem , Deutschthum gegenüber, so sversagt ihm bisweilen die Kraft. Gleichwohl über- ' gebe» wir die» Buch mit vollstem Perlraue» dem großen deutschen-Lesemarkte. Ter hohe Standpunkt, welchen .der Herr Verfasser im große» Ganzen, rinnimmt, die weitausschauende Idee, die Tiefe der Anschauung^ die humane Tendenz des Werkes werden ihre Beredlsamkeil gewiß nicht verfehle». Trotz Sonnenflecke leuchtet hier ein idealer Kern. Wir aber hoffen, mit diese» Veröffentlichung einer gute», einer besten Sache idealen und sachliche» Nutze» zu stifte» und bessere Einsicht über eine sociale Krankheilserscheinung zu verbreite», welche in manche» Ländern eine de schämend» Verwirrung i» die Volksseele getragen hat. blijir glauben, wer, litt beirrt von Haß »nd Gunst, nach Kräften bemüht ist, aufklärend, ausgleichcnd, zur Einkehr mahnend und sricdcngebend zu wirke», aus brennende 'Wunden der Zeit Linderndes zulege», der handklt wahrhaft im Geiste'jeneS heilkräftige» Wahlfpruches, den sich der Verfasser dieses BncheS erkoren: l'aritzr>i >>t t'ac! Wien, irn Tctvb'er 1833. ( (Aus dein Absteordlietkllhlkllst.) I» ber1 Wa lrcform Debatte trat'» außer Schlesinger, dessen rh tor schc' Leistung wir bereits gewürdigt haben, auch die Wiener Antisemiten Pattai und Gß man» für die Borlage des Graf n Taafse ein. Das Ideal des Herrn Pattai wäre allerdings eine berufsgenosscftschaftlich- Gliederung des« Abgeordnete -Hanse«; da er aber cinsicht, daß noch einige Zeit verstreichen dürfte, che eine derartige christlich-sociale Trganisatio» der Sonderinterefsen durchgeführt werden könnte, will er sich als Real politiker mit der Reform befreunden, die Graf Taasse vorgeschlagc» hat. Selbstverständlich zog der Vertreter von Mariahilf gegen die Liberalen loS, wurde jedoch in dieser Beziehung vom Anrcrkorenc» deS V11. Bezirkes weit sibcrtroffcn, welcher in vulgärster Wese all die Berdächtiguugen u d Entstellungen im Parlamente vorbrachte, mit denen die demagogische Hetze wider Juden und „Jndcngcn offen" in den Antiscmitenversammlungcn betrieben wird. Der deutsch liberale Abgeordnete Dr. Max Mengcr legte in einer ausgezeichneten Rede die Beschaffenheit der antisemitischen KampfeSweisc dar, welche auf Ver , logcnhcit und Niedertracht.-beruht. „Wenn man," sage Dr. Mcnger, „lernen wollte, was Jemand an äußerster Gehässigkeit und zügelloser Leidenschaft, an verbissener Wnth und vollständiger Veracht u n g der Wahrheit leisten kann, konnte man dies am Vorredner (Geßmann) erleben. Daß er den Liberalen fp-nncfe nd ist, das ist sein Beruf. Er ist einer der gctrcnestcn Schildknappe» des Prinzen Liechtenstein, und es ist seine Pflicht, gegen die Liberalen los^nzichcn, wenn er von seinem Herrn loSgctaffen wird. Die Herren ^vollen eben gegen die einzige Partei, welche eine erhebliche Anzahl von Stiinuic» für lihcralc Anschauungen und für bürgerlichen Fortschritt vereint, die größte Feindschaft wach rufen. In der vollständigen Gleichgiltigkeit gegen jede Wahrheit, im vollständigen Ucbergchen der Thatsachcn, in der Kunst zu entstelle», hat cS der Abgeordnete Dr. Geßmann zu einer hohen Meisterschaft gebracht, und er verdient da wirklich hcrvor,chobcn zu werden. Der Abgeordnete Dr. Geßmann erzählt, daß der Lloyd beschenkt wurde. Was wir hier gehört haben, wird in' verschiedenen Versammlungen gesagt, und es wird grob entstellt und gelogen in allen diesen Versammlungen. ES wird gesagt, daß die Herren, welche für den Lloydvertrag stimmte», dem Lloyd ein Geschenk von 50 Millionen ge »lacht haben. Man rechnet dabei auf den Mangel an Gcdächt.n.iß und die Unwissenheit in »nciten Kreise». Der Vertrag mit dem Lloyd war ein Vertrag über die Seefahrten desselben. Dem Lloyd wird, wie dies alle anderen Staaten thun, welche gleichfalls große See-Interessen haben, für jede Cecnieile ein gcwiffer Blatt. •” Betrag gezahlt, und zwar ein viel geringerer, als dies Italic» und Frankreich und das sparsame Deutschland ihi:». Man stand eben vor der Frage: Sind diese Seefahrten nothwcndig oder nichts Welchen Rückschlag Hütte eS auf Industrie, Handel und Gewerbe geübt, wenil unsere ganzen Verkehrswege mit dein Trient, Indien »nd Amerika unterbunden ivordc» wäre»? Hat der Abgeordnete Geßmann auch nur eine Idee davon V Ja, er hat sic, aber er will sic nicht haben; das ist das Unmoralische daran." Geßmann unterbrach hier den Redner, dem die Liberalen großen Beifall zollteii, mit dem Zwischcnrnse: „Vcrstaatlichnng!" worauf derselbe fortfuhr: „Wir habe» auch die Verstaatlichung verlangt; die Regierung hat aber gesagt, das hl nicht möglich, denn im Kriegsfälle würden alle diese Schiffe aushörcn, freies Gut zu sein, würden als Staatsgut weggenonune» werden. Die uw' verantwortlichste, verlogenste Art bcs Kampfes wird gegen uns angcwendet. Es wird uns auch vorgeworscn, die Handels vertrüge hät cn> das Gewerbe und die Landwirthschaft geschädigt. Allein, . die Laudwirthe ’fiitb in aUcrcntschicdcnstcr Weise für die Handclsvcr träge eingctrcten. Sie schc» namentlich in der Herabsetzung des Gctreidczollcs nach Deutschland und in der Erleichterung des Vichvcr kchrS den größten Nutzen, und die Ländwirthc, wirkliche Laudwirthe, nicht solche, welche die Landwirthschaft auf dem Gebiete des Pflaste ö von.Margarethen oder Neubau ftubiiq», haben unsere Ansicht beeinflußt. Der Abgeordnete Geßmann will nicht nur Alles verstehen,! er will Alles besser verstehen als die Fachltute. ES ivird >ms vorgc warfen, wir hätte» für die genossenschaftlich - Bewegung nie einen Sin» gehabt; ich kann nicht verlangen, daß der Abgeordnete Geßmann alle unsere Schriften liest, wiewohl er ein bücherkundiger Herr ist. Es ist doch bekannt, daß eine große Anzahl von Mitgliedern der liberalen Partei gerade auf diesem Gebiete für d c Bildung von Genossenschaftcn cingetretc» ist." Dr. Mengcr verwies - darauf, daß die erste Schrift, welche er selbst veröffentlicht hatte, lange noch bevor er tut politische» Leben thätig war^ die auf Selbsthilfe gestützten Gcnosscnschafkc» - im Handwerker- und Arbciterstandc betraf. Auch eine ganze Reihe von Mitgliedern der liberalen Partei sei in dieser Hinsicht thätig gcivcscn. Er bedauere, daß Geßmann »eben der Energie der Ausdrncksweisc sich nicht auch die Mühe gebe, zuweilen ^>ic Vorlagen anzuschcn. Er häitc gefunden, daß der Abgeordnete Dr. Värnreither über ein Gesetz, betreffend die registrirtcn Hilsseassen, rcferirt habe. Dies sei eine der' allerwichtigstcn Handhabe», um chie genossenschaftliche Vew gung in weiteren Kreisen zu verbreiten. „Dir Abgeordnete Geßmann," bemerkte ferner Dr. Mengcr, „hat auch von der Weinzollelauscl gesprochen. Das erinnert an die bekannte Anckdojx von Münchhausen von den cingcf orenen Tönen, die vor einiger Zeit in eine Trompete geblasen worden waren.uub anfthautc», als die Trompete in s» warmes Local kam. Eine solche anfgcthantc Troinpcte ist diesmal, der Abgeordnete G-ßmann gewesen. Er versteht sehr viel, aber er wird zngcben: vom Wein vcsteht der Abgeordnete Freiherr v. Dipauli mehr. Der Abgeordnete Dipauli bekämpfte hier die Weinzollelauscl ans däS Allereut schiedenste. Bor einigen Tagen nun sprach ich mit ihm und erkundigte mich sogleich: Ist wirklich daS Unglück cingclrcten'? .Nein,' sagte er, ,ich gestehe cs ganz offen, ich habe mich geirrt, cS ist nicht cingetretc».‘ Es dürfen eben Töne, die cingcfrorc» sind, nicht so spät hervorgcbracht werden." Zur Widerlegung der.Beschuldigungen Geßmann's bezüglich des Verhaltens der Liberalen gegenüber den Beamten führte Dr. Mengcr aus: „Der Abgeordnete Dr. Geßmann sagte auch, die liberale Partei habe nie etwas für den Beamlcnstand gelhan. Es wäre auch da schön, wenn der Abgeordnete Gcßmann sich manchmal um die Dinge er kundigen würde. Denn ich nchmc nicht an, laß er absichtlich Uw richtiges vorgcbracht hat. Er sagte: Eine Million wnrdc votirt, das ist nicht viel. Eine Million ist schon etwas: bekannkernitßc» haben wir übrigens inchr verlangt; der Finanzminister wollte aber nicht mein" bewilligen. Vergißt denn der Abgeordnete Gcßmann, daß im Ial,re 1871) durch die liberale Partei, und zwar »ach sehr hartem Kampfe gegen d e Regierung, eine Rcgulirung der Bcamtcngehaltc erzwungen wurde? Und weiß er, wie viel das auSmachtc? Er hat sich eben darnui nicht gekümmert: 12 bis 13 Millionen! DaS hat die liberale Partei gcthan, und dabei muß man von dem Abgeordneten Gcßma»» solche Räubergeschichten über die liberale Partei hören." Im weiteren Verlaufe seiner Rede befaßte sich Dr. Mengcr nicht niir mit Ges; inanir, sondern auch mit dessen Genossen Pattai und crthcilte Beiden folgende Lection: „Der Abgeordnete Pattai - hat von der Wiener Handclskammcr gesprochen, und der Abgeordnete Geßmann l,al sich auf ihn berufen. Vor Allem hat die Regierung die betreffende Verordnung gegen iinscrcn Willen erlasie», cS sind sogar Siam mcrn, die der liberalen Partei angchören, nett ihre» Beschwerden an den Verwaltungs-Gerichtshof gegangen. In unserem Interesse war die Sache sicher nicht, aber darum wird doch Schwarz nicht Weiß

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.