Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 83 (5.11.1893)
- Date
- 1893-11-05
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/4886575-5439157-5441465--0903-4887395- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 2 Freies Blatt. idilot'fciioit Mischet,.'» überhaupt, während diese Anzahl sich, in einzelnen Jahren sogar ans 16 0 Perccnt emporschwang. Zu beachten ist, daß viele "Angabe kaum die Halste der wirklich geschloffenen Mischehen zwischen Jude» und Nichtjudcn uuisaßt, da ja in die Zahl der Mischebrn auch noch alle jene einzurechucn wären, wo sich der nichtjüdische Tlieil zum Judenthumc bekehrt hat oder umgekehrt und dann eine rituelle Eheschließung stattgefunden hat, oder wo beide Theile conr'eisionSlos wurden. In beiden Fällen ist eine statistische Berechnung nuvtdglich geworden: immerhin kann man aber aus der ziemlich großen Zahl der Eonvcrsioncn einen Schluß ziehen, da ja religiöse Con rersioncn besonders des weiblichen (Geschlechtes heute zum guten Theil nur ans t^riludcn der Ehclichuug erfolgen. Besonders wärt der ver liältuißuiäßig starke Ucderirilt zum Judcnthumr unter gegenwärtigen Berbä.lknisscn aus andere» Rücksichten nicht leicht zu erklären. Man vari alio sagen, daß die Zahl der Mischehen von Jude» und Nicht- Iden in dem angegebenen Zeiträume 1000 weitaus übersteigt, was;ii Anbetracht der großen Schwierigkeiten solcher Ehen gewiß ein Ircchcnder Beweis für das vorhandene Assimilationsbedürfniß ist. Eine ganz besonder!, wenig erfreuliche Schlußfolgerung können mir aus der beiondcren Äunheilung der Fälle auf die einzelnen Jahre ziehen. Es luinitctcit zum Tdeil jüdische, zum Thcil confcssionslose Paare in Wien 1*70;ui'aiiimen 50, d. i. 16 9 Percentl 1*77 H 40. . 14 03 1*78 n 29, .. 10 S 187'.' 31, „ 10 IS 1 **i» 47, .. 124 h 1*81 4*, .. 12-9 n | f Z 1**2 39, „ 10 3 * 1 1**3 40, 10 3 n \& 1**4 41, „ H4 z 1**5 42, „ 95 i i8*>; 36, .. »-7 „ 1 Z_: 18*7 „ 40, „ 106 „ 1 1 Ä , 1**8 42, „ ioi 1**9 39, 9 2- 1890 39, 9 5 1 t 1*91 „ 40. „ HO Ans dieser Begleichung läßt sich unschwer eine Abnahme der Nli'chehcn in unserer Stadt erkennen, und zwar eine beträchtliche und .su'eanenrc, indem sich der Durchschnitt der letzteren acht Jahre um 'aanze - ■> Percent tiefer stellt als der Durchschnitt der erstercn acht Jatue. Es unterliegt wohl keinem Zweifel, daß diese Abnahme mit r :n gleichzeitigen Anwachsen des Antisemitismus in Wien im engsten Ziiiaminenhangc steht. Las beweist aber aufs Schlagendste unsere eingangs ausgestellte Behauptung, daß das Eonnubium das einzige wirksame Mittel zur Abwehr des Antisemitismus sei. Es ist ein Mittel, welches vielleicht langsamer, aber dafür um so sicherer wirkt, wie uns ja ein Blick auf Frankreich beweist, und obendrein ein Mittel, das weder an die Gc wall der Regierungen noch an die Gunst der Massen, an diese beiden gefährlichsten Instanzen, appellirt. Daß wir in Oesterreich von einer daS Eonnubium fördernden und ermöglichenden Ehegcsctzgcbnng noch Himmel - iveit cunernt sind, ist allerdings eine traurige' Thatsache, der wir uns ider nicht verschließen können. Albert v. .Deröger. . parteiuerbältniffe in Favoriten. «.Eine Stinime ans dem X. Bezirk.) Wer da vielleicht glauben möchte, im X'. Gemeindebczirke von Wien! alte irgend eine politische Partei für sich allein die Oberhand, der Ritte nch gewaltig ieren. Es gibt da draußen liberale, Demokraten und Social-Tciuokralen. christlich-sociale und deutsch-rationale Antisemiten, 'uns Parteien also, die bei jeder Wahl mitthun und so ziemlich gleiche Eireilkräsie in den Wahlkampf zu führen vermögen. Siegen könnte cber neis nur jene Partei, der cs gelänge, die eine oder die andere Partei,als Bundesgenossen hcranzuzichcn. So ein Bündniß der christlich socialen und deutsch-nationalen Antisemiten mir, den Tschechen, die großteiithcils zur social-demokratische» Fahne schwören, fand zur Zeit der letzten Rcichsrathswahlcu . statt und verhalf dein großen Germanen Hauck zum Siege. Wie heule die politischen Bcrhältniffe im X. Bezirke stehen, ist bei einer Reichsrathswahl — und das baldige Eintreten einer solchen Eventualität ist, glaube ich, auch bei Zustaiidekonimen eines „CoalilionSmiilisteriums" in Betracht zu ziehen — ein Bündniß der Tschechen >uit den Antisemiten gänzlich ausgeschlossen; aber auch die „Ratio-' nalen", die, nebenbei getagt, auf ein winzig kleines Häuflein zu- Nr. 83 sammengcschmolzen sind, werde» sich abscntircn und entweder ihren eigenen Candidalcn aufstellen oder den Demokraten Gefolgschaft leisten' Wird, waS zu hoffen ist, bezüglich des zukünftigen Reichsrathscandidaten eine Einigung zwischen den Liberalen und der demokratischen Partei erzielt, dann ist eine totale "Niederlage der antisemitischen Partei mit Zuversicht zu erwarten, denn der IV. Bezirk, welcher mit Favoriten gemeinsam wählt, ist antisemitisch noch nicht so stark verseucht, um gefahrdrohend für die freisinnigen Parteien zu werden. Was die einzelnen Parteien betrifft, ' so sind die Liberalen durch die Gründung eines demokratischen Vereines im X. Bezirke wesentlich geschwächt worden, aber so viel steht fest, wenn es zum ernsten Kampfe mit den Antisemiten kommt, wird man sich beiderseits über die bestehenden Gegensätze hinwegsetzen, und in brüderlicher Eintracht wird der gemeinsame Feind bekämpft werden. Tic demokratische Partei im X. Bezirke ist noch ein Küchlein; kaum unter den schützenden Flügeln Kronawetter's hervorgegangen, ist sie noch ziemlich unbeholfen und bedarf bei jeder Versammlung oder sonstigen Kundgebung der kräftigen Unterstützung dcS demokratischen Centralvcreincs; aber sie gewinnt denn doch von Tag zu Tag an Kraft, und in absehbarer Zeit wird der demokratische Verein im X. Bezirke auf eigenen Füßen stehen könne». Zu bemerken ist noch, d»ß dieser Verein die Unzufriedenen der anderen Parteien an sich gezogen hat. So könnten wir einige Dutzend von Bürgern des Bezirkes namhaft machen, die, weil sie mit den Liberalen nicht gehen mochten, der antisemitischen Partei sich augcschlossen haben, bei Gründung des demokratischen Vereines aber sofort diesem als Mitglieder beigetreten sind. Von antisemitischer Seite hat man diesen Leuten den Vorwurf der „politischen Kalfakterei" gemacht; wäre dieser Borwurf gerechtfertigt, dann wäre ja so mancher derzeitige Führer der Christlich-Socialen daö Muster eines politischen Kalfakters. Ter socialdemokratischen Partei gehört zum größten Theile die Arbeitcrbevölkcrung an, welche ja doch bei den kommenden Wahlen noch wenig mitzuredcn hat, aber immerhin befinden sich darunter 300 biS 350 Wähler, meist kleine Gewerbetreibende und Handwerksmeister, von denen gut 80 Percent Tschechen sind. Und eben diese Tschechen wurden bei der letzten ReichsrathSwahl im entscheidenden Momente von den Antisemiten durch allerlei lügnerische Versprechungen gekapert. Heute sind sich diese Tschechen klar, daß man sic gehörig zum, Besten gehalten, hat, und aus Freunden sind unversöhnliche Gegner geworden. Allerdings wird die social-demokratische Partei versuchen, einen eigenen Candidaten aufznstellcn, das kann jedoch nur ein Zählkandidat sein, er schadet daher den freisinnigen Parteien nichts, weil er eben der antisemitischen Partei nichts nützt. Run komme ich zu der gänzlich abgewirthschofteten deutsch-nationalen Partei von der Couleur Schönerer'«. Welch ein gewaltiger Unterschied zwischen Einst und Jetzt! Der „Urgermane" Hauck, das Hätschelkind Schöncrcr's, der seinem „Papa" bei jeder Gelegenheit de- und wehmüthig die Hände küßt, erregt heutzutage bei seine» einstigen Gesinnungsgenossen, die gutherzig sind, Mitleid, bei den minder gutherzigen Heiterkeit. Herr Hauck taugt so wenig zum Politiker als der Schreiber dieser Zeilen zum Mechaniker, "Noch niemals hat sich das Sprichwort „Schuster bleib bei deinem Leisten" mehr bewahrheitet als bei Hauck. Wäre er bei seinem Leisten geblieben, so hätte er nicht wesentlichen Schaden an seiner Habe und an seiner Gesundheit gelitten. Ich will das traurige Bild dieses politischen Marpdeurs nicht weiter ausinalen, sondern nur noch erwähne», daß, wenn die Gelegenheit da sein wird, Hauck zu Gunsten seines Gönners Schönerer von der politischen Bühne abtreten wird. Diese Verzichtleistung ist aber ganz und gar überflüssig, den», wenn auch alle sonstigen Calcule unsicher sind, so ist doch die Nichtivahl des Schloßhcrrn von Rosenan im IV. und X. Bezirke sicher. Zum Schluffe noch einige Worte über dje christlich-sociale Partei: Dieselbe, .abgesehen von der social-demokratischen Partei die numerisch stärkste, aber allein nicht so stark, um ihren Candidaten durchzubriugen, und das Borhcrgesagte resumirend, ist mit ziemlicher Sicherheit bei den nächsten Wahlen im X. Bezirke die Niederlage deS antisemitische» Candidaten;n erwarten, d. h. wenn die freisinnigen Parteien im Interesse der Wahrheit und dcS Fortschrittes sich zum gemeinsamen Vorgehen einigen. —r. („Israel unter deu Nationen.") Bon dem Werke Anatole Leroy- "* Beaulieu's „Die Juden und der Antisemitismus, Israel unter' den Nationen", das in autorisirter deutscher Ucbersctzung im „Freien Blatt" erschien, lvird nun eine Buchausgabe vorbereitet, welche der llebersetzer Carl Reichsrittcr v. Vincent! mit folgendem Vorworte versieht: ' 4